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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blaues Licht
Eingestellt am 22. 03. 2016 14:16


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SahroFuchs
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2016

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Was für ein Morgen. Ich fühlte mich, als hätte mein Schlaf eine Woche gedauert. Es war kein ruhiger Schlummer gewesen, eher ein durchgängiger Albtraum. Mein Bett sah dementsprechend aus. Selbst die Gummibänder des Spannbettlakens hatten meiner Ausbrüche nicht standgehalten. Die Verwüstung war mir allerdings, wie so oft, egal.

Kaum in die Höhe gequält, folgte meine jahrelang einstudierte Morgenroutine: Bad, anziehen, essen, rauchen, Zähne putzen, rasieren. Sonst war das Ganze in fünfzehn Minuten erledigt, doch heute war alles wie verhext. Das Wasser floss nur langsam aus der Leitung, mein Kühlschrank war stubenwarm und die Zigaretten waren alle. Also gab es nur Katzenwäsche, meine sonst gekühlte Leckerei zum Frühstück wich einem trockenen Müsli, da die Milch auch ranzig war und meine Sucht musste warten. Kurz vorm übereilten losstürzen zum Kiosk um die Ecke, noch kurz den Kamm durch die fettigen Strähnen ziehen, Jacke an und los.
Noch war es dunkel draußen. Am Jahresanfang war das durchaus normal. „Ach, verdammt!“, erfasste ich mein linkes Handgelenk. Sonst ruhte in der milchweißen Kerbe immer meine billige Digitaluhr, nur (wie konnte es auch anders sein) nicht an diesem Tag. Hoffentlich hatte die alte Marlitzsch ihre Zeitungsbude schon aufgesperrt.
Während meine Schritte so in den Häuserkluften hallten, glänzte etwas in meinem Augenwinkel. Wie eine Motte zog mich das blassblaue Licht zu meiner Linken an. Die Welt schien für einen Augenblick still zu stehen, als mein Blick darauf verharrte. Gehalten von einer alten Schachtel, kaum einen Meter fünfzig hoch, wankte eine nostalgisch anmutende Kerzenlampe ihren Takt. Das Licht, welches sie verströmte war unheimlich und spannend zu gleich.
Die grobe Aufhängung quietschte mit jedem neuen Schwung, wenn die Alte einen schlürfenden Schritt nach vorn machte. Sonst war es in meiner Kleinstadt immer laut gewesen, doch jetzt schien es nur zwei Geräusche zu geben: das Ziehen von Schuhsohlen auf dem nassen Asphalt und das metallische Meckern einer ungeölten Verbindung.
Zwar bin ich nicht der Mutigste, aber vor alten Leuten hatte ich noch nie Angst gehabt (zumindest bis jetzt). Mein Herz schlug mit jedem fehlenden Meter lauter. Meine Schläfen pochten unter dem erhöhten Blutdruck. Große Schweißperlen kämpften sich aus meiner Stirn. Schon lagen nur noch zwanzig Schritte zwischen mir und der unheimlichen Schrulle. Meine Beine reagierten urzeitlich und ohne klaren Plan vergrößerte sich der Abstand wieder.
Kaum verdeckte eine Hauswand die Sicht, war meine Panikattacke vergangen. „Was war das denn?“, keuchte ich in mich herein. Was es auch war, es war vorbei. Ich konzentrierte mich wieder auf das Wesentliche: Kaffee, Kippen, Zeitung.
Die Graffiti auf der verranzten Alutür zeigten es schon, das Kiosk war erreicht. Knarrend öffnete sich die Forte in die Vergangenheit. Der Geruch von Staub und wässrigen Papiers schlug mir mit Gewalt entgegen. Solch ein Müffeln am Morgen bekam dem Magen nicht besonders, doch was sollte ich machen? So heruntergekommen der Laden auch war, es war der Einzige im Umkreis von fünfhundert Metern.
Die, in den Siebzigern verbliebene, Besitzerin bewegte sich widerspenstig durch die drei engstehenden Regalreihen, zupfte hier und da an den Heften, als ob das der Erscheinung helfen wĂĽrde und grummelte vor sich her, als sie eine tote Maus zwischen den Schachteln der SĂĽĂźigkeiten entdeckte. Da der laufende Meter mit den rotbraunen Haaren nicht nach vorn gestapft kam, bediente ich mich schon mal:
Eine Schachtel billiger Zigarillos von der Theke, mehr konnte sich ein arbeitsloser Schlucker oder wie meine Sachbearbeiterin auf dem Hartz4-Amt sagte: „Arbeitssuchender ohne Berufsvorstellung“, wie ich, nicht leisten. Dazu das tägliche Klatschblatt aus der Stadt und eigentlich wollte ich noch zumindest die neuste Ausgabe meines Lieblingsmagazins, aber der angestammte Platz war leer. Wiederwillig durchkämmte ich die enge Kaschemme. In der hintersten Ecke versteckt, entsorgte die Schnalle grade den Tierkadaver im Mülleimer. Sie hatte den Laden nur, weil der Alte bei der Scheidung den Kürzeren gezogen hatte und genauso behandelte sie die Behausung. Warum ihr „Liebster“ das Weite gesucht hatte, war jedem klar, der schon mal auf den Hausdrachen gestoßen war. Ein Schandmaul, das muss ich schon sagen.

Vorsichtig tastete ich mich heran, man will ja nicht den Drachen wecken: „Sag mal, hast du noch `ne Space rumliegen?“. Wie vom Blitz getroffen schoss die Schnepfe herum. „Hey du Arschloch, wer du auch bist, verpiss dich aus meinem Laden oder ich verprügel dich mit dem Baseballschläger! Ich warne dich!“, brüllte sie. Zwar war das zusammengerollte Heft nicht so bedrohlich wie ein Holzschläger, aber der Furie wollte ich nicht entgegentreten. Geschockt von der unwillkürlichen Vertreibung verließ ich die Bude fluchtartig, noch immer mit den Glimmstängeln und dem Tagesblatt …ohne zu bezahlen.
Den Finanzen würde der Verlust sicher nichts mehr anhaben können, schon lange war das Unternehmen mit tief roten Zahlen gesegnet. Auch wenn es komisch war, so schien sie jemand anderen gemeint zu haben. Nicht einen Blick hatte sie mir gewürdigt, hatte nur in Richtung des Eingangs gespäht. Doch als einziger Kunde, war die Auswahl sehr begrenzt.
Langsam schob sich die Sonne in den Himmel und versuchte die dicke Wolkendecke zu durchbrechen. Es sollte einer dieser Tage sein, an dem man eher daheim blieb: kalt, düster, regnerisch, windig, einfach nur Mistwetter. Ich steckte mir eine der neuen Kippen an. Fast wäre sie in der großen Pfütze zu meinen Füßen gelandet, als mir die Miene entglitt. Da war sie wieder: die gespenstische Alte! In größerer Entfernung schlürfte sie an einer Häuserzeile entlang, das Lämpchen glühte in seinem unnatürlichen Schein. Vorbei schreitende Leute (die Straßen füllten sich langsam) ignorierten die Erscheinung. Ich versuchte es ihnen gleich zu tun. Draußen wollte ich eh nicht bleiben, also wieder in die eigenen vier Wände zurück. Die klapprige Wohnungstür versperrte hinter mir eine verachtungswürdige Außenwelt.

Mit Schwung warf ich mich auf mein altes Fernsehsofa. Der herausgedrĂĽckte Staub, aus der keimigen Matratze unter dem blassgrĂĽnen Stoff vergangener Generationen verriet, dass es schon bessere Zeiten erlebt hatte. Wenigstens ein paar langweilige Stunden ĂĽberbrĂĽckend, drĂĽckte ich den roten Einschalter auf meiner Fernbedienung. Der massige fĂĽnfzig-Zoll-Smart TV hellte auf. Zwar war das Amt dagegen, aber ein bisschen Luxus braucht der Mensch. Oft versuchte der gierige Gerichtsvollzieher seinen Kuckuck auf meinen Schatz zu kleben, um die Schulden zu tilgen. Vehement wehrte ich mich jedes Mal gegen den Raub und so zierten den Rahmen einige kreisrunde Flecken von Kleberesten.
Konnte der Tag echt noch schlimmer werden? Auf der Bildfläche nur Schnee, dabei bezahlte das Amt jegliche Gebühr. Genervt wollte ich meinen Frust an irgendeinen armen Schlucker auf der anderen Telefonseite abbauen. Mit schnellen Fingerbewegungen hämmerte ich die Nummer vom Kabelanbieter ein. Die Zahlenfolge war mir reichlich bekannt, war diese Störung nicht die Erste gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit einer nervigen Melodie, zwischen der immer wieder: „Alle Leitungen sind derzeit belegt. Bitte bleiben Sie dran. Der erste freie Mitarbeiter wird Ihnen helfen.“, gesprochen wurde, klickte es und eine junge Männerstimme meldete sich: „Willkommen beim Servicecenter für Kabel und Rundfunk. Brauer mein Name. Wie kann ich Ihnen helfen?“. Ich verfiel sofort in einen boshaften Redeschwall. Der gegenüber schwieg eine Weile. „Hallo? Ist da jemand? Hallo?“, unterbrach er meinen Wortfluss. Kurz war Stille in der Leitung. Zu einem anderen gewandt sagte er: „Hmm, da meldet sich keiner.“. Kurz und knapp hörte ich eine Stimme im Hintergrund: „Wahrscheinlich Telefonstreich. Leg einfach auf!“. Mit einem Knirschen wurde die Verbindung getrennt. „Verflucht! Das Telefon auch?“, heute wollte alles den Geist aufgeben. Kurz überzeugte ich mich von der Tatsache: Ich wählte die Nummer meines besten Kumpels „Bernd“. Selbes Spiel…auch er reagierte wie ein Hörgeschädigter. Ich knallte den Hörer auf: „Beschissenes Ding!“.
Gut, dann halt das Edelsmartphone aus der Hosentasche kramen. Heute brauchte ich wenigstens etwas Beistand von meinem Freund. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Ein Wisch über das Kristallglas, noch schnell die Vierzahlen-Pin eintippen und… „Das kann doch nicht wahr sein!“, brüllte ich verzweifelt. Keinen Empfang, Akku fast leer. Unsanft landete der leuchtende Aluminiumblock in der Sofaecke.
Wenn man isoliert ist und nichts zu tun hat, packt man selbst die widrigsten Arbeiten an. Viel zu lange war der stinkende Aschenbecher schon ĂĽbergelaufen, zu viel Staub bedeckte die Regale und der MĂĽlleimer brauchte keine Karte um gefunden zu werden. Zu stark verbreitete er eine Duftspur verrottender Essensreste.
Es hatte sicher vier Stunden gedauert, die Drecksarbeit zu erledigen. Fast schon war es Mittag, der Magen hing mir in den Kniekehlen. Die Ausbeute meiner Schränke und Fächer war alles andere als ein Festmahl, doch es füllte den Luftraum.
Keine Minute länger hielt es mich in der Bruchbude. Die Jacke erneut übergeworfen, bewaffnet mit dem ungelesenen Tagesblatt und einer riesigen Stinkbombe aus dem Müllsammler, verließ ich mein Reich. Im Hausflur traf ich auf meinen Nachbarn „Ingo“ oder so. Wie immer schwebte der Kiffer auf seiner eigenen Wolke und beachtete mich nicht. Wir waren so oder so keine Freunde, nur ein paar Typen die zufällig im selben Aufgang eines grauen Plattenbaus hausten. Ich zwängte mich an ihm vorbei, die Treppen herunter. Er war anscheinend so in seiner eigenen Welt vertieft, dass er nicht mal mein Gemecker vernahm.
Die Mülltonnen liefen, wie immer, vollkommen über. Keine Ahnung warum ich (oder eher der Staat) für die nicht erfolgende Entsorgung Gebühren bezahlte. Mit einem Handgelenksschwung landete das Geschoss auf dem Müllberg. Die Tüte hielt nicht was sie versprach und verteilte den Inhalt großzügig. Irgendein Müllfahrer würde es aufsammeln müssen. Es war mir sowas von egal, hätte er was Anständiges gelernt.
Anschließend streifte ich ziellos in der Gegend herum. Das Wetter ging mir gehörig gegen den Strich. Leichter Nieselregen versuchte meine Zeitung zu durchweichen. Zum Glück erreichte ich die große Einkaufsmeile. Ein hunderte Meter langer Tunnel mit Geschäften auf beiden Seiten. Die Schnäppchen unterbot einander Schlag auf Schlag. Zumindest, wenn man den Aufschriften vertrauen konnte.
Kurz nach 14:00 Uhr drängten sich Teenager und Rentner durch die Gassen. Ich verstand bis heute nicht was die Leute permanent hier wollten. Das Meiste war Schund, überteuert oder vergriffen. Vielleicht wollten ja alle nur der grausamen Wirklichkeit entgehen. Versteckten sich hinter den hübsch dekorierten Fensterscheiben. Lebten in einer Illusion der Freude und des Glücks, so wie ich gerade.
Eine der mittig verteilten Metallsitzbänke war frei. Ich ließ mich, vom Herumstreifen müde geworden, nieder. Erst beobachtete ich die herumwuselnden Menschen: eine Mutter, die ihr Gör vom Spielzeugladen wegschleifte; ein Musiker, der wegen seiner Katzenmusik vom Platz verwiesen wurde und ein Dieb, der durch die Massen gehetzt wurde. Ich schlug das feuchte Papier der örtlichen „Fachpresse“ auf. Wieder nur sinnlosen Geschwafel von Haushaltslöchern, Arbeitsplatzmangel und Vandalismus. Gott sei Dank, dass ich für die Schmiererei keinen Cent bezahlt hatte.
Plötzlich fing die rechte Seite zu leuchten an, reflektierte das einfallende Licht. Die bläuliche Farbe ließ mich aufspringen. Sie war schon wieder da, die alte Zottel mit ihrer Lampe. Etwa drei Meter entfernt stand sie da, regungslos, ausdruckslos und wie zuvor, beängstigend. In unserer Bewegungslosigkeit, schien alles herum in unglaublicher Hektik ausgebrochen. Personen schoben sich an uns vorüber, verdeckten kurz die Sicht und verschwanden wieder. Immer und immer wieder.
„Verfolgt die Alte mich etwa?“, fragte ich mich panisch. Sonst wollten Frauen eher nichts von mir wissen, nun hatte ich doch nicht etwa einen ungewollten Stalker. Wäre sie wenigstens jung und wunderschön und nicht so verbraucht und schrumpelig. „Hau schon ab!“, rief ich ihr entgegen. Meine Stimme war so zitternd, nicht einmal einen Spatzen hätte ich damit vertrieben. Wie zu erwarten, reagierte die anhängliche Alte nicht. Ich drehte mich weg, verstaute meinen Zeitungsfetzen unter der Achsel und lief mit recht strammen Schritten durch den Tunnel hinfort. Ängstlich warf ich noch einen Blick zurück, die Hexe verharrte auf der Stelle.
Oftmals stieß ich gegen entgegenkommende Menschen. Die Meisten reagierten überrascht von dem Aufprall. Wie konnte man nur so in Gedanken sein, wie diese Konsumzombies? Gut…, einmal war ich sicherlich schuld. Direkt vor mir blieb eine junge Teenagerin stehen, um in ihrer Designertasche nach dem klingelnden Telefon zu kramen. So schnell konnte ich nicht reagieren und wir prallten aneinander. Wie eine Furie wirbelte sie herum und schnauzte einen armen Kerl an, der überhaupt nichts dafür konnte. Auf leisen Sohlen schlich ich mich an der Szene vorbei, ich hatte heute schon genug von solchen Schnepfen abbekommen. Irgendwie tat mir der Unschuldige leid, aber auch nur irgendwie.
Bald darauf ließ mich eine der gewaltigen Automatikdrehtür wieder an die freie Luft. Es war zwar recht weit, aber es gab nur noch einen Ort, an dem ich seien wollte: „Otto`s Bar“ am Bahnhof.
Nach einem raschen Marsch, stand ich an einer Bushaltestelle. Weit und breit keine Menschenseele. Zum GlĂĽck hatte sie eine Ăśberdachung und war so vor dem einsetzenden Wolkenbruch geschĂĽtzt. Wirklich komfortabel war der Unterschlupf aber nicht. Auf die Holzbank mit den StahlstĂĽtzen wollte ich mich besser nicht setzen. Zwar hatte ich nicht die saubersten Klamotten an, aber gegenĂĽber den Speichelflecken, Kaugummis und Nahrungsresten, waren sie allemal rein.
Minuten verstrichen, während Wassertropfen auf mein Dach trommelten. Das Geräusch eines großen Dieselmotors drang durch das Klopfen. Der Bus war da. Voller Vorfreude stellte ich mich an den Bürgersteig. „Nur noch kurz den Regen ertragen, dann ist`s geschafft.“, redete ich mir ein. Doch als nächstes sollte ich in die Traufe kommen. Ohne zu bremsen schoss das Vehikel an mir vorüber. Das Wasser einer riesigen Pfütze spritzte unter den mächtigen Zwillingsreifen herauf und durchnässte meine Hose vollständig. „HEY DU VOLLIDIOT, WARTE!“, brüllte ich in Rage dem Bus hinterher. Ich fluchte auf den Tag, auf die Welt und ihre beschissenen Bewohner. Der Fahrer musste mich übersehen haben, anders war das Verhalten nicht zu erklären.
Ich versteckte mich wieder unter dem Haltestellenhäuschen, dem Wasserfall entkommend. Außen herum waren Glasscheiben, die mit allerhand Schmierereien versehen waren. Die Rechtschreibung ließ auf die mangelnde Intelligenz der Stiftführer schließen. Kaum war der Regenguss etwas abgeschwächt, sah ich wieder dieses Verstand zerfressende, blaue Leuchten im Augenwinkel, die Straße herannahen. „Das gibt`s doch nicht!“, zeterte ich und wieder einmal mehr entfloh ich der Konfrontation. Neben mir erschallte ein Martinshorn und ließ mich vor Schreck zur Seite springen. Diesmal war es wohl nicht die Alte gewesen, sondern ein rasender Krankenwagen in seiner lebensrettenden Jagt nach Sekunden, der das Licht verbreitete.

Es war schon dunkel, als ich mein einstiges Ziel erreichte. Viel zu oft musste ich dem Nass von oben entfliehen und unter Vorsprüngen und Dächern aushaaren, bis es wieder erträglich war. Mein Feuerzeug wollte nicht mehr zünden und die Kippen waren klitschnass, genau wie die Zeitung, die ich nur aus Gewohnheit herumschleppte. Vor der Bar stand schon ein verheißungsvoller Bote, der schäbige Lieferwagen von Bernd. Vielleicht würde der Tag ja wenigstens lustig enden.
Ich riss die TĂĽr auf. Otto, der Barkeeper und EigentĂĽmer, sah erschrocken herĂĽber. Ich konnte es ihm nicht verĂĽbeln. Meine Erscheinung war wie nach dem dritten Weltkrieg.

Es tat gut, die bekannten Gesichter zu sehen. Maik und Juri spielten Dart, Sofie hing wieder mit ihrer Clique am Billardtisch und mein bester Kumpel saß mit einem Bierkrug am Tresen. Ich pflanzte mich neben ihm auf einen hohen Hocker und knallte das durchnässte Faltblatt auf die Holzplatte vor uns: „Na Keule, alles fit? Du glaubst nicht, was ich heute durchgemacht habe.“, wollte ich den Tag aufrollen. Bernd reagierte nicht, starrte nur Geistesabwesend in das Glas mit dem goldgelben Gebräu. „Hey Alter, alles klar bei dir?“, tatschte ich ihn auf die Schulter. „Lass mich in Ruhe, Mann!“, schüttelte er meine Hand ab. So hatte ich ihn nie erlebt, sonst war er immer für Späße zu haben und nie war er auch nur im Entferntesten trübselig. Etwas unglaublich Schlimmes musste geschehen sein. „Ich bin`s dein Freund! Weißt du noch? Mir kannst du alles erzählen!“, warf ich meinen Arm um ihn. „Verpiss dich!“, murmelte er und schlug nach meiner Pranke. „Gut, du willst also den eingeschachtelten Miesepeter spielen, dann mach doch was du willst!“, fauchte ich ihn provokativ an. Lieber würde ich in einem Streit die Wahrheit erfahren, als dumm zu sterben. Zur Antwort bekam ich nur einen depressiv ausgeführten Schluck Bieres seinerseits.
„Otto, was muss man hier machen um ein Bier zu bekommen?“, fuhr ich den Wirt in seiner entfernten Ecke an. Die Wut in meinen Worten war nicht wirklich an ihn gerichtet. Er kam herüberstolziert, wischte ein Glas mit seinem Putzlappen aus, wie das Barkeeper so machen um geschäftig auszusehen, lief an mir vorüber und blieb erst auf Bernds Höhe stehen. Er lehnte sich herüber, nahe an den gebrochenen Typen.
So leise, dass es sicher kein anderer in dem Raum hören konnte, spielte er den Seelsorger: „Bernd, wir alle wissen, dass es dir Nahe geht, aber du darfst dich nicht unterkriegen lassen. Hörst du?“.

Was wussten alle? Jeder, außer dem besten Freund? Meine Wut wuchs in mir. „Ignoriert mich halt alle! Dann geh ich mich jetzt aufhängen!“, schrie ich meinen Ärger heraus. Entgegen meiner Erwartung, taten sie es auch wieder: sie ignorierten mich komplett, als wäre ich nur Luft oder noch weniger. So wütend ich war, genauso trotzig reagierte ich. Schnappt meine triefende Tageszeitung, wischte einen übertrieben langen Streifen Feuchtigkeit auf der Theke entlang und stapfte zum Ausgang. Wehleidig blickte ich auf die Verbliebenen, keiner machte irgendwelche Anstalten, mich aufzuhalten. „Verreckt doch alle!“, schallte mein Ausruf in der Kneipe. Die gebeizte Holztür machte unter meinem ruckartigen Zug Platz. Ein paar Schritte hatte ich in meinen gefesselten Gedanken gemacht, da schlug das Brett hinter mir ins Schloss zurück, ließ mich erstarren. Es hatte aufgehört zu regnen. Mein Blick war zu Boden gerichtet und wie aus dem Nichts schob sich ein bläulicher Schein in mein Sichtfeld.
Ich stand ihr nun gegenĂĽber, ganz nahe.

„Es ist Zeit.“, ertönte eine ruhige Stimme, knarzig wie eine alte Eiche. Sie erinnerte mich an die einer Hexe, welche ich aus Kindheitstagen von einigen Märchenfilmen her kannte. Diesmal war die Gruseloma allerdings nicht allein. Eine Gruppe von Männern und Frauen aller Altersklassen stand hinter ihr. Geistesabwesend starrten sie in die Ferne.
„Was zum Teufel wollt ihr von mir?“, krächzte ich lautstark heraus. Hoffte, dass jemand zur Hilfe eilen würde. „Deine letzte Reise steht bevor. Du brauchst nun keine Angst mehr zu haben. Schließe dich uns an. Ich werde dir den Weg auf die andere Seite weisen.“, fuhr sie unbeeindruckt fort.
Flucht schien sinnlos. Viele des Anhangs, waren ganz sicher laufstärker als ich. Verzweifelt suchte ich das Gespräch, wollte Zeit schinden. Vielleicht hatte jemand den Überfall beobachtet und die Polizei gerufen: „Scheiße, du willst mich echt umlegen oder? Was hab` ich dir getan? Warum? Ist es wegen der geklauten Fahrräder oder der Drogen? Sag`s mir!“.
„Aber, aber… du verstehst es noch nicht. Viele wollen die Wahrheit verdrängen. Schau sie dir an!“, versuchte sie mich zu beruhigen, ließ mit einer Hand die Lampe los, durch das sie quietschend herab sackte und deutete mit einem knochigen Finger auf mein Wetter erprobtes Tagesblatt. „Was soll ich hier drin finden? WAS?“, riss ich die schweren Seiten hastig auseinander, einige gaben nach und verteilten sich auf dem Hof.
Zwischen ein paar der letzten Blätter schob sie einen langen, eingerissenen Fingernagel. Ich schlug die Zeitung auf die gewünschten Familiennachrichten auf. Viele Kästchen waren darauf gedruckt. Schnell waren Namen Verstorbener zu erkennen. War ich für einen von ihnen verantwortlich? Der knittrige Finger zitterte sich seinen Weg herab in die Mitte der rechten Seite, hin zu einem super-billig-Design-Kästchen.
„In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von…“, presste ich aus meinem Brustkorb. Mein Name folgte und etwas verkrampfte sich unter der Lunge. „…geboren: 16.08.1984 gestorben: 13.01.2016… bla, bla, bla, Trauerfeier am 20. Januar 2016.“, ich drehte die Zeitung auf das Titelblatt. Oben stand es: Mittwoch, 20.01.2016.

Plötzlich fügte es sich zusammen: die verfallenden Lebensmittel, die Telefonate, alle möglichen Leute die mich nicht wahrnahmen, die Trauer meines besten Freundes, …alles. Ich ließ das zerschundende Papier zu Boden fallen. Meine Gedanken vergingen, verbrannt von einem blauen Licht. Ich hatte es akzeptiert. Würde wie all die anderen den Schlürfschritten folgen, wohin auch immer.

„Siehst du, Jungchen? Es bedarf keiner Furcht vor dem Geschehenen.“.

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DocSchneider
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