Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5528
Themen:   94466
Momentan online:
459 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blitzgescheit (V2)
Eingestellt am 11. 01. 2018 13:00


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Tunix
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2018

Werke: 5
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tunix eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Alles hier war viel zu hell, es hĂ€tte dunkel sein mĂŒssen als ich die Augen wieder öffnete. Die Hand, die sie mir hinhielt hatte wohl eher symbolischen Charakter. Die Dame schien gerade krĂ€ftig genug, sich selbst auf den Beinen zu halten. Ich griff dennoch danach und stand langsam auf. Meine Hose klebte an den Beinen, Mein Mantel war ruiniert und mein Hemd noch feucht. Ich erinnerte mich an den Regen der letzten Nacht, an das Gewitter, an den grellen Blitz und den kurzen Schmerz. Danach erinnerte ich mich an nichts mehr.

„Du bist in Genf, du bist gestern angereist, du wohnst im Hotel, Klimakonferenz, Vortrag um vierzehn Uhr.“ Ich sortierte meine Welt und scheiterte an der Einsortierung des Blitzes, der darin eingeschlagen hatte. Irgendwas hatte der ausgelöst, etwas, das ich nicht fassen konnte, weil es grĂ¶ĂŸer war als meine Welt von gestern.

Die Dame fragte auf Französisch, ob es mir gut gehe. Ich bestĂ€tigte ihr das in ihrer Sprache und durch Kopfnicken. Ich hatte noch nie wirklich Französisch gesprochen, unter der letzten Französischarbeit meines Schullebens hatte „traumhaft“ als Kommentar gestanden und die Lehrerin hatte mir nahegelegt, meine Unlust in einem anderen Kurs auszuleben. Jetzt sprach ich es fließend. Ich dankte ihr und hĂ€tte sie beinahe namentlich verabschiedet aber das hĂ€tte sie wohl eher verunsichert als erfreut. Gestern Abend hatte ich die Orientierung verloren, heute wusste ich genau, wo ich war, wo ich lang musste, kannte jedes Haus und jede Geschichte, die sich hinter seinen Mauern abgespielt hatte. Jeden der Umstehenden hĂ€tte ich mit Namen begrĂŒĂŸen können, weil ich sie alle kannte, obwohl ich sie gerade zum ersten Mal sah.

Es war nach elf und zu spĂ€t fĂŒr ein HotelfrĂŒhstĂŒck als ich wiederhergestellt in der BĂ€ckerei stand und meine abgezĂ€hlten MĂŒnzen auf der Theke platzierte. Den fragenden Blick der VerkĂ€uferin beantwortete ich mit einer Entschuldigung und meiner Bestellung. Als ihre Kasse den ĂŒberreichten Betrag errechnete, hĂ€tte ihr Blick nicht misstrauischer ausfallen können. „GlĂŒckstreffer“, log ich und setzte ein LĂ€cheln auf, erhielt aber keins zurĂŒck.

Ich wollte Katja anrufen und ihr erzĂ€hlen, was mir passiert war. Es erschien mir allerdings unmöglich, ihr am Telefon begreiflich zu machen, dass ich heute auf der Straße aufgewacht und ĂŒber Nacht mit einem allumfassenden Wissen ausgestattet worden war. Und ich hĂ€tte es ihr in jeder Sprache erzĂ€hlen können. Sie wĂŒrde mich fĂŒr betrunken halten oder fĂŒr verrĂŒckt erklĂ€ren. Ich beließ es bei meiner tĂ€glichen SMS und wĂŒrde sie am Abend anrufen.

Mein Vortrag erschien mir stĂŒmperhaft und ohne jede Sorgfalt erstellt als ich ihn noch einmal durchging. Ich warf das Manuskript in den Papierkorb und entschied mich fĂŒr einen freien Vortrag. Dass der Gletscher auf der Zugspitze innerhalb von gut hundert Jahren auf ein Sechstel seiner GrĂ¶ĂŸe geschrumpft war, mochte spektakulĂ€r klingen, war aber keine Ausnahme. Heute wusste ich, was wir bis gestern nur anhand von Bodenproben, Ausgrabungen und Berechnungen hatten belegen können.

Ich zĂ€hlte die Gletscher mit den dramatischsten Entwicklungen auf und fĂŒgte hinzu, wann welche Arten aussterben wĂŒrden, wenn diese Entwicklungen anhielten. Gelegentliches Kopfnicken und tippende Finger derer, die scheinbar nachrechneten, was ich gerade behauptet hatte, waren die einzigen Reaktionen auf meine AusfĂŒhrungen. Ein paar ausgetauschte Blicke ließen mich vermuten, dass ich es mit den auswendig vorgetragenen Zahlenkolonnen ĂŒbertrieb. Ich musste nichts ausrechnen, weil ich alles wusste, es war einfach da. Alles sprudelte aus mir heraus. Noch wĂ€hrend es sprudelte ĂŒberfiel mich die Erkenntnis, die mir der Blitz vorenthalten hatte, dass all das Wissen nichts nĂŒtzte, weil es mir nur gewiss machte, was die meisten ohnehin ahnten – und ignorierten.

Etwas zu wissen, ist kein Beweis. Ein Amerikanischer Kollege erinnerte mich daran, indem er nach meinem Vortrag einwarf, die globale ErwĂ€rmung könne auch durch die Sonne verursacht werden. Er berief sich auf seine letzte Studie, die Temperaturen an den Polen mit denen am Äquator verglich.

„Ist das die Studie, fĂŒr die Ihnen die Southern Corporation etwas mehr als sechzigtausend Dollar gezahlt hat? Haben Sie einfach vergessen, dieses Detail zu erwĂ€hnen oder ist das jetzt nicht mehr ĂŒblich?“ Mein Versuch, freundlich zu bleiben, scheiterte schon im Ansatz. Der Kerl hatte ĂŒber Jahre Millionen unter anderem von Energiekonzernen kassiert. Unter seinen Förderern waren so unverdĂ€chtige Namen wie Exxon Mobil und auch die heimische RWE AG zitierte ihn gerne.

Die verhaltenen Lacher, die ich erntete, kamen von denen, die nicht befĂŒrchten mussten, selbst entlarvt zu werden.
„Ich habe nichts dagegen, dass sie so fleißig Drittmittel sammeln aber das Spiel das Sie spielen, ist so alt wie hinterhĂ€ltig. Sie sĂ€hen Zweifel, wo es einem Normalsterblichen gar nicht möglich ist, Beweise zu erbringen. Und wenn es Beweise gibt, zweifeln Sie auch die an. Der einzige Beweis, den Sie und Ihre Geldgeber fĂŒr die Zerstörung der Welt zulassen wĂŒrden, ist die zerstörte Welt selbst.“

Ich schloss meinen Vortrag, entschuldigte mich fĂŒr das unvollstĂ€ndige Manuskript und versprach, ein ĂŒberarbeitetes zu verteilen. Ich diktierte es auf der RĂŒckfahrt, die ich vorverlegt hatte, weil ich Katja wiedersehen wollte. Mein Sitznachbar sah mich mit offenem Mund an, nachdem ich die Daten von mehr als einem Dutzend Gletschern diktiert hatte. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Dieses Wissen hatte auch seine amĂŒsanten Seiten.

Mein Manuskript enthielt mehr Fakten als ich in einem ganzen Leben hĂ€tte zusammentragen können. Die Reaktionen waren ernĂŒchternd. Meine Zahlen und Behauptungen wurden in Frage gestellt, weil sie zwar schlĂŒssig aber nicht beweisbar waren. Als stĂŒnden wir noch immer vor einer weißen Wand aus Unwissen ĂŒber die Natur und den Einfluss des Menschen auf sie. Konzerne bezahlten weiterhin Studien und Regierungen beriefen sich darauf. Zweifel wurden in die Welt gesetzt und reichten aus, damit die Mehrheit der Menschen glaubte, nichts an ihrem Verhalten Ă€ndern zu mĂŒssen.

Ich ging zu einem Juwelier und beschrieb ihm solange den Ring, den sich Katja so wĂŒnschte und von dem sie mir nie erzĂ€hlt hatte, bis er eine – nach meinen MaßstĂ€ben – perfekte Zeichnung davon angefertigt hatte.
„Machen Sie zwei davon, das werden unsere Eheringe.“
Der Antrag war nicht weniger aufregend, nur weil ich die Antwort kannte.
Den Wunsch nach Kindern musste ich ihr nicht ausreden. Die Welt, in der sie leben mĂŒssten, wĂŒnscht man niemandem.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung