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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Betreten verboten!
Eingestellt am 26. 03. 2006 23:07


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brain
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Registriert: Jun 2004

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Brian Mahony hatte einen Scheiß-Job.
Er bediente die Armaturen und Hebel eines Schaufel-Baggers der East-Carlton-Industries. Abrissarbeiten, hauptsĂ€chlich, aber meistens fuhr er nur Scheiße von A nach B. Die Bezahlung war mehr schlecht als recht, aber er wusste, das es genug Typen gab, die ihn abgelöst hĂ€tten, wenn er gemuckt hĂ€tte. Er war ersetzbar und machte sich keine Illusionen, dass es anders sein könnte.
FĂŒr solche Jobs standen tausende von Tagelöhnern Schlange. Jeder Idiot konnte einen Bagger fahren und Sandburgen aus Beton bauen.
Brian war zwar nicht dumm, aber er war schon immer ein wenig faul gewesen, besonders damals in der Schule. Jetzt musste er jeden Job annehmen, der sich ihm bot, doch wenn er es sich recht ĂŒberlegte, dann war die Baustelle des E.C.I. genauso gut wie die Friteusen von McDonalds oder die FließbĂ€nder von Nike.
Es war ein Job. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Im Augenblick wĂŒhlte er mit der gigantischen Schaufel in den Resten eines abgerissenen Supermarktes in der Steinberg Avenue und hörte „Block“ von „Machine Head“. Der Song wĂ€lzte sich lĂ€rmend vorwĂ€rts, wie ein Panzer und Brian fuhr sich einen echt krassen Film, als er auf dem FĂŒhrersitz des Caterpillar ĂŒber das GelĂ€nde bretterte.
Brocken aus schimmligem Mauerwerk lagen da herum. Lampen, die einst die GĂ€nge und RĂ€ume des Marktes beleuchtet hatten, waren zerborsten oder wurden von der Schaufel zerschmettert, wenn ihre Gabeln sich tief in den Bauschutt gruben. Verbogene Regale ragten aus dem Schutt, wie freigelegtes Gerippe.
Brian schwitzte ganz schön auf dem FĂŒhrerstand des Baggers. Nur mit Shorts und einem Muscle-Shirt bekleidet, schlĂŒrfte er eine Pepsi nach der anderen, um gegen die Hitze anzukĂ€mpfen. Ein Halstuch, dass er sich wie ein BankrĂ€uber in einem Cowboy-Film um den Mund gebunden hatte, schĂŒtzte ihn vor dem Staub, der ĂŒberall zu sein schien, doch es half nicht allzu sehr. Er wĂŒrde trotzdem nachher unter seiner Dusche braungrauen Schleim ausspeien, wie nach jedem Tag auf der Baustelle.
Zwei Arbeiter in knallgrĂŒnen Latzhosen und Gehörprotektoren hantierten mit wild knatternden PresslufthĂ€mmern. Staubwolken umwallten sie, wie ein Schleier. Auf ihrer Brust prangte das Emblem des grĂ¶ĂŸten Baustofflieferanten der Region. STATIC FOR YOU.
Die zwei Typen standen mittendrin und zerhackten die grĂ¶ĂŸten StĂŒcke der Mauer- und Betonbrocken, damit sie auf die Schaufel passten und Brian sie in den Schlund des neuen Fundamentes werfen konnte.
Die HĂ€lfte des GelĂ€ndes war aufgerissen worden um dort die Bauarbeiten fĂŒr den neuen Spielplatz beginnen zu können. Dort, im so genannten Trakt B, hatte man ein Loch von ungefĂ€hr sechzig Quadratmetern ausgehoben, wo das Fundament entstehen sollte.
Morgen wĂŒrden die Jungs mit dem Zement anrĂŒcken, aber heute sollte Brian noch soviel wie möglich von dem Bauschutt in die Grube schĂŒtten, damit Mr. Milhouse, der Bauherr, am Zement sparen konnte.
Brian lud die Schaufel voll, fuhr hinĂŒber zu Trakt B, der nur ein paar Meter entfernt war und kippte die Beton- und Mauerbrocken in das Loch im Boden. Sie wurden buchstĂ€blich verschlungen.
Mahony schaltete den Motor des Baggers aus. Die Kassette in seinem Walkman war gerade zu Ende.
Es war zwölf Uhr.
Die Presslufthammer-Jungs winkten, um Brian zu signalisieren, dass sie jetzt Mittagspause machen wollten und er sie begleiten solle, doch er lehnte mit einer verneinenden Handbewegung ab. Er musste sein Pensum erfĂŒllen.
Mr. Milhouse wollte um jeden Preis den Zeitplan einhalten. Brian hatte also nur noch ein paar Stunden Zeit, um seine Arbeit zu erledigen und außerdem war er sozusagen noch in der Probezeit.
Vielleicht wĂŒrde man ihn als Vorarbeiter bei E.C.I. einstellen und das war fĂŒr einen siebenundzwanzigjĂ€hrigen Tunichtgut aus der mittleren Unterschicht, der keine abgeschlossene Berufsausbildung hatte und dem das GrĂŒne geradezu ĂŒber die Ohren wucherte, eine echt gute Perspektive.
Er könnte sich dann möglicherweise zum Baustellenleiter hocharbeiten, möglicherweise sogar leitender Angestellter in der Zentrale werden, doch das alles hing davon ab, wie gut oder schlecht er diesen Job ĂŒber die BĂŒhne bringen wĂŒrde.
Brian drĂŒckte die PLAY-Taste seines Walkmans und „Machine Head“ wĂŒteten wieder auf der Baustelle zwischen seinen Ohren. „Davidian“ prĂŒgelte sich durch seine GehörgĂ€nge und die Double-Base-Attacken des unerreichten Chris Kontos schotteten ihn von den restlichen GerĂ€uschen der Umgebung ab, wie eine stetige Maschinengewehrsalve.
“Blind man asked me: Forgiveness, I won’t deny myself
”
Oh, yeah! Das war der einzig wahre Soundtrack des Lebens auf dem Bau.
Nachdem Brian Mahony sich einen Kaugummi in den Mund geschoben und das Staubtuch wieder verknotet hatte, ließ er den Motor seines siebzehn Tonnen schweren Caterpillar Schaufelbaggers wieder an und legte den RĂŒckwĂ€rtsgang ein.
Bevor er zurĂŒcksetzte, blickte er nach hinten und dass war sein GlĂŒck.
Was er sah, ließ ihn entsetzt zusammenzucken.
Eine Gruppe von kleinen MĂ€dchen schlenderte ĂŒber die Baustelle, so als sei die Umgebung fĂŒr sie ganz normal, so als könnten sie die Bedeutung der Worte „Gefahr“ oder „Betreten verboten“ nicht verstehen.
Schlagartig machte sich auf Brians Armen eine GĂ€nsehaut breit und er fĂŒhlte sich sterbenselend. Es war nicht zu fassen! Hatten diese Rotzgören denn gar keine Angst vor dem Krach der Maschinen?
Brian wurde auf einmal stinksauer. HĂ€tte ihm jemand davon erzĂ€hlt, hĂ€tte er es nicht fĂŒr sehr realistisch gehalten, dass sich Kinder auf Baustellen tummelten, doch die Kids waren nun mal da und sie waren nicht einmal einen Meter von der Kette des Caterpillar entfernt.
Ihre langen Haare waren mit bunten Haargummis zu PferdeschwĂ€nzen zurĂŒckgebunden. Sie kamen vom GelĂ€nde der nahe gelegenen Grundschule, hatten wohl heute frĂŒher Schulschluss als sonst.
Verdammt. Es hatte wirklich nicht viel gefehlt. HĂ€tte er auf das Gaspedal getreten, statt zurĂŒckzublicken, dann hĂ€tte er sie alle vier ĂŒberfahren, platt gewalzt wie Schollen und hĂ€tte es bei dem stĂ€ndigen Geruckel und Geholper wahrscheinlich erst gemerkt, wenn er das Blut auf dem Schutt vor sich gesehen hĂ€tte. Zornig riss er sich das Staubtuch vom Gesicht.
„HEY“, schrie er aus vollem Hals. „SEID IHR WAHNSINNIG? WAS MACHT IHR HIER?“
Sein Gesicht lief rot an und die MĂ€dels, die ihn jetzt ansahen, als wĂŒrden sie jeden Moment anfangen zu weinen, hatten eine Scheißangst vor ihm, aber in diesem Augenblick war er derjenige, der sich fast vor Angst in die Hose machte.
Es war so verflucht knapp gewesen.
„SCHERT EUCH HIER WEG, IHR MISTKRÖTEN!“, fuhr er sie zornig an und da liefen sie, nahmen die Beine in die Hand und liefen zu ihren sie liebenden Eltern, um sich in ihren Armen auszuweinen. Brian war ebenfalls zum Weinen zumute. Seine HĂ€nde zitterten. Um ein Haar!
Der Schweiß tropfte von seiner Stirn und er konnte nur dasitzen und ein- und ausatmen, tief, stetig und keuchend, bis er sich wieder einigermaßen im Griff hatte.
Er sah auf seine Uhr. Es war zehn nach zwölf. Bis vier Uhr musste er sein Pensum erfĂŒllt haben. Er wollte diese Beförderung unbedingt haben. Er brauchte sie.
Wenn er sich ranhielt, konnte er es noch schaffen. In ungefĂ€hr fĂŒnfzig Minuten wĂŒrden die Typen mit den PresslufthĂ€mmern wieder da sein. Bis dahin könnte er zumindest die LagerrĂ€ume und die Wurst- und KĂ€setheke entsorgen haben.
Ruhig durchatmen. Musik. Mahony nahm sich noch eine Pepsi-Dose aus der KĂŒhltasche, trank sie gierig aus und warf die Dose in die Grube. Sie verschwand in der Tiefe.
Er machte eine Kaugummiblase und ließ sie platzen. Das brachte ihn nach dem eben erlittenen Schock sogar wieder ein wenig zum Grinsen. Hastig zog er sich das Staubtuch ĂŒber die Nasenspitze.
Der Motor des Caterpillar lief noch. Der RĂŒckwĂ€rtsgang war auch noch drin, also trat Brian auf das Gas. Er musste in die GĂ€nge kommen, damit er sein Pensum schaffte. Sein Pensum. Dieses Wort hasste Brian nach diesem schrecklichen Tag wie sonst nichts auf der Welt. In seinen AlptrĂ€umen wĂŒrde es ihn verfolgen, wie diese Vögel die Bewohner der Insel in Hitchcocks genialem Schocker.
Als es passierte, merkte er es gar nicht, nicht mal ein Ruckeln, doch als er die roten Spuren auf den Steinbrocken und dem Geröll vor sich sah, da wusste er, dass er diesmal eins erwischt hatte. Diesmal hatte er eins von den Kindern erwischt.
„...manifest with your broken bones. My heart bleeds for none but my own. BURN!!!”
Er riss sich den Kopfhörer herunter und schrie auf. Der Motor soff mit einem tiefen, schluckenden GerÀusch ab. Alles war still.
Sein erster Gedanke war: Ein Krankenwagen! Wir brauchen einen Krankenwagen!
Doch als er vom FĂŒhrersitz sprang und zwischen die Ketten blickte, sah er, dass es bereits zu spĂ€t war.
Es war ein Junge. Brian konnte ein Hosenbein sehen. Blue Jeans, die jetzt rot waren. Nike-Air GrĂ¶ĂŸe einundzwanzig. Der grĂŒne Scout-Ranzen des Kindes hatte sich erstaunlicherweise in einen exotischen Origamivogel verwandelt.
Der Junge hatte ihn noch an. Er war ebenfalls ein Vogel.
Brian Mahony fing an zu weinen. Er hatte sein Staubtuch heruntergezogen, so dass es jetzt wie die Schlinge eines Galgenstricks, am seinem Hals hing. Verzweifelt und hilfesuchend blickte er sich um.
Niemand sah zu ihm herĂŒber. Keiner schien den Vorfall bemerkt zu haben.
Es waren nirgends Passanten zu sehen. Ein Auto fuhr die Strasse hoch, doch Brian war durch einen lĂŒckenhaften, schiefgebretterten Lattenzaun weitgehend vor neugierigen Blicken geschĂŒtzt.
Fassungslos realisierte er seine Situation. Niemand hatte es gesehen.
Er ĂŒberlegte. Es war zwanzig nach zwölf. In ungefĂ€hr einer halben Stunde wĂŒrde er nicht mehr der einzige Arbeiter auf dieser Baustelle sein. Bis dahin musste ihm etwas eingefallen sein.
Einen kurzen Moment schien er sich zu fragen, ob er kaltblĂŒtig genug war, um es zu tun, doch dann ĂŒberdachte er seine Alternativen und ging es an. Der Sitz im FĂŒhrerhaus war noch warm und der Motor des Caterpillar sprang sofort an.
Mahony trocknete sein Gesicht von den TrĂ€nen, die er um den Jungen vergossen hatte, blickte nach hinten, setzte zurĂŒck und konnte nun das ganze Ausmaß der Katastrophe sehen.
Der Junge hatte keine Chance gehabt. Er musste direkt hinter der rechten Kette gewesen sein, als Brian zurĂŒckgesetzt war. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal mehr schreien können, als er vom Gewicht des Baggers zerquetscht worden war.
Wie alt mochte er gewesen sein? Sieben oder acht?
Brian schĂ€tzte, dass das in etwas hinkommen musste, doch er wollte nicht zu viel darĂŒber nachdenken und am allerwenigsten genauer hinsehen. Es war ja nicht so, dass es noch eine Rolle gespielt hĂ€tte, oder?
Ein kĂŒhler Kopf war genau das, was er jetzt brauchte. Er musste handeln. Sofort.
Die Schaufel grub sich in das blutige Erdreich und hob es an. Widerspenstig lösten sich die TrĂŒmmerteile aus dem Haufen.
Je tiefer Brian grub, desto weniger Blut war auf den Gesteinsbrocken auf der Schaufel zu sehen. Insgesamt sechs Mal musste Brian die Schaufel in den Grund wĂŒhlen, bis die Stelle des Unfalls nicht mehr zu sehen war.
Die Kettenspuren hatten sich in den Boden gepflĂŒgt und die letzten Spuren der Tat ausgelöscht.
Auf der letzten Schaufelladung sah Brian eine Hand aus dem Schutt ragen. Sie war schrecklich klein und er wĂŒrde ihren Anblick niemals vergessen können.
Die Grube verschluckte die Hand, so wie sie den Rest des Kindes verschluckt hatte. Das Fundament wĂŒrde das Leichentuch sein. Mehrmals ĂŒberprĂŒfte Brian den Caterpillar auf verrĂ€terische Spuren, doch er fand keine.
Der Staub hatte alles bereinigt.
Mit zitternden Knien stand Brian Mahony vor dem Loch in Trakt B und zog sich das Staubtuch ĂŒber den Mund.
Er dachte an die unzÀhligen vermissten Kinder, die jÀhrlich gemeldet wurden und er dachte an die vielen Baustellen, die es gab, in seiner Stadt, in seinem Land, auf der Welt, und er dachte an Fundamente, die aus Stein, Beton und Knochen gemacht waren.
Die Sonne setzte ihm zu. Sie schien ihn rösten zu wollen. Er setzte den Kopfhörer wieder auf und drĂŒckte die Play-Taste seines Walkmans.
„Death 
 Death Church is rising 
“
Schwitzend schwang Mahony sich auf den FĂŒhrersitz und fuhr hinĂŒber zu Trakt A.
Er hatte ein Pensum zu erfĂŒllen.


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Rumpelsstilzchen
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Bin begeistert!
Aber saaachemal,...
Warum hast Du den Bagger bei den ErzÀhlungen abgestellt?
Ist doch eine klassische Kurzgeschichte, diese klasse Geschichte.
Am Ende klemmt ĂŒbrigens noch das Heckschild:

quote:
Er musste sein Pensum zu erfĂŒllen.


Tat ein Schnauferl und sprang von der Schaufel

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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brain
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Servus!

Schön, dass sie Dir gefallen hat. Hab das Heckschild erneuert.
Das Forum auszuwĂ€hlen fiel mir scchwer, das stimmt. Mir ershließt sich auch nicht wirklich der Unterschied zwischen "ErzĂ€hlungen" und "Kurzgeschichten", aber macht ja nix.
Kann ruhig verschoben werden in das passende Forum.
MfG:-)
Brain

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