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Leselupe.de > Humor und Satire
Bis letztes Jahr dann!
Eingestellt am 15. 10. 2002 00:03


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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

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Bis letztes Jahr dann!

Ich gehöre nicht zu denen, die verschämt in einer fremden Sprache reden. Ein neu hinzugelerntes Wort teste ich sofort auf seine Wirkung. Die Bedeutung ist nebensächlich. Auf den Klang kommt es an. Ein zärtlich ins Ohr gehauchter „Aschenbecher“ kann mich schneller in die Horizontale bringen als ein profanes „Liebling“. Zwangsläufig aber wird die Bedeutung zur Hauptsache, wenn man ins Ausland reist.

Als ich das erste Mal nach Kreta kam, konnte ich nur das Wort für „Kronkorken“. Ich sagte „Kronkorken“ am Flughafen, „Kronkorken“ bei der Taxifahrt an die Südküste und „Kronkorken“, als ich das heruntergekommene Landhaus sah, das ich zu einem Spottpreis in einem gottverlassenen Nest namens „Guter Wille“ erworben hatte. Mit der Leichtigkeit eines Kindes wollte ich Griechisch lernen, doch vorerst mußte ich mich auf das beschränken, was ich hatte: „Kronkorken!“ Ich wurde mit der kretischen Herzlichkeit aufgenommen und wandte mein mageres Vokabular überall an: Beim Bäcker, beim Popen und in der verkommenen Apotheke. „Ah, Kronkorken! Sie sprechen ausgezeichnet!“ sagten die Leute. Drei bärtigen Greisinnen, die mich unter Geschrei in ihre Behausung zerrten, um mich dort auf einen vergammelten Holzschemel zu stoßen, auf dem ich aus einer verdreckten Moccatasse Kaffee aus der Jahrhundertwende schlürfen sollte, spie ich ein haßerfülltes „Kronkorken!“ entgegen und wies dabei aufgeregt zur Tür. Das Ablenkungsmanöver reichte, die schlammige Brühe aus meiner Tasse in eine Ecke des Zimmers zu schleudern.

Mit der Zeit lernte ich eine Handvoll Verben und die wertvollen Wörtchen „nicht“ und „selten“. Schon hörte sich mein Griechisch gewandter an. „Riechen wir Kronkorken?“ fragte ich bei einer Taufe. Dem Schuster warf ich meine abgelatschten Sandalen mit der Weisheit entgegen, daß Kronkorken nicht fischen gehen.

Wäre mein Vokabular größer gewesen, hätte ich verstanden, was die Dorfbewohner hinter meinem Rücken über mich tuschelten. Zum Glück gab es schon einen Dorftrottel. Er sprach jedoch gar nicht, sondern schaukelte nackt auf einem ausrangierten Autoreifen, flocht Kreuze aus Olivenzweigen oder blies Volksweisen durch einen ausgehöhlten Besenstiel.

„Du lernst die Sprache am besten im Bett“, behauptete ein Ikonenmaler. Begeistert ließ ich ihn in mein Zimmer. Dort faselte er etwas von „Profillack“ und „Tiko“. Dann warf er sich auf mich und grunzte. Er grunzte eindeutig griechisch, doch ich konnte außer „du geiles Stück, du!“ und „ach, Muttergottes, meine!“ nichts verstehen.

„Profilaktikó“ bedeutet „Verhütung“, erklärte mir später der Dorftrottel, als er gerade den Versuch unternahm, seinen Kopf in einen Staubsaugerbeutel zu zwängen.

Eine Zeitlang zog ich mich zurück, um das Landhaus bewohnbar zu machen. Tagsüber kroch ich über Betonfußböden, und abends erweiterte ich meinen griechischen Wortschatz, über dessen Nutzen man streiten mag:

Wolfsmagen
Serienmörder
Zwölffingerdarmgeschwür
Rettich
Reifrock
Spucknapf
Inkontinenz
Anus
Siebenstriemer
Einhorn

Manchmal kamen Nachbarn an’s Haus, um mit mir zu schwatzen. „Inkontinenz“, sagte ich zur Begrüßung und „Spucknapf“ zum Abschied. Die Zeit dazwischen überbrückte ich mit einem dämlichen Grinsen oder einer spontan dazugelernten „Meeresbestie“.

Es wollte sich kein anständiges Gespräch ergeben. So nahm ich mir eine Privatlehrerin. Einmal kam sie mit blutenden Fingerkuppen, weil sie die Bustür mit bloßen Händen aufgerissen hatte, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Das Haus war ohne Strom, so daß wir bei Kerzenschein lernten. Wenn’s brenzlig wurde, löschte ich die Flamme und verkroch mich in eine finstere Ecke. „Das Passiv kann doch nicht so schwer sein!“ rief meine Lehrerin dann und stocherte zornig mit ihrem Zeigestock in der Dunkelheit herum, bis sie mich aufspürte. Als sie eine Taschenlampe mitbrachte, mußte ich mich dem Passiv stellen. „Die Griechen verwenden es eigentlich nicht mehr“, erklärte sie mir später. „Zu schwer, weißt du?“ Ich warf sie hinaus und überschwemmte das Dorf trotzig mit der Leideform.

„Das Einhorn wird bezweifelt!“ rief ich einem schwitzenden Mann zu, der hoch oben auf einem Strommast hockte. „Kronkorken?“ schrie er zu mir herab.

Hartnäckig erweitere ich meinen Sprachschatz, bis ich in der Lage war, erste Bestellungen aufzugeben. Ich ließ mir für den Hausbau nützliche Gegenstände aus der Stadt mitbringen. Stolz, wie ich war, ließ ich nichts zurückgehen. Im Haus war genug Platz für den Krempel, den ich so nicht bestellt hatte:

Ein altes Schiffsruder aus Nußbaum
2 einäugige Plastikenten
4 Einwegspritzen
35 Käseräder
Ein Skalpell
3 Augenbrauen
2 Harpunen
Das Verdeck einer Kutsche
Eine mit Blattgold verzierte Regentonne
12 zusammengebundene Ziegenschwänze

„Wozu brauchst du einen Kalbskopf mit Henkeln?“ fragte mich meine Nachbarin, als ich sie um einen Kochtopf bat.

Sie verstehen mich absichtlich falsch, dachte ich. Zur Probe bestellte ich die Ohren einer Fledermaus. Ich bekam die Ohren einer Fledermaus, eingebettet in einer muschelbesetzten Kiste mit Sand. Es war die erste korrekte Lieferung. Das machte mich glücklich.

Bald ergaben sich flüssige Dialoge.

„Wann geht es deine Tochter?“
„Oh, die heiratet nächstes Jahr.“
„Ah, nicht glaublich das!“
„Sie ist verlobt. Ein guter Junge. Wohnt in 8 Höhlen und reitet auf einer Querflöte.“
„Uff, so weit?“
„Hm.“

Meine Einkäufe erledigte ich fortan selbst.

„Einmal Milch aus Sonnen. Die Zeit ist heiß.“
„Sie meinen Sonnenmilch? Welcher Schutzfaktor?“
„Viertel vor 5, bitte.“
„Sonst noch was?“
„Das ist Sprechen von einem Kuh?“
„Rinderzunge, ja.“
„Ich gebe auch sie.“
„Gut.“
„Kann ich Graubrot ficken auf Regal?“
„Hm.“

Als ich nach Deutschland zurückreiste, winkten mir die Dorfbewohner zum Abschied zu. „Kronkorken!“ riefen sie. „Anus!“ schmetterte ich zurück. Und gleich darauf: „Bis letztes Jahr dann!“

Zufrieden sank ich in mein Taxi und dachte an Rabelais, der da sagte: „Ohne Griechisch könne sich niemand einen Gelehrten nennen, wenn er nicht vor Scham erröten will.“ Was wird wohl sein erstes griechisches Wort gewesen sein?

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doggy68
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2002

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herzlich gelacht

hallo majissa,

während sich mir zu beginn der geschichte nur ein lächeln abrang, habe ich gegen ende wirklich herzlich lachen können.
bei der milch aus sonnen konnte mich dann nichts mehr halten.
eine stete steigerung sozusagen, die mir wirklich die tränen in die augen getrieben hat.
zu beginn bin ich etwas über den gehauchten aschebescher gestolpert. finde ich zu platt, weil man sofort mit martin schneider assoziiert.
ist vielleicht gewollt, passt aber nicht, meiner meinung nach.
ansonsten frage ich mich, wie man auf die idee zu solch einer story kommt. *lach*
bis bald
doggy
__________________
Ich hoffe, das Lesen hat Spass gemacht....
Kurzweilig und prägnant?!?

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Mazirian
???
Registriert: Jul 2002

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...Aschebescher...

sorry für den groben Scherz - aber "Aschebescher" hat für Hessen eine besondere Bedeutung.
Ich finde den Text sehr schön skurril. Gut gut, das Thema ist nicht absolut neu (welches ist das schon), aber so abgedreht und ausgelassen hab ich es noch nie gelesen.
Hin und wieder bin ich ein bisschen überfordert (das mit dem Staubsaugerbeutel hab ich z.B. nicht verstanden), aber insgesamt gefällt's mir ausgesprochen gut.

Möge das Haar auf deinen Zehen niemals schütter werden

Achim
__________________
Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Hallo Majissa,

was für ein vergnügter Tagesbeginn lange nicht mehr so gelacht.
"Das Einhorn wird bezweifelt!" fand ich besonders apart

Gruß,
Gabi

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Leovinus
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2000

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Hallo - hm, sehr witzig der Text. Hab schon schmunzeln müssen. Finde ihn aber - im Gegensatz zu meinen Vorrednern - nicht so sehr gelungen. Etwa ab der Mitte erfreut man sich zwar noch an den Wortschöpfungen, aber eine echte Steigerung (Dramatik) kann ich nicht erkennen. Eine schöne Idee verschenkt, leider.
Trotzdem beste Grüße von Leovinus.

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majissa
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Registriert: Jan 2002

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@Doggi
Auf die Idee zu solch einer Story kommt man, wenn man sich mit einer Fremdsprache abmüht. Mit dem Aschenbecher könntest du recht haben. Aus sentimentalen Gründen aber lasse ich ihn hier stehen. *zwinker*

@Achim
Woher weißt du von dem Haar auf meinen Zehen? Das mit dem Staubsaugerbeutel habe ich, ehrlich gesagt, auch nicht ganz verstanden. Fiel mir halt so ein. Danke für dein Lob.

@Gabi
Schön, daß ich dich zu Tagesbeginn erheitern konnte.
Hab' dich bis hierher lachen hören.

@Leovinus
Danke für deine Kritik. Ich denke darüber nach, finde die Idee aber insofern nicht verschenkt, da sie einige Leute bereits zum Lachen und dich immerhin zum Schmunzeln gebracht hat.

Liebe Grüße
Majissa

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