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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blicke in die Nacht
Eingestellt am 22. 07. 2012 00:10


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anbas
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Blicke in die Nacht

Die Nacht hat sich sanft ĂŒber die kleine Stadt gelegt. Noch vor wenigen Minuten, so scheint es ihm, war es draußen taghell gewesen. Doch wie er nun vor dem geöffneten Fenster steht und hinausblickt, hat die Dunkelheit schon lĂ€ngst Besitz von ihr ergriffen. Unten auf der Straße verschmelzen die Autos zu einem langsam dahinfließenden Strom von Lichtern. Die Menschen scheinen nun leiser und langsamer ihrer Wege zu gehen, und auch die ĂŒbrigen GerĂ€usche der nĂ€chtlichen Stadt, die zu ihm in den achten Stock empordringen, wirken gedĂ€mpft und weit entfernt.

Regungslos beobachtet er das Treiben auf der Straße. Langsam zieht er an der Zigarette, die er in der einen Hand hĂ€lt, wĂ€hrend seine andere ein leergetrunkenes Glas fest umklammert. Eine leichte Brise weht ihm durch das Haar. Vor ihm liegt ein blinkendes, glitzerndes Meer aus den blassen, fahlen Lichtern der Stadt. Langsam wandert sein Blick weiter ĂŒber die DĂ€cher zum Himmel empor. Kein einziger Stern ist zu sehen. Nur der Mond schimmert ab und zu verschwommen durch eine Wand aus Wolken und gelblich-grauen Abgasen.

Lange steht er so am Fenster. Die Zigarette liegt inzwischen ausgedrĂŒckt auf dem Fenstersims. Ein Windstoß haucht sie fort in die Nacht. Er atmet tief durch, schaut noch einmal kurz auf die Straße hinunter und schließt dann das Fenster. Mit einem Mal sind alle GerĂ€usche verstummt. Es ist ganz still in dem Zimmer. Er stellt sein Glas neben dem Fenster auf einer Kommode ab und greift zu der Flasche Whisky, die auch dort steht und bereits zur HĂ€lfte geleert ist. Langsam schraubt er den Verschluss ab, zögert, setzt ihn wieder auf, verschließt die Flasche und stellt sie zurĂŒck. Dann wendet er sich zum Fenster und zieht die Gardinen sorgfĂ€ltig zu.

Gedankenverloren beginnt er, durch den Raum zu gehen. Von der Kommode zur gegenĂŒberliegenden ZimmertĂŒr und zurĂŒck, immer wieder und wieder, ohne den Blick zu heben. Nach schier endlosen Minuten bleibt er bei dem kleinen, runden Tisch in der Ecke zwischen der Kommode und einem wackligen Regal stehen. Auf ihm liegen ein paar alte Zeitschriften, Kataloge und andere Papiere. Ohne genau hinzusehen nimmt er sich eines der Magazine, setzt sich in den schlichten Sessel, der neben dem Tisch steht, und blĂ€ttert wahllos durch die Seiten.

Die Zeit scheint stillzustehen. Eine schĂ€bige Stehlampe aus Messing, die neben dem Sessel steht, wirft ihren matten Lichtkegel auf den kleinen Tisch. Sie ist die einzige Lichtquelle in dem Raum. Nur das Rascheln, das beim BlĂ€ttern entsteht, ist zu hören. LĂ€ngst verstummt sind die Stimmen aus dem Treppenhaus wie auch die Musik aus der Nachbarwohnung. Erst das Knattern eines tief ĂŒber den DĂ€chern fliegenden Hubschraubers durchbricht die Stille.

Er hĂ€lt inne und lĂ€sst die Zeitschrift sinken. Dann zĂŒndet er sich eine neue Zigarette an und starrt mit leicht zurĂŒckgelegtem Kopf an die Zimmerdecke. Auf dem Tisch zwischen all den Papieren steht ein großer, ĂŒberfĂŒllter Aschenbecher aus Glas. Einige der Zigarettenstummel sind aus ihm herausgefallen und verstreuen sich bis hinunter auf den Fussboden.

Nach einigen ZĂŒgen wirft er noch einmal einen flĂŒchtigen Blick auf die Zeitschrift, bevor er sie zu den anderen zurĂŒcklegt. Zögernd erhebt er sich und geht dann aber entschlossen zu der Kommode hinĂŒber. Dort steht auch ein altes, schwarzes Telefon. Unter ihm liegt aufgeschlagen die Tageszeitung. Noch einmal sieht er sich das kleine Foto an, das in der linken unteren Ecke der Seite abgedruckt ist. Noch einmal liest er sich den kurzen Text durch, der neben diesem Bild steht. Diesen Text, den er doch bereits auswendig kennt, den er den ganzen Nachmittag ĂŒber immer wieder und wieder gelesen hat. So lange, bis es dann plötzlich Nacht geworden war, und er am offenen Fenster stand und in die Dunkelheit hinausstarrte.

Er nimmt sein Glas, fĂŒllt es und trinkt es in einem Zug leer. Langsam hebt er dann den Hörer ab und wĂ€hlt die Nummer, die in der letzten Zeile dieser kleinen, fast zu ĂŒbersehenden, Meldung angegeben ist. Diese Meldung, die mit der Überschrift beginnt: "Unbekannte Tote aufgefunden!".

__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

Version vom 22. 07. 2012 00:10
Version vom 27. 07. 2012 23:28
Version vom 29. 07. 2012 23:02

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USch
Guest
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Hallo anbas,

Unten auf der Straße waren die Autos zu einem langsam dahinfließenden Strom von Lichtern verschmolzen. Die Menschen schienen leiser und langsamer ihres Weges zu gehen, als wie sie es noch vor wenigen Minuten getan hatten. Die GerĂ€usche der nĂ€chtlichen Stadt, die zu ihm in den achten Stock empordrangen, wirkten gedĂ€mpft und weit entfernt.
Ich wĂŒrde drei SĂ€tze daraus machen!

Gardinen
Das e streichen!

Eine schÀbige Stehlampe aus Messing, die zwischen den Sesseln stehend ihren matten Lichtkegel auf den kleinen Tisch warf, bildete die einzige Lichtquelle. Klingt nicht!
Vorschlag: Eine schÀbige Stehlampe aus Messing steht zwischen den Sesseln und wirft ihren matten Lichtkegel auf den kleinen Tisch.

Mir hat die Geschichte gut gefallen. Du kannst vielleicht noch einmal ĂŒberlegen, ob du sie im PrĂ€sens schreibst. Dann bekommt sie noch mehr AuthentizitĂ€t.

LG Uwe


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anbas
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Hallo Usch,

vielen Dank fĂŒr die Textarbeit! Das Meiste habe ich ĂŒbernommen. Besonders gut finde ich die Idee mit dem Zeitenwechsel. Ja, das macht die Geschichte noch dichter.

Liebe GrĂŒĂŸe

Andreas
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Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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suzah
Guest
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hallo anbass,
mir gefÀllt diese geschichte, es bleibt offen, was passiert:
erkennt er in der unbekannten eine freundin o.Ă€. und entschließt sich, durch einen anruf bei der polizei zur aufklĂ€rung beizutragen, oder ist er selbst der mörder dieser unbekannten (was ich persönlich vermute) oder ruft er andere personen an.
soweit zur handlung.
das prÀsens finde ich gut.
es gibt - wie schon von anderen gesagt - einige sĂ€tze, die du Ă€ndern solltest und auch wiederholungen streichen. dadurch wĂŒrde m.e. die geschichte gewinnen.
ich mache mal einige vorschlÀge, vielleicht kannst du damit etwas anfangen.
liebe grĂŒĂŸe suzah

... das Haar. (wÀhrend er so am Fenster steht und in die Nacht starrt) dass er am fenster steht ist schon gesagt.
... Meer aus blassen, fahlen Lichtern – (den Lichtern der Autos) schon vorher erwĂ€hnt.
...verschließt die Flasche und stellt sie zurĂŒck.(auf die Kommode) und zieht die Gardinen sorgfĂ€ltig zu.
... wie ein gefangener Tiger seinen KĂ€fig. der tiger wohl nicht mit gesenkten augen.
Nach einer Weile bleibt er bei dem kleinen, runden Tisch in der Ecke zwischen der Kommode und einem wackligen Regal stehen. statt befindet sich.
auch der folgende absatz nicht so gut formuliert: Auf ihm liegen....
Die Zeit scheint stillzustehen. Eine schÀbige Stehlampe ... das wurde schon verbessert.
Einige der Zigarettenstummel sind (aus ihm herausgefallen und verstreuen sich bis hinunter) auf den Fussboden gefallen.
Dort steht (außer dem Glas und der Flasche Whisky auch) wissen wir schon ein altes, schwarzes Telefon.
folgendes ist unklar: sein blick fÀllt darauf als er gerade zum telefon greift, aber er hat doch schon dauernd darauf geblickt. besser vielleicht:
er blickt auf die tageszeitung die aufgeschlagen unter dem telefon liegt und sieht sich noch einmal das kleine foto an...
der rest ist ok.

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anbas
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Hi Suzah,

danke fĂŒr die Textarbeit. Habe im Moment nicht ganz den Kopf, mir das genauer anzusehen. Beim Überfliegen fand ich aber schon einiges, was ich wohl ĂŒbernehmen werde. Sobald der Kopf wieder freier ist, werde ich mich ans Werk machen .

Liebe GrĂŒĂŸe

Andreas
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(anbas)

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Maribu
???
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Blicke in die Nacht

Hallo Andreas,

du hast subtil beschrieben, wie "er" mit sich kÀmpft und versucht, sich mit Alkohol und Zigaretten zu betÀuben. Das gibt dem Text eine innere Spannung.
Im Gegensatz zu "suzah"Žs Meinung bleibt die Geschichte nicht offen. - Wer stundenlang zögert, mit sich ringt, die angegebene
Nummer zu wÀhlen, ist kein Zeuge, Angehöriger oder Freund der unbekannten Toten, sondern der Mörder.
Liebe GrĂŒĂŸe
Maribu

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anbas
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So, nun bin ich noch mal ĂŒber den Text gegangen und habe hier und da einige Änderungen vorgenommen. Danke, suzah, fĂŒr Deine Anregungen, die ich grĂ¶ĂŸtenteils aufgenommen habe.


Auch Dir, Maribu, danke ich fĂŒr Deine RĂŒckmeldung. Hm, von "Mord" steht nirgendwo etwas . Ich habe das bewusst offen gehalten, hatte aber beim Schreiben schon ein Gewaltverbrechen vor Augen. Doch muss es das nicht zwingend sein.

Aber ist er wirklich der TĂ€ter? FĂŒr mich gibt es noch weitere Möglichkeiten: Er kennt die Frau, steht aber so unter Schock, dass er zunĂ€chst nicht die Kraft hat, sich zu melden. Er kennt die Frau und wĂŒrde evtl. in eine Sache hineingezogen werden, die fĂŒr ihn nicht gut ist, wenn er sich meldet (vielleicht kennt er den TĂ€ter???). Wahrscheinlich gibt es noch mehr plausible ErklĂ€rungen fĂŒr sein Verhalten.

Du siehst, so klar ist es nicht unbedingt. Da möchte ich auch gerne jedem seinen eigenen Film im Kopfkino ablaufen lassen.

Auf jeden Fall freut mich, dass es mir gelungen ist, die Stimmung rĂŒberzubringen. Das war eines der Ziele dieses Textes.


Liebe GrĂŒĂŸe an Euch beide

Andreas

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(anbas)

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