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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bilder einer Ausstellung
Eingestellt am 09. 03. 2005 09:32


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Devika
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2005

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Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung

„Hat sie Angehörige verloren?“, fragte ich halblaut, wĂ€hrend ich vor einem der Bilder stehen blieb. Eine schwarz-weiß-Fotographie, auf der eine Frau zu sehen war, die im Straßenstaub kniete und wehklagte.
„Nein, das ist eine andere traurige Geschichte.“, sagte Ingrid.
Wir schwiegen. Die ganze Ausstellung war eine traurige Geschichte. „The most influential press photographs 2003.“ Der BĂŒrgerkrieg beherrscht die Bilder wie kein anderes Thema. Viele der Bilder hatte ich in den letzten Monaten in den Tageszeitungen gesehen. Die Frau, die eine frische Blutlache von den Stufen ihres Lebensmittelladens wegwischt und das Kind, das ihr dabei zusieht. Tote, aufgereiht. Was spielt es fĂŒr eine Rolle ob es Rebellen oder Regierungssoldaten sind? Es sind Söhne und Töchter dieses Landes.
„Welche Geschichte?“, hörte ich mich selbst sagen.
Ingrid sah mich ĂŒber den Rand ihrer Brille hinweg an.
„Ihre SchwĂ€gerin, die von Nachbarn der Hexerei bezichtigt wurde, ist erstochen aufgefunden worden. Stand in der Times“, erklĂ€rte sie. „Das ist schon etwas lĂ€nger her, da warst du noch nicht hier. Die Geschichte hatte damals einen Medienrummel verursacht. Es war der erste Fall von Hexenjagd seit lĂ€ngerem.“
„In welcher Zeit leben wir eigentlich?“ Ich sah der Ă€lteren Frau in die Augen. Sie hob fragend eine Braue und versuchte zu lĂ€cheln.
„Lass uns gehen, okey. Kommst du noch zu mir? Auf einen Kaffee?“

Draußen blendete mich das gleißende Sonnenlicht. Rikschas und Taxis fuhren hupend an uns vorbei. Noch bevor ich einen zusammenhĂ€ngenden Gedanken fassen konnte hatte Ingrid ein Taxi gestoppt und zog mich auf die RĂŒckbank.
„Pul Chowk“, wies sie den Fahrer knapp an.
„Es ging nicht wirklich um Hexerei, oder? Die erstochene Frau war lesbisch.“
„Lass uns darĂŒber bei einem Kaffee diskutieren.“ Ingrid warf einen Blick nach vorne zum Taxifahrer und sah mich dann eindringlich an. Ich schwieg und widerstand dem Impuls zu sagen, dass der Taxifahrer das Wort lesbisch wahrscheinlich nicht auf Deutsch verstand.

In Ingrids KĂŒche lehnte ich gegen den Tisch und beobachtete sie, wie sie zwei Tassen mit Wasser aufgoss. Sie rĂŒhrte mit einem Löffel kurz in jeder Tasse und drehte sich dann unvermittelt zu mir um.
„Du hast recht. Wahrscheinlich war sie lesbisch. Woher wusstest du das?“
„Es war wohl diese Geschichte, die sich sehr lange im BĂŒro der United National Women’s Front erzĂ€hlt wurde.“, antwortete ich.
„Du warst wo?!“ Ingrids sonst so beherrschte Stimme klang schrill und alarmiert.
„Wie soll ich mir ein unabhĂ€ngiges Urteil bilden, wenn ich mich nicht auf allen Seiten gleichermaßen informiere?“ Der Satz kam schroffer heraus als er sollte.
Ingrid stand jetzt so dicht vor mir, dass ich ihren Atem spĂŒren konnte. Sie atmete tief durch und sagte betont ruhig: „Du weißt, dass sich die UNWF zu den AnschlĂ€ge gegenĂŒber der Amerikanischen Botschaft bekannt hat? Du weißt, dass sie den Rebellen mehr als nur ideologisch nahe steht?“
Mein Herz schlug heftig. Ich wand mich aus der Enge, in die mich Ingrid gedrĂ€ngt hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihr das ĂŒberhaupt hatte erzĂ€hlen wollen.
„Bei dem Anschlag ist doch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen.“, sagte ich. „Wie so oft!“, setzte ich betont hinzu.
„Es war ein Akt der Gewalt. Es war falsch.“, erwiderte Ingrid scharf.
„Ja! Vielleicht ĂŒbt die UNWF Gewalt aus. Aber hört denn sonst jemand zu? Die tote Frau, sie wurde brutal erstochen, weil sie eine Frau geliebt hat, weil ihre Liebe erwidert wurde und weil sie sich scheiden lassen wollte. Es gab keine Zeugen, sie wurde einfach in ihrem Feld tot aufgefunden. Seltsam, nicht war? Niemand will es gesehen haben, mitten in der Zeit der Reisernte.“ Ich spĂŒrte meinen Puls in den SchlĂ€fen. Ingrid hob beschwichtigend die Hand, doch ich fuhrt fort und merkte, dass ich lauter wurde.
„Und selbst wenn man den TĂ€ter gefasst hĂ€tte, hĂ€tte man ihn verurteilt weil Hexenjagd offiziell verboten ist. Was wĂ€re wohl die Strafe gewesen? Ein Jahre GefĂ€ngnis, vielleicht zwei? Niemand hĂ€tte von HomosexualitĂ€t gesprochen, höchstens wenn es darum gegangen wĂ€re die Geliebte zu verurteilen. Und das ist kein Einzelfall! In Zeiten wie diesen, werden Frauen noch weniger gehört.“
„Ich verstehe genau was du meinst.“ Sie sah mich eindringlich an, neigte den Kopf zur Seite und machte wieder einen Schritt auf mich zu. Ich spĂŒrte ihre Hand auf meinem Oberarm.
„Ich rate dir jetzt etwas, als deine Chefin: Halte dich fern von allem, was offiziell verboten ist. Halte dich fern vom UNWF BĂŒro, halte dich fern von den Demonstrationen. Wenn dir etwas zustĂ¶ĂŸt oder du ausgewiesen wirst, dann ist niemandem geholfen. Ich brauche dich hier im Team. Du wĂ€rst nicht die erste, die ausgewiesen wird. Denke bitte daran wie es Navyo vom International Red Cross ergangen ist. Glaubst du die Regierung macht eine Ausnahme, weil du fĂŒr die Schweizer Entwicklungshilfe arbeitest? Weil du Schweizerin bist? Und als Freundin sage ich: Verliere dich nicht. Werde damit fertig, sonst kannst du diesen Job nicht machen.“ Als sie sprach wurde ihre Stimme immer leiser, bis sie nur noch ein raues FlĂŒstern war.

Ich sah sie an, suchte Halt in ihren grauen Augen. Sie zog ihre Augenbraue hoch und lÀchelte verlegen, dann nahm sie ihren Kaffee und ging ins Wohnzimmer. Dort stellte sie die Tasse auf einem Klavier ab und setzte sich davor. Wie oft hatte ich sie in den letzten Monaten Klavier spielen hören? Es hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Sie spielte eine Sequenz an und sortierte dann einige mit Bleistift beschriebene Seiten Notenpapier.
„Klavier spielen tut gut. Es hilft mir Gedanken und Emotionen zu sortieren.“, sagte sie ohne aufzusehen. Sie nahm einen Schluck Kaffee. „Manchmal hilft es mir auch etwas zu komponieren, Tönen Ordnung und Harmonie zu geben.“ Sie wandte sich mir zu und lĂ€chelte sanft. „Versuche es doch mal mit KreativitĂ€t.“ Sie zwinkerte mir zu und nun musste ich auch lĂ€cheln.
„Wer weiß? Vielleicht schreibe ich ja mal etwas.“, antwortete ich.
Ingrid spielte wieder eine Sequenz an und ergĂ€nzte dann etwas auf ihrem Notenpapier. „Hier sitze ich viel mehr am Klavier als in Deutschland.“, murmelte sie fast unhörbar.
„Hat es schon einen Namen? Das StĂŒck, dass du schreibst?“
In ihren Augen sah ich das Funkeln aufblitzen, dass mir so viel bedeutete.
„Bilder einer Ausstellung.“

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