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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Beziehungsweise Schnee
Eingestellt am 29. 12. 2001 21:31


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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Es regnet Federn, zumindest sieht es so aus. Wei├čes Schweben vor dem dunklen Tuch, das noch weit unter der Stelle zu schweben scheint, wo sonst der Himmel h├Ąngt. W├╝rde die Wolkendecke einen Moment lang aufrei├čen, k├Ânnte man den Vollmond vielleicht sehen. So jedoch bleibt es dunkel- und still. Schnee d├Ąmpft Ger├Ąusche und deckt Verd├Ąchtiges zu, verwischt verr├Ąterische Spuren, rieselt auf Beweisst├╝cke. Schnee ist Unschuld. Wei├č wie Milch, unverdorben wie das Neugeborene, das sie trinkt.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht am Fenster zu stehen; ja sogar, mich nicht im Wohnzimmer aufzuhalten. Dieses Zimmer ist n├Ąmlich das einzige, das zur Stra├če zeigt. Diese Fenster sind die einzigen, durch die man heranfahrende Autos sehen und sogar h├Âren kann.
Ich hatte mir vorgenommen, nicht auf sie zu warten.
An meinen Entschluss geglaubt, hatte ich nicht,
Was sollte man auch anderes erwarten, nachdem wir uns frisch getrennt hatten. So frisch, dass die Wunde nicht nur noch nicht verheilt war, sondern noch nicht einmal richtig angefangen hatte zu bluten.
Ich war mittags erst nach Hause gekommen.

Wie nicht anders erwartetet, stehe ich nun also doch am Fenster, sehe deutsche und japanische Autos vorbeifahren.
Warte auf einen Peugot. Ihren Peugot.

Die Schuldfrage ist bei Trennungen vielleicht nicht die wichtigste ├╝berhaupt, jedoch sehr n├╝tzlich, wenn es darum geht, ein bisschen Schmerz zu bew├Ąltigen, Entscheidungen nachtr├Ąglich wohlwollend zu best├Ątigen und sich selbst als armes hintergangenes Opfer zu sehen (welches nat├╝rlich durch m├Ąrchenhafte F├╝gung den Klauen einer schrecklichen Furie nur kapp entkam).
Wir hatten viel diskutiert.
Mein Kopf rotiert immer noch, obwohl von Zigaretten und viel zu viel Bier gestern abend noch maltr├Ątiert.
Die Erde ist rund- und es gibt nur eine Himmelsrichtung.
Ich versuche, wegzudenken, nicht den Horizont zu streifen, und doch kann ich es nicht verleugnen, nun, da ich alleine in meiner Wohnung bin.
Ich bin schuld.


Mittlerweile fahren kaum noch Autos vorbei. Nachts schl├Ąft der Ort. Und der Schnee hat sich von der Luft auf den Boden begeben. Bedeckt- wie der Himmel.
Es ist immer noch dunkel und kalt, als ich hinaustrete.
Ich gehe schnell, aber orientierungslos.
Es gibt nur eine Richtung. Wohin ist egal.

Meine Knie brennen, als ich mich hinunterlasse. Ich bin am Dorfrand, wo die Felder beginnen, wo der Boden hart und schneewei├č ist.
Ich knie und wickle mein Gesicht in meine H├Ąnde, als ob ich mich vor dem Mond verstecken wollte, der ausgerechnet jetzt durch die Wolken bricht und meine Demutsszene beleuchtet,
und- ich weine.
Meine Schuld versickert im Wei├č.

Als ich nach Hause komme, sehe ich, dass sie in der Zwischenzeit meinen Kram aus ihrer Wohnung her├╝bergeschafft hat. Eine T├╝te voller Zahnb├╝rsten, Rasierzeug.
Der Rotwein von letzter Woche ist auch noch da. Unge├Âffnet.

Ich brauche Ablenkung. Ich rufe Nadine an. Ich t├╝rme Schuld auf wie Spr├╝hsahne auf Kakao. Baue mir ein Haus.

Und morgen lasse ich mich einschneien.

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Ralph Ronneberger
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Hallo Ingwer,

Klasse!!! Als ich den zweiten Absatz las, dachte ich, wie will er nach dieser Einleitung bei der K├╝rze des Textes (ich hatte den dicken Scrollbalken im Augenwinkel) jetzt ├╝berhaupt noch die Kurve kriegen? Er hat sie gl├Ąnzend genommen, ohne auszurutschen - und das bei soviel Schnee. Kompliment.

Gru├č Ralph
__________________
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Ingwer
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...

Hallo Ralph,

danke f├╝r das Kompliment... dabei ist der Text eben ganz spontan entstanden. Wozu Trennungen n├╝tzlich sein k├Ânnen...
Achja: Und ICH bin eine sie ;-)

LG,
Ingwer

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Ingwer
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flammarion
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liebe ingwer,

das ist eine bemerkenswerte geschichte, die du in sehr sch├Âner sprache r├╝bergebracht hast. gratuliere. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Ingwer
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Danke...

... ├╝ber ein bisschen Best├Ątigung freut man sich doch immer :-)
W├╝nsche mal ein sch├Ânes neues Jahr in die Runde, jetzt schon!

Liebe Gr├╝├če
Ingwer

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