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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 16. 01. 2006 11:39


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Rudolf Wolter
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Registriert: Nov 2005

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Der Schock sitzt tief. Du denkst dir nichts Böses dabei, willst einfach nur einmal den Kindern zeigen, woher sie kommen. Es ist ja nur gut, wenn sie sich bewusst werden, dass sie eine Familie haben. Normalerweise interessiert sie das ĂŒberhaupt nicht. Familientreffen sind langweilig. Die GesprĂ€che der alten Leute nerven. Und gerade an dem Abend ist ein Konzert.
Aber dann fragen sie schon einmal, wie das denn damals war mit Opa und Onkel Walter, und du denkst, am besten zeigst du ihnen Bilder, da mĂŒssen doch noch die alten Fotoalben sein auf dem Boden. Als du Omas Haushalt aufgelöst hast, wusstest du nicht wohin damit, und zum GlĂŒck waren da noch die Kartons von deinem Umzug, und du hast alles in sie hineingestopft, ‚Omas Kleinkram’ daraufgeschrieben, und dann ist es auf dem Boden gelandet, da steht es trocken und frisst kein Brot.
Aber der Schock sitzt tief. Das hĂ€ttest du bei der Oma gar nicht vermutet, die doch stets ihren braven Hut aufsetzte, wenn sie zur Behörde musste wegen der Rente oder zu einem GesprĂ€ch mit den Lehrern. Du grĂ€bst tatsĂ€chlich die alten Alben aus. Blassbunte Deckel, die BuchrĂŒcken mit schwarzem Klebeband verstĂ€rkt, es sieht aus wie glĂ€nzendes Isolierband, die Seiten aus braunem Papier. Du schlĂ€gst nichts ahnend das erste Album auf.
Da ist es, das Hochzeitsbild. Eine schĂŒchtern gegen die Sonne blinzelnde Frau mit komischen Hut vor dem Portal des Standesamtes im Rathaus Altona, eingehakt bei einem schnurrbĂ€rtigen Mann, verwegen schrĂ€g den Hut auf dem Kopf, und neben ihnen der Onkel, elegant in seiner Uniform mit Armbinde und Hakenkreuz, kĂŒhne MĂŒtze, wie sie auch die Offiziere tragen, blitzende Knöpfe an der Jacke, und da, auf der linken Brustseite prangen Orden, kleine anscheinend bunte Anstecker in zwei Reihen. NatĂŒrlich in LangschĂ€ftern steht er prĂ€chtig da, der Onkel, Stiefel, in denen sich der Fotograf spiegeln könnte. Entschlossen hat er eine Hand nahe dem Koppelschloss in den GĂŒrtel vor dem Bauch gehakt. Ein Bild von einem Mann, ein Mannsbild.
Aber das ist es nicht. Wer war schon damals nicht in der Partei. Das war eben die Zeit. Doch dies: Neben die Hochzeitsfotografie hat Oma ein kleines, nun etwas verblichenes Bild geklebt, ein Foto aus einer Zeitung, etwas schrĂ€g ausgeschnitten wie in Eile oder Wut. Und auf dem Bild – ein Haufen ausgemergelter Leichen, ausgezehrte Gliedmaßen, im Leid verzerrte Gesichter, aufgerissene dunkle MĂŒnder. Nichts weiter.
Du blĂ€tterst um. Das ist dein Vater. Eine SchiffchenmĂŒtze auf dem gescheitelten Kopf, ein Regenumhang, das Gewehr geschultert, im Hintergrund erkennst du den Bahnhof. Und das bist du, an der Hand des lĂ€chelnden Vaters, an der anderen Hand geht deine Schwester. Ihr bringt ihn zum Zug an die Front. Wieder hat Oma ein Bild daneben eingeklebt. Eine verschĂŒttete Straße, TrĂŒmmerberge, fensterlose einsam stehen gebliebene HĂ€userfronten. Zwischen den TrĂŒmmern aufgedunsene Tote. Auch Kinder.
Zögernd schlĂ€gst du eine andere Seite auf. Wieder der Vater, wieder in Uniform. Er ist in die Hocke gegangen, du stehst neben ihm, er scheint dir in dem Garten eine Blume zu zeigen. Er lĂ€chelt. Du lĂ€chelst. Daneben hat Oma einen Brieffetzen eingeklebt, sie hat ihn nicht sorgsam ausgeschnitten, sondern ausgerissen. Du versuchst ihn zu entziffern, das ist gar nicht so einfach, Vater schrieb in SĂŒtterlin, wir haben diese Schrift nicht mehr gelernt. Vater bittet um Medizin. Seit Tagen kĂ€mpft er gegen schmerzhafte Heiserkeit. Das kommt, weil er so schreien muss, wenn er die Menschen in die Waggons treibt. Sie wollen nicht rein in die Waggons und nicht raus. Das geht nur mit Schreien. Und er ist so heiser, seit Wochen schon. Da muss es doch einen Saft geben oder Pastillen.
Seite um Seite hat Oma auf die gleiche Weise verziert. Kein Foto steht allein. Du erinnerst dich an ihre Worte: „So was kommt von so was“, pflegte sie zu sagen. Zum ersten Mal verstehst du sie, begreifst du wirklich, was sie damit sagen wollte. Diese Fotoalben gehören nicht auf den Boden, sie gehören auf den Rathausmarkt.
Du greifst nach einem anderen Fotoalbum, einem der neueren, in Kunstleder und mit Goldschnitt. Aber Oma hat nicht die vielen Fotos der Enkel eingeklebt, die man ihr geschenkt hat. Nicht eines davon fand Aufnahme. Sie muss mit ihrer alten Zeiss-Ikon unterwegs gewesen sein, 6x9 Rollfilm, eine Kamera zum Aufklappen mit Blasebalg. Jetzt hat deine Tochter sie, sie sammelt alte Fotoapparate, stellt sie im Flur auf die Garderobe, da wird sie mĂ€chtig viel Staub zu wischen haben. Und wieder wunderst du dich. Das hĂ€ttest du der alten Frau gar nicht zugetraut. Sie hat die Armut unserer Stadt dokumentiert. Bilder von bĂ€rtigen Obdachlosen, mal mit Flasche, mal ohne. Bettler in lumpigen MĂ€nteln, mal mit Hund, mal ohne. Schlangen im Flur des Sozialamts. Sie hatte einen Blick dafĂŒr. Billige Prostituierte frierend am Straßenrand, verloren im MĂŒll spielende Jungen und MĂ€dchen vor verwahrlosten HochhĂ€usern, sogar aus PlastiktĂŒten schnĂŒffelnde Kinder hat sie gesehen. Aber sie hat nicht nur einfach geknipst und gesammelt, sie hat auch diese Bilder kommentiert. Ich hĂ€tte nie gedacht, dass Oma einen roten Ferrari knipst, in Farbe. Die Bilder der Armut machte sie in Schwarz - Weiß. Neben die HochhĂ€user hat sie eine weiße Villa unter alten grĂŒnen BĂ€umen gestellt, neben den Drogenkindern sieht man einen Parkplatz mit lauter Luxuskarossen.
Jetzt muss ich erst einmal nachdenken. Ich kann den Kindern doch nicht einfach diese alten Alben in die Hand drĂŒcken. Seht mal, da kommt ihr her. Was haben sie damit zu tun? Das ist doch lĂ€ngst vorbei, eine neue Generation. Bestimmt. Wenn da nicht diese neueren Alben wĂ€ren, offensichtlich Omas Hobby oder VermĂ€chtnis. Oma machte da keinen Unterschied. Sie schrieb auf ihre Weise die Geschichte gradlinig weiter.
Ich stelle mir das bildlich vor: Mein Ältester kommt mit seinem neuen BMW vorgefahren, erzĂ€hlt mir von seiner Eigentumswohnung, die er sich zur Alterssicherung gekauft hat, immerhin hat er Wirtschaft studiert und eine gute Stelle bei der Bank, und ich ĂŒberreiche ihm den Stapel Alben und sage: „Übrigens, Oma hat dich angeklagt, hier sind die Akten.“ Ich sehe, wie er die Fassung verliert, seine GesichtszĂŒge entgleisen. LĂ€chelt er oder verlacht mich? Schlimmer, er grinst. Jetzt wird er ersten, zweitens, drittens sagen. „Was soll das? Erstens ist Oma schon tot, zweitens leben wir in einer freien Marktwirtschaft und drittens, wer etwas erreichen will, wird auch Erfolg haben.“ Am meisten Angst habe ich aber davor, dass er nur zwei Worte sagt: „Na und?“
Die Kleine wird das besser begreifen. Am 20. dieses Monats verschickt ihre Firma die KĂŒndigungen. Zwei Tage vor Weihnachten haben sie das angekĂŒndigt. Wenn sie dabei ist, hat Oma eine Chance.

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