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Leselupe.de > Humor und Satire
Blasrohr und Lockenwickler
Eingestellt am 26. 11. 2001 12:58


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Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

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Blasrohr und Lockenwickler...


...im Wettbewerb: Wer ist das intelligenteste, schlagfertigste, originellste röhrenförmige Wesen aus der Welt der Gegenstände?
Kampfdialog auf einer BĂĽhne vor der Hohen Jury: Jeder der beiden, die das Finale erreicht haben, muss seine VorzĂĽge preisen und versuchen, den anderen in Grund und Boden zu stampfen.

BLASROHR:
Ich bin so glatt und elegant, liege so leicht in der menschlichen Hand, bin lautlos und doch so wirksam...

LOCKENWICKLER:
Du bist gar nichts ohne einen Pfeil, bist nur Hülle, Behältnis, Mittel zum Zweck. Ich bin zwar nicht so elegant und glatt, aber das darf ich auch gar nicht sein. Ich bin widerborstig, an mir bleibt jedes menschliche Haar hängen, ja, es muß an mir hängen bleiben, damit ich es in Form biegen kann. Ohne mich wäre die Damenwelt glatt aufgeschmissen. Locken produziere ich – ja, wunderschöne Locken!

BLASROHR:
Ach wie bieder! Nein, wo bleibt denn da das Abenteuer? Ich dagegen bin in allen wilden Gegenden der Welt zu Hause, bin kampferprobt, tötungserfahren – und doch eine elegante Waffe. Mit mir gibt es keinen Pulverdampf und kein großes Blutvergießen, mit mir funktioniert das Töten lautlos, sauber, blitzschnell – wie aus heiterem Himmel...

LOCKENWICKLER:
... aber aus dem Hinterhalt! Nein, was ist das nur für eine traurige Existenz, eine gottlose, sehr verachtenswerte in meinen Augen! Da lobe ich mir meine eigenen zutiefst friedlichen Absichten, meine durch und durch zivile Daseinsberechtigung. Ich bin ein Mittel zur Schönheit, zur Ästhetik des äußeren Erscheinungsbildes des Menschen.

BLASROHR:
Aber auch du musst im Verborgenen wirken. Niemand, außer eine Schlampe, läßt sich mit dir in der Öffentlichkeit blicken. Und außerdem: du bist niemals einmalig, kommst nie einzeln daher sondern immer nur im Dutzend, bist halt Dutzendware, ein Billigartikel aus dem Supermarkt, aus Plastik – bah! – Aber schau mich einmal an (dreht sich anmutig um die eigene Achse): Schau nur, das edle Holz, filigran ausgearbeitet und verziert, in besonderen Verfahren gehärtet, mit einem eleganten Mundstück versehen – Ja, der Besitzer nimmt mich in seinen Mund, das ist ein anderer Körperkontakt als das bloße Eingewickeltwerden in den toten Pelz!

LOCKENWICKLER:
Aber du weißt ja gar nicht, wie leicht und schön und erfreulich so eine friedliche Existenz sein kann: Die Menschen immerzu in ihren angenehmen Stimmungen erleben zu dürfen – wie anders als auf diesen Kampf- und Kriegsschauplätzen, wo du zum Einsatz kommst. Wenn du Glück hast, ja wenn du großes Glück hast, landest du vielleicht noch in einem Museum für Kriegswerkzeug, das wäre dann die einzige friedliche Verwendung, der du noch zugeführt werden könntest. Aber in dem Fall hättest du auch schon ausgedient!

BLASROHR:
Und du? (lacht höhnend) Wenn d u ausgedient hast, wahrscheinlich viel, viel früher als ich, dann landest du in jedem Fall auf dem Müll – du Pfennigartikel!

LOCKENWICKLER:
(Zupft sich selbstgefällig ein paar blonde Haare aus dem Körper) Lieber ein kurzes aber um so schöneres Leben. Was meinst du, was ich so alles zu hören bekomme von den Menschen, z.B. bei einem Frisör: Welch für ein munteres Plaudern und Lachen! Für nichts in der Welt möchte ich das missen!



Als den Kontrahenten nichts weiteres mehr einfiel, hatte die Jury zu entscheiden, wer der Sieger sein sollte. Die Jury war paritätisch aus Vertretern der wichtigsten Branchen röhrenförmiger Gegenstände zusammengesetzt, die zehn Mitglieder vertraten jeweils eine Spezies. Es waren ein Auspuffrohr, ein Gummischlauch, eine Flöte, ein Strohhalm, ein Elektrokabel, ein Wasserrohr, eine Pipette, ein Gewehrlauf, ein Lockenwickler und ein Blasrohr. Die beiden letztgenannten Mitglieder durften aus Gründen der Parteilichkeit nicht an der Abstimmung teilnehmen. Die übrigen nahmen ihre Stimmabgabe im Geheimen vor. Es gewann das Blasrohr, welches mit großem Getöse in der anschließend stattfindenden Siegerehrung gefeiert wurde.

Die Presse berichtete am nächsten Tag darüber und befand, dass es neben Begeisterung auch viele kritische Stimmen unter den Zuschauern gegeben habe. Hierzu befragt, äußerten insbesondere viele den weiblichen Zwecken dienenden Röhrenwesen ihren Verdacht, dass vorrangig mal wieder nur nach männlichen Maßstäben geurteilt worden sei. Der Lockenwickler sei in die Endausscheidung gekommen, eben weil er in der Masse so ungewöhnlich viel gutes und schönes bewirke und dass dieses Blasrohr nicht im Entferntesten an solche Leistungen herankommen könne. Aber man habe sich ja bei dieser Zusammensetzung der Jury im voraus ausrechnen können, wie das Ganze ausgehen würde: welche Ahnung hätten ein Auspuffrohr oder ein Wasserrohr schon von solchen Dingen? Flöte und Pipette allein hätten da auch nichts mehr ausrichten können usw. Einige Wochen noch brandeten diese Stimmen und ihre Gegenstimmen durch den Blätterwald, sogar im Lokalfernsehen erschien an Beitrag zu dem Wettbewerb und seinen Folgen im Volke. Erst als schon das nächste Ereignis ins Haus stand – die Wahl des „Mister Kraftstoff“ – beruhigten sich die erregten Geister.













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