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Leselupe.de > Kurzprosa
Blinder Fleck
Eingestellt am 05. 10. 2004 10:24


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Jasmina
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Registriert: Sep 2004

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Blinder Fleck

Ich stehe hinter der T├╝r und schaue durch den Spion hinaus in den Gang. Drau├čen ist niemand zu sehen. Nur das tr├╝be Licht im Treppenhaus schneidet die letzten PVC Meter ab. Die Glasscheibe des kleinen Dachfensters ist mit Taubenkot und faulem Laub bedeckt. Wenige milchige Lichtst├Ąbe fallen durch den Schmutz hindurch. Manchmal, an den Wochenden kann ich sehen wie sie die W├Ąnde langsam abtasten.
Ich stehe also vor dem Spion und warte. Nein, eigentlich warte ich nicht, ich schaue hinaus. Ich habe alles fest im Blick. Nur ein paar Zentimeter trennen mich vom Gang, doch das Bild ist fern. Es will sich auf meine Pupille legen wie mein an die Linse gepresstes Auge. Es kann nicht eindringen. Mein Auge ist ge├╝bt, findet sich sofort im Halbdunkel zurecht. Auf einer Fu├čmatte stehen Turnschuhe. Zwei T├╝ren weiter ein nasser Regenschirm und daneben eine zugebundene M├╝llt├╝te, die zum Container gebracht werden will.
Letzte Woche kam ein Mann auf meine T├╝r zu. Ich kannte ihn nicht. Ich habe den Daumen auf die Linse gelegt und bis drei├čig gez├Ąhlt. Dann war er weg. Schon als Kind habe ich das gemacht, immer wenn die Nachbarin hochkam und mich aus der Wohnung an ihren Mittagstisch locken wollte. Die Eltern arbeiteten tags├╝ber und ich war nach der Schule allein. Irgendwann aber gab meine Mutter der Frau den Schl├╝ssel. Ohne es mir zu sagen. Ich stand auf der umgedrehten Holzkiste und spielte mein Daumenspiel. Doch sie verschwand nicht. Sie ri├č die T├╝r auf, ich fiel von der Kiste und schlug mir den Kopf an. Da wusste ich, dass man nichts aus den Augen verlieren darf, egal was kommt.
Der blinde Fleck ist eine T├Ąuschung, mir entgeht nichts.
Ein winziger Punkt soll er sein, direkt am Sehnerv. Blind, weil dort keine Lichtrezeptoren sind. Die L├╝cke wird aber sogleich geschlossen. Es hei├čt, das andere Auge reguliere dieses Loch sofort ohne dass man es wahrnehmen w├╝rde. Die kleinste Gefahr einen Riss im Bild zu erkennen wird sofort ausgel├Âscht. Vielleicht beunruhigt das manche Menschen. Da ist etwas, das die Welt au├čen vor lassen will, etwas, das sich wehrt gegen das eindringende Licht. Vergeblich, aber dennoch. Abgeschnitten zu sein vom Licht - diese Angst vor der Dunkelheit wohnt in vielen. Eine durchaus unpraktische Konstruktion hat die Evolution da hervorgebracht, Menschen sinnlos in diese Furcht vor einem immer gr├Â├čer werdenden blinden Fleck zu versetzen. Dabei bemerken sie ihn doch gar nicht. Darauf kommt es doch an. Wird alles sofort ausgeglichen und man bleibt keineswegs in einem Bild mit einem Schatten zur├╝ck. Alles strahlt, Dunkelheit gebannt.
Die Wahrnehmung der Welt ist also vollkommen sicher.
Oft stehe ich fast eine halbe Stunde am Spion, gerade gegen Abend. Dann wird es besonders schwer alles fest im Blick zu behalten. Au├čer der Dachlucke im Treppenhaus gibt es keine nat├╝rliche Lichtquelle. Doch ich werde besser, beginne selbst in der totalen Dunkelheit mehr Einzelheiten zu erkennen. Vor mir liegt der Gang an dessen Ende die St├Ąbe jetzt allm├Ąhlich dunkel ausfransen. Heute wird es besonders dunkel werden, es hat den ganzen Tag geregnet. In einer halben Stunde wird nichts mehr zu sehen sein.

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An Jasmina

Endlich ein Lichtblick, und kein blinder Fleck.
Erst las ich den Text. Er ist gut und gut geschrieben.
Dann sah ich, dass du neu hier bist und war begeistert.

Ich sehe den Text eher als Kurzprosa denn als Geschichte, und es hat mich nur eine Stelle aus der bizarren Stimmung gerissen, die du gekonnt erzeugt hast:

Eine durchaus unpraktische Konstruktion hat die Evolution da hervorgebracht, Menschen sinnlos in diese Furcht vor einem immer gr├Â├čer werdenden blinden Fleck zu versetzen. Dabei bemerken sie ihn doch gar nicht. Darauf kommt es doch an.

Der Satz ist einwandfrei und doch hat er mich gest├Ârt. Aber das soll kein Makel sein.

Wenn dieser Anfang vielversprechend ist, dann freue ich mich auf weitere Texte von dir.

Lotte Werther

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AndreasGaertner
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Jasmina,

Der Inhalt Deines Textes ist bedr├╝ckend: Aus dem Spion sehen, als Lebenswerk, da├č es zu vervollkommnen gilt!

Einige freundlich gemeinte Anmerkungen zum Text an sich:

Blinder Fleck

Ich stehe hinter der T├╝r und schaue durch den Spion hinaus in den Gang. Drau├čen ist niemand zu sehen. Nur das tr├╝be Licht im Treppenhaus schneidet die letzten PVC Meter ab.

Im diffusen Licht sind auch die Abgrenzungen diffus.


Die Glasscheibe des kleinen Dachfensters ist mit Taubenkot und faulem Laub bedeckt. Wenige milchige Lichtst├Ąbe fallen durch den Schmutz hindurch.
Die Fenster sind milchig!

Manchmal, an den Wochenden kann ich sehen wie sie die W├Ąnde langsam abtasten. gef├Ąllt mir


Es will sich auf meine Pupille legen, wie mein an die Linse gepresstes Auge. Es kann nicht eindringen. Mein Auge ist ge├╝bt, findet sich sofort im Halbdunkel zurecht. Auf einer Fu├čmatte stehen Turnschuhe. Zwei T├╝ren weiter ein nasser Regenschirm und daneben eine zugebundene M├╝llt├╝te, die zum Container gebracht werden will.?
Letzte Woche kam ein Mann auf meine T├╝r zu. Ich kannte ihn nicht. Ich habe den Daumen auf die Linse gelegt und bis drei├čig gez├Ąhlt. Warum gerade bis drei├čig? Dann war er weg. Dann ist er weg! Warum dann die zwei S├Ątze?

Schon als Kind habe ich das gemacht, immer wenn die Nachbarin hochkam und mich aus der Wohnung an ihren Mittagstisch locken wollte. Die Eltern arbeiteten tags├╝ber und ich war nach der Schule allein. Irgendwann aber gab meine Mutter der Frau den Schl├╝ssel. Ohne es mir zu sagen. Ich stand auf der umgedrehten Holzkiste und spielte mein Daumenspiel. Doch sie verschwand nicht. Sie ri├č die T├╝r auf, ich fiel von der Kiste und schlug mir den Kopf an. Da wusste ich, dass man nichts aus den Augen verlieren darf, egal was kommt. Ein Grund, st├Ąndig weiter durch den Spion zu linsen ...Sicher ist sicher ...Der blinde Fleck ist eine T├Ąuschung, mir entgeht nichts.
Ein winziger Punkt soll er sein, direkt am Sehnerv. Blind, weil dort keine Lichtrezeptoren sind. Die L├╝cke wird aber sogleich geschlossen. Es hei├čt, das andere Auge reguliere dieses Loch sofort ohne dass man es wahrnehmen w├╝rde.

Es ist das Gehirn selbst, da├č den toten Punkt im beiden Augen, anhand der Informationen des Gesamtbildes interpretiert und die Blindstellen ├╝berschminkt!


Die kleinste Gefahr einen Riss im Bild zu erkennen wird sofort ausgel├Âscht. Vielleicht beunruhigt das manche Menschen. Da ist etwas, das die Welt Wieso setzt du die Welt pl├Âtzlich mit den ├ängsten der Protagonistin gleich? Du meinst doch; Da ist etwas, da├č sich in ihr gegen das Licht wehrt!!! nicht au├čen vor lassen will, etwas, das sich wehrt gegen das eindringende Licht. Vergeblich, aber dennoch. Abgeschnitten zu sein vom Licht - diese Angst vor der Dunkelheit wohnt in vielen.?? Eine durchaus unpraktische Konstruktion hat die Evolution da hervorgebracht Die Evolution tut das bestm├Âgliche!, Menschen sinnlos in diese Furcht vor einem immer gr├Â├čer werdenden blinden Fleck zu versetzen. Dabei bemerken sie ihn doch gar nicht. Darauf kommt es doch an. Wird alles sofort ausgeglichen und man bleibt keineswegs in einem Bild mit einem Schatten zur├╝ck. Alles strahlt, Dunkelheit gebannt. Du verallgemeinerst Deine eigenen Gedanken, ohne Beleg! Die Wahrnehmung der Welt ist also vollkommen sicher???

Oft stehe ich fast eine halbe Stunde am Spion, gerade gegen Abend. Dann wird es besonders schwer alles fest im Blick zu behalten. Au├čer der Dachlucke im Treppenhaus gibt es keine nat├╝rliche Lichtquelle. Doch ich werde besser, beginne selbst in der totalen Dunkelheit mehr Einzelheiten zu erkennen. Vor mir liegt der Gang an dessen Ende die St├Ąbe jetzt allm├Ąhlich dunkel ausfransen. Heute wird es besonders dunkel werden, es hat den ganzen Tag geregnet. In einer halben Stunde wird nichts mehr zu sehen sein.




Die Parabel, die Du an den Sehnerv des menschlichen Auges anlegst, finde ich m├Ą├čig geschrieben und mangelhaft durchdacht.

Viele Gr├╝sse
Andreas


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gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
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Hallo Jasmina,

mir gef├Ąllt dein Text sprachlich gut. Die Situation ist nachvollziehbar, sehbar und glaubhaft dargestellt. Auch wenn ich pers├Ânlich nicht glaube, dass der blinde Fleck immer gr├Â├čer wird und die Menschen sich in ihrer Mehrheit ├╝berhaupt Gedanken um ihn machen (vielleicht sind es diese von Dir getroffenen Annahmen, die Lotte Werther gest├Ârt haben), schlie├če ich mich ihrem zustimmenden Urteil vollst├Ąndig an.

gru├č
gareth

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Jasmina,

ich kann mich im Wesentlichen meinen Vorrednern, insbesondere Lotte Werther und manchen (nicht allen) Kritikpunkten AndreasGaertners, anschlie├čen. Die streng durchgehaltene Perspektive hat mich am meisten beeindruckt. Es bleibt allenfalls die Frage: Wof├╝r die akribische Beschreibung? Manche S├Ątze scheinen mir noch nicht ganz glaubhaft, konsequent, authentisch genug, um die Situation zu belegen. Aber der Text hat meine ganze Sympathie.

Auch ich dachte gleich bei der Freischaltung: Das ist Kurzprosa und keine Geschichte im eigentlichen Sinn! Aber die Grenzen sind manchmal flie├čend.

Vielleicht schaust du dir mal den Forentext in Kurprosa und einige dort eingestellte Texte an. Grunds├Ątzlich w├Ąre ich f├╝r eine Verschiebung zur Kurzprosa.

Liebe Gr├╝├če

Monfou

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AndreasGaertner
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe jasmina, liebe Lotte, lieber Gareth und lieber Monfou.

Keine Frage, da├č du, Jasmina, eine hochinteressante Geschichte geschrieben hast ...

Aber drei Dinge:


Nur das tr├╝be Licht im Treppenhaus schneidet die letzten PVC Meter ab. Die Glasscheibe des kleinen Dachfensters ist mit Taubenkot und faulem Laub bedeckt. Wenige milchige Lichtst├Ąbe fallen durch den Schmutz hindurch. Manchmal, an den Wochenden kann ich sehen wie sie die W├Ąnde langsam abtasten.

Das beschriebene milchige Licht kann nur Mondlicht! sein. Dann darf es aber weder tr├╝be, noch die Schatten der faulen Bl├Ątter werfen, um abgeschnitten zu erscheinen.

Ein winziger Punkt soll er sein, direkt am Sehnerv. Blind, weil dort keine Lichtrezeptoren sind. Die L├╝cke wird aber sogleich geschlossen. Es hei├čt, das andere Auge reguliere dieses Loch sofort ohne dass man es wahrnehmen w├╝rde.

Schlie├če mal ein Auge. Wenn Du dann einen schwarzen Fleck auf dam anderen Auge erkennst, dann ist er nicht auf der Retina.


Wenn Du pers├Ânliches verallgemeinerst, dann nicht so:

Der Inder frisst Dreck, da├č er wenigstens ein V├Âllegef├╝hl hat. --> Die Gier ist der Motor der Weltwirtschaft.


.. sondern eher mit Bezug, nicht so weit entfernt vom Kontext.


Von meiner nicht so guten Bewertung abgesehen, wirst Du in der LL sicherlich viele interessierte Leser finden, auch mich!

Viele liebe Gr├╝sse an euch alle ...
Andreas

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