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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bodo und ich
Eingestellt am 08. 03. 2018 13:13


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gondoliere
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Bodo und ich
1.
Wir fahren beide häufig Aufzug, Bodo und ich. Schade nur, dass wir nie Mitfahrer haben. In einem Gebäude mit 24 Stockwerken (wir wohnen ganz oben) ist die Anonymität ja vorprogrammiert. Da wäre die Fahrt im Aufzug doch eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und Bekanntschaften anzubahnen. Immerhin dauert eine Fahrt aus unserer Höhe nach unten rund zwei Minuten, bei zwei oder drei Stopps kommt noch einmal eine Minute dazu – also Zeit genug, einen kleinen Schwatz zu halten. Aber, wie gesagt, wenn Bodo und ich drin sind, will niemand mehr zusteigen. Das gab mir zu denken.
An wem liegt es, an mir oder an Bodo? Zugegeben: Ich habe etwas Mundgeruch, dafür duftet er körperlich etwas streng – aber gewiss nicht stärker als ich mit meinem Mundgeruch! Diese beiden einigermaßen gleich verteilten Eigenschaften scheinen mir aber keine hinreichenden Gründe zu sein für das, ja ich muss schon sagen, diskriminierende Verhalten der potenziellen Fahrstuhlmitfahrer.
Deshalb beobachtete ich eine Zeit lang genau den Blickverlauf der Aufzugverweigerer, wenn sich die Kabinentür öffnete und musste bald unwiderlegbar zur Kenntnis nehmen: Bodo ist schuld. Denn immer, wenn sie ihn sehen, lassen sie uns allein weiterfahren. Ich werde offenbar überhaupt nicht wahrgenommen, sofort zieht er die Blicke auf sich. Das müsste mich eigentlich eifersüchtig machen. Aber da sie offenbar seinetwegen nicht in die Fahrstuhlkabine kommen wollen, macht es mich traurig und ihn sicher auch. Dann kraule ich ihn zum Trost hinterm Ohr und er reibt zum Zeichen seiner Gegenliebe seinen Kopf an mir. Wir sind eben ein zwar einsames, aber doch glückliches Paar – mein Bengal-Tiger Bodo und ich.

2.
Auch wenn man zu zweit glücklich ist – welches Paar hält es auf Dauer aus, fortwährend gezeigt zu bekommen, dass die Leute nichts mit einem zu tun haben wollen, schon gar nicht mit einem ausgewachsenen Bengal-Tiger. Dabei ist er vollkommen zahm. Jeder neurotische Stubenkater ist zehnmal aggressiver. Aber wenn ich mit Bodo unterwegs bin, wechseln die Leute die Straßenseite, wenn sie uns schon von Ferne kommen sehen. Gut, das erleichtert das Vorankommen, besonders in frequentierten Fußgängerzonen. Trotzdem --
Alles mögliche habe ich schon unternommen, um aus dieser Isolation herauszukommen. Beispielsweise band ich Bodo um Schwanz und Hals ein rosa Schleifchen, um ihn so harmlos aussehen zu lassen, wie manche Pudel oder Yorkshire-Terriers von älteren Damen. Es half aber nichts.
Ein anderer Versuch war die 'Aktion Sandwichman': Wenn ich mit Bodo ausging, hängte ich mir zwei Plakate über Front und Rücken, auf denen in großen Lettern geschrieben stand: "Tiger Bodo ist absolut zahm. Einfach hinterm Ohr kraulen." Niemand glaubte mir, niemand kraulte ihn. Nach wie vor wichen uns die Menschen in großem Bogen aus.
Dann überlegte ich, ob ich ihn nicht einfach wie eine harmlose, grau-schwarz getigerte (sic!) Hauskatze aussehen lassen konnte. Ich fand aber leider keinen Coiffeur, der die etwas langwierige Prozedur, nur die honiggelben Fellanteile in ein warmes Mittelgrau zu tönen, übernehmen wollte. Wahrscheinlich hätte ich das auch gar nicht bezahlen können, wenn Mode bewusste Damen schon für eine Zweieinhalb-Stunden-Sitzung rund hundert Euro berappen müssen.
Bodo gähnt gerne ausdauernd und ungeniert, auch in der Öffentlichkeit. Die Versuche, ihn dazu zu bringen, sich die Pfote vors Maul zu halten, scheiterten. Irgendwann blickte ich ihm bei einer solchen Gelegenheit tief in den Rachen und erschrak selber ein wenig: Dolche, diese Dolche! Kein Wunder dass meine Mitmenschen davor Angst haben. Ich überlegte mir, ob ich ihm die Eckzähne ziehen lassen sollte. Dann könnte ich auf meinen Sandwich-Tafeln den Text optimieren: "Bodo, der zahnlose Tiger! Absolut zahm. Kitzeln Sie ihm den Gaumen!" Aber leider fand ich keinen Zahnarzt, auch die Kleintierpraxis hielt sich für nicht kompetent.
3.
Das einzige Lebewesen, das keine Angst vor Bodo zu haben schien, war vor etwa einem Jahr ein Langhaar-Dackel, der Bodo völlig hysterisch verkläffte. Bodo ließ sich das eine Weile gefallen. Aber irgendwann nervte es ihn. Er stieß einen kurzen, kräftigen Brüller aus und ich sah, wie das Langhaar und die Schlappohren des Dackels nach hinten geblasen wurden und der Dackel fast hinterher. Daraufhin klemmte der Hund die Rute zwischen die Hinterbeine und trollte sich. Nicht, ohne noch einmal den Kopf zu wenden und aus sicherer Entfernung ein aufbegehrendes, aber letztlich doch kleinlautes 'bäff' von sich zu geben. ––
Ich lebe in der falschen Welt. Ein Tiger als Lebenspartner ist darin nicht vorgesehen. Er stößt bei meinen Mitbewohnern auf Ablehnung, in der Öffentlichkeit auf Angst und bei den zuständigen Behörden auf reflexhaftes Verbotsverhalten. Auch wenn man sich als wunderbar funktionierende Zweiergemeinschaft präsentiert, sind die negativen Reaktionen der Gesellschaft schwer zu ertragen. Dabei sehnen wir uns beide doch nach Gemeinschaft auch mit Anderen. All die Versuche, die ich zu unserer Integration unternommen habe und der gute Wille, den ich immer wieder demonstriere, sprechen eine beredte Sprache. Niemand kann uns vorwerfen, dass wir uns auch nur im geringsten gesellschaftsfeindlich benommen hätten, da wir doch wissen, dass gerade das Leben in der Stadt eine hohe soziale Kompetenz erfordert. Aber wir werden ausgegrenzt und gedemütigt, indem uns das Recht auf eine Lebensgemeinschaft abgesprochen wird, die doch auf tiefer, gegenseitiger Liebe beruht. Wäre es anders, hätte mich Bodo längst zum Frühstück verspeist.
Manchmal denke ich: Ach, täte er es doch! Ich bin es so leid, immer und immer wieder für unsere Anerkennung kämpfen zu müssen. Würde er mich fressen, dann wüssten doch alle endgültig: So gern hat er mich! Ich, jedenfalls, weiß es auch ohne diesen Liebesbeweis.


Version vom 08. 03. 2018 13:13

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