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Leselupe.de > Kurzprosa
Blattschuss
Eingestellt am 09. 02. 2011 19:27


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Franke
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Blattschuss
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Wie die Verse mich fanden



Der Rest aus meiner Klasse hatte sich mit einer Flasche Lambrusco in den Burggarten verzogen. Es war 1977 kein Problem mit sechzehn Jahren an Alkohol zu kommen, wirklich interessiert hat das niemanden.
Es wird wohl wieder die alte Diskussion gelaufen sein, wer denn nun die bessere Band sei - Deep Purple oder Black Sabbath. Darauf versp├╝rte ich an diesem Tag ├╝berhaupt keine Lust, weil mich Annette nach der Schule versetzt hatte um zum Klavierunterricht zu gehen. Es w├Ąre wohl auch die denkbar schlechteste Ausgangsposition gewesen um an diesem Streitgespr├Ąch teilzunehmen.
So f├╝hrte mich mein Weg wie an vielen Nachmittagen zum gro├čen Eingangsportal der Stadtbibliothek. Es war immer ein gro├čer Moment, wenn ich die Innent├╝re ├Âffnete. In Bibliotheken herrscht ein ganz besonderer Geruch - irgenwie abgestanden, aber trotzdem erhaben. Noch heute rieche ich erst an einem neuen Buch, bevor ich es aufschlage.
Der Bibliothekar begr├╝├čte mich wie einen alten Bekannten und hat nur kurz aufgesehen, als ich meinen Weg in den ersten Stock zur Erwachsenenliteratur nahm.
Hier durfte ich sie alle kennenlernen - Frisch, B├Âll, Grass und Andersch. Ich habe irgendwann aufgeh├Ârt zu z├Ąhlen, wie oft ich mich zwischen den B├╝chern verloren habe und deshalb der letzte Bus ohne mich nach Hause gefahren ist, sehr zum Leidwesen meines Vaters.
Wahllos hatte ich wie immer B├╝cher aus den Regalen gezogen, um mich letztendlich in einem Roman festzusaugen. W├Ąhrend meiner Suche fiel mir ein Buch einer Schriftstellerin in die H├Ąnde, von der ich noch nie geh├Ârt hatte - Rose Ausl├Ąnder.
Ein Blick auf den Umschlag lie├č mich mit Erschrecken feststellen, dass es sich um Gedichte handelte. Ich f├╝hlte mich fast ertappt bei einer b├Âsen Tat und wollte das Buch dann doch nicht zur├╝ckstellen, ohne einen Blick hingeworfen zu haben.
So bin ich auf folgende Worte gesto├čen:

noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da


Es war ein regelrechter Schock, den ich dadurch erlitten habe. Die M├Âglichkeit mit einfachen, klaren Worten einen ganzen Kosmos zu spannen, war mir bis dahin verwehrt geblieben.
Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und habe es ausgeliehen. Den Blick des Bibliothekars werde ich nie vergessen, irgendwie erstaunt, aber mit einem verschmitzten Grinsen um die Mundwinkel.
Den Bus habe ich an diesem Tag nicht vers├Ąumt und es war mir auch egal, wer denn nun die K├Ânige des Hardrocks waren.
Kaum zu Hause angekommen riss ich ein Blatt aus einem Schulheft und habe meinen ersten Vierzeiler darauf geschrieben:

Ein Schuss in der Ferne,
sein Klang verhallt satt.
Ich w├╝sste nur zu gerne,
wen es nun getroffen hat.


Eigentlich h├Ątte ich ja ein Gedicht f├╝r Annette schreiben sollen, aber sie hat nie eines von mir gesehen.
Den Zettel habe ich heute noch, was aus ihr geworden ist - wer wei├č.


__________________
Das Leben ist eine Krankheit der Materie (Thomas Mann)


Version vom 09. 02. 2011 19:27

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Ralf Langer
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hallo franke,

gef├Ąllt mir sehr, strahlt authenzit├Ąt aus,
ohne die vergangenheit zu verkitschen.
ich stelle mir vor, das hier sehr viel autor drin ist.

der anfang f├╝hrt eigentlich ├╝berhaupt nicht in die eigentliche geschichte des textes, schafft aber einen f├╝hlbaren rahmen in dem der leser den prot stellung beziehen l├Ąsst.

das schreit nach mehr...

kurz und gut:

das riechen der b├╝cher

lg ralf
__________________
RL

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Franke
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Hallo Ralf,

danke f├╝r deinen positiven Kommentar.
Der freut mich um so mehr, weil ich mich normalerweise nicht im Prosabereich bewege.
Ja, da steckt sehr viel Autor drin!

Liebe Gr├╝├če
Manfred
__________________
Das Leben ist eine Krankheit der Materie (Thomas Mann)

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Zeder
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Hallo Franke,

es ist der "Blattschuss" Hier klicken
(die ├ťberschrift).

Hier noch ein paar Anmerkungen zu deinem Text:

Der Rest aus meiner Klasse hatte sich mit einer Flasche Lambrusco in den Burggarten verzogen. Es war 1977 Komma kein Problem mit sechzehn Jahren an Alkohol zu kommen, wirklich interessiert hat das niemanden.
Es wird wohl wieder die alte Diskussion gelaufen sein, wer denn nun die bessere Band sei - Deep Purple oder Black Sabbath. Darauf versp├╝rte ich an diesem Tag ├╝berhaupt keine Lust, weil mich Annette nach der Schule versetzt hatte um zum Klavierunterricht zu gehen. Es w├Ąre wohl auch die denkbar schlechteste Ausgangsposition gewesen um an diesem Streitgespr├Ąch teilzunehmen.
So f├╝hrte mich mein Weg wie an vielen Nachmittagen zum gro├čen Eingangsportal der Stadtbibliothek. Es war immer ein gro├čer Moment, wenn ich die Innent├╝re ├Âffnete. In Bibliotheken herrscht ein ganz besonderer Geruch - irgenwie abgestanden, aber trotzdem erhaben. Noch heute rieche ich erst an einem neuen Buch, bevor ich es aufschlage.
Der Bibliothekar begr├╝├čte mich wie einen alten Bekannten und hat nur kurz aufgesehen, als ich meinen Weg in den ersten Stock zur Erwachsenenliteratur nahm.
Hier durfte ich sie alle kennenlernen - Frisch, B├Âll, Grass und Andersch. Ich habe irgendwann aufgeh├Ârt zu z├Ąhlen, wie oft ich mich zwischen den B├╝chern verloren habe und deshalb der letzte Bus ohne mich nach Hause gefahren ist, sehr zum Leidwesen meines Vaters.
Wahllos hatte ich wie immer B├╝cher aus den Regalen gezogen, um mich letztendlich in einem Roman festzusaugen. W├Ąhrend meiner Suche fiel mir ein Buch einer Schriftstellerin in die H├Ąnde, von der ich noch nie geh├Ârt hatte - Rose Ausl├Ąnder.
Ein Blick auf den Umschlag lie├č mich mit Erschrecken feststellen, dass es sich um Gedichte handelte. Ich f├╝hlte mich fast ertappt bei einer b├Âsen Tat (besser: Ich f├╝hlte mich wie bei einer b├Âsen Tat ertappt) und wollte das Buch dann doch nicht zur├╝ckstellen Komma ohne einen Blick hingeworfen zu haben.
So bin ich auf folgende Worte gesto├čen:

noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Es war ein regelrechter Schock, den ich dadurch erlitten habe. (Hier verschenkst du die M├Âglichkeit zu erkl├Ąren, was bei dir ausgel├Âst wurde).Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und habe es ausgeliehen. Den Blick des Bibliothekars werde ich nie vergessen, irgendwie erstaunt, aber mit einem verschmitzten Grinsen um die Mundwinkel.
Den Bus habe ich an diesem Tag nicht vers├Ąumt und es war mir auch egal, wer denn nun die K├Ânige des Hardrocks waren.
Kaum zu Hause angekommen, kein Komma riss ich ein Blatt aus einem Schulheft und habe meinen ersten Vierzeiler darauf geschrieben (s.o. Warum?):

Ein Schuss in der Ferne,
sein Klang verhallt satt.
Ich w├╝sste nur zu gerne,
wen es nun getroffen hat.

Eigentlich h├Ątte ich ja ein Gedicht f├╝r Annette schreiben sollen (wollen?), aber sie hat nie eines von mir gesehen.
Den Zettel habe ich heute noch, was aus ihr geworden ist - wer wei├č.

Gr├╝├če von Zeder

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Franke
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Hallo Zeder,

herzlichen Dank f├╝r deine Besch├Ąftigung mit dem Prosaversuch eines Lyrikers.
Ja, das alte Kommaproblem!
In einem Gedicht hat man die Freiheit diese auch mal zu ignorieren, sollte man in einem Prosatext nicht tun.
Ich habe jetzt auch den Schock etwas n├Ąher erkl├Ąrt. Nur bei der Annette muss das "sollen" bleiben, f├╝r sie wollte ich nie ein Gedicht schreiben.

Den Titel kann vielleicht jemand der Moderatoren ├Ąndern, das w├Ąre lieb!

Danke und viele Gr├╝├če
Manfred
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