Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
87 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Betrachtungen über den Turm
Eingestellt am 25. 09. 2004 01:11


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
huwawa
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 89
Kommentare: 233
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um huwawa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


einige zwanglose
Betrachtungen über den Turm*

Das Schwierigste, wenn man über ein relativ nüchternes und sachliches Thema schreiben will oder soll ist es zumeist, einen passenden Anfang zu finden. Zahllose meiner Feder nicht entflossene Geschichten verdanken ihre Abwesenheit dieser niemals überwundenen Barriere der ersten Zeilen und führen in dunklen Korridoren und Abstellkammern meines Innersten, deren Lage und Aussehen manchmal sogar mir selbst nicht mehr genau in Erinnerung ist, ein kümmerliches Schattendasein. Als echten Glücksfall muß man es in dieser Hinsicht empfinden, über eine so interessante, unterhaltsame und spannende Materie wie Türme berichten zu können, ist doch der erste Ansatzpunkt hierzu, wie wohl jedermann bekannt, bereits im Buch der Bücher, der Bibel zu finden.

Der Turmbau zu Babel ist nach Ansicht von Historikern, Archäologen und sonstigen Fachleuten kein wissenschaftlich belegbares Faktum, aber mit Sicherheit in den Zeitraum von etwa achttausend bis fünftausend Jahre vor Christi Geburt zu datieren. Phantasten nennen freilich auch Zahlen zwischen fünfzigtausend und fünfhundert Millionen Jahren und nach strenger Bibelauslegung fand er ungefähr Samstag frühmorgens statt. Tatsache ist jedenfalls, daß mit dem ziemlich unrühmlichen Ende dieses Bauwerkes auch die erste Ära des unbegrenzten Glaubens an Fortschritt und Technik ein Ende fand. Wie wir heute natürlich wissen, konnte dieser kleine Rückschlag die Menschheit nicht daran hindern, weiterhin Türme zu bauen, unzählige entstanden im Laufe der Geschichte, Wachttürme, Kirchtürme, Wehrtürme, Leuchttürme, Funktürme, Fördertürme und noch viele mehr, dem geneigten Leser möchte ich es überlassen, diese Liste nach Belieben fortzusetzen, Stereo- oder Computertürme allerdings, diese Einschränkung sei mir gestattet, sind allenfalls in den äußersten Grenzbereichen dieses Themenkreises anzusiedeln!

Charakteristisches Merkmal, ja sogar grundlegende Voraussetzung für jeden Turm ist die vertikale Bauweise. Ein horizontal, also liegend angeordneter Turm ist selbstverständlich kein Turm , sondern eine Halle, wobei dieser bemerkenswerterweise ein weiblicher Artikel vorangestellt ist, während der Turm, jener aufrecht stehende, wackere Geselle, als maskulines Objekt angesprochen wird. Unbestreitbar mögen hier phallische Assoziationen vorhanden sein, unterschwellig zumeist, in manchen Baustilen und Epochen aber auch durchaus gewollt und ausgeprägt. Wie auch immer, Tatsache jedenfalls ist die Rolle des Turmes als Synonym für unbeirrbare Standfestigkeit, er trotzt dem Feind in der Schlacht ebenso wie Wind, Wetter, Regen und Sturm. Letzterem natürlich ganz besonders, wenn auch nicht aus völlig freien Stücken, sondern von Legionen mehr oder weniger hoffnungsvoller Poeten des schnöden Reimes wegen dazu gezwungen. Immerhin kann man aber sagen daß Sturm im Vergleich zu anderen Reimworten wie etwa Wurm oder einigen noch weniger überzeugenden Alternativen, von denen mir allerdings im Augenblick keine einfällt, noch recht passabel dasteht.

Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang allenfalls noch der Vater der oberösterreichischen Mundartdichtung, Franz Stelzhamer, der den zwischen zwei soliden Stadttürmen lebenden Bürgern von Vöcklabruck einige sehr berührende Verse mit dem ländlich - deftigen Ausdruck "Surm" reimte. Vor Nachahmung sei hier allerdings mit Rücksicht auf gewisse Bestimmungen des "Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches" eindringlich gewarnt, denn Ehrenbeleidigungsklagen oder die Erbringung des Wahrheitsbeweises können leicht zu teuren beziehungsweise mühsamen Angelegenheiten werden!

Natürlich sind auch Türme dem universellen Gesetz des Alterns unterworfen und daher nicht von unbegrenzter Lebensdauer. Selbst die größten, scheinbar für die Ewigkeit gebauten Exemplare erhalten im Lauf der Zeit Schrunden und Risse, verwittern, vermodern oder fallen dem rastlosen Veränderungswillen der Menschen zum Opfer. Freilich, den Großen, Mächtigen und Berühmten unter ihnen fällt es nicht allzu schwer, die Massen und auch einflußreiche Gönner für sich zu gewinnen, welche immer wieder Mittel und Wege finden, um sie in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Die Kleinen, Schwachen und Unscheinbaren hingegen sind zumeist schutz- und hilflos einem unprosaischen Tod durch Preßlufthämmer und Bulldozzer ausgeliefert. So bleibt nur die Erinnerung an sie und über die einst von ihnen überragten Plätze wandeln später Menschen, die ihren Kindern oder Enkeln von jenem hübschen kleinen Türmchen erzählen und von den schattigen Kastanienbäumen davor, die es nun auch nicht mehr gibt.

* Der Text wurde im Rahmen einer Aktion "rettet den Turm" geschrieben, weil bei einem zum Kulturzentrum umgebauten alten Feuerwehrzeughaus der kleine Turm weggerissen werden sollte.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zinndorfer
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 6
Kommentare: 323
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zinndorfer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das finde ich eine wirklich vergnügliche, gut gelungene Betrachtung.

Nur zum einen mein üblicher Einwand gegen das veraltete Relativpronomen "welches" - das allerdings immer noch so in der Schule gelehrt wird - und diese Ansammlung von Fragezeichen:

quote:
Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang allenfalls noch der Vater der oberöster-reichischen Mundartdichtung, Franz Stelzhamer, welcher den zwischen zwei soliden Stadt-türmen lebenden Bürgern von Vöcklabruck einige sehr berührende Verse mit dem ländlich - deftigen Ausdruck ?Surm? reimte. Vor Nachahmung sei hier allerdings mit Rücksicht auf gewisse Bestimmungen des ?Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches? eindringlich gewarnt, denn Ehrenbeleidigungsklagen oder die Erbringung des Wahrheitsbeweises können leicht zu teuren beziehungsweise mühsamen Angelegenheiten werden!

Ansonsten gut.


Morgengruß Zinndorfer

Bearbeiten/Löschen    


huwawa
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 89
Kommentare: 233
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um huwawa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke für die gute Beurteilung und auch für den Hinweis auf welches / welcher. Die Fragezeichen waren natürlich einmal Anführungszeichen, die beim Transfer oder beim Umwandeln in Textformat, oder aus welchen Gründen auch immer, zu Fragezeichen wurden. Da muss ich wohl beim Hineinstellen die Texte immer genauer kontrollieren.
jedenfalls nochmals vielen dank für die Tips, Zinndorfer
__________________
manchmal sind die anderen klüger als man(n) selbst...denkt

Bearbeiten/Löschen    


Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

Werke: 11
Kommentare: 387
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mumpf Lunse eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo huwawa
auch ich las deinen text mit großem vergnügen - welches ich von einem thema wie diesem nicht erwartet hätte.
wurde der feuerwehrturm gerettet?

herzliche grüße

mumpf lunse
__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas überraschendes

Bearbeiten/Löschen    


huwawa
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2004

Werke: 89
Kommentare: 233
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um huwawa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke für die Blumen, Mumpf Lunse

So richtig journalistisch ist der Text sicher nicht, vielleicht würde er besser in Humor und Satire passen? Da ich ihn aber für eine Publikation über das Kulturzentrum geschrieben habe, habe ich ihn hier hereingestellt.
der Turm ist erhalten geblieben und Glanzstück und Wahrzeichen des Gebäudes geworden
__________________
manchmal sind die anderen klüger als man(n) selbst...denkt

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!