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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Blutsverwandt
Eingestellt am 15. 04. 2014 12:55


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Lomil
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2014

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Hannahs Mutter hat sich gefreut, als sie plötzlich vor ihr in der TĂŒre stand. Sie umarmt die knochigen Schultern der Mutter. Streift die lose, alte Haut der Wangen.

- Du hĂ€ttest dich anmelden können. Schließlich gibt es Telefon. Ich bin nicht auf Besuch vorbereitet. Ich hĂ€tte Sauerbraten machen können, den isst du doch so gerne. Rindfleischsuppe mit Nudeln hab ich noch auf dem Ofen, hat Hannahs Mutter gesagt.
Hannah sagt, dass sie keinen Hunger hat.
- Die Mutter sagt, dass sie so gut wie gar nichts mehr isst.
Hannahs Mutter deckt den Tisch. Weiße Leinendecke. Frisch gestĂ€rkt. Mit messerscharfen Falten. Hannahs Mutter ist stolz auf ihre Tischdecken.

Hannah setzt sich an den Tisch. Hinter den leeren Teller. Sie streicht mit der Hand ĂŒber die Decke. Die Decke ist eiskalt. Sie spĂŒrt die Hohlsaumstickerei. Hannah hat Angst um sich. Sie nimmt die HĂ€nde vom Tisch. Übertreib ihr Gefasstsein.

Die Mutter trĂ€gt die Suppe auf. Mit sicherer Hand. Die Suppe ist heiß. Hannah blĂ€st in den Löffel.
- Suppe muss heiß gegessen werden. Kalt schmeckt sie nicht, sagt die Mutter.
Hannah stört die vollkommene Ruhe und UnberĂŒhrtheit im Gesicht der Mutter.
Die Zeiger der KĂŒchenuhr stehen still.

- Möchtst du etwas trinken? fragt die Mutter.
- Sie selbst trinkt nichts. Man kann keine Suppe essen und gleichzeitig trinken. Ungeachtet dessen trinkt sie sowieso zu wenig, fĂŒr ihr Alter. Im Alter muss man viel trinken, sonst trocknet man aus, sagt die Mutter.

Das Wasser schießt ins Glas. Sprudelt im Glas. Hannahs Zunge ist dick und pelzig. Das Wasser bizzelt auf der Zunge. SchĂ€umt Spucke auf. SchwĂ€cht ihre Verzweifelung ab.
Die Suppe ist zu heiß. Das Wasser zu kalt. Die Nudeln in der Suppe zu weich. Das Faltengeflecht im Gesicht der Mutter zu dicht. Die Musik im Radio zu laut.
Das Lieblingslied der Mutter. Sie hat ihr HörgerĂ€t nicht an. Beklagt die Zuzahlung fĂŒr ihr HörgerĂ€t. das sie nicht trĂ€gt.

- Wir geht es dir? fragt die Mutter.
Ein fetter Sonnenbalken streift das Gesicht der Mutter. Einen Wimpernschlag lang. Ihre Lider zucken. Sie hÀlt die Hand vor die Augen. Das Sonnenlicht kann sie nicht mehr vertragen. Sie hat eine Brille mit getönten GlÀsern beantragt.

- Wie geht es Dir? Du siehst schlecht aus. Zu blass. Die BlÀsse kleidet dich nicht. Die Haut am Hals altert am Schnellsten. Du musst rechtzeitig etwas dagegen unternehmen, sagt die Mutter.
Sie spannt ihre Halssehnen wie die Speichen an einem Regenschirm. FĂ€hrt mit der Hand darĂŒber. HĂ€lt die Augen geschlossen.

- Du siest gut aus, sagt Hannah.
Die Mutter widerspricht.
- Es geht einem nicht gut, wenn man alt ist. Es ist absehbar wie lange man noch lebt.
Hannah widerspricht.
Die Mutter bemĂŒht die Statistik und die natĂŒrliche Reihenfolge beim Sterben.
Hannah drĂŒckt die HĂ€nde auf den Mund. Wischt sich den schlechten Geschmack von den blutleeren Lippen.

Die Mutter hat sich abgedreht. Streichelt hin und wieder ĂŒber die Sessellehne. Sie klopft auf die Sessellehne. Hannah folgt dem Ruf des Klopfens. Setzt sich auf die Sessellehne. Die Mutter zieht die Hand zurĂŒck.
Die Äpfel in der Schale sehen gesund aus. Rotwangig.
- Du solltest mehr Obst essen. Wegen der Vitamine. Sie isst viel Obst, sagt die Mutter.
Die Zeit des Apfelessens mit gesunden ZĂ€hnen ist vorbei. Das Messer teilt die gewachste Haut des Apfels. Teilt die roten Wangen. Kauen, Stille.

- Mit vollem Mund spricht man nicht, sagt die Mutter.
Hannah hört die Gedanken hinter der Stirn. Weit und langsam, wie aus anderen Tagen. Heute ist Gestern. Morgen wird es nicht geben. Die Mutter kaut laut und langsam. Alleingelassen mit ihrem ApfelstĂŒck in ihrem Mund. Der Anschnitt lĂ€uft braun an.
Sein Blut kann man nicht sehen. Nur wenn man sich verletzt. Das HĂ€moglobin fĂ€rbt es rot. Rote Blutkörperchen. Von denen Hannah zu wenig hat. Sie hat zuviel Weiße. Die Weißen sind zu RĂ€ubern geworden. Gehorchen den Gesetzen nicht mehr.
Die Mutter Blutsverwandt. Von gleichem Blut.

Hannah hört sich atmen. Die Mutter schnauft. Kurzatmig. Ein dĂŒnner Ton. Ein Ton der reißt. Das Gezweig am Fensterkreuz schlĂ€gt gegen die Scheibe. GrĂŒne BlĂ€tter, hartes Rauschen.
Der lange Schatten der Nachmittagssonne zeichnet Muster auf die weiße Wand.
Langsam in dem verblassten Muster versinken unsichtbar werden, denkt Hannah.

Der Mutter sind diese Stunden des Tages die liebsten. Wenn ich nur nicht immer so alleine wÀre. Allein sein ist furchtbar. Im Nachbarhaus haben sie einen Toten gefunden, der schon zwei Monate lang tot war.
- Wie lange bleibst du? fragt die Mutter.

Die Mutter kocht Kaffee. Laut zĂ€hlt sie die Anzahl der gehĂ€uften Kaffeelöffel die sie in den Filter fĂŒllt.
Magst du deinen Kaffee lieber stark oder nicht so stark? fragt die Mutter.
Hannah mag keinen Kaffee, trinkt lieber Tee. Von Kaffee wird ihr ĂŒbel, schon immer.
- Nicht so stark, antwortet Hannah.
Die Mutter zÀhlt weiter gehÀufte Kaffeelöffel in den Filter.
Hannah sitzt hinter ihrem Kaffee.
Milch hat die Mutter nicht.
- Kaffee muss schwarz wie die Nacht und sĂŒĂŸ wie die SĂŒnde sein.
Es hat lange nicht geregnet. Es vertrocknet alles. Der wilde Wein trÀgt dieses Jahr nicht, sagt die Mutter.

Hannah erinnert sich an ihre Kindheit.
Der Sommer ist heiß.
Das Kind steht in der halb offenen TĂŒr. Der Spalt macht den Raum klein.
Die Mutter trĂ€gt eine weiße KittelschĂŒrze. Darunter ist sie nackt. Sie lehnt sich an am KĂŒchentisch. Sie kĂŒhlt die Stirn mit der flachen Hand. Vor der Mutter steht der Nachbar. Ganz nah. Sein Gesicht ist blass und schwammig im vertikalen Licht. Seine Hand unter der KittelschĂŒrze der Mutter. Nah an ihrer Heimlichkeit. Das nackte Bein neben dem Bein der Mutter.
Die Hand der Mutter zwischen den nackten Beinen des Nachbarn. Nah an seiner Heimlichkeit.
Die Mutter sieht schön aus. Die Mutter lÀchelt. Ihr Mund ist geöffnet.
Der Nachbar keucht. Die Mutter stöhnt. Die Mutter steift das Kinn. Der Nachbar leckt den Hals der Mutter. Der Nachbar bewegt sich schnell. Auf Zehenspitzen. Die Narbe auf seiner Wange leuchtet rot. Die Haare der Mutter sind nass vom Schweiß.
Die Zeiger der KĂŒchenuhr begegnen sich. Enrfernen sich. Die KĂŒchenuhr schlĂ€gt.
Der Nachbar richtet seinen Krawattenknoten. In das Echo. Der Nachbar geht. Die HĂ€nde tief in die Taschen gesteckt. Den Kopf geneigt.
Das Kind geht. Bis die Mauern aufhören. Die Wege friedlich in der Erde liegen.

Die Schatten stehen tief. Die BĂ€ume tragen schwer an ihrenm Lauf.
Die Zeiger der Uhr teilen das Zifferblatt.
MĂŒdigkeit steht im Schritt des Vaters.
Er kommt mit langem Schatten. Das Kind tritt in den Schatten
des Vaters. Der Vater nimmt es an seine Hand.
- Der Sommer ist zu trocken. Der wilde Wein trÀgt dieses Jahr nicht, sagt der Vater
Die Mutter steht in der geöffneten TĂŒr. Mit Wind im Haar.

- Wie lange bleibst du? fragt die Mutter.
Ihre Stimme eingehĂŒllt in wattige GleichgĂŒltigkeit.
- Die Mutter schließt das Fenster.
Besser es bleibt zu. LĂ€sst die Hitze draußen, sagt die Mutter.
Die sengende Sonne war ein Schwindel. Die Sonne die Leben bringen sollte, trug den Tod in den unbarmherzigen Tag.
Die Zeiger der KĂŒchenuhr stehen still.
Bewegen sich nicht.
Begegnen sich auf der vier.

Hannah denkt; ich hÀtte nicht kommen sollen!



Version vom 15. 04. 2014 12:55

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Paloma
???
Registriert: Aug 2002

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Guten Morgen Lomil und frohe Ostern,

eine starke Geschichte, wechselnd in den Zeiten. Sie liest sich leider ĂŒber weite Strecken wie eine Regieanweisung, ich fĂ€nde sie ein wenig rundlicher deutlich schöner. LeukĂ€mie ist ĂŒbrigens nicht vererbbar.
Wenn du dich auf eine Perspektive festlegen könntest, vorzugsweise auf die der Tochter, wĂŒrde deine Geschichte sicher noch intensiver.

Liebe GrĂŒĂŸe
Paloma
__________________
Plot - POV - Pointe

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Lomil
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2014

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Blutsverwandt



Hallo Paloma, auch Dir frohe Ostern

Hannah kommt zu ihrer Mutter,um sie zu bitten sich testen zu lassen, ob sie fĂŒr eine evtl. Knochenmarkspende in Frage kĂ€me.
Die Mutter interessiert sich nicht fĂŒr ihre Tochter, hat es nie getan. Erkennt, dass Hannah zu blass ist, fragt aber nicht nach dem Grund. Ich glaube, dass gerade durch den ErzĂ€hlstil KĂ€lte, Distanz und Sprachlosigkeit die zwischen ihnen herrscht, spĂŒrbar wird. Warum Hannah am Ende des Besuchs die Mutter nicht fragt, und bedauert, ĂŒberhaupt gekommen zu sein!

Lomil

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