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Leselupe.de > Humor und Satire
Blutdruck
Eingestellt am 08. 03. 2005 16:10


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Tapir
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Meine Frau war ziemlich in Eile.
„Ist ein Paket fĂŒr mich angekommen?“ rief sie durch den Korridor, kaum daß sie zur WohnungstĂŒr hereingekommen war.
„Steht im Wohnzimmer“, antwortete ich.
„Prima“, sagte sie, wĂ€hrend sie sich die hohen Schuhe auszog. „Das wird das BlutdruckmeßgerĂ€t sein. Ich hatte schon Angst, daß es nicht mehr rechtzeitig kommt.“
„Wozu brauchst Du denn ein BlutdruckmeßgerĂ€t?“ fragte ich.
„FĂŒr den Kursus. Der fĂ€ngt doch in einer halben StunÂŹde an.“ antwortete sie, wĂ€hrend sie nach oben im Schlafzimmer verschwand - offenbar, um sich umzuziehen.
Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Donnerstags gab sie neuerdings Kurse in Krankenpflege. Und sie hatte mir vor ein paar Tagen erzĂ€hlt, daß sie sich dafĂŒr ein BlutdruckmeßgerĂ€t zur Ansicht bestellt hatte.
„Kannst Du es mal auspacken?“ rief sie jetzt aus dem Badezimmer.
„Klar.“
In dem braunen Versandkarton war eine kleinere bunte Verpackung, auf der ein elektronisches GerĂ€t mit eiÂŹnem ziemlich großen Display abgebildet war. Die MeßgerĂ€te, die ich kannte, hatten graue Stoffmanschetten, einen Schlauch, ein GummibĂ€llchen und daran befestigt eine Meßuhr, deren Zeiger sich hin und her bewegte.
„Eigentlich mĂŒĂŸte ich es ja mal kurz ausprobieren“, nuschelte sie, wĂ€hrend sie mit Haarspangen zwischen den ZĂ€hnen die Treppe herunter kam und sich dann vor dem Spiegel die Haare hochsteckte - wobei sie gleichzeitig ihre FĂŒĂŸe in die flachen Schuhe zwĂ€ngte. „Das wĂ€re sonst peinlich, wenn ich nicht weiß, wie das funktioniert. Stellst Du Dich mal zur VerfĂŒgung?“
Ich mag nicht, wenn man meinen Blutdruck mißt. Wenn der Arzt mit dem kleinen GummibĂ€llchen die Manschette aufblĂ€st, so daß sie sich immer enger um meinen Oberarm schließt und ich dann meinen Puls im ganzen Arm bis in die Handgelenke hinunter spĂŒre, bekomme ich ein ganz beklemmendes, beĂ€ngstigendes GefĂŒhl und bin erst erleichtert, wenn die Spannung nachlĂ€sst und die Luft aus der Manschette entweicht. Ich fĂŒhle mich wohler, wenn die Funktionen meines Körpers im Verborgenen bleiben. Aber hĂ€tte ich ihr diese Bitte abschlagen sollen?
Sie riß ungeduldig die Verpackung auf und nahm das GerĂ€t aus der PlastiktĂŒte.
„Halt mal“, sagte sie, wĂ€hrend sie die Folie mit den zwei kleinen Batterien aufriß.
„Willst Du Dir nicht mal die Bedienungsanleitung durchlesen?“ fragte ich.
„Keine Zeit.“ antwortete sie, hatte im Nu die Batterien eingelegt und zwei Kabel angeschlossen, an denen eine Kunststoffmanschette befestigt war.
„Funktioniert! Gib® mal Deinen Arm.“
Sie legte die Manschette um meinen Unterarm, fumÂŹmelte etwas daran herum, um sie zu befestigen und drĂŒckte dann einen blauen Knopf neben dem Display. Das GerĂ€t gab ein leichtes Summen von sich und ich spĂŒrte, wie sich die Manschette immer enger um meinen Unterarm schloß. Dann ertönte ein elektronisches Piepsen und die Spannung ließ wieder nach.
„Seltsam“, sagte meine Frau.
„Was ist seltsam?“ fragte ich.
„Hast Du nicht normalerweise zu niedrigen Blutdruck?“
„Ja, natĂŒrlich“, sagte ich. Mein Blutdruck war selten höher als 120 zu 80.
„FĂŒhlst Du Dich irgendwie unwohl?“ fragte sie, wĂ€hÂŹrend sich zwei steile Falten oberhalb ihrer Nase bildeÂŹten. Kein gutes Zeichen.
„Nein, eigentlich nicht.“
„Naja, ich muß jetzt weg. RuhÂŽ Dich besser mal ein bißchen aus. Du hast 190 zu 120. Viel zu hoch. Also, bis nachher. TschĂŒĂŸ.“
Ein Kuss, dann nahm sie ihren Mantel vom Haken, das BlutdruckmeßgerĂ€t in die Hand und war verschwunÂŹden. Ich stand alleine im Flur. Völlig konsterniert. Hundertneunzig zu Hundertzwanzig. Nur diese beiden Zahlen gingen mir durch den Kopf. Ich hatte doch noch nie zu hohen Blutdruck gehabt. MĂŒĂŸte man das nicht eigentlich merken? Ich stand da und versuchte etwas zu merken. Und tatsĂ€chlich: nach ein paar Minuten stellte ich ein unspezifisches Unwohlsein fest. Ja - da war etwas.
Ich muß im Gesundheitslexikon nachsehen, dachte ich. Muß nachschauen, was das bedeutet. Mit Bluthochdruck hatte ich mich noch nie beschĂ€ftigt. Langsam drehte ich mich um, allzu ruckartige oder heftige Bewegungen vermeidend und ging in kleinen Schritten zum BĂŒcherregal im Wohnzimmer. Als ich mit der linken Hand nach dem Lexikon griff, das in der obersten Regalebene stand, meinte ich, so etwas wie ein leichtes Ziehen in der Brust zu spĂŒren. Sofort zog ich den Arm wieder zurĂŒck und holte mir einen Stuhl, um ohne allzu extreme Bewegungen an das Buch heranzukommen.
Mit dem Lexikon in der Hand ging ich vorsichtig zum Sofa und setzte mich. Was unter „Bluthochdruck“ stand, jagte mir einen fĂŒrchterlichen Schreck ein. Von zu hohem Blutdruck, war zu lesen, spricht man bereits bei einem Wert von Hundertvierzig zu Neunzig. Demnach mußte ich praktisch klinisch tot sein. Bluthochdruck sei eine tĂŒckische, schleichende Krankheit, deren Symptome man meist erst bemerke, wenn es schon fast zu spĂ€t sei. Wann, verdammt, hatte ich mir das letzte Mal den Blutdruck messen lassen? Möglicherweise litt ich schon lange unter dieser Krankheit, ohne etwas davon zu ahnen.
Vorsichtig legte ich mich auf das Sofa, den RĂŒcken mit einem Kissen gestĂŒtzt. Ich las weiter: Herzinfarkt und Schlaganfall drohten Hypertonikern wie mir. Wie war das eben mit dem Schmerz in der linken Brust? Wenn ich jetzt hier einen Schlaganfall bekĂ€me? Niemand wĂŒrde mich finden. Meine Frau wĂŒrde erst wieder in zwei oder drei Stunden zurĂŒck sein. Und bei einem Schlaganfall zĂ€hlen doch gerade die ersten Minuten.
Ich streckte mich der LĂ€nge nach aus. Jetzt spĂŒrte ich mein Herz ĂŒberdeutlich klopfen, ja geradezu rasen, nahm die Funktionen meines Körpers ĂŒberdeutlich wahr, spĂŒrte jede einzelne Kontraktion meines Herzens und wie der große Muskel arbeitete wie eine außer Kontrolle geratene Lokomotive, ein Atomkraftwerk kurz vor der Kernschmelze. Hundertneunzig zu Hundertzwanzig. Das ist, wie wenn man bei voller Fahrt in den ersten Gang zurĂŒckschaltet. Sollte ich den Arzt rufen? Oder wĂŒrde die Aufregung mir den letzten Rest geben? Ich beschloß, erst mal ruhig liegen zu bleiben und zu versuchen, den Blutdruck mit ruhigem, gleichÂŹmĂ€ĂŸigem Atmen herunter zu bekommen. Gegen sein Schicksal kann man ehÂŽ nichts machen.
Über zwei Stunden lag ich so da, dem Tode nĂ€her als dem Leben und wie ein Seismograph in mich hinein horchend. Mein Leben zog an mir vorĂŒber und beim Gedanken an all das, was ich - einen gesunden Blutdruck vorausgesetzt - noch alles hatte machen wollen, spĂŒrte ich, wie meine Augen feucht wurden. Mein Gott, und all die Jahre hatte ich nichts davon bemerkt.
Ich muß eingeschlafen sein, hatte das GerĂ€usch des SchlĂŒssels in der HaustĂŒr jedenfalls nicht gehört. Aber mein Name wurde plötzlich im Korridor gerufen.
„Hier“, antwortete ich mit schwacher Stimme, innerÂŹlich bereit - fĂŒr wen auch immer.
„Was ist denn mit Dir los?“ fragte meine Frau und warf ihren Mantel ĂŒber die Stuhllehne.
„Blutdruck“, konnte ich nur leise zur Antwort geben.
„Ach ĂŒbrigens“, sagte sie. „Mit dem MeßgerĂ€t eben, da haben wir was falsch gemacht. Die Manschette muß anders rum. Das zeigt sonst total verkehrte Werte an.“
Das hÀtte mir fast den Rest gegeben!

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flammarion
Foren-Redakteur
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sehr

gekonnt ausgefĂŒhrt. hĂ€tte von mir aus noch mehr ĂŒberspitzt werden können. jedenfalls acht punkte.
lg
__________________
Old Icke

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Susanne Henke
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2004

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Hallo Tapir,

herrlich - so richtig was fĂŒrs Hypochonderherz!

Gruß
Susanne

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norge
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zum Schreien. Ich habe das erste Mal seit langem bei einem Text so lachen mĂŒssen. Eine einfache Idee hinreißend umgesetzt!!!

zB

Als ich mit der linken Hand nach dem Lexikon griff, das in der obersten Regalebene stand, meinte ich, so etwas wie ein leichtes Ziehen in der Brust zu spĂŒren. Sofort zog ich den Arm wieder zurĂŒck und holte mir einen Stuhl, um ohne allzu extreme Bewegungen an das Buch heranzukommen
prust

nein, ich kann die ganzen Stellen nicht hierein kopieren, sie sind durch die Bank witzig.

LG
norge!

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San Martin
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Fand ich gut. Übrigens ist dieses krampfhafte "in sich Reinhören" die Ursache einiger psychosomatisch bedingter Krankheiten, wie z.B. Angstsyndrome.

quote:
so daß sie sich immer enger um meinen Oberarm schließt und ich dann meinen Puls im ganzen Arm bis in die Handgelenke hinunter spĂŒre,

Singular fĂŒr Handgelenk. Ist ja auch von nur einem Arm die Rede (der, an dem gemessen wird).

quote:
Jetzt spĂŒrte ich mein Herz ĂŒberdeutlich klopfen, ja geradezu rasen, nahm die Funktionen meines Körpers ĂŒberdeutlich wahr

Zweimal "ĂŒberdeutlich".

quote:
Hundertneunzig zu Hundertzwanzig. Das ist, wie wenn man bei voller Fahrt in den ersten Gang zurĂŒckschaltet.

Den Vergleich finde ich sehr unpassend. Das ist wohl eher wie ein Auto, dass man im 2ten Gang auf der Autobahn fÀhrt. Also hochtourig.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Tapir
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@ San Martin

Danke fĂŒr die Hinweise!

Tapir

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