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Betroffen und besoffen
Eingestellt am 13. 12. 2011 09:10


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Schreibensdochauf
???
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Betroffen und besoffen

Neulich hat sich ein Metzger das Leben genommen. Wo war da die Betroffenheit der Metzgerinnung und des Bundesgesundheitsministers? Wo die Forderungen zu schauen, was im Metzgerhandwerk los ist? Ein Schiedsrichter muss es sein, der sich die Pulsadern aufschneidet und dann herrscht Betroffenheit. Eher private Gründe für die Tat? Egal, es stürzen sich so viele in Betroffenheit auf das Thema, dass jeder ein bisschen seine Ansichten verbreiten kann. Stress im Fußball, Mobbing, alles wieder da. Das nennt man Agendasurfing. Es fällt heute schwer, latente Probleme auf normalem Weg ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Ein Prominenter muss ausgebrannt sein und dann wird burn out thematisiert. Und dann stürzt sich jede Organisation, jeder Politiker, jede Lobbygruppe auf das Thema, egal wie passend oder unpassend die Beiträge sind. Es muss aber schnell gehen, denn das Fenster „Aufmerksamkeit“ schließt sich schnell wieder.

Es gab mal eine Nachrichtenwerttheorie, mit deren Hilfe Faktoren benannt wurden, nach denen es ein Thema in die Schlagzeilen schafft. Einer der wichtigsten Faktoren, neben Prominenz, Skandal, Sex, Nähe, Kuriosität war „Relevanz“. Diese Theorie wurde vom Kommunikationswissenschaftler W.Schulz entlarvt: „Die Nachrichtenfaktoren sind nicht Merkmale von Ereignissen, sondern journalistische Hypothesen von Realität.“ Heißt, nicht die Relevanz entscheidet, ob ein Thema ein Thema ist, sondern die Medien.

Lehrer haben keine Lobby. Die Ausfallrate bei Lehrern ist eine der höchsten in allen Berufsgruppen. Betroffenheit? Fehlanzeige. Ich bin kein Lehrer, was aber wäre wenn heraus käme, dass 70 Prozent aller Chemiefacharbeiter die Rente nicht erreichen. Man würde mal fragen, was da los ist in der Chemiebranche. Wie viele Lehrer müssten sich suizidieren, bis jemand aufmerksam wird, bis jemand Betroffenheit zeigt? Solange wird man einen Teufel tun, Suizide bei Lehrern mit dem Beruf und den Rahmenbedingungen in Verbindung zu bringen.

In Deutschland treiben drei Verbrecher, die sich als Nazis bezeichnen, ihr Unwesen. Sie töten in 10 Jahren 10 ausländische Mitbürger. Das ist ein schlimmes Verbrechen, das gehört verfolgt. Was passiert aber? Eine PR-gesteuerte Betroffenheitsorgie bricht los, bevor irgendwas richtiggehend aufgeklärt ist. Medien vergießen Krokodilstränen, weil sie von „Dönermorden“ gesprochen hatten. Ich bin aufgewachsen mit dem Begriff „Reichskristallnacht“. Das Wort löste in mir ein Schaudern ob dieses bösartigen Verbrechens aus. Irgendwann beschloss jemand, dass das ein Euphemismus sei, weil es auch von den Nazis schon so benutzt wurde. Der korrekte Name lautet jetzt Reichspogromnacht. Pogrome gibt und gab es aber viele. Die Einzigartigkeit dieses Verbrechens geht verloren. Das aber nur als Randbemerkung.

Jetzt sind ob der Morde so viele betroffen, dass ich es nicht mehr sein kann, weil ich mich mit vielen dieser „Betroffenen“ partout nicht auf eine Stufe stellen kann. Der Bundespräsident lädt die Opferfamilien ein, Geld soll fließen. Das wäre gar nicht so schlimm, wann hat der Bundespräsident aber andere Opferfamilien eingeladen? Wir sind ein Rechtsstaat, der Rechtsstaat muss seine Arbeit erledigen. Müssen wir jetzt immer jemanden einladen, wenn die Polizeiarbeit versagt, wenn der Rechtsstaat Fehler macht? Die Tür im Bundespräsidialamt ginge nicht mehr zu. Nein, Versagen muss untersucht werden. Keine Frage. Aber wer jetzt alles sein Mütchen kühlt, wer jetzt alles das Leiden der Opfer missbraucht. Der Spiegel startet eine „Braune Armee Fraktion“ Angstkampagne. Die haben sich wahrscheinlich in die Hose gemacht vor Freude, die Texter, als ihnen dieses tolle Bild kam. Dass das aber schief ist, ist allen egal. Jetzt stehen sie wieder da, die Verfassungsschutzreformer, die NPD-Parteiverbieter, die „mehr-Geld-gegen-Rechts“Einforderer, die „rechte Gewalt-linke Gewalt“ Protagonisten. Sie alle haben nur darauf gewartet, ihre Pressestatements mal wieder aus der Schublade rauszuholen. Die Hysterie in den Medien wird zu Ermüdung bei Allen führen und bald ist das Thema dann wieder durch.

Damit ich nicht falsch verstanden werde, jedes dieser Themen ist relevant und Gesinnungstäter und Verbrecher gehören verfolgt, soziale Arbeit gehört ausreichend finanziert und die Existenz einer rechtsextremen Partei ist unerträglich. Es fehlt jedoch die Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Themen und deshalb wird jetzt ein Vorkommnis missbraucht von denen, die immer schon irgendwas sagen wollten. Die Medien, die Politik und damit auch die Menschen verlieren vollkommen den Überblick, alles wird in einen Topf geworfen, keiner versteht mehr irgendwas, weil keine wirklich zuhört. Es fehlen Ruhe und Gelassenheit, zuhören und erörtern. Erklär mir einer mal Eurokrise und Rezepte dagegen.

Ist aber alles nicht so schlimm, denn wir haben ja Gutti wieder, ohne Brille mit neuer Frisur und etwas fülliger. Ein super inszenierter Coup, Auftritt in Halifax, Exklusivinterviews und ein Buch. Hier haben die Strategen ganze Arbeit geleistet und nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit sitzt er an einem der nächsten Sonntag bei Günter Jauch.

Es passiert nichts mehr in dieser Republik. Es wird passiert.

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jon
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Nach dem Inhalts-Statement eben jetzt ganz kurz was zum Handwerk:

Für meinen Geschmack könnte es ein wenig(!) "knackiger" sein. Nicht, dass ich „Längen" empfunden hätte, aber wahrscheinlich hätte ein bisschen mehr Spiel mit kurzen Sätzen mehr „Kraft“ erzeugt. Aber das ist nur ein Feinheiten-Tipp, kein Hinweis auf gravierende Störungen.

Details:

quote:
Betroffen und besoffen
Was im Text passt zu „besoffen"?


quote:
Es fällt heute schwer, latente Probleme auf normalem Weg ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Ein Prominenter muss ausgebrannt sein und dann wird burn out thematisiert. Und dann stürzt sich jede Organisation, jeder Politiker, jede Lobbygruppe auf das Thema, egal wie passend oder unpassend die Beiträge sind. Es muss aber schnell gehen, denn das Fenster „Aufmerksamkeit“ schließt sich schnell wieder.
Zwei unschöne Dopplungen.

quote:
Diese Theorie wurde vom Kommunikationswissenschaftler W.Schulz entlarvt:
Leerzeichen nach "W."

quote:
Lehrer haben keine Lobby. Die Ausfallrate bei Lehrern ist eine der höchsten in allen Berufsgruppen. Betroffenheit? Fehlanzeige.

Das meinte ich mit Spiel mit kurzen Sätzen - „auf den Punkt bringen" durch eher „punktförmige" (statt durch „kettenartige“) Sätze.
Der erste Satz hier ist aber überflüssig. Feinheit: Er weicht sogar auf, weil er eine vage (Lobby ist ein eher schwammiges Wort) Schlussfolgerung mitteilt, während die anderen Sätze quasi in Form „harter Fakten" einen Zustand abbildet.

quote:
Ich bin kein Lehrer, was aber wäre wenn heraus käme, dass 70 Prozent aller Chemiefacharbeiter die Rente nicht erreichen.
Komma nach "wäre"
GroĂźer Stolperer: Was hat die Tatsache, dass der Autor kein Lehrer ist, damit zu tun, dass 70 % der Chemiearbeiter die Rente nicht erreichen?

quote:
Man wĂĽrde mal fragen, was da los ist in der Chemiebranche. Wie viele Lehrer mĂĽssten sich suizidieren, bis jemand aufmerksam wird, bis jemand Betroffenheit zeigt?
Ă„hnliche Frage: Was hat das miteinander zu tun?
Ich ahne, worauf das hinauslaufen soll, aber es ist unglücklich formuliert. Es ist zudem unglücklich ausgewählt: Sowohl bei den Lehrern als auch bei den Chemiearbeitern wird keine Betroffenheitsorgie ausgelöst. Der Unterschied besteht nur darin, dass über Lehrer (im Zusammenhang mit den Bildungsprobleme) doch ab und zu noch was in den Medien zu hören/lesen, während über die Chemierarbeiter wirklich fast niemand spricht.


quote:
In Deutschland treiben drei Verbrecher, die sich als Nazis bezeichnen, ihr Unwesen.

Das klingt, als seien es gar keine Nazis (gewesen) …

quote:
Eine PR-gesteuerte Betroffenheitsorgie bricht los, bevor irgendwas richtiggehend aufgeklärt ist.
Das Wort „richtiggehend" ist ein Synonym für „durchaus so nennbar“ - das passt hier nicht. Du meinst sicher etwas im Sinn von „was man (auch nur ansatzweise ,aufgeklärt' nennen könnte“. Das erste ist „Man sagt es nicht so, aber man könnte", das zweite ist „Man sagt es so, aber das stimmt nicht ganz."


quote:
Medien vergießen Krokodilstränen, weil sie von „Dönermorden“ gesprochen hatten.

Das versteh ich nicht. Taten sie das denn? Ich erinnere mich, dass sie - natürlich betroffen, was sonst – feststellten, dass die Behörden(!) damals nicht von rechtsterroistischem Hintergrund ausgingen.

quote:
Ich bin aufgewachsen mit dem Begriff „Reichskristallnacht“. Das Wort löste in mir ein Schaudern ob dieses bösartigen Verbrechens aus. Irgendwann beschloss jemand, dass das ein Euphemismus sei, weil es auch von den Nazis schon so benutzt wurde. Der korrekte Name lautet jetzt Reichspogromnacht. Pogrome gibt und gab es aber viele. Die Einzigartigkeit dieses Verbrechens geht verloren. Das aber nur als Randbemerkung.
Interessanter Nebengedanke, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht. Ok, „Dönermord" und „Reichskristall/pogromnacht" sind beides Schlagworte, aber sonst …

quote:
Der Bundespräsident lädt die Opferfamilien ein, Geld soll fließen. Das wäre gar nicht so schlimm, wann hat der Bundespräsident aber andere Opferfamilien eingeladen?
"Das wäre gar nicht so schlimm" klingt, als sei es irgendwie halt eben doch schlimm. Aber „schlimm“ ist es gar nicht (Lügen ist „schlimm“ oder Geld veruntreuen), es ist nur unpassend, unverhältnismäßig.
Mal ein Beispiel für das Kurze-Sätze-Spiel: Hier wäre „Der Bundespräsident lädt die Opferfamilien ein, Geld soll fließen. Gut. Aber wann hat der Bundespräsident andere Opferfamilien eingeladen?" "knackiger" gewesen.


quote:
Der Spiegel startet eine „Braune Armee Fraktion“ Angstkampagne.
Bindestrich: „Braune Armee Fraktion“-Angstkampagne

quote:
die „mehr-Geld-gegen-Rechts“Einforderer, die „rechte Gewalt-linke Gewalt“ Protagonisten.
die „mehr-Geld-gegen-Rechts“-Einforderer, die „rechte Gewalt – linke Gewalt“-Protagonisten.

quote:
Die Hysterie in den Medien wird zu ErmĂĽdung bei Allen fĂĽhren
allen

quote:
… weil keine wirklich zuhört. Es fehlen Ruhe und Gelassenheit, zuhören und erörtern. Erklär mir einer mal Eurokrise und Rezepte dagegen.
keiner
Über die Eurokrise ist inzwischen auch jede Menge erzählt worden. Wie sie zustande kam, wurde aufgedröselt; "die Rezepte" gibt es sowieso nicht, was als solche verkauft wird, verstehen die Erfinder kaum (die orakeln in Wirklichkeit auch nur rum).






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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Schreibensdochauf
???
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Danke Jon. DafĂĽr bin ich hier, um mir konstruktive Hinweise geben zu lassen. Ich werde den Text entsprechend ĂĽberarbeiten. Ich gebe Dir Recht, dass ich an einigen Stellen inhaltlich geschludert habe. Also lieber hinterher wieder etwas rauskĂĽrzen und verdichten. Herzlichen Dank.

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Schreibensdochauf
???
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Danke Winfried

Menschen die meine Texte seit langem kennen, kommentierten auch, dass der Ost-West-Text eine der schwächeren Nummern sei. Manchmal packe ich auch zu viele Gedanken in einen Text, Assoziationsflut. Ich bin übrigens vor einiger Zeit in einen kurzen Mailwechsel mit Holger Witzel eingetreten, der ja ganz bewusst seine Pfeile in Richtung Westen abschießt. Warum mich dieses Thema fasziniert? Ich bin selbst Journalist und muss würgen, wenn ich sehe, wie einseitig Berichterstattung und Wahrnehmung des Ostens sind. Wann ist der Westen je so pauschalisiert worden? Allein, wenn jemand aus Thüringen kommt und jemand im Westen kommentiert und sagt "das ist ja interessant, Du sprichst ja gar nicht ostdeutsch", dann kann ich mich nur noch schütteln. Die Menschen sind ja gar nicht schuld, es sind Lehrpläne, es sind Medien, es ist ein Graus :-) Schönes Wochenende Dir.

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