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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Betreten verboten!
Eingestellt am 26. 03. 2006 23:07


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brain
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Brian Mahony hatte einen Scheiß-Job.
Er bediente die Armaturen und Hebel eines Schaufel-Baggers der East-Carlton-Industries. Abrissarbeiten, hauptsächlich, aber meistens fuhr er nur Scheiße von A nach B. Die Bezahlung war mehr schlecht als recht, aber er wusste, das es genug Typen gab, die ihn abgelöst hätten, wenn er gemuckt hätte. Er war ersetzbar und machte sich keine Illusionen, dass es anders sein könnte.
F√ľr solche Jobs standen tausende von Tagel√∂hnern Schlange. Jeder Idiot konnte einen Bagger fahren und Sandburgen aus Beton bauen.
Brian war zwar nicht dumm, aber er war schon immer ein wenig faul gewesen, besonders damals in der Schule. Jetzt musste er jeden Job annehmen, der sich ihm bot, doch wenn er es sich recht √ľberlegte, dann war die Baustelle des E.C.I. genauso gut wie die Friteusen von McDonalds oder die Flie√üb√§nder von Nike.
Es war ein Job. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Im Augenblick w√ľhlte er mit der gigantischen Schaufel in den Resten eines abgerissenen Supermarktes in der Steinberg Avenue und h√∂rte ‚ÄěBlock‚Äú von ‚ÄěMachine Head‚Äú. Der Song w√§lzte sich l√§rmend vorw√§rts, wie ein Panzer und Brian fuhr sich einen echt krassen Film, als er auf dem F√ľhrersitz des Caterpillar √ľber das Gel√§nde bretterte.
Brocken aus schimmligem Mauerwerk lagen da herum. Lampen, die einst die Gänge und Räume des Marktes beleuchtet hatten, waren zerborsten oder wurden von der Schaufel zerschmettert, wenn ihre Gabeln sich tief in den Bauschutt gruben. Verbogene Regale ragten aus dem Schutt, wie freigelegtes Gerippe.
Brian schwitzte ganz sch√∂n auf dem F√ľhrerstand des Baggers. Nur mit Shorts und einem Muscle-Shirt bekleidet, schl√ľrfte er eine Pepsi nach der anderen, um gegen die Hitze anzuk√§mpfen. Ein Halstuch, dass er sich wie ein Bankr√§uber in einem Cowboy-Film um den Mund gebunden hatte, sch√ľtzte ihn vor dem Staub, der √ľberall zu sein schien, doch es half nicht allzu sehr. Er w√ľrde trotzdem nachher unter seiner Dusche braungrauen Schleim ausspeien, wie nach jedem Tag auf der Baustelle.
Zwei Arbeiter in knallgr√ľnen Latzhosen und Geh√∂rprotektoren hantierten mit wild knatternden Presslufth√§mmern. Staubwolken umwallten sie, wie ein Schleier. Auf ihrer Brust prangte das Emblem des gr√∂√üten Baustofflieferanten der Region. STATIC FOR YOU.
Die zwei Typen standen mittendrin und zerhackten die gr√∂√üten St√ľcke der Mauer- und Betonbrocken, damit sie auf die Schaufel passten und Brian sie in den Schlund des neuen Fundamentes werfen konnte.
Die H√§lfte des Gel√§ndes war aufgerissen worden um dort die Bauarbeiten f√ľr den neuen Spielplatz beginnen zu k√∂nnen. Dort, im so genannten Trakt B, hatte man ein Loch von ungef√§hr sechzig Quadratmetern ausgehoben, wo das Fundament entstehen sollte.
Morgen w√ľrden die Jungs mit dem Zement anr√ľcken, aber heute sollte Brian noch soviel wie m√∂glich von dem Bauschutt in die Grube sch√ľtten, damit Mr. Milhouse, der Bauherr, am Zement sparen konnte.
Brian lud die Schaufel voll, fuhr hin√ľber zu Trakt B, der nur ein paar Meter entfernt war und kippte die Beton- und Mauerbrocken in das Loch im Boden. Sie wurden buchst√§blich verschlungen.
Mahony schaltete den Motor des Baggers aus. Die Kassette in seinem Walkman war gerade zu Ende.
Es war zwölf Uhr.
Die Presslufthammer-Jungs winkten, um Brian zu signalisieren, dass sie jetzt Mittagspause machen wollten und er sie begleiten solle, doch er lehnte mit einer verneinenden Handbewegung ab. Er musste sein Pensum erf√ľllen.
Mr. Milhouse wollte um jeden Preis den Zeitplan einhalten. Brian hatte also nur noch ein paar Stunden Zeit, um seine Arbeit zu erledigen und außerdem war er sozusagen noch in der Probezeit.
Vielleicht w√ľrde man ihn als Vorarbeiter bei E.C.I. einstellen und das war f√ľr einen siebenundzwanzigj√§hrigen Tunichtgut aus der mittleren Unterschicht, der keine abgeschlossene Berufsausbildung hatte und dem das Gr√ľne geradezu √ľber die Ohren wucherte, eine echt gute Perspektive.
Er k√∂nnte sich dann m√∂glicherweise zum Baustellenleiter hocharbeiten, m√∂glicherweise sogar leitender Angestellter in der Zentrale werden, doch das alles hing davon ab, wie gut oder schlecht er diesen Job √ľber die B√ľhne bringen w√ľrde.
Brian dr√ľckte die PLAY-Taste seines Walkmans und ‚ÄěMachine Head‚Äú w√ľteten wieder auf der Baustelle zwischen seinen Ohren. ‚ÄěDavidian‚Äú pr√ľgelte sich durch seine Geh√∂rg√§nge und die Double-Base-Attacken des unerreichten Chris Kontos schotteten ihn von den restlichen Ger√§uschen der Umgebung ab, wie eine stetige Maschinengewehrsalve.
‚ÄúBlind man asked me: Forgiveness, I won‚Äôt deny myself‚Ķ‚ÄĚ
Oh, yeah! Das war der einzig wahre Soundtrack des Lebens auf dem Bau.
Nachdem Brian Mahony sich einen Kaugummi in den Mund geschoben und das Staubtuch wieder verknotet hatte, lie√ü er den Motor seines siebzehn Tonnen schweren Caterpillar Schaufelbaggers wieder an und legte den R√ľckw√§rtsgang ein.
Bevor er zur√ľcksetzte, blickte er nach hinten und dass war sein Gl√ľck.
Was er sah, ließ ihn entsetzt zusammenzucken.
Eine Gruppe von kleinen M√§dchen schlenderte √ľber die Baustelle, so als sei die Umgebung f√ľr sie ganz normal, so als k√∂nnten sie die Bedeutung der Worte ‚ÄěGefahr‚Äú oder ‚ÄěBetreten verboten‚Äú nicht verstehen.
Schlagartig machte sich auf Brians Armen eine G√§nsehaut breit und er f√ľhlte sich sterbenselend. Es war nicht zu fassen! Hatten diese Rotzg√∂ren denn gar keine Angst vor dem Krach der Maschinen?
Brian wurde auf einmal stinksauer. H√§tte ihm jemand davon erz√§hlt, h√§tte er es nicht f√ľr sehr realistisch gehalten, dass sich Kinder auf Baustellen tummelten, doch die Kids waren nun mal da und sie waren nicht einmal einen Meter von der Kette des Caterpillar entfernt.
Ihre langen Haare waren mit bunten Haargummis zu Pferdeschw√§nzen zur√ľckgebunden. Sie kamen vom Gel√§nde der nahe gelegenen Grundschule, hatten wohl heute fr√ľher Schulschluss als sonst.
Verdammt. Es hatte wirklich nicht viel gefehlt. H√§tte er auf das Gaspedal getreten, statt zur√ľckzublicken, dann h√§tte er sie alle vier √ľberfahren, platt gewalzt wie Schollen und h√§tte es bei dem st√§ndigen Geruckel und Geholper wahrscheinlich erst gemerkt, wenn er das Blut auf dem Schutt vor sich gesehen h√§tte. Zornig riss er sich das Staubtuch vom Gesicht.
‚ÄěHEY‚Äú, schrie er aus vollem Hals. ‚ÄěSEID IHR WAHNSINNIG? WAS MACHT IHR HIER?‚Äú
Sein Gesicht lief rot an und die M√§dels, die ihn jetzt ansahen, als w√ľrden sie jeden Moment anfangen zu weinen, hatten eine Schei√üangst vor ihm, aber in diesem Augenblick war er derjenige, der sich fast vor Angst in die Hose machte.
Es war so verflucht knapp gewesen.
‚ÄěSCHERT EUCH HIER WEG, IHR MISTKR√ĖTEN!‚Äú, fuhr er sie zornig an und da liefen sie, nahmen die Beine in die Hand und liefen zu ihren sie liebenden Eltern, um sich in ihren Armen auszuweinen. Brian war ebenfalls zum Weinen zumute. Seine H√§nde zitterten. Um ein Haar!
Der Schweiß tropfte von seiner Stirn und er konnte nur dasitzen und ein- und ausatmen, tief, stetig und keuchend, bis er sich wieder einigermaßen im Griff hatte.
Er sah auf seine Uhr. Es war zehn nach zw√∂lf. Bis vier Uhr musste er sein Pensum erf√ľllt haben. Er wollte diese Bef√∂rderung unbedingt haben. Er brauchte sie.
Wenn er sich ranhielt, konnte er es noch schaffen. In ungef√§hr f√ľnfzig Minuten w√ľrden die Typen mit den Presslufth√§mmern wieder da sein. Bis dahin k√∂nnte er zumindest die Lagerr√§ume und die Wurst- und K√§setheke entsorgen haben.
Ruhig durchatmen. Musik. Mahony nahm sich noch eine Pepsi-Dose aus der K√ľhltasche, trank sie gierig aus und warf die Dose in die Grube. Sie verschwand in der Tiefe.
Er machte eine Kaugummiblase und lie√ü sie platzen. Das brachte ihn nach dem eben erlittenen Schock sogar wieder ein wenig zum Grinsen. Hastig zog er sich das Staubtuch √ľber die Nasenspitze.
Der Motor des Caterpillar lief noch. Der R√ľckw√§rtsgang war auch noch drin, also trat Brian auf das Gas. Er musste in die G√§nge kommen, damit er sein Pensum schaffte. Sein Pensum. Dieses Wort hasste Brian nach diesem schrecklichen Tag wie sonst nichts auf der Welt. In seinen Alptr√§umen w√ľrde es ihn verfolgen, wie diese V√∂gel die Bewohner der Insel in Hitchcocks genialem Schocker.
Als es passierte, merkte er es gar nicht, nicht mal ein Ruckeln, doch als er die roten Spuren auf den Steinbrocken und dem Geröll vor sich sah, da wusste er, dass er diesmal eins erwischt hatte. Diesmal hatte er eins von den Kindern erwischt.
‚Äě...manifest with your broken bones. My heart bleeds for none but my own. BURN!!!‚ÄĚ
Er riss sich den Kopfhörer herunter und schrie auf. Der Motor soff mit einem tiefen, schluckenden Geräusch ab. Alles war still.
Sein erster Gedanke war: Ein Krankenwagen! Wir brauchen einen Krankenwagen!
Doch als er vom F√ľhrersitz sprang und zwischen die Ketten blickte, sah er, dass es bereits zu sp√§t war.
Es war ein Junge. Brian konnte ein Hosenbein sehen. Blue Jeans, die jetzt rot waren. Nike-Air Gr√∂√üe einundzwanzig. Der gr√ľne Scout-Ranzen des Kindes hatte sich erstaunlicherweise in einen exotischen Origamivogel verwandelt.
Der Junge hatte ihn noch an. Er war ebenfalls ein Vogel.
Brian Mahony fing an zu weinen. Er hatte sein Staubtuch heruntergezogen, so dass es jetzt wie die Schlinge eines Galgenstricks, am seinem Hals hing. Verzweifelt und hilfesuchend blickte er sich um.
Niemand sah zu ihm her√ľber. Keiner schien den Vorfall bemerkt zu haben.
Es waren nirgends Passanten zu sehen. Ein Auto fuhr die Strasse hoch, doch Brian war durch einen l√ľckenhaften, schiefgebretterten Lattenzaun weitgehend vor neugierigen Blicken gesch√ľtzt.
Fassungslos realisierte er seine Situation. Niemand hatte es gesehen.
Er √ľberlegte. Es war zwanzig nach zw√∂lf. In ungef√§hr einer halben Stunde w√ľrde er nicht mehr der einzige Arbeiter auf dieser Baustelle sein. Bis dahin musste ihm etwas eingefallen sein.
Einen kurzen Moment schien er sich zu fragen, ob er kaltbl√ľtig genug war, um es zu tun, doch dann √ľberdachte er seine Alternativen und ging es an. Der Sitz im F√ľhrerhaus war noch warm und der Motor des Caterpillar sprang sofort an.
Mahony trocknete sein Gesicht von den Tr√§nen, die er um den Jungen vergossen hatte, blickte nach hinten, setzte zur√ľck und konnte nun das ganze Ausma√ü der Katastrophe sehen.
Der Junge hatte keine Chance gehabt. Er musste direkt hinter der rechten Kette gewesen sein, als Brian zur√ľckgesetzt war. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal mehr schreien k√∂nnen, als er vom Gewicht des Baggers zerquetscht worden war.
Wie alt mochte er gewesen sein? Sieben oder acht?
Brian sch√§tzte, dass das in etwas hinkommen musste, doch er wollte nicht zu viel dar√ľber nachdenken und am allerwenigsten genauer hinsehen. Es war ja nicht so, dass es noch eine Rolle gespielt h√§tte, oder?
Ein k√ľhler Kopf war genau das, was er jetzt brauchte. Er musste handeln. Sofort.
Die Schaufel grub sich in das blutige Erdreich und hob es an. Widerspenstig l√∂sten sich die Tr√ľmmerteile aus dem Haufen.
Je tiefer Brian grub, desto weniger Blut war auf den Gesteinsbrocken auf der Schaufel zu sehen. Insgesamt sechs Mal musste Brian die Schaufel in den Grund w√ľhlen, bis die Stelle des Unfalls nicht mehr zu sehen war.
Die Kettenspuren hatten sich in den Boden gepfl√ľgt und die letzten Spuren der Tat ausgel√∂scht.
Auf der letzten Schaufelladung sah Brian eine Hand aus dem Schutt ragen. Sie war schrecklich klein und er w√ľrde ihren Anblick niemals vergessen k√∂nnen.
Die Grube verschluckte die Hand, so wie sie den Rest des Kindes verschluckt hatte. Das Fundament w√ľrde das Leichentuch sein. Mehrmals √ľberpr√ľfte Brian den Caterpillar auf verr√§terische Spuren, doch er fand keine.
Der Staub hatte alles bereinigt.
Mit zitternden Knien stand Brian Mahony vor dem Loch in Trakt B und zog sich das Staubtuch √ľber den Mund.
Er dachte an die unzähligen vermissten Kinder, die jährlich gemeldet wurden und er dachte an die vielen Baustellen, die es gab, in seiner Stadt, in seinem Land, auf der Welt, und er dachte an Fundamente, die aus Stein, Beton und Knochen gemacht waren.
Die Sonne setzte ihm zu. Sie schien ihn r√∂sten zu wollen. Er setzte den Kopfh√∂rer wieder auf und dr√ľckte die Play-Taste seines Walkmans.
‚ÄěDeath ‚Ķ Death Church is rising ‚Ķ‚Äú
Schwitzend schwang Mahony sich auf den F√ľhrersitz und fuhr hin√ľber zu Trakt A.
Er hatte ein Pensum zu erf√ľllen.


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Rumpelsstilzchen
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Bin begeistert!
Aber saaachemal,...
Warum hast Du den Bagger bei den Erzählungen abgestellt?
Ist doch eine klassische Kurzgeschichte, diese klasse Geschichte.
Am Ende klemmt √ľbrigens noch das Heckschild:

quote:
Er musste sein Pensum zu erf√ľllen.


Tat ein Schnauferl und sprang von der Schaufel

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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brain
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Servus!

Schön, dass sie Dir gefallen hat. Hab das Heckschild erneuert.
Das Forum auszuwählen fiel mir scchwer, das stimmt. Mir ershließt sich auch nicht wirklich der Unterschied zwischen "Erzählungen" und "Kurzgeschichten", aber macht ja nix.
Kann ruhig verschoben werden in das passende Forum.
MfG:-)
Brain

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