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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blaufränkische Hoffnung
Eingestellt am 04. 06. 2013 14:40


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krokotraene
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Registriert: Feb 2013

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Das alte Weingut Engel-Reich liegt in Schutt und Asche. Die Feuerwehr wird demnächst die Feuerwache einstellen. Der alte schöne Backsteinbau ist dem Erdboden gleich. Die Reporter drängen sich vor der Absperrung. Jeder möchte das beste Foto erhaschen. Der alte Winzer Engel-Reich wird verkohlt in der Asche gefunden. Morgen werden die Tageszeitungen mit dem Unglück gefüllt sein.

Zwei Monate später bei Notar Dr. Steinfeder. Die sieben Kinder des alten Winzers mit deren Partnern und Kindern füllen den kleinen Versammlungsraum zur Gänze. Alle waren sie gekommen. Geschlossen tritt die Familie zur Testamentseröffnung an.
Dr. Steinfeder ergreift das Wort: "Wir sind hier zusammengekommen um den letzten Willen Ihres Vaters, Großvaters, Schwiegervaters und Urgroßvaters zu verlesen. Das Testament hatte er zwei Tage vor seinem tragischen Tod bei mir hinterlegt und angeordnet, dieses erst nach seinem Ausscheiden aus dieser Welt zu öffnen!". Er greift zu einem goldenen Brieföffner und öffnet sorgsam das Kuvert.

"Meine lieben Hinterbliebenen! Als ich im Weingarten geboren wurde, experimentierte mein Vater gerade mit dem Verschnitt verschiedener Rebsorten. Mit dem Weingartentraktor fuhren die Weingartenarbeiter, darunter auch Marios Vater, meine Mutter zur Hebamme. Meine Mutter brachte damals der Hebamme als kleines Dankeschön einige Flaschen von der Neuentwicklung. Diese war so angetan, dass die erste Flasche nach mir benannt wurde. Kleiner Engel stand am Etikett. Die Hebamme schickte Flaschen an ihre Verwandten in die ganze Welt und schon bald kamen die ersten Bestellungen. Nach den letzten Jahren der Entbehrungen bekam unser Weingut einen neuen Aufschwung. Mein größerer Bruder begann mit der Gestaltung der neuen Etikettenlinie.

Zu meinem ersten Schultag gab es die erste Flasche "Erstklassler", eine natürliche Kreuzung aus Roter Veltliner und einer traminerähnlichen Sorte. Ich war so stolz. Auf der Etikette prangte meine Schultasche.

Beim Abschlußball lieferten wir flaschenweise unsere Jubiläumsrebe. Bis eine Anzeige ins Haus flatterte und jeder weitere Anbau verboten wurde. Wir hatten uns hier auf ein Herrschaftsgebiet begeben, wo wir einen herben Niederschlag erlitten haben. Nur meinem jugendlichen Charme war es zu verdanken, dass eine Schließung unseres Weingutes verhindert werden konnte. Wie sollte ich auch wissen, dass der Anbau nur besonderen Winzern vorbehalten war? Mein größter Wunsch war der Besuch der Weinbauschule. Aufgrund Zeit- und Geldmangel blieb es mir untersagt. Ich stöberte jede freie Minute in alten Büchern, sprach mit Winzern und experimentierte mit neuen Rebsorten. Hochklassig sollten unsere Weine sein. Als Spitzenweine den Weg in die besten Häuser schaffen.

Dann lernte ich eure Mutter kennen. Sie kam aus bestem Hause, einem renommierten österreichischen Weingut. Als Alleinerbin und Absolventin der besten Weinbauschulen lernte ich von ihr ständig neue Tricks. Schon bald wurden unsere beiden Weingüter zusammengelegt und verschmolzen zu Engel-Reich.

Nach und nach kam ein Kind auf die Welt. Wir hatten großes mit Euch vor. Der Weinskandal 1985 brachte für uns den großen Durchbruch. Wir waren schon immer auf unverfälschte Produktion spezialisiert und so fanden unsere sortenreinen Weine bald den Weg in die ganze Welt. Das Weingut Engel-Reich wurde mit seinem hochwertigem Zweigelt, der als Barrique ausgebaut wurde, in der Welt bekannt.

Als meine Frau, eure Mutter bei einem tragischen Unfall auf einer Weinmesse in Japan ums Leben kam, brach für mich eine Welt zusammen. Erstmals mußte ich schmerzlich erkennen, dass ihr, meine lieben Kinder, andere Wege gegangen seid. Niemand wollte in unsere Fußstapfen treten. Die meisten von euch waren bereits in der Welt verstreut. Aufgrund der vielen Arbeit habe ich euch aus den Augen verloren.

Könnt ihr euch erinnern? Ich rief zum Familientreffen. Meine Gesundheit war schon angeschlagen. Ich wollte aber dennoch meinen neuen Cuvée vorstellen. Auch die neue Linie unseres Weingutes präsentieren. Wir wollten Weine für spezielle Familienfeiern präsentieren. Leicht, vollmundig, elegant und doch raffiniert sollte die neue Linie sein. Etiketten, die auch das Herz erfreuen. Familien die glücklich sind. Familien, wo noch Zusammenhalt groß geschrieben war. Es war in jener Zeit, als die meisten von der neuen Droge Computer ergriffen wurden. Als die Familien auseinander zu brechen drohten. Engel-Reich wollte entgegen steuern.

Ich habe euch damals alle eingeladen. Euch die Flugtickets geschickt, euch die Zimmer im alten Weingut herrichten lassen und nächtelang an dem neuen Projekt gearbeitet.

Gekommen sind damals mein treuerster Freund und Vertrauter, mein rumänischer Erntehelfer Mario mit seiner Frau. Sie haben mit ihrem alten Trabi den Weg von Rumänien über die schlechten Straßen bis zu mir ins Haus angetreten. Sie waren tage- und nächtelang auf Tour, doch sie waren pünktlich. Und ihr? Jeder von euch schickte eine Karte oder ein Mail mit einer Entschuldigung.

Meine neue Werbelinie wurde ein Erfolg. Ein Wein für die ganze Familie eroberte die Welt. Wir konnten die Gewinne verdoppeln. Ich habe euch davon nie erzählt. Warum hätte ich es auch tun sollen?

Mario und seine Freunde schafften Unglaubliches. Der Höhepunkt war dann unser neuer Eiswein mit expressivem Fruchtschmelz für die besonderen Momente.

Voriges Jahr rief ich abermals eine Familienversammlung ein. Ich habe euch allen eine Flasche Blaufränkisch geschickt. Eine Sorte, die große Weine mit dichter Struktur und markanten Tanninen hervorbringt, die in der Jugend oft ungestüm sind, bei genügender Reife aber samtige Facetten entwickeln. Ich sah es als ein Zeichen. Vielleicht seid ihr inzwischen alt genug geworden und habt die Sturmjahre hinter euch. Ich war in der Hoffnung, ihr würdet mein Weingut übernehmen und dieses in meinem und Eurer Mutters Sinn weiterführen.

Heute hört ihr von meinem Freund und Notar meinen letzten Willen. Vor einigen Wochen habt ihr das alte Weingut Engel-Reich in Schutt und Asche vorgefunden. Das Vermögen habe ich schon lange an Mario überwiesen. Er hat in seiner Heimat eine Weinbauschule aufgemacht. Zur Erinnerung an Königin Maria Theresia, die im 18. Jahrhundert die Banater Schwaben ins Land brachte, um den rumänischen Weinbau zu stärken und auszubauen. Und in Erinnerung an seinen Freund Engel-Reich, der mit einem Rotweinglas in der Hand dem Untergang des alten Weingutes feierte, ehe die Flammen auch ihn ergriffen.

Euer Hildebrandt Engel-Reich"

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