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Leselupe.de > Science Fiction
Bitte recht freundlich (zur Schreibaufgabe)
Eingestellt am 16. 05. 2003 23:51


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poppins
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: May 2003

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So, heute habe ich mich mal an die Schreibaufgabe gemacht.


Bitte recht freundlich


„Ruhe bitte!“ Professor Runkel klopfte mit der Hand gegen das Mikrophon, dass es in den Lautsprechern krachte. Der große Hörsaal summte vom Stimmengewirr der einhundertachtzig Kandidaten. „Meine Damen und Herren, ich bitte Sie!“ Langsam verebbte das Gemurmel, der Professor räusperte sich: „Herzlichen Dank. Meine Damen und Herren, wahrscheinlich fragen Sie sich schon seit Längerem, weshalb Sie ausgewählt wurden...“

„Weil Sie den Besten der Besten der Besten suchen, Sir!“ brüllte ein Uniformierter zackig aus der vorletzten Reihe und salutierte, die Hacken seiner auf Hochglanz polierten Stiefel zusammenknallend.

Professor Runkel bedeutete ihm mit einer Geste, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen wieder Platz zu nehmen. „Bitte, Major Higgins, wir sind hier nicht in Westpoint. Wo war ich stehengeblieben? – Ach ja..., also – sie wurden ausgewählt, weil unsere Weltregierung auf der Suche nach einem geeigneten Repräsentanten der Menschheit Ihre Hilfe braucht. Jeder von ihnen“, er ließ seinen Blick über die Sitzreihen schweifen, „sitzt hier auf besondere Empfehlung eines meiner Mitarbeiter. Sie alle“, er deutete mit dem Finger ins Auditorium, „bringen möglicherweise die Qualifikationen mit, die für die Mission unerlässlich sind. Wir werden die nächsten drei Tage hart arbeiten. Am Ende werden wir nur einen – oder eine – unter ihnen auswählen. Wer auch immer sich als am Geeignetsten für die große Aufgabe herausstellen wird – ich möchte jetzt schon allen danken, dass Sie bereit waren, dem Ruf Ihrer Heimat, der Erde, zu folgen. Mein Assistent Dr. Dröger wird ihnen nun Details und Hintergrund der geplanten Mission erklären.“

Der Professor überließ seinem Assistenten den Platz am Mikrophon und zog sich an den Rand des Treppenaufgangs zurück. Vor den Fenstern wurden die Rollläden heruntergelassen, ein Diaprojektor warf ein vom Mond aus aufgenommenes Bild der Erde auf die Leinwand über der großen Tafel.

„Seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mehren sich die Anzeichen eines bevorstehenden ökologischen Kollaps’“, begann Dr. Dröger zu dozieren, „die Jahresdurchschnittstemperatur auf der Erde erhöhte sich während der letzten zehn Jahre im Mittel um je 0,2°C, die polaren Eiskappen sind um Tausende Quadratkilometer geschrumpft, der Meeresspiegel stieg bis heute um vierundachtzig Zentimeter. Die Regenwälder Amazoniens drohen zu verdorren, die Sahara hat sich fast bis Kapstadt ausgedehnt, zahllose Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, oder bereits verschwunden. Dies ist die traurige Situation, vor der wir heute stehen.“

Das Bild der Erde verschwand, stattdessen fĂĽllte nun eine Ansicht der ganzen MilchstraĂźe die Leinwand.

„Unsere Technik hat einen Stand erreicht, der uns Reisen quer durch die Galaxis, sogar zu anderen Galaxien, ermöglicht. Vorbei sind die finsteren Zeiten der Isolation, als wir uns für die einzige intelligente Spezies des Universums hielten – oder die „Anderen“ für uns in den Tiefen des Kosmos unerreichbar waren. Wir sind geachtete Mitglieder im Rat der Vereinten Völker des Kosmos. Trotz all dieser Errungenschaften: an der desolaten Lage unseres Planeten scheitert die irdische Technik. Wir brauchen Hilfe, Expertenhilfe.“

Zwei dicht nebeneinander liegende Punkte auf der MilchstraĂźen-Projektion wurden markiert -einer mit einem roten und der andere mit einem gelben Kreuz.

„Die Planeten-Restauratoren von Ahwaz sind die Experten, mit deren Hilfe unsere Erde noch zu retten wäre. Ahwaz – auf der Abbildung rot angekreuzt - ist eine nur vierzehn Tage währende Reise von der Erde – gelb markiert - entfernt. Leider gibt es dennoch ein Problem. Vor dreißig Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen der Erde und Ahwaz abgebrochen. Eigentlich müsste man eher sagen, alle Versuche, diplomatische Beziehungen aufzunehmen scheiterten. Mehrmals.“

Das Bild der Galaxis wurde durch ein Dia, das zwei humanoide Gestalten zeigte abgelöst.

„Keine Spezies des Kosmos ähnelt der menschlichen so frappierend wie die Ahwazer. Wie sie der Abbildung entnehmen können – die linke Figur stellt einen Ahwazer dar, die rechte einen Menschen: abgesehen von sechs Fingern und Zehen, sowie einer schuppenartigen Hauttextur bei den Ahwazern sind keine Unterschiede zu bemerken. Und genau diese Ähnlichkeit war die Ursache, weshalb alle bisherigen Versuche, zu einer Verständigung zu kommen scheiterten.“

In den hinteren Reihen erhob sich unruhiges Gewisper. „Aber wie kann das sein, sprechen die dort kein Univers?“ fragte eine verdrießlich dreinblickende Frau in grauem Kostüm.

„Frau Lognis von den Zeugen Jehovas, nicht wahr?“ fragte Dr. Dröger, die Frau nickte.
„Doch, auf Ahwaz wird, wie überall im zivilisierten Kosmos, Univers gesprochen. Die Schwierigkeiten mit Ahwaz, die wir haben, hat sonst kein anderes Volk des Kosmos. Weshalb? - Auf Ahwaz ist es bei Todesstrafe verboten, zu lachen, ja schon das kleinste Kichern wird mit der standrechtlichen Erschießung geahndet. Und es gilt als ungeheure Beleidigung des Gegenübers, sich mit der Hand am Kopf zu berühren. In etwa vergleichbar wäre es, wenn jemand über uns einen Kübel Fäkalien ausleerte. Alle drei Delegationen der Erde wurden auf Ahwaz hingerichtet. Sie, werte Damen und Herren,“ Dröger machte eine allumfassende Geste, „sind anders.“
Dr. Dröger legte sein Manuskript ab. „Sie gelten in ihrem Umkreis als humorlose, langweilige Spielverderber. Sie, Herr Mies, wurden von ihren Polizeikollegen vorgeschlagen, nie hätte man sie auch nur lächeln sehen. Und sie, Frau Lognis – niemals heben sich ihre Mundwinkel beim Verkauf des ‚Wachtturms’ auch nur einen Millimeter über die Horizontale. Hauswart Renken von ‚Trautes Heim’ wirkt jedem Frohsinn, auch kindlichem, in seinen Blocks standhaft entgegen und sie, Major Higgins“, Drögers Blick glitt zu den hinteren Sitzreihen, „sie haben sich in ihrem Regiment einen Namen als humorlosester Schleifer und Partykiller aller Zeiten auch in alkoholisiertem Zustand gemacht. Sie, und auch alle anderen hier sind hochqualifiziert für unsere Mission.“

Frau Lognis packte ihre ‚Erwachet’-Zeitungen und kleinen Pamphletblättchen zusammen, steckte sie in ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen. „Das Ende ist nah, sprach der Herr, mein ist die Rache. Und es wird regnen Feuer und Blut, und das Tier wird kommen...“, ihre Stimme verklang auf dem Korridor, die Tür wurde hinter ihr geschlossen.

„Wer noch gehen will, sollte das jetzt tun“, sagte Professor Runkel. „Niemand wird gezwungen zu bleiben, die Aufgabe ist zu wichtig für die Zukunft der Erde, als das wir jemanden dazu nötigen könnten. Die Mission erfordert ihre ganze Hingabe, kein Geld der Welt könnte Lohn genug sein für die Rettung unseres Planeten, aber ein Platz in den Geschichtsbüchern ist dem Namen desjenigen sicher, der zu einer Verständigung mit Ahwaz beiträgt.“

Es entstand eine kleine Unruhe, ungefähr zehn der Anwesenden erhoben sich ebenfalls und verließen unter den abfälligen Blicken der anderen den Hörsaal. „Ich danke ihnen für ihre Aufopferungsbereitschaft“, sagte der Professor zu den Verbliebenen, „die Zeit drängt, lassen sie uns mit der Arbeit beginnen.“

Die nächsten drei Tage wurden den Kandidaten von morgens bis abends die Sternstunden der humoristischen Filmkunst vorgeführt, Witze vorgetragen, sie wurden durchgekitzelt und feinstes Juckpulver über ihnen zerstäubt. Am letzten Tag, die letzte Folge von ‚Monty Python’s Flying Circus’ war eben verklungen, stand der Auserwählte fest: Polizeiobermeister Rupert Mies hatte weder je eine Miene verzogen, noch ein einziges Mal dem Reiz des Juckpulvers nachgegeben und seine Hände dem Kopf auch nur genähert. Unter dem Applaus der anderen Kandidaten wurde er zum Gesandten der Menschheit ernannt und noch am selben Abend zum Raumbahnhof in Baikonur gebracht. Nach weiteren vier Wochen harten Anti-Lachtrainings und ständig erhöhter Abhärtungsdosen Juckpulvers wurde Mies in eine ferngelenkte Rakete gesetzt und auf die Reise nach Ahwaz geschickt.

Vierzehn Tage später landete die Rakete auf Ahwaz. Die Ahwazer, von der irdischen Weltregierung vom Kommen eines Diplomaten unterrichtet, bereiteten Mies einen Empfang mit militärischen Ehren. Ohne Zwischenfälle schritt Mies die Reihen der Ahwazer-Garde ab und wurde in den Audienzsaal des Gottkönigs geleitet. Dort hatte man eine lange Tafel zu Ehren des Gesandten der Erde aufgebaut, es war Sitte auf Ahwaz, während diplomatischer Verhandlungen erlesene Speisen zu reichen. Ungefähr hundert ahwazische Würdenträger säumten die Tafel und musterten Mies, als der Gottkönig unter Fanfarenklängen den Saal betrat. Auf ein Handzeichen des Monarchen setzten sich die Anwesenden.
Es war ebenfalls Sitte, dass frĂĽhestens beim Dessert ĂĽber die eigentlichen Anliegen des Besuchs zu sprechen sei, bis dahin hatte man sich in belanglosem, charmantem Smalltalk zu ĂĽben. (Auch darin hatte man Rupert Mies in Baikonur grĂĽndlich ausgebildet.)

Zur BegrĂĽĂźung wurde aus schweren GoldkrĂĽgen ein an irdischen Sherry erinnernder Aperitif ausgeschenkt. Dazu wurden interessante kleine Hors d'oeuvre auf groĂźen, goldenen Platten gereicht.
Rupert nahm sich ein kleines Röllchen mit fischartigem Geruch. Natürlich wurde nicht mit bloßen Händen, sondern goldenen Gäbelchen gegessen – sonst hätte man womöglich versehentlich beim Essen den Kopf berühren können. Das Fischröllchen war so wohlschmeckend, dass Rupert gleich ein zweites nahm. „Wunderbar, die Häppchen“, sagte Rupert zu seinem Tischnachbarn, „woraus sind die bloß gemacht?“
„Aus Sulka, einem Schalentier, und verschiedenen Algenarten. Das Gewürz heißt übrigens ‚Kille’ und ist sehr beliebt auf Ahwaz, leider fast unbezahlbar.“

Seltsam, wie unmittelbar ein Wort manchmal die Befindlichkeit beeinflusst. Kaum hatte der Ahwazer ‚Kille’ ausgesprochen, kitzelte es Rupert fast unwiderstehlich unter der Nase. Natürlich hatte sich Rupert im Griff, die Hände blieben auf dem Tisch liegen, sie zuckten nur leicht. Er rümpfte einmal kurz die Nase und schürzte die Lippen, mehr nicht.

„Wirklich köstlich. Eine schöne Tradition, diplomatische Beziehungen mit einem geselligen Mahl zu beginnen. Bei uns auf der Erde pflegen die Politiker ihre Besucher übrigens auch zu beköstigen, aber eher im Anschluss an diplomatische Gespräche.“
„Ach, tatsächlich? Wie interessant. Aber hat denn da niemand Sorgen, vergiftet zu werden? Ich meine, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab...“
Rupert sah seinen Tischnachbarn leicht befremdet an. „Nein, es ist bei uns nicht üblich, Gäste zu vergiften, weder vor, noch nach Verhandlungen.“

Die restlichen Hors d’oeuvre wurden abgeräumt, es wurden Schälchen mit heißer Suppe aufgetragen. Der Monarch schlug mit einer Gabel gegen sein Glas, die Gäste verstummten.

Das Kitzeln an Ruperts Nase wurde stärker, genaugesagt kitzelte es ihn nicht mehr nur unter der Nase, ein ziemlich heftiger Juckreiz breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Bei einem Blick auf seine Hände bemerkte Rupert voller Schrecken, dass sich große Quaddeln auf der Haut seiner Hände bildeten. Das durfte doch wohl nicht wahr sein, eine Lebensmittelallergie, und das jetzt? Sein Gesicht juckte und brannte, Rupert brach der Schweiß aus allen Poren. Das Training mit dem Juckpulver machte sich aber bezahlt, Rupert konnte sich beherrschen.

Der Monarch begann zu sprechen, er begrüßte Rupert und drückte seine Hoffnung aus, dass nun doch endlich eine diplomatische Verständigung zwischen Ahwaz und der Erde zustande käme. Rupert nickte ihm ernst zu, und beobachtete verzweifelt, wie sich die Zahl der Quaddeln auf seiner Haut minütlich vermehrte. Es juckte ihn mittlerweile selbst IN den Ohren. Ihm fiel nichts besseres ein, als seine Gabel unter den Tisch fallen zu lassen und schnell hinterdrein unter die Tafel abzutauchen, als wolle er sie zurückholen. Das Tischtuch hing fast bis auf den Boden herunter, so konnte er sich in dessen Schutz zwei-drei mal kräftig über’s Gesicht reiben. Das half zwar nicht viel, verschaffte ihm aber eine winzige Denkpause. Als er wieder auf seinem Platz saß, griff er entschlossen das Suppenschälchen und goss sich die kochend heiße Flüssigkeit wie versehentlich auf den Schoß. Jucken ist des Schmerzes kleiner Bruder, und dieser Schmerz in seiner Intimregion ließ ihn jegliches Kitzeln vergessen. Dicke Tränen rannen über sein wie versteinertes Gesicht, seine Tischnachbarn taten höflich so, als hätten sie nichts bemerkt.

Der Monarch kündigte an, dass zu Ehren des Gastes von der Erde die nun folgenden Gänge des Festmahls in einer Art und Weise serviert würden, die auf Erden besonders beliebt sein solle, hätten ihn die Gelehrten wissen lassen.
Rupert wäre fast vom Stuhl gefallen, denn es trat eine Reihe in schwarze Dreiteiler mit Melone gekleidete Ahwazer auf, die zusätzlich noch rosa Ballett-Tütüs über die konservativ-längsgestreiften Hosen gezogen hatten. Mit feierlich-ernster Miene trugen sie Silbertabletts mit kulinarischen Köstlichkeiten, derweil benahmen sich ihre Beine, als gehörten sie nicht zum Körper: sie machten einen Schritt in der Hocke, den nächsten weit ausholend fast gehüpft, dann seitlich tänzelnd und ausschlagend, dabei hielten sie ihre Körper von der Hüfte aufwärts korrekt steif und fast unbeweglich. So Ähnliches hatte Rupert von einer ‚Flying Circus’-Folge aus dem Abhärtungstraining auf der Erde in Erinnerung, der ‚Ministry of Silly Walks-Sketch’ mit John Cleese war das gewesen. Nur das John Cleese keinen rosa Tütü getragen hatte, wie Rupert mit einem seltsamen Flattern in der Zwerchfellgegend feststellte. In seinem Schritt brannte es, aber das Zwerchfellflattern wurde stärker. Es musste etwas geschehen, und zwar schnell.
Verzweifelt griff sich Rupert einen der schweren, goldenen Krüge, in denen der Sherry serviert worden war, und donnerte ihn auf seinen linken Daumen. Die Tränen strömten ihm erneut über die Wangen, wieder taten alle so, als wäre so etwas das normalste Verhalten der Galaxis. Der Daumen verfärbte sich violett. Noch immer fühlte Rupert ein Vibrieren des Zwerchfells, doch bevor es sich wieder verstärken konnte, ließ er den Krug noch ein paar mal auf seine Hand niedersausen. Mit einem hässlichen Geräusch brachen einige Knochen, dann stellte Rupert den Krug mit einem winselnden, gepressten Klagelaut ab.

Es war still geworden im Saal, alle sahen Rupert an. Dann begann es von irgendwo her zu glucksen, ein gedämpftes Prusten hallte durch den Raum, andere Stimmen fielen ein, und bald toste der ganze Saal vom Gelächter der Ahwazer.
Rupert, dem die Heiterkeit begreiflicherweise völlig vergangen war, sah sich entgeistert um: war es denn plötzlich kein Verbrechen mehr, zu lachen? Weitere Lachsalven durchschüttelten die Gäste, außerdem konnte Rupert hören, dass sich das Gelächter nach draußen hin fortpflanzte. Lachen war offensichtlich sehr ansteckend für Ahwazer. Dann geschah es: Ruperts Tischnachbar, der sich fast kreischend juchzend am Boden wälzte, Ströme von Tränen vergießend, gab plötzlich einen röchelnden Laut von sich, etwas Blut floss ihm aus Mund und Nase, dann rührte er sich nicht mehr. Totgelacht. Nach und nach sackten alle Ahwazer, zuletzt der Gottkönig, im Saal tot zusammen, dasselbe setzte sich draußen fort.

Nach zwei Wochen hatte die Lachwelle den Planeten umkreist und vollkommen entvölkert.

Die Körper der Ahwazer hatten noch einen, verborgenen Unterschied zum menschlichen Organismus: ihre Hauptschlagader besaß von Geburt an eine dünnwandige Aussackung, ein Aneurysma, welches bei kritisch steigendem Blutdruck platzte. Das Lachtabu hatte sie über Jahrhunderte vor dem Aussterben bewahrt.

Bis Rupert, der humorloseste aller Menschen sie besuchte.

__________________
Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis ĂĽbermorgen Zeit hat.
(Mark Twain)

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Mazirian
???
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Hm. du scheinst ein Faible fĂĽr Aliens zu haben, die sich merkwĂĽrdig bewegen - aber gut, wenn's der Sache dienlich ist. Und das ist es, denke ich!
Ungeheuer leichthändig und wortgewandt geschrieben und dramaturgisch sehr fein und dicht ausgearbeitet. Ich hab's mit großem Genuß gelesen.
Dass die Evolution sowas wie ein erbliches Aneurysma entwickelt , dass auf Ahwaz diplomatische Delegationen einfach hingerichtet werden - Schwamm drĂĽber, Groteske ist Groteske.

Wenn's was zu meckern gibt, dann, dass die einleitende Geschichte einen Tick zu aufwendig und detailverliebt ist - aber soooo schön zu lesen - also lass es lieber wie's ist.

ABER - wenn ich mich recht erinnere, lautet die Schreibaufgabe, dass der Konflikt nur kulturelle aber keine biologischen oder technischen Ursachen haben darf. Ein Aneurysma ist aber eindeutig biologisch. Es würde mich schwer ärgern, wenn jon dir das durchgehen lässt .
Es ist nämlich verdammt schwer, sich einen kulturellen Konflikt auszudenken, der KEINE biologischen oder technischen Wurzeln hat (deshalb ist mir zur Schreibaufgabe auch noch nix gescheites eingefallen *seufz*).

Ich hoffe, wir kriegen noch viel von dir zu lesen.

schönen Gruß

Achim
__________________
Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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poppins
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Hallo Mazirian, hmmm, jaaa, Du hast wohl recht mit der Anmerkung wg. biologischer Ursache, auch wenn das erst ganz zum SchluĂź eine Rolle spielt...habe ich beim Schreiben ganz aus den Augen verloren.
Als ich die Geschichte begann, sollte die nämlich eigentlich ganz anders enden, aber dann machte sie sich ein bißchen selbständig. Ich habe unten nochmal die Geschichte mit dem ursprünglich geplanten Ende angehängt - so paßt sie auf alle Fälle in die Aufgabenstellung.

Ich finde trotzdem die erste Story besser




Bitte recht freundlich

„Ruhe bitte!“ Professor Runkel klopfte mit der Hand gegen das Mikrophon, dass es in den Lautsprechern krachte. Der große Hörsaal summte vom Stimmengewirr der einhundertachtzig Kandidaten. „Meine Damen und Herren, ich bitte Sie!“ Langsam verebbte das Gemurmel, der Professor räusperte sich: „Herzlichen Dank. Meine Damen und Herren, wahrscheinlich fragen Sie sich schon seit Längerem, weshalb Sie ausgewählt wurden...“

„Weil Sie den Besten der Besten der Besten suchen, Sir!“ brüllte ein Uniformierter zackig aus der vorletzten Reihe und salutierte, die Hacken seiner auf Hochglanz polierten Stiefel zusammenknallend.

Professor Runkel bedeutete ihm mit einer Geste, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen wieder Platz zu nehmen. „Bitte, Major Higgins, wir sind hier nicht in Westpoint. Wo war ich stehen geblieben? – - - Ach ja..., also – sie wurden ausgewählt, weil unsere Weltregierung auf der Suche nach einem geeigneten Repräsentanten der Menschheit Ihre Hilfe braucht. Jeder von ihnen“, er ließ seinen Blick über die Sitzreihen schweifen, „sitzt hier auf besondere Empfehlung eines meiner Mitarbeiter. Sie alle“, er deutete mit dem Finger ins Auditorium, „bringen möglicherweise die Qualifikationen mit, die für die Mission unerlässlich sind. Wir werden die nächsten drei Tage hart arbeiten. Am Ende werden wir nur einen – oder eine – unter ihnen auswählen. Wer auch immer sich als am Geeignetsten für die große Aufgabe herausstellen wird – ich möchte jetzt schon allen danken, dass Sie bereit waren, dem Ruf Ihrer Heimat, der Erde, zu folgen. Mein Assistent Dr. Dröger wird ihnen nun Details und Hintergrund der geplanten Mission erklären.“

Der Professor überließ seinem Assistenten den Platz am Mikrophon und zog sich an den Rand des Treppenaufgangs zurück. Vor den Fenstern wurden die Rollläden heruntergelassen, ein Diaprojektor warf ein vom Mond aus aufgenommenes Bild der Erde auf die Leinwand über der großen Tafel.

„Seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mehren sich die Anzeichen eines bevorstehenden ökologischen Kollaps’“, begann Dr. Dröger zu dozieren, „die Jahresdurchschnittstemperatur auf der Erde erhöhte sich während der letzten zehn Jahre im Mittel um je 0,2°C, die polaren Eiskappen sind um Tausende Quadratkilometer geschrumpft, der Meeresspiegel stieg bis heute um vierundachtzig Zentimeter. Die Regenwälder Amazoniens drohen zu verdorren, die Sahara hat sich fast bis Kapstadt ausgedehnt, zahllose Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, oder bereits verschwunden. Dies ist die traurige Situation, vor der wir heute stehen.“

Das Bild der Erde verschwand, stattdessen fĂĽllte nun eine Ansicht der ganzen MilchstraĂźe die Leinwand.

„Unsere Technik hat einen Stand erreicht, der uns Reisen quer durch die Galaxis, sogar zu anderen Galaxien, ermöglicht. Vorbei sind die finsteren Zeiten der Isolation, als wir uns für die einzige intelligente Spezies des Universums hielten – oder die „anderen“ für uns in den Tiefen des Kosmos unerreichbar waren. Wir sind geachtete Mitglieder im Rat der Vereinten Völker des Kosmos. Trotz all dieser Errungenschaften: an der desolaten Lage unseres Planeten scheitert die irdische Technik. Wir brauchen Hilfe, Expertenhilfe.“

Zwei dicht nebeneinander liegende Punkte auf der MilchstraĂźen-Projektion wurden markiert -einer mit einem roten und der andere mit einem gelben Kreuz.

„Die Planeten-Restauratoren von Ahwaz sind die Experten, mit deren Hilfe unsere Erde noch zu retten wäre. Ahwaz – auf der Abbildung rot angekreuzt - ist eine nur vierzehn Tage währende Reise von der Erde – gelb markiert - entfernt. Leider gibt es dennoch ein Problem. Vor dreißig Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen der Erde und Ahwaz abgebrochen. Eigentlich müsste man eher sagen, alle Versuche, diplomatische Beziehungen aufzunehmen scheiterten. Mehrmals.“

Das Bild der Galaxis wurde durch ein Dia, das zwei humanoide Gestalten zeigte abgelöst.

„Keine Spezies des Kosmos ähnelt der menschlichen so frappierend wie die Ahwazer. Wie sie der Abbildung entnehmen können – die linke Figur stellt einen Ahwazer dar, die rechte einen Menschen: abgesehen von sechs Fingern und Zehen, sowie einer schuppenartigen Hauttextur bei den Ahwazern sind keine Unterschiede zu bemerken. Und genau diese Ähnlichkeit war die Ursache, weshalb alle bisherigen Versuche, zu einer Verständigung zu kommen scheiterten.“

In den hinteren Reihen erhob sich unruhiges Gewisper. „Aber wie kann das sein, sprechen die dort kein Univers?“ fragte eine verdrießlich dreinblickende Frau in grauem Kostüm.

„Frau Lognis von den Zeugen Jehovas, nicht wahr?“ fragte Dr. Dröger, die Frau nickte.
„Doch, auf Ahwaz wird, wie überall im zivilisierten Kosmos, Univers gesprochen. Die Schwierigkeiten mit Ahwaz, die wir haben, hat sonst kein anderes Volk des Kosmos. Weshalb? - Auf Ahwaz ist es bei Todesstrafe verboten, zu lachen, ja schon das kleinste Kichern wird mit der standrechtlichen Erschießung geahndet. Und es gilt als ungeheure Beleidigung des Gegenübers, sich mit der Hand am Kopf zu berühren. In etwa vergleichbar wäre es, wenn jemand über uns einen Kübel Fäkalien ausleerte. Alle drei Delegationen der Erde wurden auf Ahwaz hingerichtet. Sie, werte Damen und Herren,“ Dröger machte eine allumfassende Geste, „sind anders.“
Dr. Dröger legte sein Manuskript ab. „Sie gelten in ihrem Umkreis als humorlose, langweilige Spielverderber. Sie, Herr Mies, wurden von ihren Polizeikollegen vorgeschlagen, nie hätte man sie auch nur lächeln sehen. Und sie, Frau Lognis – niemals heben sich ihre Mundwinkel beim Verkauf des ‚Wachtturms’ auch nur einen Millimeter über die Horizontale. Hauswart Renken von ‚Trautes Heim’ wirkt jedem Frohsinn, auch kindlichem, in seinen Blocks standhaft entgegen und sie, Major Higgins“, Drögers Blick glitt zu den hinteren Sitzreihen, „sie haben sich in ihrem Regiment einen Namen als humorlosester Schleifer und Partykiller aller Zeiten auch in alkoholisiertem Zustand gemacht. Sie, und auch alle anderen hier sind hochqualifiziert für unsere Mission.“

Frau Lognis packte ihre ‚Erwachet’-Zeitungen und kleinen Pamphletblättchen zusammen, steckte sie in ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen. „Das Ende ist nah, sprach der Herr, mein ist die Rache. Und es wird regnen Feuer und Blut, und das Tier wird kommen...“, ihre Stimme verklang auf dem Korridor, die Tür wurde hinter ihr geschlossen.

„Wer noch gehen will, sollte das jetzt tun“, sagte Professor Runkel. „Niemand wird gezwungen zu bleiben, die Aufgabe ist zu wichtig für die Zukunft der Erde, als das wir jemanden dazu nötigen könnten. Die Mission erfordert ihre ganze Hingabe, kein Geld der Welt könnte Lohn genug sein für die Rettung unseres Planeten, aber ein Platz in den Geschichtsbüchern ist dem Namen desjenigen sicher, der zu einer Verständigung mit Ahwaz beiträgt.“

Es entstand eine kleine Unruhe, ungefähr zehn der Anwesenden erhoben sich ebenfalls und verließen unter den abfälligen Blicken der anderen den Hörsaal. „Ich danke ihnen für ihre Aufopferungsbereitschaft“, sagte der Professor zu den Verbliebenen, „die Zeit drängt, lassen sie uns mit der Arbeit beginnen.“

Die nächsten drei Tage wurden den Kandidaten von morgens bis abends die Sternstunden der humoristischen Filmkunst vorgeführt, Witze vorgetragen, sie wurden durchgekitzelt und feinstes Juckpulver über ihnen zerstäubt. Am letzten Tag, die letzte Folge von ‚Monty Python’s Flying Circus’ war eben verklungen, stand der Auserwählte fest: Polizeiobermeister Rupert Mies hatte weder je eine Miene verzogen, noch ein einziges Mal dem Reiz des Juckpulvers nachgegeben und seine Hände dem Kopf auch nur genähert. Unter dem Applaus der anderen Kandidaten wurde er zum Gesandten der Menschheit ernannt und noch am selben Abend zum Raumbahnhof in Baikonur gebracht. Nach weiteren vier Wochen harten Anti-Lachtrainings und ständig erhöhter Abhärtungsdosen Juckpulvers wurde Mies in eine ferngelenkte Rakete gesetzt und auf die Reise nach Ahwaz geschickt.

Vierzehn Tage später landete die Rakete auf Ahwaz. Die Ahwazer, von der irdischen Weltregierung vom Kommen eines Diplomaten unterrichtet, bereiteten Mies einen Empfang mit militärischen Ehren. Ohne Zwischenfälle schritt Mies die Reihen der Ahwazer-Garde ab und wurde in den Audienzsaal des Gottkönigs geleitet. Dort hatte man eine lange Tafel zu Ehren des Gesandten der Erde aufgebaut, es war Sitte auf Ahwaz, während diplomatischer Verhandlungen erlesene Speisen zu reichen. Ungefähr hundert ahwazische Würdenträger säumten die Tafel und musterten Mies, als der Gottkönig unter Fanfarenklängen den Saal betrat. Auf ein Handzeichen des Monarchen setzten sich die Anwesenden.
Es war ebenfalls Sitte, dass frĂĽhestens beim Dessert ĂĽber die eigentlichen Anliegen des Besuchs zu sprechen sei, bis dahin hatte man sich in belanglosem, charmantem Smalltalk zu ĂĽben. (Auch darin hatte man Rupert Mies in Baikonur grĂĽndlich ausgebildet.)

Zur BegrĂĽĂźung wurde aus schweren GoldkrĂĽgen ein an irdischen Sherry erinnernder Aperitif ausgeschenkt. Dazu wurden interessante kleine Hors d'oeuvre auf groĂźen, goldenen Platten gereicht.
Rupert nahm sich ein kleines Röllchen mit fischartigem Geruch. Natürlich wurde nicht mit bloßen Händen, sondern goldenen Gäbelchen gegessen – sonst hätte man womöglich versehentlich beim Essen den Kopf berühren können. Das Fischröllchen war so wohlschmeckend, dass Rupert gleich ein zweites nahm. „Wunderbar, die Häppchen“, sagte Rupert zu seinem Tischnachbarn, „woraus sind die bloß gemacht?“
„Aus Sulka, einem Schalentier, und verschiedenen Algenarten. Das Gewürz heißt übrigens ‚Kille’ und ist sehr beliebt auf Ahwaz, leider fast unbezahlbar.“

Seltsam, wie unmittelbar ein Wort manchmal die Befindlichkeit beeinflusst. Kaum hatte der Ahwazer ‚Kille’ ausgesprochen, kitzelte es Rupert fast unwiderstehlich unter der Nase. Natürlich hatte sich Rupert im Griff, die Hände blieben auf dem Tisch liegen, sie zuckten nur leicht. Er rümpfte einmal kurz die Nase und schürzte die Lippen, mehr nicht.

„Wirklich köstlich. Eine schöne Tradition, diplomatische Beziehungen mit einem geselligen Mahl zu beginnen. Bei uns auf der Erde pflegen die Politiker ihre Besucher übrigens auch zu beköstigen, aber eher im Anschluss an diplomatische Gespräche.“
„Ach, tatsächlich? Wie interessant. Aber hat denn da niemand Sorgen, vergiftet zu werden? Ich meine, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab...“
Rupert sah seinen Tischnachbarn leicht befremdet an. „Nein, es ist bei uns nicht üblich, Gäste zu vergiften, weder vor, noch nach Verhandlungen.“

Die restlichen Hors d’oeuvre wurden abgeräumt, es wurden Schälchen mit heißer Suppe aufgetragen. Der Monarch schlug mit einer Gabel gegen sein Glas, die Gäste verstummten.

Das Kitzeln an Ruperts Nase wurde stärker, genaugesagt kitzelte es ihn nicht mehr nur unter der Nase, ein ziemlich heftiger Juckreiz breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Bei einem Blick auf seine Hände bemerkte Rupert voller Schrecken, dass sich große Quaddeln auf der Haut seiner Hände bildeten. Das durfte doch wohl nicht wahr sein, eine Lebensmittelallergie, und das jetzt? Sein Gesicht juckte und brannte, Rupert brach der Schweiß aus allen Poren. Das Training mit dem Juckpulver machte sich aber bezahlt, Rupert konnte sich beherrschen.

Der Monarch begann zu sprechen, er begrüßte Rupert und drückte seine Hoffnung aus, dass nun doch endlich eine diplomatische Verständigung zwischen Ahwaz und der Erde zustande käme. Rupert nickte ihm ernst zu, und beobachtete verzweifelt, wie sich die Zahl der Quaddeln auf seiner Haut minütlich vermehrte. Es juckte ihn mittlerweile selbst IN den Ohren. Ihm fiel nichts besseres ein, als seine Gabel unter den Tisch fallen zu lassen und schnell hinterdrein unter die Tafel abzutauchen, als wolle er sie zurückholen. Das Tischtuch hing fast bis auf den Boden herunter, so konnte er sich in dessen Schutz zwei-drei mal kräftig über’s Gesicht reiben. Das half zwar nicht viel, verschaffte ihm aber eine winzige Denkpause. Als er wieder auf seinem Platz saß, griff er entschlossen das Suppenschälchen und goss sich die kochend heiße Flüssigkeit wie versehentlich auf den Schoß. Jucken ist des Schmerzes kleiner Bruder, und dieser Schmerz in seiner Intimregion ließ ihn jegliches Kitzeln vergessen. Dicke Tränen rannen über sein wie versteinertes Gesicht, seine Tischnachbarn taten höflich so, als hätten sie nichts bemerkt.

Der Monarch kündigte an, dass zu Ehren des Gastes von der Erde die nun folgenden Gänge des Festmahls in einer Art und Weise serviert würden, die auf Erden besonders beliebt sein solle, hätten ihn die Gelehrten wissen lassen.
Rupert wäre fast vom Stuhl gefallen, denn es trat eine Reihe in schwarze Dreiteiler mit Melone gekleidete Ahwazer auf, die zusätzlich noch rosa Ballett-Tütüs über die konservativ-längsgestreiften Hosen gezogen hatten. Mit feierlich-ernster Miene trugen sie Silbertabletts mit kulinarischen Köstlichkeiten, derweil benahmen sich ihre Beine, als gehörten sie nicht zum Körper: sie machten einen Schritt in der Hocke, den nächsten weit ausholend fast gehüpft, dann seitlich tänzelnd und ausschlagend, dabei hielten sie ihre Körper von der Hüfte aufwärts korrekt steif und fast unbeweglich. So Ähnliches hatte Rupert von einer ‚Flying Circus’-Folge aus dem Abhärtungstraining auf der Erde in Erinnerung, der ‚Ministry of Silly Walks-Sketch’ mit John Cleese war das gewesen. Nur das John Cleese keinen rosa Tütü getragen hatte, wie Rupert mit einem seltsamen Flattern in der Zwerchfellgegend feststellte. In seinem Schritt brannte es, aber das Zwerchfellflattern wurde stärker. Es musste etwas geschehen, und zwar schnell.
Verzweifelt griff sich Rupert einen der schweren, goldenen Krüge, in denen der Sherry serviert worden war, und donnerte ihn auf seinen linken Daumen. Die Tränen strömten ihm erneut über die Wangen, wieder taten alle so, als wäre so etwas das normalste Verhalten der Galaxis. Der Daumen verfärbte sich violett. Noch immer fühlte Rupert ein Vibrieren des Zwerchfells, doch bevor es sich wieder verstärken konnte, ließ er den Krug noch ein paar mal auf seine Hand niedersausen. Mit einem hässlich knirschenden Geräusch brachen einige Knochen, dann stellte Rupert den Krug mit einem winselnden, gepressten Klagelaut ab.

Es war still geworden im Saal, alle sahen Rupert an. Dann begann es von irgendwo her zu glucksen, ein gedämpftes Prusten hallte durch den Raum, andere Stimmen fielen ein, und bald toste der ganze Saal vom Gelächter der Ahwazer.

Rupert, dem die Heiterkeit begreiflicherweise völlig vergangen war, sah sich entgeistert um: war es denn plötzlich kein Verbrechen mehr, zu lachen?

Weitere Lachsalven durchschüttelten die Gäste, außerdem konnte Rupert hören, dass sich das Gelächter nach draußen hin fortpflanzte. Lachen war offensichtlich sehr ansteckend für Ahwazer. Minutenlang dröhnte der Saal vom Gelächter der Ahwazer, der Gottkönig wälzte sich, Ströme von Lachtränen vergießend am Boden. Jedes mal, wenn es einem der Würdenträger gerade gelungen war sich leidlich zu beruhigen, genügte ein Blick in Ruperts fassungsloses Gesicht, erneut loszuprusten und wenig später wieder hilflos von mittlerweile fast schon wimmerndem Gelächter durchschüttelt zu werden.

Rupert, das personifizierte Fragezeichen, saĂź als einziger noch an seinem Platz der Tafel.

Langsam, fast unmerklich, ging das tosende Gelächter in allgemeines Schniefen und Schneuzen über, nur noch selten von kleinen Juchzern unterbrochen. Die Würdenträger und der Monarch erhoben sich mühsam, trockneten die Lachtränen, ordneten ihre Gewänder und ließen sich erschöpft auf ihre Stühle fallen.

Nach weiteren Minuten, in denen sich seine Atmung beruhigte, stand der Monarch auf:
„Erdling, wir danken dir. Seit Ende der Schreckensherrschaft Wruko des Griesgrams, der Lachen unter Todesstrafe stellte, haben wir die befreiende Kraft des Lachens nicht so genießen können wie heute. Dieses dunkelste Kapitel der ahwazischen Geschichte schloss sich zwar bereits vor neunundzwanzig Jahren, dennoch hat die jahrzehntelange Unterdrückung Spuren hinterlassen. Auch Lachseminare und andere, konzentrierte Heiterkeitsförderprogramme konnten bisher nicht ungeschehen machen, was die Diktatur Wruko des Griesgrams an der Volksseele angerichtet hat. Doch nun kamst du, der Gesandte der Erde, uns das Lachen zurückzubringen. Dafür wird dir das ahwazische Volk jeden deiner Wünsche erfüllen. Was also ist dein Begehr?“

Die letzten Sätze des Gottkönigs drangen wie aus weiter Ferne zu Rupert. Als er versuchte, den Mund zu einer Antwort zu öffnen, konnte er nur einen gurgelnden Röchellaut hervorbringen. Er stürzte vom Stuhl und rang um seine letzten Atemzüge.
Die Lebensmittelallergie hatte seinen Kehlkopf zuschwellen lassen.

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jon
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Na da drück ich doch mal 'n Auge zu. Die Version mit dem biologischen Hintergrund gefällt mir nämlich besser – weil sie logischer ist. In der zweiten Variante wäre nämlich nicht ohne weiteres einzusehen, wieso die lachenden Diplomaten hingerichtet wurde, wenn die Ahwazer schon so lange erfolglos nach Lach-Rezepten gesucht haben… (Irgendwie war ja am Ende auch meine "Lösung" biologisch determiniert.) Und: Nicht duch das Aneurysma erklärt ist ja übrigens die Sitte, nicht den eigenen Kopf zu berühren.

Als der Grund für die nichterfolgreiche Kontaktaufnahme genannt wurde, hab ich lachen müssen. Die Idee ist einerseits extrem bizarr andererseits aber geradezu genial: Dass ein anderes Volk andere Essgewohnheiten hat, andere Kleidung trägt, irgendwas auf religiösem Gebiet sich grundsätzlich vom Gewohnten unterscheidet, das trifft man ja auch auf der Erde – irgendwie werden Raumreisende (so sie nicht gerade Amerikaner sind – kleine Spitze am Rande) mit sowas immer rechnen. Aber dass eine pure Instinkt-Sache anderswo zu (kulturellen) Komplikationen führen kann, ist für uns so ungewohnt, dass es fast undenkbar ist.
Ich stell mir zum Beispiel vor, wie lange es gedauert hat, bis man RAUSGEKRIEGT hat, worin das Problem liegt, denn Univers hin oder her: Ehe die Ahwazer ĂĽberhaupt auf Univers umschulten, hat sie ja jemand von dessen Sinn ĂĽberzeugen mĂĽssen. Dazu musste er aber lange genug leben.

Vielleicht ist SF auch dazu da, solche "Undenkbarkeiten" für den Ernstfall zu sammeln…

Jedenfalls gibt es von mir eine fette "genial!"-Wertung fĂĽr den Text
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poppins
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Ooooh *fĂĽhlemichsehrgebauchpinselt* Danke fĂĽr das Kompliment!

Schön, dass Du der gleichen Meinung bist (...dass das erste Ende besser ist) -


Beim zweiten Schluß ist wichtig zu beachten, dass die letzten (erfolglosen) Kontaktversuche der Erde noch zu Herrschaftszeiten 'Wulkos des Griesgrämigen' unternommen wurden - vor 30 Jahren eben. Nur ein Jahr später wurde dessen Diktatur (die sich ja nicht mal gescheut hatte, Diplomaten zu massakrieren) abgelöst.

Die Idee, mit der ich die Geschichte zu schreiben begonnen hatte war, das Regierungen + Sitten sich im Laufe der Zeit ändern... nach 30 Jahren (mit "Funkstille") war das ja auch eigentlich zu erwarten.
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Hallo poppins,

ich finde die Idee deiner Geschichte auch klasse und frage mich daher, wie der Humor der AuĂźerirdischen beschaffen ist?

Insgesamt verwendest du für meinen Geschmack ein wenig zu viele Klischees, andererseits könnte man an manchen Stellen ruhig noch ein wenig überzeichnen.

Bis bald,
Michael

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