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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bis zum nächsten Mal
Eingestellt am 03. 03. 2015 12:35


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TorstenIdeus
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2015

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Bis zum nächsten Mal

„Ich war früher mal ein Baum. Eine Fichte vielleicht oder ein europäischer Ahorn, dessen bin ich mir nicht sicher. Die Bilder sind noch etwas verschwommen. Ich sehe einen Wald, dunkel und viele Vögel singen ihre Lieder lautstark in den Wipfeln der Baumkronen. Bewegen kann ich mich nicht, stehe starr in der Gegend und ich kann die heißen Flammen sehen, obwohl noch meilenweit entfernt, kann ich sie sehen – und sie bewegen sich auf mich zu! Ich komm hier nicht weg, bin ja damit zum Sterben verurteilt. Ich will aber nicht sterben, nicht brennen, nicht so! Helfen Sie mir doch!“
Ein Fingerschnippen bringt mich zurück ins Hier und Jetzt. Ich spüre, wie meine Seele wieder in meinen Körper zurückkehrt, meine menschliche Hülle mein Bewusstsein übernimmt, fühle meine Beine und Arme und nur langsam kann ich meine Augen dazu bewegen, das tatsächliche Sehen wieder zu übernehmen. Mit einem Ruck öffne ich die Lieder und die Enge des Büroraumes meines Psychotherapeuten schnürt mir kurzweilig die Kehle zu.
Ich drehe meinen Kopf nach rechts und blicke in das strahlende Gesicht von Dr. Agame. Er scheint äußerst zufrieden mit meiner Seelenreise zu sein und kann es förmlich nicht abwarten, das Erfahrene mit mir zu verarbeiten und zu interpretieren. Ich hab nie verstanden, wie jemand Spaß daran haben kann, in das abgefuckte Innenleben der Menschen zu schauen. Einen gewissen Grad von Perversität sollte derjenige in sich selbst spüren, meine ich wenigstens.
Ich versuche, mich wieder aufzusetzen, aber es gelingt mir erst beim zweiten Anlauf. Dieser Trip hat mich doch etwas weiter geführt, als ich beabsichtigt hatte. Auf dem exquisiten Couchtisch steht ein gefülltes Wasserglas, anscheinend für mich bereit gestellt. Wann hatte er das geholt? War ich so lange weggetreten? Dankbar stürze ich die klare Flüssigkeit herunter und merke erstaunt, dass es genau das ist, was mir gefehlt hat. Nun fühle ich mich langsam wieder wie ich selbst und stelle mich Dr. Agame:
„Was halten Sie davon, Dr.?“ Leicht irritiert schaut er mich an. Anscheinend ist er es nicht gewöhnt, selbst Fragen gestellt zu bekommen. Überlegen lehnt er sich in seinen bordeauxfarbenen Ohrensessel zurück und schreibt ein paar Notizen auf seinen Block, ohne meine Frage auch nur einer Beachtung zu würdigen. Ich hasse es, wenn er das tut. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das auch weiß und es nur macht, um mich zu testen.
Genervt schlage ich die Beine übereinander, halte kurz inne und versuche dann zu formulieren, was in mir gerade vorgeht: „In einem meiner früheren Leben war ich also ein Baum, der bei einem Waldbrand starb. Ich dachte ja immer, das mit der Seele wäre Tieren vorbehalten – aber wenn ich so darüber nachdenke, ist es fast logisch, dass Pflanzen ebenfalls ein dauerhaftes Innenleben haben, schließlich sind es Lebewesen. Aber würde das nicht bedeuten, dass es genau so Unrecht ist, einen Kohlrabi zu ernten und in den Kochtopf zu werfen, als ein Huhn oder Schwein? Dann wären Vegetarier nicht besser oder schlechter als die, die Fleisch essen. Und wenn man in späteren Leben sowohl ein Baum als auch eine Eintagsfliege sein kann – hat es dann Vorteile, ein so langes Leben zu haben? Oder ist es erfrischender, häufiger das Leben zu wechseln? Jetzt sagen Sie doch auch mal etwas, Dr. Agame!“
Erneut bekomme ich diese Mischung aus Zahnpasta-Werbelächeln und Modefoto-Kamerablick, die mich immer so schrecklich verwirrt. Aber immerhin hat er seinen teuren Montblanc-Kuli zur Seite gelegt, er könnte also tatsächlich antworten.
„Zuerst einmal möchte ich dazu gratulieren, dass Ihre Rückführung in ein früheres Leben ein voller Erfolg war. Tatsächlich könnte das eine Erklärung für ihre Feuerphobie sein und gibt uns damit Möglichkeiten, diese Angst zu bekämpfen. Außerdem haben sie gerade ein paar äußerst interessante Fragen in den Raum geworfen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mich nicht in der Lage sehe, Ihre Fragen zu beantworten. Das steht mir nicht zu und sie sind von solcher Tragweite, dass ich nicht mir nicht anmaßen möchte, darüber Urteile zu fällen. Mich würde aber schon interessieren, was Sie darüber denken.“
Es ist einfach unglaublich. Er bringt mich noch zur Weißglut! Wie kann man nur mit so vielen Wort absolut gar nichts sagen? Ganz elegant zwar hat er denn Ball zu mir zurückgeworfen, aber ich wollte doch seine Meinung hören. Ich frage mich, ob er jemals einfach frei von der Seele gesprochen hat, ohne darüber nachzudenken, was dabei herauskommt. Ich mache das leider viel zu häufig und wieder mal sehe ich, wo das hinführt – ich war ein Baum. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob mich das freut, mich ärgert oder mich einfach nur deprimiert. Ich hab schon von Leuten gehört, die im früheren Leben geistreiche Erfinder waren. Als Tiger durch den Dschungel streiften oder als Libelle ganze Kontinenten durchstreiften. Aber als Baum, die ganze Zeit auf der Stelle zu stehen? Ist das nicht irgendwie langweilig?“
„Finden Sie?“ Mit einer lässigen Bewegung streift Dr. Agame sein hellgraues Jackett glatt und sieht mich erwartungsvoll an. Ich hab doch nur gedacht – oder etwa nicht? Wenn ich jetzt auf meine Frage selbst antworte und er hat etwas anderes gemeint, stehe ich dumm da. Mist. Ha, ich stelle einfach eine Gegenfrage:
„Finde ich was?“ Seine dunklen Augen blitzen belustigt auf und das Zahnpasta-Lächeln verbreitert sich so weit, dass sich links und rechts leichte Grübchen bilden: „Finden Sie das Leben als Baum so viel langweiliger als das anderer Lebewesen? Ich würde denken, dass diese ganz viel sehen und Dinge mitbekommen, das anderen entgeht. Ein Baum ist immer da, etwas Verlässliches.“
Er hält inne und greift wieder zu seinem dunkelblauen Kugelschreiber. Nun ist er plötzlich doch aus seinem Schema gefallen und hat etwas preisgegeben. Darauf kann ich endlich einmal aufbauen: „Etwas Verlässliches. Hm... da ist etwas Wahres dran. Die schöne Trauerweide vorne in Ihrem Garten – immer wenn ich daran vorbeigehe, fühle ich etwas Vertrautes und auch beim nächsten Mal wird sie dort stehen und mich erwarten. Ein gutes Gefühl.“
Dr. Agame rutscht weiter nach vorn in seinem Sessel und legt dabei seinen Block zur Seite. Irgendetwas ist passiert, hat sich verschoben. Auf einmal empfinde ich das Büro nicht mehr als eng und auch das Unterkühlte im Raum ist nicht mehr da. Auf einmal fühle ich mich mutig und habe Lust, etwas zu wagen:
„Als was möchten Sie denn als Nächstes wiedergeboren werden?“ Damit hat er nicht gerechnet. Seine Augen werden zu amüsierten Schlitzen, trotzdem spüre ich, wie es in seinem Kopf rattert – und auf einmal fährt er sich mit der kräftigen Hand durch die schwarze Lockenpracht, zieht ein paar Strähnen nach hinten und verzieht angestrengt das Gesicht.
Nun ist es an mir, ihn amüsiert anzulächeln. Ich genieße es für ein Weilchen, ihn so aus der Fassung zu sehen. Die Fassade des außenstehenden Psychologen zerfließt vor meinen Augen wie eine Eisskulptur in der heißen Sonne. Zu Tage kommt ein Mann, der unbeholfen ist in einer normalen Konversation; unfähig, spontan und intuitiv zu reagieren. Ich spüre förmlich, wie er mögliche Antworten durchgeht, sie wieder verwirft und neu ansetzt.
Ein wenig verzweifelt wirft er einen bittenden Blick in meine Richtung. Fast empfinde ich so etwas wie Mitleid, andererseits bin ich zu gespannt auf seine Antwort, daher lasse ich ihn zappeln. Es vergehen so noch einige Minuten, bis sich seine Haltung verändert. Er setzt sich wieder aufrecht nach hinten gelehnt in seinen Sessel und in dem verletzlichen Männergesicht entsteht wieder das Zahnpasta-Werbelächeln:
„Ich denke, ich wäre gern noch einmal ein Mensch. Vielleicht einer mit weniger Fehlern.“
Nun lehne auch ich mich zurück. Diese grundehrliche Antwort hatte ich nicht erwartet. Ich hatte mir schon ein paar Reaktionen überlegt, falls er so etwas wie Löwe, Adler oder etwas anderes Klischeehaftes sagen würde. Doch die profunde Idee, als besserer Mensch wiedergeboren zu werden, haut mich dermaßen um, dass mir die Worte fehlen. Stattdessen sehe ich mir Dr. Agame genauer an.
Er ist sehr groß, mit sportlicher Figur. Seine ebenmäßige Haut schimmert im Licht wie Nougat und diese sinnlichen Lippen, ergänzt durch die blitzblanken weißen Zähne lässt mich wie Schokolade zerschmelzen. Seine sehr gepflegten Hände sind beide beschäftigt – die linke Hand spielt mit dem blauen Kuli und die andere schaut nun auf eine silbern blitzende Uhr am kräftigen Handgelenk. Und bevor ich es begreife, spricht er es laut aus:
„Die Zeit ist um. Nächste Woche um die gleiche Zeit?“ Er spart sich dieses Mal das Werbelächeln, stattdessen schaut er gleichzeitig ernst und besorgt. Ich nicke nur und halte seinen stechenden Blick nicht länger aus. Ich stehe auf, greife meine Tasche und verlasse das Büro. Bis zum nächsten Mal.
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DocSchneider
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Hallo TorstenIdeus, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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Interessante Geschichte. Mich stört nur das Wort "abgefuckt", passt nicht zum übrigen Sprachgebrauch.


Viele Grüße von DocSchneider

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TorstenIdeus
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falscher Sprachgebrauch

Hm... ich verstehe die Kritik.

Wie wäre es alternativ mit:

... "in das abgründige Innenleben"..?
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DocSchneider
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Einfach nur "in das Innenleben der Menschen zu schauen" finde ich besser, weil abgründig wertend ist.

LG Doc
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Moin. lieber Toshi,

wir kennen uns persönlich und als Erstes möchte ich dir danken, dass du mir diesen Link zur Leselupe geschickt hast.

Zu deinem Text:

Mich spricht er sehr an.
Dein Schreibstil gefällt mir, weil er flüssig ist und ich ihm gut folgen kann.

Da ist also ein Mensch, der Angst vor dem Feuer hat und dieser Angst auf den Grund gehen will.
Besonders schön fand ich, dass du deinen Prot auf seiner inneren Reise einen Baum sein lässt. Und auch all die Fragen, die sich einem dabei auftun, finde ich gut überlegt und wären auch die Meinen gewesen. Klasse.

quote:
ich kann die heißen Flammen sehen, obwohl noch meilenweit entfernt, kann ich sie sehen – und sie bewegen sich auf mich zu! Ich komm hier nicht weg, bin ja damit zum Sterben verurteilt. Ich will aber nicht sterben, nicht brennen, nicht so! Helfen Sie mir doch!“
Das ist eine Stelle, wo ich sofort mitgegangen bin. Konnte mich empathisch in den Baum hineinversetzen.


Und jetzt suche ich in deinem leckeren Kuchen die Korinthen, wenn du gestattest :-)

quote:
Mit einem Ruck öffne ich die Lieder
Lider

quote:
Ich sehe einen Wald, dunkel und viele Vögel singen ihre Lieder lautstark in den Wipfeln der Baumkronen.

Hier würde ich es schöner finden, wenn du nach dem Wald einen Punkt setzt und Dunkel als ein Wort, einen Satz quasi für sich stehen lässt.
Nach Lieder, würde ich den Satz beenden. So ungefähr:

Ich sehe einen Wald. Dunkel. Viele Vögel singen ihre Lieder...


quote:
Bewegen kann ich mich nicht, stehe starr in der Gegend und ich kann die heißen Flammen sehen, obwohl noch meilenweit entfernt, kann ich sie sehen – und sie bewegen sich auf mich zu!

Auch hier fände ich es noch spannender, wenn du kurze akzentuiertere Sätze fändest.
Ich darf ?

Bewegen kann ich mich nicht. Stehe starr. Kann die heißen Flammen sehen...
Sie bewegen sich auf mich zu!



quote:
Ich komm hier nicht weg
komme oder komm´


Danach wieder ein neuer Satz, der Dramatik schafft:

Damit bin ich zum Sterben verurteilt.
anstatt:
quote:
, bin ja damit zum Sterben verurteilt.


quote:
Ich will aber nicht sterben, nicht brennen, nicht so! Helfen Sie mir doch!“


Hier hätte ich nach jedem Substantiv ein Ausrufezeichen gemacht, um die Verzweiflung noch stärker rüber zu bringen.

Aber bei allem, lieber Toshi, bleibt es natürlich dir überlassen, wie du das machst.

quote:
meine menschliche Hülle mein Bewusstsein übernimmt

Für mich würde sich der Satz so besser anhören:

Ich spüre, wie meine Seele wieder in meinen Körper zurückkehrt und langsam mein Bewusstsein erreicht

(Der Rest des Satzes passt gut, obwohl er sich auch wieder in kleinere, prägnantere Sätze aufteilen ließe.)


quote:
Mit einem Ruck öffne ich die Lieder

Wie machst du das ? *schmunzel*

Schlagartig oder einfach: Ich öffne irritiert meine Lider.

(Lider ohne "e")

_______________________________________

Bis hierher erstmal.
Es ist schon ziemlich spät und ich möchte noch etwas lesen.

Alles sind nur lieb gemeinte Anmerkungen von mir, bei denen ich nicht auf richtig oder falsch bestehe.
Wie gesagt - für mich eine tolle, interessante Geschichte.

Liebe Grüße,
Tilli



__________________
Die Menschen lassen sich lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik bessern.
(Georg Bernhard Shaw)

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