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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blicke
Eingestellt am 02. 10. 2002 17:17


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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Bewohnt von endlosem Schmerz
und einem Nebel
der das Herz ergrauen lÀsst
hast du dich in deiner Welt eingeschlossen
Unerreichbar fĂŒr alles Äußere, Innere
FĂŒr dich
und nun auch fĂŒr mich
Ein letztes mal möchte ich dir
eine TrÀne schenken, ein LÀcheln
aber ich erreiche dich nicht
Es war
Du weißt


Mit vier Jahren begann dein Abschied. Hast dich anfangs unmerklich, aber doch entschieden, von uns zurĂŒckgezogen. HĂ€tten wir es erkennen können? Und wenn ja, war da ein Weg zurĂŒck. Zuerst dachten wir, dass du ein TrĂ€umer bist. Auf Fragen gab es keine Antworten, oder erst dann, wenn keiner mehr die Frage wusste. Deine Blicke waren so weit, dass wir ihren Horizont nicht sehen konnten. Mann könnte sagen, dass dein Blick ewig war. Dort warst du. In deiner Ewigkeit, deinem Ort der Endlosigkeit. Hast dich dort gefunden. Immer öfter und tiefer. Wie soll ich dich beschreiben. Warst wie eine Kassette, die man auf Pause stellt. Bei „normalen“ Kindern wĂŒnscht man sich wohl von Zeit zu Zeit diesen Pausenknopf. Dieser Pausenschalter. Ruhe! Aber bei dir fanden wir den Startknopf nicht mehr. Irgendwie war das Band zur Welt zerrissen. Zumindest zur Ă€ußeren Welt. Mit der Zeit verschwanden die GerĂ€usche aus unserem Haus. Es war, als wĂŒrdest du alle Laute mit dir nehmen; in deine Welt. Wir versuchten ruhig zu sein, in der Hoffnung, einen Laut aus deiner Welt zu vernehmen. Gesichter sind lebendig. Dein Gesicht nicht. Eine Maske. Deine Augen waren völlig bewegungslos. Starr. Unsere BemĂŒhungen, mit dir und deiner Welt in Verbindung zu treten, waren hoffnungslos. Kein Zeichen des VerstĂ€ndnisses. Weder von dir noch von uns. Wir brĂŒllten dich an, im Irrglauben, deine Mauern niederbrĂŒllen zu können. Haben dich geschĂŒttelt und geschlagen. Aus Verzweiflung und dem Hoffen, dich zu erwecken. Nichts! Die große Liebe, die wir fĂŒr dich empfanden, wurde nicht mehr erwidert. Dein Schweigen ging auf uns ĂŒber und nahm alle WĂ€rme mit sich. Aus wir wurde ich. Nun kommt er kaum noch und wenn, schaut er dich an und sagt, dass du nichts mitbekommst. Es spiele keine Rolle, ob er da sei oder nicht.
Unser Leben hat sich seitdem verĂ€ndert. Es ist stiller geworden. Reden konnte ich nicht mit dir und so begann ich, mit dir zu schweigen. Ich versuchte nicht mehr ruhig zu sein, sondern still. Stille ist eine schwierige Angelegenheit. Dieses Loslassen des AlltĂ€glichen, der NervositĂ€ten und Anspannungen, hat mich fast um den Verstand gebracht. Das Verzichten auf Radio und Fernseher, die GerĂ€uschkulissen unseres Daseins, fĂŒhrten zu endlosen SelbstgesprĂ€chen. Immer wieder musste ich mich zur Ruhe mahnen. Trotz meiner UnglĂ€ubigkeit begann ich zu beten. Ich hatte meinen Schuldigen gefunden. Im Gebet konnte ich meinen ganzen Frust loswerden. Gott ist ein guter SĂŒndenbock. Er hilft nicht und er wehrt sich nicht.
Dein Lieblingsplatz befand sich im Flur. Nach dem FrĂŒhstĂŒck, bei dem jedes KaugerĂ€usch von dir wie eine ErzĂ€hlung fĂŒr mich war, dass gleiche Spiel. Aufstehen, in den Flur gehen und den Boden beobachten. Auf der Suche nach dem Mittelpunkt deiner Welt. Das konnte dauern. Manchmal Minuten mitunter aber auch Stunden. Hattest du ihn gefunden, hinsetzen und die Wand anstarren. Das neben dir sitzen wurde mir mit der Zeit zu blöd, da ich nichts in der Struktur der Raufaser erkennen konnte. Dir gegenĂŒber war mein Platz. Dort konnte ich dich anschauen, und du mich. Irgendwann musste doch eine Reaktion erfolgen. Aber du konntest durch mich hindurchsehen. Ich bezweifelte immer mehr, dass es mich in deiner Welt gab. Den Mund halbgeöffnet, durchblickend, hattest du dich in eine Welt verkrochen, die mir unerreichbar schien. Aber ich fand mich. Nach all den Jahren der Äußerlichkeiten erkannte ich in der Stille meinen Platz. Konnte dies auch dein Platz sein? Hattest du fĂŒr dich dein Paradies gesucht und gefunden? Ich weiß es nicht. Nur so viel! Wir sitzen uns noch immer gegenĂŒber. Du gewinnst noch immer bei deinem Spiel. Aber wenn ich aufgebe und aufstehe sehe ich ganz genau, wie du mich aus den Augenwinkeln beobachtest. Und ich höre dich Stöhnen, so als wolltest du sagen: „Bleib“!
Ich gebe nicht auf! Übrigens! Sollte es doch einen Gott geben, ist er Autist.



Du bist
Ich weiß

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herb
???
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was fĂŒr ein schicksal! du hast es beeindruckend geschildert, als wenn hinter der verzweiflung noch ein raum wĂ€re
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. KĂ€stner

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doktordigitalis
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Registriert: Jun 2001

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Blicke

"Ein letztes mal möchte ich dir
eine TrÀne schenken, ein LÀcheln
aber ich erreiche dich nicht" - sehr viel Herz

"Mann könnte sagen, dass dein Blick ewig war."
Starker Ausdruck

"Warst wie eine Kassette, die man auf Pause stellt.
Rangiert ab jetzt ganz oben bei mir in der Liste der „Vergleiche“
Proust hat sich ja sein Lebtag mokiert ĂŒber schlappe oder konventionelle
Vergleiche....“der Himmel war flammend“, oder „der Mond schien silbrig“ usw.
Und hat folgende Passage angeboten:
„Manchmal zog durch den Nachthimmel schon der noch nebelweiße, heimlich
glanzlose Mond wie eine Schauspielerin, die erst spÀter auftritt und vom Zuschauerraum
aus in Straßenkleidung einen Augenblick ihren Kollegen zuschaut in dem Bestreben,
selbst im Hintergrund zu bleiben und nicht beachtet zu werden“

"Irgendwie war das Band zur Welt zerrissen. Zumindest zur Ă€ußeren Welt."
Könnte man raffen zugunsten des Tempos: Irgendwie war das Band zur Ă€ußeren Welt zerrissen.

"Dort warst du. In deiner Ewigkeit, deinem Ort der Endlosigkeit. Hast dich dort gefunden. Immer öfter und tiefer."
Dito
FĂŒr mein GefĂŒhl bremsen die kurzen SĂ€tze den Fluss der Geschichte hier eher.
"Dein Schweigen ging auf uns ĂŒber und nahm alle WĂ€rme mit sich."
Wieder ein starker Ausdruck
"Dort konnte ich dich anschauen, und du mich."
Das „und du mich“ streichen ...es geht ja in dieser Phase um den Betrachter und nicht um den Autisten.
Und dass Gott ein Autist ist – falls es ihn gibt , zusammen mit dem kleinen philosophischen Epilog
"Du bist Ich weiß" bilden fĂŒr mich den krönenden Schluß dieser gelungenen Kurzgeschichte. Bei "Ich gebe nicht auf.." allerdings hĂ€tte ich mir noch ein oder zwei SĂ€tze mehr gewĂŒnscht, etwa so was wie: „Was heißt ĂŒberhaupt aufgeben. Neh, ich bin noch im Spiel. Ich bin doch nur aufgestanden, um mir einen Satz aufzuschreiben: Falls es einen Gott gibt......

Soviel fĂŒr jetzt
Mit interdisziplinĂ€ren GrĂŒĂŸen
doktordigitalis

__________________
doktordigitalis

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Otto Lenk
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Registriert: Nov 2001

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Hallo herb,

es gibt immer einen Raum hinter dem Raum......

Hallo doktordigitalis,

ich danke dir fĂŒr deine Impulse.....

Gruß Otto

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