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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blockade 1941/ 1944
Eingestellt am 09. 08. 2002 10:20


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Suzie
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Blockade 1941/ 1944
(Die Farben Totenblass und Sternenhell)


Im Eis
lebt keine Mikrobe deiner Seele mehr
*Die Bedrohung ist vorbei*

Vor drei Jahrhunderten
warst du mein angetrauter Lichtgemahl
Die Fackel aber st├╝rzte sich
in den Ladogasee
vergl├╝hte dort

*vor├╝ber, mein verzehrter Leningrader Prinz*

meine W├╝rde?
Ach, welch leere Phrase
Sie m├╝ssten wissen, dass der Mensch in gro├čer Not zu allem f├Ąhig ist.

Ich bin eine Bestie.
Das sagen sie alle.
Jawohl, ich bin ein Scheusal, ein Monstrum, ein gr├Ąssliches Ungeheuer, eine ekelhafte Ausgeburt der H├Âlle, ein brutaler Schl├Ąchter.
Nun reden sie mir blo├č nicht von Stolz.
Der Mensch, die edle Kreatur. Dass ich nicht lache. Eine L├╝ge, die uns da immer wieder eingeredet wird und die wir willf├Ąhrig glauben.

Ich habe ihm sorgsam die Eingeweide entfernt und versucht, den K├Ârper m├Âglichst unversehrt zu lassen.
Er sah so wundersch├Ân aus; selbst als er tot war, hatte er dieses eigenartige Leuchten im Gesicht. Der Mund leicht ge├Âffnet; die Lippen waren ganz blass, fast schon bl├Ąulich verf├Ąrbt.
Ich habe ihn noch ein letztes Mal gek├╝sst- auf seine wei├če Stirn; wie zartes Elfenbein schimmerte seine Haut.

Ich habe ihn so geliebt. Mehr als sonst irgendetwas auf dieser t├Âdlichen Welt. Deshalb wollte ich ihn auch nicht verscharren lassen, so wie man es mit allen Leuten machte. Die wurden im harten Dauerfrostboden der russischen Taiga begraben. Man hob ein flaches Loch aus, stie├č ihre Leiber da hinein und warf die groben Erdklumpen auf ihre blauen Augen.

Warum sprechen wir hier eigentlich andauernd von Charaktergr├Â├če?

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf am Meer. Nikolai lernte ich 1935 kennen, da war er 17 und ich 15. Er hat mir Libellen gezeigt; diese kleinen schillernden Fl├╝gel faszinierten mich vom ersten Tage an. Es gab eine Zeit, die war so sorglos und unbek├╝mmert, so leicht und wolkenlos; es kommt mir vor, als l├Ąge dieses Leben lange hinter mir; als w├Ąre es nur ein fl├╝chtiger, angenehmer Traum gewesen, der einen manchmal kurz vor dem Erwachen noch wohlig ereilt und alle b├Âsen Gedanken verscheucht.
Mein Geliebter war krank. ├äu├čerlich von herrlicher Gestalt, aber innerlich zerfressen und ausgeh├Âhlt. Er wusste um dieses Ungl├╝ck und es qu├Ąlte ihn unb├Ąndig.

Ich verlange nicht, dass sie mich verstehen. Aber ich bin keine M├Ârderin.

Sein Herz habe ich erst ganz zuletzt herausgetrennt. Dieses marode, unheilbare St├╝ck Fleisch.
Nikolai hat oft geweint und ich wusste ihm nicht zu helfen. K├Ânnen Sie sich vorstellen, wie ohnm├Ąchtig man sich f├╝hlt, wenn sein Sternenbr├Ąutigam den Tod anfleht, er m├Âge sich doch endlich erbarmen und Sie sitzen daneben und sehen diesem K├Ârper zu, wie er sich windet, wie er im Fieber fast vergl├╝ht, wie er sich schindet und von Tag zu Tag kraftloser und gebrechlicher und ersch├Âpfter wird und Sie k├Ânnen einfach nichts tun, um ihn zu retten, weil er sich allm├Ąhlich weigert, diese Strapazen noch weiter aushalten zu m├╝ssen? Ich konnte doch gar nicht anders, was h├Ątte ich denn tun sollen...

Stakkato. Abgehackte W├Ârter, abgehackte Arme.
Die Arme, seine Arme; zierliche, feingliedrige H├Ąnde, schlanke Finger- mein Spinnenk├Ânig.
Ich musste lange seine Schultern betrachten und streicheln. Es war ein schwerer Entschluss; ich glaube im nachhinein, der schwierigste ├╝berhaupt.
Das Beil grub sich m├╝helos hinein, der Knochen splitterte. Ich hatte noch nie zuvor ein schrecklicheres Ger├Ąusch geh├Ârt. Als w├╝rde man mit einem Reibeisen ├╝ber einen Stein fahren. Oder durch den knirschenden Schnee laufen. Oder im Fr├╝hjahr einem Krokus die Bl├╝te herausrei├čen.

Verurteilen Sie mich ruhig. Tod durch den Strang. Was k├Ânnte mir denn besseres passieren?

Ich wei├č, dass sie das nie begreifen werden. Ich wollte ihn mir einverleiben. Er sollte in mir zuende gehen. Was, wenn ich ihn tats├Ąchlich irgendwo beerdigt h├Ątte und nach wenigen Tagen ├╝ber die Stelle, an der er liegt, schwere Panzer hinwegfuhren? Er w├Ąre doch zermahlen worden; zerquetscht und das h├Ątte ich mir nicht verzeihen k├Ânnen. Niemals.

Es wird wieder Fr├╝hling. Ein neuer, ein anderer. Und ich werde zum ersten Mal darin fehlen.
Wissen Sie, ich habe ein St├╝ck von mir selbst dort an diesem ├Âden Fleckchen Land gelassen, wo dies alles geschah. Ein Teil meiner Seele ist f├╝r immer in Leningrad. Manchmal habe ich fast eine richtige Sehnsucht danach; nach der schneidenden K├Ąlte, dem Hunger, dem Kindergeschrei, den Tr├Ąnen, dem Tod.

Lebt wohl. Irgendwie w├╝nsche ich mir innig, dass ihr nie so etwas erleben m├╝sst.
__________________
*On ne trouve pas le freins; ou pas aussi vite qu'on ne trouve le merveilleux...*

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Michael Schmidt
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Ich bin ehrlich beeindruckt! Klasse gemacht. Mir lief ein Schaeuer den Ruecken herunter.

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ElsaLaska
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Hallo Suzie,

ich konnte beim Lesen dieses Textes kaum glauben, dass Du, laut Deinem Profil, gar nicht bei der Belagerung Leningrads dabei gewesen sein kannst.
Ich will dazu auch gar nichts sagen, ich habe meine eigenen Erfahrungen mit der Vergangenheit bei meinem letzten Besuch dort gemacht.
Aber es gibt sie noch, die Weissen N├Ąchte, und die Menschen sind dann unruhig wie eh und je, sie wollen lieben und sie wollen trauern, wir haben getrunken, waren ausgelassen und haben Jessenin rezitiert.

Es war sch├Ân und es war traurig.

Dein Text ist sehr dicht, sehr intensiv.
Auch ich bin beeindruckt.


Lieben Gruss
Elsa

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Suzie
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Hallo ihr beiden
ich freu mich, dass euch der Text gefallen hat... ich hab lange ├╝berlegt, ob ich ihn ver├Âffentliche... ich dachte, er ist vielleicht zu pathetisch... und er ist einer der wenigen Texte, die ich selbst von mir mag irgendwie...
von der Leningrader Blockade hatte ich mal kurz was im Geschichtsunterricht geh├Ârt und es lie├č mich solange nicht los, bis dass ich dar├╝ber schrieb...
nein, ich war sicherlich nicht dabei, aber manchmal kommt es vor, dass einen geschichtliche Ereignisse so ber├╝hren, dass man meint, es nach- f├╝hlen zu k├Ânnen... glaub ich...
Liebe Gr├╝├če
Suzie
__________________
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