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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blutiger Dschungel
Eingestellt am 12. 11. 2002 09:53


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Clee Marker
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2002

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Kommentare: 1
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Angsterf├╝llt sitzt Mbuko zwischen den gr├╝nen Bl├Ąttern inmitten des Strauches.
Fest dr├╝ckt er Wiwi, sein geliebtes Meerschwein, an sein immer noch wie wild rasendes Herz. So schnell ihn seine kleinen, nackten F├╝├če tragen konnten, ist er gerannt, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Im Schutz des nahegelegenen Waldes hofft er, unentdeckt zu bleiben. Schwester Johannas aufgeregte Rufe: „Lauft! Lauft so schnell und so weit weg, wie ihr nur k├Ânnt!“ lie├č das gesamte Dorf panikartig die Flucht ergreifen. Die, die laufen konnten, verstreuten sich in alle Richtungen. Zur├╝ck blieben nur die Schwachen und die Alten.

Das Grauen hatte sich lautstark angek├╝ndigt. Sie streifen un├╝berh├Ârbar johlend und gr├Âlend durch die Gegend; mit Drogen und Alkohol vollgepumpte S├Âldner. Weit und breit gef├╝rchtet, pl├╝ndern, vergewaltigen und morden diese blutr├╝nstigen Bestien, ohne dass ihnen jemand Einhalt gebieten kann. Die meisten von ihnen sind nicht viel ├Ąlter als Mbuko selbst. Das Land ist in tiefster Anarchie versunken.

Besorgt beobachtet Mbuko von weitem sein Dorf. Die Kerle, deren Waffen meist ein Bajonette aufgesteckt ist, dringen in die H├╝tten ein, zerschlagen w├╝tend, was ihnen zwischen die Finger kommt. Sie schreien in ihrer Wut, nicht das vorzufinden, was sie suchen. Etwas Essbares und junge Frauen, die sie mit in den Busch schleppten. Er hatte es schon ein paar Mal gesehen, wenn die M├Ądchen dann wieder zur├╝ckkamen, waren ihre Kleider zerissen, sie sch├Ąmten sich und mancher von ihnen lief Blut an den Beinen herunter.

Was wollten diese Unholde heute eigentlich noch finden? Sie hatten doch schon ihre Ziegen geschlachtet und jetzt begannen sie ihnen das Kleinvieh, die H├╝hner auch noch zu nehmen. ├ťber ihre Maisvorr├Ąte hatten sie Benzin gegossen und es angez├╝ndet. Die Frauen trauten sich nicht mehr auf die Felder hinaus. Die Ernte vergammelte.

Er zuckt zusammen. Zwei von ihnen zerren Schwester Johanna auf den Dorfplatz. Sie sto├čen sie vor sich her, treten sie mit ihren schwarzen Stiefeln, bis sie am Boden liegt. Ein langer, d├╝nner Kerl mit nacktem, verschwitztem Oberk├Ârper kniet sich zu ihr herunter und br├╝llt sie an. Er schreit genau in ihr Ohr: „Wo sind sie, du wei├če, dreckige Schlampe! Wenn du nicht so alt und h├Ąsslich w├Ąrst, w├╝rde ich dir deine Kutte runterfetzen und dir meinen Schwanz reinjagen.“

Schwester Johanna kam aus der benachbarten Missionsstation von Kotongajo mehrmals in der Woche in Mbukos Dorf, um nach den Kranken zu schauen. Sie stammte aus einem fernen Land, wo die Erde, die B├Ąume und die H├Ąuser der Menschen manchmal so wei├č sein sollen, wie ihre Haut. Sie nannten es dort „Schnee“, hat sie einmal erz├Ąhlt. Hin und wieder rief Schwester Johanna alle Kinder zusammen und unter dem gro├čen Baum auf dem Dorfplatz setzten sie sich dicht gedr├Ąngt um sie herum und lauschten ihren Geschichten von diesem fernen Land.

Noch tiefer duckt er sich unter den Busch, in seinen Augen steht die Angst geschrieben, er zittert am ganzen K├Ârper. Am liebsten w├╝rde er sich mit Wiwi in der Erde vergraben, nichts mehr von all dem sehen und h├Âren. Wiwi war f├╝r ihn nicht einfach nur ein Meerschwein. Nein, es war sein bester Freund. Stets trug er es mit sich herum und abends, wenn er auf der harten Erde lag und nicht einschlafen konnte, streichelte er das weiche, warme Fell und erz├Ąhlte ihm von seinen geheimsten W├╝nschen:

Er hatte schon so viel von Schwester Johanna ├╝ber dieses ferne Land geh├Ârt. Dort wollte er eines Tages hingehen, denn dort konnten die Kinder ohne Angst spielen und er konnte da sicher auch ein Paar Schuhe bekommen. Er hatte noch nie Schuhe. Er kannte dieses Gef├╝hl nicht, wenn man Schuhe an den F├╝├čen hat. Aber er bewunderte Menschen, die Schuhe trugen. Einmal waren zwei M├Ąnner aus der Stadt mit Schwester Johanna in sein Dorf gekommen, um nach den Kranken zu sehen. Sie hatten schwarze Schuhe an, die sauber waren und die gl├Ąnzten. Er hatte sie angestarrt. Sie mussten reich sein. Denn wer sich Schuhe kaufen konnte, hatte auch gen├╝gend zu Essen.
Als w├╝rden sich tausend spitze Dornen in sein Herz bohren, bleibt Mbuko vor Schmerz der Atem stehen. Er schaut verzweifelt auf die wutentbrannte Meute. Gro├čvater! ├ťber den staubigen Boden schleifen sie ihn aus der kl├Ąglichen Lehmh├╝tte dorthin, wo Schwester Johanna immer noch von dem langen D├╝nnen festgehalten wird. Ein gro├čes Messer blitzt auf und Mbuko sieht wie ein anderer Kerl es seinem Gro├čvater, der wehrlos und gekr├╝mmt daliegt, an den Hals dr├╝ckt. Der Mann Mann mit dem Messer kneift seine Augen zu einem Schlitz zusammen und zischt: „Wenn du nicht sagst, wo sie sind, schneide ich ihm die Kehle durch.“

Nein, das darf er nicht zulassen. Er muss etwas tun. Sein Gro├čvater war in den letzten Monaten immer mehr abgemagert. Oft hatte er Fieber und sein Husten glich nur noch einem R├Âcheln. Als er noch bei Kr├Ąften war, erinnert sich Mbuko, hat ihm der alte Mann oft geheimnisvolle Geschichten ├╝ber die Geister der Ahnen erz├Ąhlt, die nachts ├╝ber die Menschen wachen und nur die B├Âsen mit unheilvollen Zaubern belegen. Wer z. B. andere bestahl, dem wurden bald die H├Ąnde so steif, dass er sie nicht mehr bewegen konnte und eines Tages sollten sie ihm sogar abfallen. Wo waren die Geister der Ahnen jetzt? Wo war ihr Zauber gegen diese widerlichen M├Ąnner in Uniform?

Mbuko erhebt sich entschlossen und verl├Ąsst das ihn sch├╝tzende Geb├╝sch. Er h├Ąlt Wiwi fest in seinen H├Ąnden, rennt los und ruft den M├Ąnnern, die sich jetzt erstaunt nach ihm umdrehen, entgegen: „Lasst meinen Gro├čvater in Ruhe! Er ist krank und schwach und er hat euch doch nichts getan!“ Er versucht sich sch├╝tzend ├╝ber den alten Mann zu werfen. Der mit dem blitzenden Messer packt ihn jedoch am Nacken und schleudert ihn zur Seite.

Dann entdeckt der lange D├╝nne, dass Mbuko ein Meerschwein bei sich hat. Er geht auf ihn zu: „Du kleiner Bastard,“ und greift nach Wiwi. Blitzschnell haben sich Mbukos Z├Ąhne in der Hand des Mannes festgebissen, der daraufhin vor Schmerz einen lauten Schrei ausst├Â├čt und im n├Ąchsten Augenblick seinen Arm zur├╝ckzieht. Der Messermann hat seine Waffe von der Schulter genommen. Er dr├╝ckt ab.

Mbuko sackt zusammen. Zwei Sch├╝sse haben ihn mitten in die Brust getroffen. Ihm wird schwindelig und Wiwi gleitet ihm aus den H├Ąnden, verschwindet hinter der n├Ąchsten H├╝tte. Er bemerkt, dass Schwester Johanna sich neben ihn kniet, ihre Hand unter seinen Kopf legt und ihm ├╝ber sein kurzes, krauseliges Haar streicht. Dann tupft sie mit einem Zipfel ihres wei├čen Ordenskleides vorsichtig die kleinen Schwei├čperlen von seiner Stirn. Auf der Zunge sp├╝rt er eine warme, bittere Fl├╝ssigkeit. Es ist Blut, das jetzt aus dem Mundwinkel tritt. „Schwester Johanna,“ haucht er fast unh├Ârbar, „wann nimmst du mich mit in dein Land? Ich m├Âchte so gern die Erde sehen und die B├Ąume und die H├Ąuser, wenn sie so wei├č sind wie deine Haut.“

Johanna legt zart eine Hand auf seine Lippen. Er h├Ârt noch, dass er jetzt nicht sprechen soll. Der Nebel vor seinen Augen wird immer dichter und allm├Ąhlich verblasst das Gr├╝n des nahegelegenen Waldes. Sein Atem wird flacher und sein kleines Herz h├Ârt auf zu schlagen, als die Sonne rotgl├╝hend hinter dem afrikanischen Dschungel untergeht.

(Congo im Mai 2002)

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Blutiger Dschungel

Hallo Clee,

'eine sch├Âne Geschichte' kann ich nicht schreiben, denn dazu ist sie zu ernst und die Thematik zu aktuell.
Aber gut erz├Ąhlt ist sie.

Was mich ein wenig verwirrt hat, ist der Wechsel in der zeitlichen Erz├Ąhlperspektive zwischen Gegenwart und Vergangenheit. War das Absicht? Und wenn - warum?

Gru├č

Arno

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Clee Marker
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2002

Werke: 2
Kommentare: 1
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Gegenwart und Vergangenheit

hallo Arno,
stimmt. wenn du es so sagst mit dem wechsel zwischen gegenwart und vergangenheit... ist mir noch gar nicht so aufgefallen. das sollte ich noch mal ├╝berarbeiten. was nat├╝rlich in der vergangenheit spielt oder wor├╝ber der junge nachdenkt, soll auch in dieser zeitform stehen, die handlung selbst jedoch in der gegenwart. um damit auch noch einmal zu verdeutlichen, es ist brandaktuell. es passiert heute! vor unseren verschlossenen augen! und nicht vor 10 oder 20 jahren!
danke f├╝r den tipp.

lieber gru├č von Clee Marker

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