Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
276 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bodensee 1 (ein "helles" Wawa Kapitel
Eingestellt am 22. 05. 2001 14:00


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Wawa hielt FrĂ€ulein Bauers Hand ganz fest, als sie die Halle des MĂŒnchner Hauptbahnhofs betraten. FrĂ€ulein Bauers Verlobter Max ging mit zwei Koffern beladen, einige Schritte hinter ihnen. Wawas leichter Rucksack hĂŒpfte auf ihren Schultern, als sie versuchte, FrĂ€ulein Bauer zum Laufen zu bewegen. Aufgeregt zappelte und hĂŒpfte sie an ihrer Hand, besorgt dass sie womöglich den Zug verpassen könnten. FrĂ€ulein Bauer ließ sich von Wawas Überschwang mitreißen, so dass Max MĂŒhe hatte, den beiden dĂŒnnen Gestalten zu folgen. Seine Verlobte war auf eine wenig anmutige Weise mager, Knie, Ellbogen und Handgelenke waren zu bĂ€uerlich derb fĂŒr die schmĂ€chtigen Arme und Beine. Da FrĂ€ulein Bauer sehr groß war, Max hingegen von kleiner, krĂ€ftiger Statur, trug sie immer flaches Schuhwerk. Damit ĂŒberragte sie ihn immer noch um einen halben Kopf und ihre Beine bildeten eine grade Linie von den Knien, die sich wie Schildkrötenpanzer unter den Nylons abzeichneten, zu den wĂ€ssrigen Fußgelenken. Wawa liebte FrĂ€ulein Bauer, diese altjĂŒngferliche, sparsame und gottesfĂŒrchtige SchwĂ€bin von Mitte dreißig. Max, ihr Verlobter, fast zehn Jahre jĂŒnger als sie, war fĂŒr Wawas wilde Tobereien ein standfester und fröhlicher Spielkamerad, bei dem sie aber eifersĂŒchtig darauf achtete, dass er nicht zuviel von FrĂ€ulein Bauers Aufmerksamkeit fĂŒr sich beanspruchte. Allerdings hatte sie wenig Grund zur Eifersucht, FrĂ€ulein Bauer und Max gingen höchst sittsam miteinender um. Selten hielt er mal einen Augenblick ihre Hand, der Kuss zur BegrĂŒĂŸung und zum Abschied war eine gehauchte Andeutung.
FrĂ€ulein Bauer war fĂŒr Wawa der wichtigste Mensch, wenn es um Gewissensfragen ging. Die Moralvorstellungen ihrer Urgroßmutter waren hĂ€ufig zu extravagant, ihre Mutter besaß keine, allein die von FrĂ€ulein Bauer waren solide, bodenstĂ€ndig und von alltagstauglicher ReligiositĂ€t.

Als sie die Bahnhofshalle halb durchquert hatten, wollte Max einem GepÀcktrÀger winken. FrÀulein Bauer drehte sich sofort um und meinte freundlich,
„Das ist doch nicht nötig, wir sind doch gleich da. Wenn du nicht mehr kannst, nehme ich dir einen Koffer ab“
WĂ€hrend sie das sagte, griff sie schon nach einem der schweren Koffer. Maxs EinwĂ€nde trafen nur noch ihren schmalen RĂŒcken mit den hervortretenden SchulterblĂ€ttern, als sie den Koffergriff mit beiden HĂ€nden umklammernd, in Richtung der Automaten fĂŒr die Bahnsteigkarten sputete. Wawa behinderte sie noch zusĂ€tzlich in ihrem Versuch, beim Tragen zu helfen. Aber FrĂ€ulein Bauer eilte mit der ZĂ€higkeit einer ehemaligen BDM Erntehelferin durch die Sperre zu den Bahnsteigen.
Obwohl Wawa schon einige Mal mit der Bahn verreist war, plapperte und lachte sie ohne unterlass vor glĂŒcklicher Erregung. Sie wĂŒrde jetzt eine ganze Woche mit FrĂ€ulein Bauer in ihr Elternhaus nach Langenargen fahren. Sie wusste, dass das Haus direkt am See lag und dass es dort einen Collie namens SchĂ€fchen und drei Katzen gab. Eine Lautsprecherdurchsage versetzte die drei Reisenden noch einmal in hektischen Lauf. Das Abfahrtsgleis des Zuges war geĂ€ndert worden.
Aber dann saßen sie endlich im Zug und hatten ein Abteil fĂŒr
sich. Wawa fing sofort an, ĂŒber die Sitze zu toben. Sie ließ sich aber durch den Vorschlag von FrĂ€ulein Bauer, die Menschen zu zĂ€hlen die jetzt noch zum Zug eilten, bewegen, sich hinzusetzen und aus dem Fenster zu sehen.
Als der Zug anfuhr, hatte FrĂ€ulein Bauer schon begonnen die beiden Thermoskannen, die eingewickelten Brote und die hart gekochten Eier auszupacken; das Salz fĂŒr die Eier war sorgfĂ€ltig in ein kleines Papier eingeschlagen. Sie hatte sogar ein Tischdeckchen mitgebracht, drei sorgsam in Stoffservietten eingewickelte GlĂ€ser, ein Töpfchen Obstsalat und viele kleine, rote Äpfel.
WĂ€hrend der Zug langsam durch die VorstĂ€dte von MĂŒnchen fuhr, bat Wawa schon um etwas zu trinken. Max hatte aus seinem Koffer Block, Bleistift und mehrere BĂŒcher geholt, die er zusammen mit vollgekritzelten Seiten um sich verteilte. Er war Werkstudent, dies bedeutete, dass er neben seinem Studium seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Schon bald war er in seinen Text vertieft. Als Wawa begann, lautstark jedes Haus, jede Kuh und - wenn sich nichts anderes fand - auch die Formen der kleinen Wolken am sonnigen Himmel zu kommentieren, fĂŒhrte FrĂ€ulein Bauer mit einem deutlichen Zischlaut den Finger an die Lippen und sagte leise,
„Schau, der Max muss doch noch arbeiten, wie wĂ€re es, wenn ich dir eine Geschichte erzĂ€hle. Du musst ganz nah zu mir kommen, damit ich leise sprechen kann.“
Auffordernd klopfte sie auf den freien Platz neben sich. Ohne zu zögern schlĂŒpfte Wawa halb auf ihren Schoß und sah sie gespannt an.
„Ich erzĂ€hl die jetzt mal, wie wir gelebt haben, als ich noch ein kleines MĂ€dchen war, wie du heute
“
FrĂ€ulein Bauer lehnte den Kopf gegen das Polster, legte einen Arm um Wawa und begann fast flĂŒsternd zu erzĂ€hlen.
Sie sprach ĂŒber ihren Vater, den Pastor von Langenargen und aus jedem Wort konnte man ihre Liebe und ihren Respekt hören. Sie erzĂ€hlte von dem großen Haus am See, von ihren vier Schwestern, von Hamsterfahrten und heimlichem Schlachten im Krieg.
Wawa kannte schon viele Geschichten von „frĂŒher“ unerbittlich löcherte sie ihre Urgroßmutter, ihr mehr davon zu erzĂ€hlen. Aber sie hatte gelernt, dass jedes „frĂŒher“ anders war, darum bat sie alle Erwachsenen, die ihr etwas vertraut waren, ihr zu erzĂ€hlen wie es war, als sie noch Kinder waren.
FrĂ€ulein Bauer berichtete ihr, wie sie heimlich ein Schwein im Keller hielten, das Tier hatte in seinem kurzen Leben nie das Tageslicht gesehen. Die ganze Familie hatten Angst vor dem Tag, an dem es geschlachtet werden musste. Ihre Mutter war zwar auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatte aber lange die Schule besuchen dĂŒrfen und keinen blassen Schimmer davon, wie man schlachtet, aber hatte es zumindest in ihrer Kindheit manchmal mit Grausen gesehen. Ihre Schilderungen waren wenig geeignet den anderen Mut zu machen. Der Vater von FrĂ€ulein Bauer kam aus einer Pastorenfamilie und war in Stuttgart aufgewachsen, es war ihm bis dahin noch nie in den Sinn gekommen ein Tier zu töten. Aus einer Bibliothek in Lindau hatte er sich ein Buch geliehen und sich das theoretische Wissen angelesen. WĂ€hrend das Schwein gemĂ€stet wurde, wobei man die kĂ€rglichen AbfĂ€lle kaum als mĂ€sten bezeichnen konnte, weigerte er sich, in den Keller zu gehen. Er sagte, dass es ihm unmöglich wĂ€re, ein Wesen zu töten, was er vorher kennen gelernt habe. So fĂŒtterten die fĂŒnf MĂ€dchen reihum das Schwein.
Wie aufgeregt sie und ihre Schwestern waren, als endlich der Schlachttag kam. Bottiche mit Wasser wurden erhitzt, der Keller mit Planen ausgelegt, SchĂŒsseln fĂŒr das Blut in den Keller getragen und FrĂ€ulein Bauers Vater schĂ€rfte mit ernster Miene ein langes Messer. Obwohl der Pastor so etwas noch nie getan hatte, gelang es ihm, das Schwein schnell zu töten. Danach stand er leichenblass mit dem blutigen Messer in der Hand an der Wand und verweigerte jede weitere Mithilfe, gab aber brauchbare Anweisungen. Die Mutter und die fĂŒnf MĂ€dchen, FrĂ€ulein Bauer war damals mit ihren fĂŒnfzehn Jahren die Ă€lteste, schafften es auch ohne seine Hilfe, das Schwein zu zerlegen, das Blut in den SchĂŒsseln zu rĂŒhren und alles zu pökeln oder einzukochen. Als Wawa erstaunt fragte, ob sie denn nicht alle sehr traurig gewesen seien, antwortete ihr FrĂ€ulein Bauer nur,
„Wir hatten damals alle Hunger. Du kannst es Dir nicht vorstellen, aber wir waren eigentlich immer hungrig. Wenn wir abends im Bett lagen, erzĂ€hlten wir uns Geschichten ĂŒber Essen, ĂŒber dick belegte Butterbrote, ĂŒber Apfelkuchen und ĂŒber SpĂ€tzle mit KĂ€se.“
FrĂ€ulein Bauer schĂŒttete nachdenklich den Kopf,
„Nein wir waren nicht traurig, wir waren einfach nur dankbar fĂŒr das Schwein. So etwas köstliches, wie das erste StĂŒck der SĂŒlze habe ich nie wieder gegessen. Nur Vater hat kaum etwas davon angerĂŒht.“
Wawa wurde etwas ungeduldig,
„..und was dann?“
„Dann nichts weiter, das ist das Ende der Geschichte mit dem Schwein“.
„Noch eine Geschichte, bitte, bitte, bitte!..“
Wawas laute Bettelei ließ Max einen Augenblick von seinem Text aufsehen. Mit einem Seufzen erzĂ€hlte FrĂ€ulein Bauer weiter.
Sie erzĂ€hlte wie ihre Großmutter, die Töpfchen der Kinder immer einfach aus dem Fenster goss, bis die Nachbarn zu fragen begannen, warum das Gras an dieser Stelle unter dem Fenster so dicht und grĂŒn sei. Darauf hatte sie die Nachttöpfe mit mehr Schwung aus verschiedenen Fenstern des ersten Stocks geschĂŒttet. FrĂ€ulein Bauer meinte, sie hĂ€tten damals als sie und ihre Schwestern noch klein waren, den schönsten Garten von Langenargen gehabt. Mit langsam mĂŒder werdender Stimme berichtete sie von der Zeit unter Hitler. Da ihr Vater in seinen Predigten bisweilen eine kritische Äußerung wagte, stand vor jeder Messe eine der Töchter an der KirchentĂŒr, um den Vater zu warnen, wenn eine unbekannte Gestalt in den Gottesdienst kam. Wawa fand das sehr spannend und meinte etwas betrĂŒbt,
„Schade dass ich nicht damals gelebt habe. Ich hĂ€tte auch so gerne aufgepasst, ob nicht einer von den Bösen in die Kirche kommt.“
FrÀulein Bauers Stimme wurde plötzlich hart vor Strenge,
„Sag das nie, nie wieder. Es war die schrecklichste Zeit fĂŒr die Menschen ĂŒberhaupt. Du darfst das nicht einmal denken, versprich mir das. Versprich mir das sofort!“
Wawa zuckte erschreckt ĂŒber den Ton zusammen, der eine Kluft in ihre Vertrautheit riss und sie alleine am Abgrund zurĂŒckließ. Sie versprach eilig, aber etwas erstaunt, nie wieder so etwas zu denken.
NatĂŒrlich wusste Wawa, dass es zwei schrecklich Kriege gegeben hatte. Sie wusste dass Juden getötet worden waren, einfach nur weil sie Juden waren. Aber das hatte sie ja auch nicht gemeint, als sie sagte, dass sie gerne damals gelebt hĂ€tte. Wawa hatte sich nur vorgestellt, wie sie am Kirchenportal stand und alle Verantwortung bei ihr lag, dass kein Fremder unbemerkt in die Kirche kĂ€me. Sie hatte sich wĂ€hrend sie zuhörte, ausgemalt, sie stĂ€nde in einer dĂ€mmrigen Nische der Kirche, die Predigt hĂ€tte schon begonnen, plötzlich wĂŒrde sie einen schmalen Lichtstrahl an der TĂŒr bemerken, das Eintreten eines NachzĂŒglers. Unbemerkt wĂ€re sie durch das Seitenschiff hingelaufen und wirklich, dort stand im Schatten einer SĂ€ule ein Mann in einem grauen Mantel, der seinen Hut beim Betreten der Kirche nicht abgenommen hatte. Das wĂ€re der Beweis, dass er einer von den Bösen war. Nur wie sollte sie die Predigt unterbrechen? Die Urgroßmutter hatte ihr einmal von einer Frau erzĂ€hlt, die wĂ€hrend einer Predigt nach vorne gestĂŒrmt ist, um vor dem Altar auf die Knie zu sinken und laut zu rufen,
„Ich habe ihn gesehen, Er ist mir erschienen. Ich bin jetzt eine Schwester Jesu. Er gab mir seine Macht..“
Wawa gefiel dabei vor allem die Sache mit der Macht. Sicher ihre Urgroßmutter hatte gesagt, die Frau wĂ€re einfach verrĂŒckt gewesen und man hĂ€tte sie kurzerhand aus der Kirche gejagt.
Also was wĂŒrde sie machen? Sie mĂŒsste die Predigt unterbrechen, ohne den Pastor in Verdacht zu bringen. Einfach wĂ€re die Möglichkeit, mit dem Lauten Ruf,
„Herr erbarme Dich meiner, ich habe schwer gesĂŒndigt“
Zur Kanzel zu stĂŒrmen. Dann wĂ€re der Pastor von der Kanzel gestiegen, hĂ€tte sich mit den Worten,
„Was hast du getan, mein Kind“
ĂŒber sie gebeugt und sie hĂ€tte ihm leise ins Ohr flĂŒstern können, dass dort im Schatten ein böser Mann steht. Nur Wawa wusste nicht genau ob sie diesen Mut aufgebracht hĂ€tte. DarĂŒber musste sie noch nachdenke.
Der Zug hatte grade an einer Station gehalten, einige Reisende waren zugestiegen, auf dem Gang schob sich eine Gruppe ausgelassener junger MĂ€nner vorbei, um das angrenzende Abteil zu besetzten.

Fortsetzung folgt.





Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


leonie
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Kyra

Toll geschrieben, warte mit Spannung auf die Fortsetzung * freu *
liebe grĂŒĂŸe leonie

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!