Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92264
Momentan online:
430 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blitz
Eingestellt am 05. 07. 2001 10:06


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Blitz

Sie kamen in der Bergh├╝tte an, endlich. Gabi war erledigt von der r├╝ttelnden Zugfahrt, vom Schleppen der Taschen zur Seilbahn ÔÇô in diesem d├Ąmlichen Kaff kannten die so etwas wie Taxis nur vom H├Ârensagen ÔÇô dieses ganze Gezeter um das Asthma der Kleinen, das zu dieser tollen Reise gef├╝hrt hatte, all das wuchs sich aus zu einer unertr├Ąglichen Last, die ihr ihrerseits den Atem abschn├╝rte. Aber wen interessierte das schon? Mama hatte seit der Geburt der Kleinen nur noch Augen, Ohren und Gef├╝hle f├╝r dieses Balg, was f├╝r einen ihrer Sinne lie├č sie noch f├╝r Gabi ├╝brig? Keinen. Erwachsen sollte sie sein mit ihren neunzehn Jahren, erwachsen und nicht so egoistisch, wo die Kleine sich doch nicht wehren k├Ânne gegen so eine Gro├če wie sie. Nicht so egoistisch, pah! Das hatte sie sich schon anh├Âren m├╝ssen, als sie Mama beichtete, dass ihre Regel bereits zum zweiten Mal ausgeblieben war, danach von ihr zum Frauenarzt geschleift und im Anschluss daran von allen aus der Familie nieder gemacht worden war, als sie es wegmachen lassen wollte. Sie wollte dieses Ding in ihrem Bauch nicht, das sie kotzen und ihr Leben nur noch komplizierter machte. In der Schule hatte sie ohnehin Schwierigkeiten genug, keinen Plan, was sie sp├Ąter im Leben machen wollte, schlechte Noten und jeder Erwachsene hackte auf ihr herum, sie m├╝sse doch endlich mal Verantwortung f├╝r ihre Zukunft ├╝bernehmen ÔÇô wie sie das ankotzte, wenn sie doch endlich einfach mal ihre Ruhe h├Ątte! Und dann das. Der Kerl, der sie wahrscheinlich geschw├Ąngert hatte, war ein Player, wie sie hinterher mitbekam, der wollte sie nur ficken und war dann schon wieder verschwunden, keinen Nachnamen wusste sie von dem, nicht einmal seinen richtigen Vornamen, nur seinen Nick. Weder ihre allwissende Mutter noch ihr d├Ąmlicher Frauenarzt hatten ihr gesagt, dass die Pille nicht wirkt, wenn man D├╝nnschiss hatte und wer verdammt noch mal liest wirklich diese verdammten Waschzettel? Klar, zum Ausbaden der Schei├če, da konnten die sie verdonnern, sie war ja jung und doof und hatte kein Recht auf eine eigene Meinung. Drei Jahre war die Kleine jetzt alt und Gabi war immer noch ohne Schulabschluss und Ausbildung, hatte nach der Geburt (so eine schmerzhafte Schei├č-Aktion!) den Anschluss endg├╝ltig nicht mehr geschafft, hing immer nur zu Hause rum und zog sich s├Ąmtliche Talkshows in der Glotze rein, w├Ąhrend ihre Mutter st├Ąndig um das Balg herumgluckte. Dann das Asthma der Kleinen, der Kinderarzt sagte, die Umweltverschmutzung in der Stadt sei schuld und das Kind m├╝sse unbedingt eine Zeit lang an einen Luftkurort, weg von den Abgasen, am Besten in die Berge. Ja verdammt, aber doch nicht ausgerechnet im Winter! Aber Mama wusste ja wie immer alles besser, Gabi wehrte sich nicht mehr dagegen ÔÇô hatte sowieso keinen Sinn ÔÇô man durfte da auf keinen Fall warten, bis etwa die Krankenkasse so was bezahlt, nein, es musste sofort gehandelt werden. Da die Kohle nicht so dicke ges├Ąt war, wie immer, nie hatte sie anderes erlebt, suchte man nat├╝rlich etwas G├╝nstiges, ein Sonderangebot, so kam die Idee mit diesem Bergbauernhof, der Zimmer an Ferieng├Ąste vermietete. Bauernhof! Eine elende H├╝tte war das, was sich nach der Schlepperei von der Seilbahnstation zu der elenden Ansammlung verrotteter alter H├Ąuser als ihr Reiseziel entpuppte.
Sie kamen also an. Mama klopft und eine alte verschrumpelte Frau ├Âffnet die T├╝r. Was f├╝r eine T├╝r ÔÇô zusammengenagelte alte verrottete Bretter mit dicken rostigen Eisenbeschl├Ągen, die schief aufschwangen. Genauso schief wie der Blick der Alten, die sie musterte und nach Mamas Erkl├Ąrung, sie seien die angemeldeten Ferieng├Ąste, mit einem Nicken endete, in dessen Anschluss der d├╝rre alte Leib die T├╝r├Âffnung freigab und somit den Blick in einen dunklen Flur, an dessen Ende eine weitere offen stehende T├╝r Einsicht in eine Stube mit Kachelofen gew├Ąhrte. Gegen das Wesen, das auf der Bank vor dem Kachelofen sass, war die Alte an der T├╝r noch als ausgesprochen jugendfrisch zu bezeichnen. Ein Wust aus ├╝ber einander getragenen Strickjacken und R├Âcken, fast leer wirkend, h├Ąngte nicht dar├╝ber ein seltsam br├Ąunlich gegerbter Lederapfel von Kopf, dessen zugeh├Ârigen K├Ârper man vergeblich unter den Stoff- und Wollschichten zu erahnen suchte. Das einzig lebendige waren zwei eifrig sich bewegende Augen inmitten dieser unergr├╝ndlichen Fl├Ąche aus Runzeln. Und der Gestank in der H├╝tte! Es stank nach aufgew├Ąrmtem Sauerkraut und ungewaschenen Haaren, dem Geruch alter Frauen eben. Gabi unterdr├╝ckte ein Seufzen. Sie hatte zwar nicht so recht gewusst, was sie wollte, aber was sie nicht wollte, das wusste sie immer. Auf jeden Fall nicht mitten im Schnee auf einem beschissen Berg in der K├Ąlte mit zwei vermuffelten Greisinnen, ihrer Mutter und der ewig greinenden Kleinen eingesperrt sein! Mama verzog das Kind, das arme kranke Kind, den ungewollten Spross einer gar nicht mal so tollen Liebesnacht, hektisch und voller m├Ąnnlicher Gier. Gabi hatte seine K├╝sse und seine zu hart zupackenden H├Ąnde ├╝ber sich ergehen lassen, weil sie es nicht anders kannte und weil sie auch mit niemandem wirklich dar├╝ber reden konnte, wie es denn sein k├Ânnte, wenn es wirklich sch├Ân w├Ąre. Sie tat nur, was alle taten, denn Jungfrauen waren ebenso Mega-out wie Schlampen, die es mit jedem trieben. War sie eine Schlampe? Nein, sie konnte ja nicht wissen, dass der Kerl blo├č zwei Wochen lang nett zu ihr war und aufmerksam, weil er sie ins Bett kriegen wollte und deshalb in Sicherheit wiegen. Er erz├Ąhlte ihr sogar, sie sei das erste M├Ądchen, das er wirklich liebe und sie d├Ąmliche naive Kuh hatte es nat├╝rlich geglaubt, einfach nur weil es so gut tat, dieses Gef├╝hl, jemand Besonderes zu sein. Heute war sie nichts mehr, nicht mehr als ein Brutkasten f├╝r dieses Balg, das ihre Mutter mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit ├╝bersch├╝ttete, mehr Aufmerksamkeit, als Gabi erinnerte, je erhalten zu haben. Da waren sie nun also, sie, der Packesel, ihre Mutter und die Kleine und Mama fragte die Alte an der T├╝r, wo denn ihre Zimmer seien. Die Greisin deutete mit ihrem Kopf eine steile Stiege hinauf, w├Ąhrend das D├Ârrobst auf der Ofenbank den Hals lang machte, um nichts zu verpassen. Die alten Weiber sagten die ganze Zeit kein Wort, Gabi dachte sich, vielleicht sch├Ąmen die sich wegen ihres Dialekts oder die denken, die Preu├čen verstehen ja sowieso nicht, was wir sagen. Oder die Eingeborenen hier sparten einfach W├Ârter, um bei der K├Ąlte nicht zu viel warme Luft zu verlieren. Egal. Sie wollte nur noch in ein Bett fallen und tot sein, vielleicht sich sp├Ąter einen runterholen zum Abschalten, andere Freuden erwartete sie sich nicht von diesem grauenhaften Ort. Also schleppte sie die Taschen in die Kammer im ersten Stock, die f├╝r die n├Ąchsten vier Wochen ihr Zuhause sein sollte.

Anderntags mochte die Kleine Schlitten fahren und Mama ├╝berlie├č Gabi die ruhmvolle Aufgabe, mit ihr zu gehen. War schon komisch, immer wenn es k├Ârperlich anstrengend zu werden drohte, dann kam Mama mit den doofen Spr├╝chen ├╝ber Mutterpflicht und dass sie sich die Kleine nicht entfremden d├╝rfe und es sei doch ihr eigen Fleisch und Blut und all solcher gequirlter Kacke. Damit es nicht wieder ├ärger g├Ąbe, zog sie der Kleinen den Schneeoverall an und die neuen Winterstiefel, den Schal, die M├╝tze, Handschuhe nicht vergessen und auf keinen Fall das Gesichtchen einzucremen, sonst zetert Mama wieder tagelang ├╝ber ihre Verantwortungslosigkeit. Der Rodelhang war ziemlich hoch und steil und das arme asthmatische Kind durfte nat├╝rlich nicht da rauf laufen, sondern musste unbedingt auf dem Schlitten sitzend gezogen werden. Gabi keuchte diesen verdammten Berg hinauf, der Wind blies von vorn und trug Schnee in ihr Gesicht. Die Kleine plapperte die ganze Zeit irgendwelchen Kleinkindersabbel und Gabi w├╝nschte sich weit weg an einen warmen Ort; Florida m├╝sste jetzt Klasse sein, da ist es warm im Winter hatte sie in der Glotze gesehen in irgend so einem Reisemagazin. Aber das konnte sie sich abschminken, jede ├╝brige Mark wurde in das Kind gesteckt. Der Wind wurde st├Ąrker und brachte nun kleine Eisnadeln mit sich, die in die Haut stachen wie gl├╝hende Nadeln, komisch, sind doch eigentlich kalt aber f├╝hlen sich hei├č an, die Dinger. Noch beschissener kann es nicht mehr werden, dachte Gabi, da fing die Kleine an zu heulen, aua, aua, die Eisdinger pieksten die zarte babycreme-gecremte Haut, Gabi, mach das weg, mach was, sonst pl├Ąrrte das Balg noch, wenn wir zur├╝ck k├Ąmen und Mama hielte wieder einen Vortrag dar├╝ber, dass man sie nicht alleine lassen k├Ânne mit dem Kind, weil sie die kleinsten Kleinigkeiten nicht geregelt bek├Ąme. Also lie├č sie sich auf alle Viere nieder und krabbelte, den Schlitten hinter sich her zerrend, nun als lebender Windbrecher den Berg hinauf, ihren R├╝cken vor dem Gesicht der Kleinen, blo├č Ruhe. Bitte.

Es knallt. Ein Schlag rei├čt sie zu Boden, ein brennend hei├čer Schmerz f├Ąhrt in ihren Nacken, in die Mulde rechts neben der Halswirbels├Ąule, bohrt sich von dort l├Ąhmend in all ihre Knochen. Sie hat das Zugseil losgelassen, die Kleine ist vom Schlitten gefallen und w├╝hlt sich kreischend aus dem Schnee. Der Schlitten liegt neben Gabis linker Hand und von dieser springen blaue Funken und kleine Blitze auf die eisernen Kufen ├╝ber, geheimnisvoll knisternd wie Seidenpapier an Heilig Abend, und h├╝llen das Gef├Ąhrt und sie in einen Schimmer aus morbidem Licht. Die Kleine schreit, sie klingt so weit entfernt. Gabi liegt flach auf dem Bauch und die Erkenntnis trifft sie wie ein zweiter Schlag: Ein Blitz hat sie getroffen! Sie sp├╝rt den Strom in ihrem K├Ârper kreisen und wei├č nur noch eines, sie will nicht sterben, warum hat es nicht das Balg erwischt, die Wurzel all ihres Ungl├╝cks, nein, sie will nicht sterben. Halb gel├Ąhmt, schafft sie es irgendwie und erinnert sich an den Physikunterricht, sie muss sich erden, Millimeter f├╝r Millimeter trotzt sie dem rasenden Schmerz in ihren Muskelfasern die Bewegung ab und steckt ihre nackte rechte Hand in den Schnee. Die Ladung str├Âmt aus ihr wie Wasser aus einer geborstenen Steigleitung und gleichzeitig ihr Schrei, der wilde Schrei eines verwundeten Tiers.

Todesangst. Zugeschn├╝rte Kehle, ihre Brust in einen immer enger werdenden Panzer gepresst, sie bekommt keine Luft, sie erstickt...

Gabi sch├╝ttelt sich und tapst im dunklen Bett nach dem vertrauten K├Ârper neben ihr. So heftig hat sie schon lange nicht mehr getr├Ąumt. Im Halbschlaf nimmt er sie in seine Arme. Kein Trost. Zuviel Adrenalin. Die Stelle, an der im Traum der Blitz sie traf, schmerzt h├Âllisch. Sie befreit sich aus der schlaftrunkenen Umarmung, schl├╝pft aus dem Schlafzimmer und geht hinaus auf den Balkon. Es ist f├╝nf Uhr morgens. Ein wundervoller Sommermorgen. Es hat nachts wieder geregnet, die Luft ist klar und frisch. Aus einer Wohnung des Nachbarhauses dringt laute Radiomusik. Sie saugt heftig die Morgenluft in ihre Lungen wie eine vom Ertrinken Gerettete, dehnt und streckt sich und der verrutschte Halswirbel springt mit lautem Krachen wieder an seinen Platz.

Nein, sie bereut es nicht, damals abgetrieben zu haben.

CMvM 2001



__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


connor
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Chrissie.

Dein Text liest sich sehr fl├╝ssig, und obwohl ich von derart Gedanken/Tr├Ąumen Deines M├Ądchens weit entfernt bin, kann ich mich gut hineinversetzen. Ausserdem gef├Ąllt mir wie immer das Wie Deines Schreibens.

Herzliche Gr├╝sse
Kathleen

Bearbeiten/Löschen    


Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Liebe Kathleen,

danke f├╝r Dein positives Feedback. Ich hatte ehrlich gesagt ein wenig Bedenken ob ich es noch kann (da ich seit fast 20 Jahren keine Kurzgeschichte mehr geschrieben hatte), jedoch das Bed├╝rfnis, mal wieder l├Ąngeres als Gedichte zu verfassen war sehr dringlich.
Die eine oder andere ├änderung ist m.E. nach schon noch f├Ąllig (Wortwiederholungen, die nicht dem Ausdruck dienen etc.), aber ich bin wohl wie immer selbst mein sch├Ąrfster Kritiker.

Liebe Gr├╝├če
Chrissie
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen    


Der kleine Grauhai
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 16
Kommentare: 96
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Gef├Ąllt

mir wie du schreibst liebe chrissie.
__________________
Kommt doch mal in mein Korallenriff

Bearbeiten/Löschen    


Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 87
Kommentare: 1122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Willi Corsten eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo crissi,

eine richtig gute Kurzgeschichte, geschickt aufgebaut, mit Einleitung, Mittelteil und ├╝berraschender Pointe.
Du steigerst kontinuierlich die Spannung, stellst die Personen - besonders den Bergbauern - bildhaft sch├Ân dar und schilderst ├╝berzeugend die Gedankenwelt der Neunzehnj├Ąhrigen.
Kompliment! Kaum zu glauben, dass du so lange keine Kurzgeschichte mehr geschrieben hast.
Es gr├╝├čt lieb
Willi

Bearbeiten/Löschen    


Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Danke f├╝r das Lob! Gibt mir Motivation, mehr Prosa zu schreiben...
Aber findet denn niemand einen Fehler? Das kann doch gar nicht sein, oder?

*schauder*
Chrissie
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!