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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bleichgesichter
Eingestellt am 21. 04. 2002 00:43


Autor
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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 21
Kommentare: 19
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Ich muss fr├Âhlich sein, ich darf nicht mit h├Ąngenden Mundwinkeln durch die Stra├čen schleichen. Niemand tr├Ągt Verantwortung an meinem Leben, nur ich selbst. Niemand ist Schuld daran, dass ich mutterseelenallein in B. rumhocke, ohne Arbeit, ohne Freunde, ohne Wissen um meine Zukunft. Es macht mir nichts aus, an die T├╝ren der Agenturen zu klopfen und mich mit schelmischen L├Ącheln darzubieten. Nat├╝rlich bin ich auf Ablehnungen gefasst, reundlich, aber bestimmt. Macht gar nichts, M├Ądchen, es gibt ja noch so viel Arbeit in dieser riesengro├čen Stadt. Wenn nur die langen Wege nicht w├Ąren, sie rauben mir ma├člos Zeit! ├ťberall das Gleiche: ÔÇ×Wir sind leider schon besetzt.ÔÇť Nat├╝rlich, niemand wartet tagelang darauf, dass mal jemand vorbei kommt, der ein paar Texte zurecht zimmern kann. Zudem klopft es t├Ąglich an die zehn Mal.

Stell dir einfach vor, du hast es selbst so entschieden! Wo ist deine Abenteuerlust? Wo ist deine Gier nach Leben? Wo ist dein Selbstbewusstsein hin? Die Einladung in den Sender war deprimierend. Nein, eigentlich war sie l├Ącherlich. Zun├Ąchst lie├č mich mein Gespr├Ąchspartner beinahe eine halbe Stunde warten, dann lehnte er sich dick zur├╝ck und stopfte sich eine Pfeife. Nebenbei befragte er mich nach meinen Arbeitsstationen. Ich senkte meine Stimme und erz├Ąhlte drauf los. Ruhig, damit er mir folgen konnte, mit Intonation, damit er sich begeisterte. Zwischendurch f├╝hrte er zwei Telefonate. Es fiel mir nicht schwer, den Faden wieder aufzunehmen, klangen doch meine letzten Worte wie ein s├╝├čer Gospel nach. Als ich geendet hatte, lehnte sich der Mittsechziger ├╝ber seinen leeren Schreibtisch und sagte: Erstens haben Sie keine h├Ârfunkjournalistische Ausbildung und zweitens sind Sie f├╝r einen Quereinstieg zu alt. Ich konnte nicht lachen, obwohl es aus mir heraus wollte. Aber die n├╝chterne, aufger├Ąumte Umgebung lie├č mich pl├Âtzlich erkennen, dass, selbst wenn dieser selbstgef├Ąllige Kerl mir gegen├╝ber sich dazu herab lie├če, mir Arbeit zu verschaffen, dass ich unter seiner Schwerf├Ąlligkeit gar nicht h├Ątte arbeiten wollen. Und k├Ânnen auch nicht. Jede Kreativit├Ąt, jede Eigenverantwortung w├╝rde im Keim erstickt werden, dessen war ich mir sicher.

Ich nahm also rasch meine Sachen und verabschiedete mich ohne Umschweife. Er sagte noch, dass er meine Unterlagen behalten wolle, Radioarbeit sei einer gro├čen (!, das hei├čt starken, du T├Âlpel!) Fluktuation unterlegen, und man w├╝sste ja nie, in zwei Wochen w├╝rde vielleicht gerade so etwas wie mich gebraucht. So etwas wie mich! So etwas unqualifiziertes. Altes. Als was? Als Sondersendung? Ich hatte den Verdacht, dass er sich so eine Art geistige Selbstbefriedigung hatte verschaffen wollen und ich sagte: Verschlucken Sie sich nicht!

R. konnte mir auch nicht die Laune heben. Insgeheim machte ich ihm zum Vorwurf, mit viel zu hoher Erwartung in dieses Gespr├Ąch gegangen zu sein. Immerhin war er sich seiner Sache so sicher gewesen, hatte mir sogar eine Stelle beim Fernsehen prophezeit. Das sagte ich ihm schlie├člich. Dass er nur ein gro├čes Mundwerk habe und sich nicht all zu sehr f├╝r mich stark gemacht h├Ątte. Er war beleidigt. Nat├╝rlich war er beleidigt. Was hat er mit meinem Leben zu tun? Was kann er daf├╝r, dass ich keine vern├╝nftige Ausbildung habe? Welchen Vorwurf mache ich ihm? Dass ich zu alt bin? Oder der Typ mir gegen├╝ber einfach zu selbstgef├Ąllig war? R. ist f├╝r nichts, was ich tu oder unterlasse, was ich schaffe oder verderbe, f├╝r nichts, was mir widerf├Ąhrt im geringsten verantwortlich.

Ich muss es lernen, mich selbst zu befragen, mich selbst anzuzweifeln, ich bin nicht unfehlbar und ersetzbar in jedem Fall. Siehe mein Privatleben.

J. hat mir nicht den Traumzauberwald genommen, nicht meine Sicherheit, nicht meinen Job. Er hat mich nicht in eine WG gezwungen, in eine mir fremde und unwirtliche Stadt ohne Jahreszeiten. Nein, er half mir aus der Bequemlichkeit. Er er├Âffnete mir neue Chancen. Ohne ihn zwar, doch h├Ątte ich mein Leben beschlie├čen wollen so jung an Jahren, zwischen Quecken und Brennnesseln hockend und schreibend ├╝ber Wald und Wiesen und unstillbare Tr├Ąume? Aber was sind meine Tr├Ąume? Welche W├╝nsche sollen sich erf├╝llen?

Da, wo ich bin, da will ich nicht bleiben und das Andere ist immer viel verlockender, als das Hier und Jetzt.

Die Wohnung ist so schrecklich still. Manchmal habe ich Angst, verr├╝ckt zu werden. Wenn ich alleine wohnte, w├╝rde ich mich wahrscheinlich irgendwann aufgeben. Es w├╝rde damit anfangen, dass ich morgens nicht mehr aufstehe oder nur noch im Nachthemd herum laufe. Ich w├╝rde nur zum Essenholen auf die Stra├če gehen und das auch nicht sehr weit, der Kaufmann ist gleich an der Ecke. Ich w├╝rde nur noch rauchen und trinken und irgendwann anfangen zu stinken. Aus meinem Fenster kann ich die Tauben beobachten. Bis das Glas eines Tages ganz blind w├Ąre von Schmutz und getrocknetem Regen. Dann w├╝rde es immer dunkler werden in meinem Zimmer. Ich w├╝rde mich nicht mehr zurecht finden, denn das Licht ist l├Ąngst abgeschaltet worden - die Stromrechnungen habe ich lange nicht bezahlt. Werde ich auch nie wieder. Denn heute sterbe ich. Genau in dem Augenblick, als mein Mann an mich denkt und mir ├╝bers Internet eine Website postet, auf der ein wundersch├Ânes Penthouse abgebildet ist. Er schreibt dazu: ÔÇ×Wenn ich im Jackpot gewinne, dann schenke ich dir diese Wohnung. Da w├╝rdest du dich gut drin machen.ÔÇť

Ich mache gar nichts mehr. Doch, ein Letztes. Ich sterbe.

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annabelle g.
Guest
Registriert: Not Yet

liebe katrin, sch├Ân, jemanden zu lesen, der so gut schreiben kann wie du.
den letzten absatz w├╝rde ich auseinanderziehen und den letzten satz "Ich sterbe" weglassen.

Ich mache gar nichts mehr.
Doch, ein Letztes.

sch├Âne gr├╝├če, annabelle

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