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Leselupe.de > Horror und Psycho
Blutspur
Eingestellt am 30. 04. 2004 13:13


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Hyde
Hobbydichter
Registriert: Apr 2004

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„Mann, ist das ’ne geile Party!“, sagte Mike Harlen mit leicht lallender Stimme.
„Da hast du verdammt Recht!“, stimmte ihm sein Kumpel Jack Price mit der gleichen lallenden Stimme zu.
Die Freunde standen im Freien und verschafften sich etwas abseits einer HĂŒtte Erleichterung. Aus dieser dröhnte „Points Of Authority“ von Linkin Park. Die Gitarrenriffs warfen sich gegen die HolzwĂ€nde, schienen sie zu durchbrechen und zerschmetterte die Luft wie ein Hammerschlag eine Vase. Vor ihnen befand sich ein großer Wald. Schnee, der aus einer schwarzen und unbekannten Welt ĂŒber ihnen kam, rieselte leise herab und nahm die gesamte Landschaft in Besitz. Die Wipfel der BĂ€ume waren mit der weißen Decke eingehĂŒllt und der Boden verschwand unter einer Schneeschicht von vielleicht fĂŒnf Zentimetern. Es war einer der kĂŒhlsten NĂ€chte irgendwo außerhalb eines kleinen StĂ€dtchens in Kanada. Die Klasse von Mike und Jack befand sich in ihrem letzten Schuljahr und heute feierte sie den Beginn der Winterferien.
„He, Alter, schau mal“, sagte Mike, der seinem Kumpel zum Nachdruck auf die Schulter klopfte.
„Mann, was soll das? Jetzt hab ich mich vollgepisst.“
Mike schaute zu Jack hinĂŒber und nach unten, wo er im schwachen Licht, das von der HĂŒtte zu ihnen her drang, einen dunklen Fleck an Jacks Jeans erkannte. Mit ernster Miene schaute er wieder ins Gesicht seines Freundes und kurz darauf prusteten beide los.
„Jetzt sich doch her“, wiederholte Mike und Jack tat, wie ihm geheißen wurde. Was er sah, war der Name seines Kumpels, der mit Urin in den Schnee geschrieben worden war. Zarte Dampfwölkchen stiegen gen den sternen- und mondlosen Himmel.
„Ich bin stolz auf dich. DafĂŒr verleih’ ich dir den Orden des kreativsten SchĂŒlers bei uns an der Mill High“, kommentierte Jack und erneut prusteten sie los.
Es war knapp vor ein Uhr und Mike und Jack hatten schon einiges intus. Die Party war voll im Gange und gegen ihre Erwartungen waren sogar fast alle aus der Klasse gekommen. NatĂŒrlich bis auf die ĂŒblichen Streber. Wahrscheinlich lernen die schon fĂŒr die PrĂŒfungen, dachte Mike, wobei er den Reißverschluss seiner Hose hochzog.
„Los, lass uns wieder reingehen, bevor ich mir noch was abfrieren, was ich spĂ€ter vielleicht noch brauche“, meinte Jack.
„Oh, was fĂŒr ein Verlust fĂŒr Becky, oder wie auch immer deine momentane Bettgenossin heißt“, erwiderte Mike mit einem sĂŒffisanten LĂ€cheln.
„Lynn“, korrigierte Jack seinen Freund, doch dieser bekam das gar nicht mit. Die Angelrute, an denen seine Gedanken hingen, hatte ihn mit sich gezogen. Mike war mit Jack schon seit einer Ewigkeit befreundet und beide waren in der hiesigen Eishockeymannschaft und dementsprechend waren sie bei den MĂ€dels begehrt. Jack nĂŒtze das aus, wo er nur konnte. Fast jede vierte Woche hatte er ein anders MĂ€dchen, mit dem er seine Zeit verbrachte. Zumindest so lange, bis er oft genug mit ihr in der Kiste gewesen war und er genug von ihr hatte. Dann war die NĂ€chste dran. Mike fand dieses Verhalten nicht gerade korrekt; er war nĂ€mlich schon seit ĂŒber einem Jahr mit Jen Topper zusammen, die er wirklich liebte. Ja, vor einem halben Jahr hatte er sie mit Rebecca betrogen, aber da war er besoffen gewesen und sowie er wieder nĂŒchtern gewesen war (nĂŒchtern ja, aber mit Kopfschmerzen so groß wie ein Elefant, erinnerte er sich), hatte er Rebecca erklĂ€rt, dass mehr nicht drin sei. Wie nicht anders zu erwarten hatte sie deshalb Zicken gemacht und gedroht, alles Jen zu erzĂ€hlen, aber das hatte sie letztendlich nicht getan.
Plötzlich spĂŒrte Mike Harlen einen pochenden Schmerz am Hinterkopf. Reflexartig riss er eine Hand an diese Stelle und sah zu Jack, der ihn angrinste.
„Ah, der kleine Klaps hat dich wohl von deiner Reise zum Mond zurĂŒckgeholt. Mann, ich red’ mit dir!“
„Entschuldigung, ich war in Gedanken“, rechtfertigte sich Mike.
„In den Ferien wird nicht gedacht. Aber wenn du was zu denken haben willst, solltest du dir das mal anschauen.“
Mike verstand nicht ganz, weshalb er seinen Freund fragendend ansah.
„Da“, sagte Jack und deutete auf eine Stelle vielleicht zwei Meter rechts von ihnen. Mike folgte seinem Finger. Sofort weiteten sich seinen Augen und er wollte irgendetwas sagen, aber jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, kullerte die Worte wieder rĂŒckwĂ€rts seine Kehle hinunter. Er drehte sich zu Jack um und schließlich brachte er stottert hervor: „W-W-Was ist das? Doch nicht etwa ...“
„Keine Ahnung, was das ist, aber ich weiß selber nach was es aussieht.“
Mike schaute zur HĂŒtte, aus deren Ritzen jetzt die KlĂ€nge von „Whiskey In The Jar“ von Metallica krochen und die die Luft zum Vibrieren brachten, und schĂ€tzte, dass sie knappe zehn Meter von ihr entfernt waren. Vor der TĂŒr sah er Ralph, der ebenfalls zur Eishockeymannschaft der Mill High gehörte, mit jemandem herumknutschen, den er nicht erkannte. Danben standen Zack und Tom, die rauchten. Alle vier bemerkten sie nicht. So sah er ein zweites Mal zu dem roten Fleck, der sich mit Gewalt in den Schnee gefressen hatte und der auf dem reinen Weiß völlig unnatĂŒrlich aussah. „Ist das Blut?“, fragte er.
Jack zuckte mit den Achseln und ein Blick reichte als VerstÀndigung und so schritten sie auf den roten Fleck zu. Das war eines der Dinge, die Mike an der Freundschaft zu Jack Price am meisten mochte: Sie konnte sich ohne Worte verstÀndigen.
Sowie die zwei in die Hocke gegangen waren, sah Mike noch einmal zur HĂŒtte hinĂŒber, die jetzt aussah, als wĂ€re sie aus dem MĂ€rchen von den Sieben Zwergen entsprungen. Tom und Zack waren in der HĂŒtte verschwunden, wĂ€hrend Ralph weiter mit der Unbekannten ZungenkĂŒsse austauschte. Nun begutachtete Mike den roten, zirka zehn Zentimeter lĂ€nglichen Fleck genauer. Er sah noch ziemlich frisch aus, wenn auch nicht so frisch, dass von ihm noch WĂ€rme ausging. Vorausgesetzt, es handelte sich tatsĂ€chlich um warmes Blut und nicht etwa um kalte Farbe.
„Ich glaub nicht, dass das Farbe ist. DafĂŒr ist es viel zu flĂŒssig“, sagte Jack, gleichsam die Gedanken seines Freundes hĂ€tten frei in der Luft geschwebt und er hĂ€tte sie nur noch ablesen mĂŒssen. „Vielleicht hat sich ein Tier verletzt“, sprach er weiter.
Mike hatte den Eindruck, dass Jack wieder nĂŒchtern war. Bei ihm war das nicht anders. Die kalte Luft und der Schreck schienen den Alkohol aus ihren Blutbahnen herausgepeitscht zu haben. Und wie es so oft der Fall war, hatte Jack im nĂŒchternen Zustand ausgezeichnete Ideen. Neidlos musste er zugeben, dass Jack der klĂŒgere von ihnen war. Wahrscheinlich wird er irgendwann mal seine eigene Anwaltskanzlei haben, wĂ€hrend ich immer noch in dem Kaff hier festsitzen und als Hausmeister mein Geld verdiene, schoss es ihm durch den Kopf. Eigentlich hatten sie schon vor Jahren vereinbart, gemeinsam in eine Eishockeymannschaft einzusteigen, die in der Profiliga spielte, aber das Leben spielt ja meistens nicht so, wie man es will.
„Meinst du nicht, dann hĂ€tten wir irgendetwas mitgekriegt? ’nen Kampf oder so?“, fragte er. Mike streckte den Zeigefinger aus, um den Fleck zu berĂŒhren, aber kurz vorher zog er ihn wieder zurĂŒck.
„Nicht bei dem Alk, den wir schon getrunken haben und bei der LautstĂ€rke der Musik.“
NatĂŒrlich hatte Jack Recht.
Mike sah auf und in den Wald, der sich vor ihm wie ein lebendes Tier erstreckte. FĂŒr einen unwirklichen Moment glaubte er sogar, der gesamte Wald wĂŒrde sich bewegen und sich um einen Zentimeter nach rechts versetzen. Ein Schauder durchzuckte seine Nervenenden und er schĂŒttelte den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben. Verdammt, wĂŒrden nur der Mond und die Sterne scheinen, dann wĂ€re es wenigstens nicht ganz so dunkel. Erneut wollte sich Mike dem vermeidlichen Blutfleck zuwenden, als ihm etwas ins Auge stach. Er richtete sich auf, ignorierte die Worte von Jack und machte ein paar Schritte auf den Wald zu. Was er dort im Schnee sah, ließ ihn die KĂ€lte noch mehr spĂŒren.
„Was ist los?“, fragte Jack, der nĂ€her trat.
„Hier gibt es noch so’n Fleck.“
„Shit, am besten wir sagen den anderen Bescheid.“
Mike fuhr ruckartig herum, so dass seine Schuhe Schnee aufwirbelten. „Was! Und was willst du ihnen sagen? Verdammt, du bist doch sonst so ein helles Köpfchen – die werden uns auslachen, wenn sich herausstellt, dass das nicht Blut ist. Vielleicht ist es doch nur Farbe und jemand will uns verarschen. Ich will doch vor den anderen nicht wie in Idiot dastehen.“ Obwohl Jack der klĂŒgere von ihnen war, so war er derjenige, der mehr Mumm in den Knochen besaß und der wusste, wie sich coole Jungs in der Schule zu verhalten hatten. NatĂŒrlich war ihm ihr Fund nicht ganz geheuer, aber bevor er den anderen in der HĂŒtte Bescheid sagte, wollte er sicher gehen, dass sie nicht nachher wie die Obervolltrottel dastanden.
„Lass uns der Spur erst einmal ein StĂŒck nachgehen und sehen, was wir finden. Womöglich ist es tatsĂ€chlich nur ein verwundetes Tier.“
Eindringlich sah Jack in die Augen seines Freundes und dieser hielt dem Blick stand. Er drehte sich zur HĂŒtte um; es stand niemand mehr draußen. „Also gut, aber wie du unschwer erkenne kannst, haben wir nicht gerade viel Licht.“
Auf Mikes Lippen formte sich ein LĂ€cheln, wĂ€hrend er in seine Hosentasche griff und einen SchlĂŒsselbund herauszog, an dem eine kleine LED-Taschenlampe hing. Jack riss seine Arme in die Höhe und blicke in den nichtvorhandenen Himmel und schien damit sagen zu wollen: Sieh her Gott, ein Wunder ist geschehen.
Der Schnee unter ihren Sohlen knirschte, als sie losliefen, wobei die weißen Flocken weiterhin auf den nördlichen Teil der Welt rieselte. Die KĂ€lte nagte immer mehr wie eine hungrige Ratte an ihrer Kleidung, Haut, Fleisch und Knochen. Allerdings mussten sie nicht weit gehen, bis sie direkt vor dem Waldrand auf den dritten roten Fleck stießen. Erneut ließen sie sich in die Hocke nieder und dieses Mal traute sich Mike ohne zu Zögern, den Fleck zu berĂŒhren. Das Rot war noch leicht warm und augenblicklich fĂ€rbte sich die Farbe auf seine Fingerkuppe ab, wĂ€hrend er darin einen Abdruck hinterließ.
„Und, was meint der Fachmann?“, meinte Jack, der seine HĂ€nde tief in den Hosentaschen vergraben hatte.
„Es ist noch leicht warm. Ich glaube, dass es tatsĂ€chlich Blut ist.“
„Am besten du probierst es, dann weißt du es sicher.“
Entsetzt sah Mike seinen Kumpel an. Das meinte er doch nicht ernst? Er sollte wirklich an diesem Roten-Ding lecken? Verdammt, das kann alles mögliche sein, selbst Gift, dachte er. Doch letztendlich siegte seine Neugierde und so leckte er vorsichtig an seinem Finger. Er schloss die Augen und fĂŒr ein paar Sekunden dachte er angestrengt nach. Dann sprangen seine Lider förmlich wie Rollos nach oben und er sagte: „Scheiße, das ist tatsĂ€chlich Blut!“
„Dann lass uns jetzt den anderen Bescheid sagen, okay?“, sagte Jack, der aufstand und sich umdrehte. Aber noch ehe er den ersten Schritt machen konnte, hielt Mike ihn am Arm fest. „Halt! Ich will erst sichergehen, dass das nicht von einem Tier stamm.“
„Und wenn schon! Alter, denk mal nach: Entweder da draußen liegt irgendwo eine Leiche, oder ein verwundetes Tier, und das hat sich die Wunde sicher nicht selbst zugefĂŒgt. Was ist, wenn da ein BĂ€r rumlĂ€uft oder sonst was? Allein haben wir absolut keine Chance.“
„Mann, manchmal, Jack, bist du ein richtiger Schisser. Du kannst ja machen, was du willst, aber ich werd’ nachschauen, woher das Blut kommt.“ Damit war fĂŒr Mike Harlen die Diskussion beendet. Ohne Jack noch eines Blickes zu wĂŒrdigen, stampfte er mit weitausholenden Schritten davon. Der Wald öffnete sein nadeliges Maul und verschluckte ihn, wĂ€hrend das schmale und grell-blĂ€uliche Licht seiner LED-Taschenlampe die Dunkelheit durchlöcherte.
Jack Price blieb eine unbestimmte Zeitlang auf der Stelle stehen, in der er abwechseln in den Wald blickte und zurĂŒck zur HĂŒtte, die beinahe nicht mehr zu sehen war. Die Musik glich nur noch einem irregeleiteten Echo in den Rocky Mountans. Schließlich stieß er ein „Verdammt“ aus und stampfte mit schnellen Schritten seinem Freund hinterher. „He, Mike, warte!”, schrie er.
Zuerst war nichts zu hören, dann: „Ah, die Nachhut ist eingetroffen. Ich bin hier drĂŒben ...“, Mike leuchtete mit der Taschenlampe, „... Hier hat es einen weiteren Fleck und dieses Mal um einiges grĂ¶ĂŸer. Mann, ich sag’ dir, von wem auch immer das Blut stammt, er blutet wie ein abgestochenes Schwein.“
Mit keuchendem Atem erreichte Jack Mike und sah auf den ungefĂ€hr zwanzig Zentimeter, fast kreisrunden Fleck hinab. „Siehst du die Dampfwölkchen? Der muss noch ganz frisch sein.“
„Ja“, stimmte Mike freudig zu. In ihm loderte jetzt ein Feuer, das seinen gesamten Körper mit Hitze ĂŒberflutete. Inzwischen wollte er nicht nur wissen, woher das Blut stammte, er musste es wissen. „Komm“, sagte er und ging weiter, wobei er einem Ast auswich, der wohl unter dem Gewicht des Schnees von einem Baum abgebrochen war. Jack folgte ihm. Die HĂŒtte mit ihren Klassenkameraden war schon lĂ€ngst verschwunden und selbst die Musik hatte nicht mehr die Kraft, bis zu ihnen zu dringen. Der Wald ragte riesig um sie herum auf und hatte noch nie bedrohlicher gewirkt, obwohl es Mike und Jack in Kanada gewohnt waren mit den WĂ€ldern zu leben. Stoisch, wie Roboter, denen ein Befehl einprogrammiert worden war, liefen sie weiter. Den Blick hatten sie auf den Boden gerichtet, auf der Suche nach weiteren Blutflecken, die sie zu etwas fĂŒhren wĂŒrde, das allein Gott kannte.
Mikes Denken war abgeschaltet. Er wurde nur noch von seinen GefĂŒhlen geleitet und von dem Feuer, das in ihm loderte. Stoßweise atmete er sichtbar Luft aus und sein Herz war nahe daran, seinen Brustkorb zu zerschmettern. Hinter sich hörte er Jack durch das GebĂŒsch rascheln, aber eigentlich achtete er gar nicht mehr auf ihn. Inzwischen war es ihm völlig egal, ob sein Kumpel noch bei ihm war, er wollte lediglich weiterhin dieser Blutspur folgen. Und diese zeigte sich ihm in der nĂ€chsten Sekunde ein weiteres Mal. Mike hielt ruckartig an – sein Kopf war wegen der KĂ€lte völlig rot – und starrte auf den Boden. Jack wich einem umgeknickten jungen Baum aus und noch ehe ihm bewusst wurde, dass Mike stehen geblieben war, stieß er mit ihm zusammen.
„Verflucht Alter, pass doch auf!“, stieß Mike aus, der ins Schwanken geriet und so direkt in die Blutlache vor ihm trat. Ja, tatsĂ€chlich, es war nicht mehr nur einfach ein Blutfleck, es war eine richtige Lache! Die rote FlĂŒssigkeit hatte den Schnee völlig aufgeweicht, so dass sie in einem Art Krater schwamm, in dem kleine EisklĂŒmpchen langsam in der WĂ€rme schmolzen. Und Mike stand nun mittendrin. Das Blut schwappte um seinen linken Schuh, als versuchte es, in diesen einzudringen. Das leise Blubbern hörte sich in der Stille der Nacht ohrenbetĂ€ubend an und Mike konnte ein „BĂ€h“ nicht unterdrĂŒcken. Schnell trat er aus der Lache heraus, um das Blut notdĂŒrftig im Schnee abzuwischen.
„Oh, verdammt, das ist mindestens ein halber Liter. Mike, ich glaub, es ist wirklich besser umzukehren. Ich hab nĂ€mlich so ein GefĂŒhl, dass das kein Tierblut ist.“
„Ja, vielleicht ...“, begann Mike, dessen Flamme der Neugierde durch den Tritt in die Lache nicht mehr ganz so hoch loderte. Um ehrlich zu sein, bekam er langsam Angst. Er fĂŒhlte sich von der Welt abgeschnitten und sowie er sich in dem Wald umsah, musste er zugeben, dass er nicht mehr genau wusste, wo er war. Doch er bemerkte noch etwas anderes, als er sich umsah: einen weiteren roten Fleck. Er machte einen Schritt darauf zu und schon entdeckte er einen dritten Fleck. Mike machte noch zwei Schritten, wĂ€hrend sein Atem immer schneller ging und seine Kehle wegen der KĂ€lte zu verbrennen drohte.
„He, Mike, was ist los? Wo gehst du hin? Ich dachte ...“ fing Jack an, doch offensichtlich bemerkte er, dass seine Worte seinen Kumpel nicht mehr erreichte, weshalb er ihm hinterherlief. Er umging ein paar BĂ€ume, streife einen Ast zur Seite und im nĂ€chsten Moment stand er neben Mike. Ihm klappte der Mund auf und seine Augen weiteten sich. Die zwei befanden sich an einer Stelle, die nicht so sehr mit BĂ€umen bewachsen war, wodurch eine kleine Lichtung entstand. An dessen Rand standen nun die zwei Jungs. Hinter ihnen erstreckte sich eine meterlange Blutspur und vor ihnen beleuchtete Mikes LED-Taschenlampe etwas, dass ganz sicher zu einem Menschen gehörte.
Augenblicklich wandte Mike den Kopf zu seinem Freund, in dessen Gesicht er das gleich Entsetzten sah, das sicher auch in seinem zu erkennen war. Sein Kopf war völlig leer und fĂŒr einen Moment glaubte er, nie wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. FĂŒr die Ewigkeit wĂ€ren seine Gehirnwindungen nur noch ein einziger riesiger Knoten, der zu nichts mehr zu gebrauchen war. Dann frischte der Wind auf. Es war ein zartes Pfeifen zu hören und irgendwo im Wald schrie ein einsamer Vogel auf, der gleich wieder verstummte. Einige Meter links von ihnen rutschte Schnee von einem Baum herunter. Mike sah zum Himmel auf, der jetzt tatsĂ€chlich zu erkennen war. Der Wind vertrieb die Wolken und ließ somit ab und zu die Sterne und den Sichelmond auffunkeln. Wie auf einer Autobahn, wenn die Unfallwagen beseitig worden sind und der Stau sich allmĂ€hlich auflöst, dachte Mike, wodurch er mit Freude bemerkt, dass sein Gehirn sich doch nicht völlig verabschiedet hatte. Der Schneefall hatte durch den Wind zugenommen, so dass seine Sicht eingeschrĂ€nkt wurde und er wieder nach unten sah und somit auf dieses menschliche Überbleibsel auf der Lichtung. Blut lag versprenkelt im Schnee.
„Shit, ist das ein Finger?“, keuchte Jack.
„Ja“, presste Mike hervor, der vorsichtig auf das Überbleibsel zutrat. Kurz verharrte er in seiner Bewegung, dann lief er weiter, bemĂŒht, nicht auf einen Blutfleck zu treten. Das Blut, das bereits an seinem linken Schuh klebte, reichte ihm fĂŒr den Rest seines Lebens.
„Mann, wo willst du denn hin?“, hörte er Jack hinter sich sagen, aber er konnte seinen Körper nicht mehr kontrollieren und mit dem nĂ€chsten Schritt befand er sich direkt vor dem Finger. Es war ein Ringfinger, auf dem tatsĂ€chlich noch ein Ring steckte. Kannte er diesen nicht sogar von irgendwoher? DarĂŒber konnte er sich jetzt keine Gedanken machen, denn die herausragenden Sehnen und der Knochen bescherten ihm ein ÜbelkeitsgefĂŒhl. Schnell wandte er sich von dem Finger ab und mit kreidebleichem Gesicht sah er zu Jack.
„Lass uns endlich zurĂŒckgehen“, flehte Jack beinahe und Mike nickte. Er trat von der kleinen Lichtung zurĂŒck und sowie er wieder bei seinem Kumpel stand, hörte er ein GerĂ€usch, das sein Herz davonrennen ließ. Ruckartig drehte er sich in die Richtung, aus der das GerĂ€usch gekommen war. Aber war da wirklich ein GerĂ€usch gewesen, oder hatte ihm sein Verstand nur einen Streich gespielt? Nach dem beurteilt, was er dieser Nacht bereits erlebt hatte, wĂŒrde ihn das nicht wundern. Doch der Gesichtsausdruck von Jack, der in die gleiche Richtung sah wie er, ließ diese Möglichkeit nicht mehr zu.
„Das hat sich angehört, wie ein Knurren“, sagte Jack mit zittriger Stimme.
Mike nickte.
„Vielleicht ist hier doch ein BĂ€r.“
Mike nickte.
Eine Unendlichkeit standen die beiden einfach stumm da, dann sahen sie sich in die Augen und ein zweites Mal kommunizierten sie ohne Worte. Noch nie war Mike fĂŒr diese FĂ€higkeit dankbarer gewesen als jetzt. Auf keinen Fall wollte er sprechen. Aber warum, wollte er nicht, dass man sie hörte? Vor allem, wer sollte sie hier mitten im Wald hören?
Die Freunde nickten sich zu und so schritten sie langsam in die Richtung, aus der sie das vermeidliche Knurren gehört hatten. Die Blutspur diente ihnen dabei als Wegweiser und Mike hoffte, dass er sie nicht in die Hölle fĂŒhrte. Er konnte nicht wirklich sagen, warum sie nicht zurĂŒck zur HĂŒtten liefen, sondern weiter dieser Blutspur folgten, in eine Richtung, aus der ein tiefes Knurren kam. Womöglich lag es an ihrer Neugierde oder an ihrer Pflicht, dem ringfingerlosen Opfer zu helfen (konnte sie ihm bei dem Blutverlust ĂŒberhaupt noch helfen?), oder einfach an ihrem jugendlichen Leichtsinn. Mike fand es nie heraus.
WÀhrend ihrem Marsch schaltete Mike seine kleine Taschenlampe aus, damit man sie nicht so schnell entdeckte (wer sollte sie entdecken?), dadurch und durch den verstÀrkten Schneefall nahm ihr Sichtfeld erheblich ab. Allerdings nicht so sehr, wie wenn nicht die Wolken inzwischen weiter aufgebrochen wÀren, so dass die Sterne und der Mond Licht spenden konnten.
Die zwei mussten nur wenige Minuten gehen, bis sie eine weitere Lichtung erreichten. Diese war grĂ¶ĂŸer als die Erste und der sichelförmige Mond stand direkt in deren Mitte. Mike und Jack verstecken sich hinter zwei breiten und dicht beieinanderstehenden BaumstĂ€mmen und lugten auf die Lichtung, auf der sie etwas sahen, dass selbst ihr freudianisches ES in den Wahnsinn trieb. Die Schneeflocken fĂŒhlten sich auf einmal zentnerschwer an und jedes Mal, wenn eine auf Mike fiel, meinte er von einem glĂŒhendheißen Pfeil durchbohrt zu werden, der ihn in die Knie zwingen wollte. Diese fingen schon an zu zittern. Er sah in das Gesicht seines Freundes und erkannte, dass er angefangen hatte zu weinen. Die TrĂ€nen der Panik und der Angst, die bereits so mĂ€chtig in ihm waren, dass sie ihren Weg nach draußen suchen mussten, damit sie nicht Jacks Körper zerfetzten. Bei dem Körper auf der Lichtung wĂŒrde diese Maßnahme allerdings nicht mehr helfen. Mike sah ein zweites Mal zu diesem und zu dem Ding, das ihn in HĂ€nden hielt.
Ein unglaublich stark behaartes Wesen, welches an die zwei Meter groß war (nein Mike, verdammt, dieses Ding ist mindestens vier Meter groß, schrie ihm irgendeine Stimme in seinem Innern zu), gekrĂŒmmte Klauen wie SĂ€bel hatte und das einen Stummelschwanz, wie das eines ĂŒbergroßen Kaninchens besaß und von dem Mike nicht die geringste ZĂŒge eines Gesichtes ausmachen konnte, stand auf der Lichtung. In seinen Klauen hielt es einen menschlichen Körper, dessen Kopf abgetrennt im Schnee lag. Die Bauchdecke war in Streifen gerissen worden und die GedĂ€rme hingen wie tote Schlangen heraus. Die linke Hand war abgetrennt worden und in den rechten Arm grub gerade das Monster seine langen und messerscharfen ZĂ€hne. Ein Schmatzen bahnte sich seinen Weg in seine Gehörwindungen und brachten ihn ebenfalls zum Weinen. Um das gesamte Wesen und um den abgetrennten Kopf herum hatte sich ein Ozean aus Blut gebildet.
„I-I-Ist das der Ye-Ye-Yeti?“, stammelte Jack.
„I-Ich weiß nicht. Vielleicht. A-A-Aber das glaub ich irgend...“ Mike brach ab, denn seine Stimme verweigerte ihm die Zusammenarbeit.
Nun sah Mike auf den abgetrennten Kopf und obwohl die Sicht durch den Schnee nicht die beste war, meinte er die GesichtszĂŒge, die zu einer schmerzverzerrten Grimasse verformt war, zu erkennen. War das nicht Derrik Potter aus seiner Klasse? Ja, und der Ring, den er vorhin gesehen hatte, gehörte der nicht auch Derrik? War er mit ihnen auf der Party gewesen? Das konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen und gerade als er Jack danach fragen wollte, hob das haarige Ding seinen Kopf, witterte wie ein Luchs und ließ in der nĂ€chsten Sekunde den zerfetzten Körper wie Abfall fallen. Schnee wurde aufgewirbelt. Das Wesen drehte sich um und gleichzeitig erbete die gesamte Welt unter ihm. Es sah die zwei Freunde nun direkt an, wenngleich Mike nicht wusste, wie das möglich war. Noch immer konnte er nicht die geringste Spur eines Gesichtes ausmachen. Keine Augen, keine Nase, keine Ohren, nur eine pelzige Kugel unter dessen Haaren selbst der Mund verschwunden war, in dem die messerscharfen und langen ZĂ€hne wohnten. Mehrere Schauer jagten ĂŒber seinen rĂŒcken und die Angst und die Panik drangen gewaltsam in jeder seine Körperöffnungen ein. Das Geschöpft machte einen schweren Schritt auf die zwei zu und in diesem Moment schrie Jack auf und rannte davon. Mike tat es ihm sofort nach.
Die Erde unter ihnen erzitterte, gleichsam sie hĂ€tte selbst Angst vor dem Wesen und irgendwo hörte Mike einen Baum umstĂŒrzen. Der immer stĂ€rker werdende Schneefall nahm ihm vollends die Sicht, so dass er einen tiefhĂ€ngenden Ast ĂŒbersah, der ihm ins Gesicht peitschte. Er schrie auf. Jack drehte sich um, wohl in der Vermutung, das Monster hĂ€tte ihn in die Klauen bekommen, und sowie er sah, dass das nicht der Fall war, rannte er weiter zwischen den BĂ€umen hindurch. Mike spĂŒrte wĂ€hrenddessen, wie er Seitenstechen bekam, aber davon ließ er sich nicht abhalten. Hinter sich hörte er eine Dampflok keuchen und er hatte alle MĂŒhe, sich auf den Beinen zu halten, da das Beben unter ihm kontinuierlich stĂ€rker wurde. Es wird schneller, schrie ihm erneut diese Stimme aus seinem Innern zu. Irgendwo weit weg, in einer anderen Welt, hörte er Zweige brechen und ein tiefes, niederschmetterndes Knurren, das von tausend Wölfen und von tausend Hunden zu stammen schien.
Auf einmal hörte Mike einen klagenden Aufschrei und einen Sturz und noch ehe er sich darĂŒber bewusst werden konnte, was das war, stolperte er ĂŒber Jack. Er schrie ebenfalls und versuchte augenblicklich, sich wieder aufzurichten. Sobald er wieder auf den FĂŒĂŸen stand, erkannte er einen umgestĂŒrzten Baum, der den Winter nicht ĂŒberlebt hatte und ĂŒber den Jack gestolpert war. Instinktiv wandte er seinen Kopf und sah, wie das haarige Monster den Schneeschleier durchbrach und in phantomhaften Bewegungen schnell nĂ€her kam. „Verdammt, steh schon auf!“, brĂŒllte er Jack an, wobei er ihm eine Hand reichte. Beide weinten, wĂ€hrend sich ihre Herzen und ihre Pulse sich in der Geschwindigkeit gegenseitig ĂŒberboten.
Das gesichtslose Ding wĂŒrde gleich bei ihnen sein, das erkannte auch Mike Harlen, weshalb er auf seinen Freund, der jetzt wieder stand, nicht mehr achtete und weiterrannte. Doch genauso gut hĂ€tte er einfach stehen bleiben können, denn im nĂ€chsten Moment hatte das haarige Wesen sie eingeholt. Aus einem nicht zusehenden Maul stieß es einen Schrei aus, der den Mond abermals hinter einer Wolke verschwinden ließ und der die Knochen von Mike und Jack zerschmetterte, wie Sprengstoff ein abbruchreifes Hochhaus. Mit der Schnelligkeit einer Kobra schnellte eine seiner Klauen hervor und durchlöcherte den RĂŒcken von Jack, der jetzt in die Höhe gehoben wurde. Sein Schrei ertrank in dem Blut, dass seiner Kehle hoch schwappte. Das Monster machte noch zwei Schritte und dann spießte er auch Mike auf. Es gab erneut sein Knurren von sich und schwenkte die beiden zappelnden Körper wie TrophĂ€en in der Luft.
Mike spĂŒrte ein unglaubliches Brennen in seinem ganzen Körper. Von seinem RĂŒcken spĂŒrte er gar nichts mehr, außer, dass es ich anfĂŒhlte wie ein Sieb. Ihm wurde es ganz heiß und in seinem Kopf hatte sich ein zweites Mal der nutzlose Knoten gebildet. Die Welt vor ihm verschwamm und nur noch am Rande bekam er mit, wie er beinahe ĂŒber den Wald hinwegblicken konnte, bevor derselbige an ihm wie in einer Achterbahn vorbeiraste. Sein und Jacks Körper wurden bei dem Aufprall auf dem schneebedeckten Boden zertrĂŒmmert und sofort entfaltete die unendliche SchwĂ€rze ihren Mantel vor seinen Augen und dann, dann spĂŒrte er nichts mehr.

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