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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Böset Erwachen
Eingestellt am 14. 08. 2014 16:51


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Wolfgang Bessel
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Registriert: Feb 2007

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Böset Erwachen

Mein Traum, ma selbst Jagdpächter zu werden, war zum Greifen nah.
Für kleinet Geld hätte ich die jagdlichen Einrichtungen kriegen können! Willi Püttmann – Jagdherr! Toll!
„Erstens kommt et anders und zweitens als man denkt.“ Dat war son weisen Spruch von meine Omma aus Wattenscheid.
Normalerweise hätte die Erbin, also dat Else, mich als pachtfähigen Dritten bei die Jagdgenossenschaft empfehlen können. Im Pachtvertrag war aber vereinbart worden, dat der Vertrag beim Tod vom Pächter erlöschen tut! Pech gehabt!

Ich bot mich also bei die Jagdgenossenschaft umgehend als Nachfolger an und hab um ne Laufzeitverlängerung von neun Jahren und den Einstieg in den alten Jagdpachtvertrag gebeten.
Obwohl die Pachtpreise überall im Landkreis rapide purzelten und einige Reviere nich ma für lau en Pächter fanden, hab ich erst gar nich versucht, den bisher vereinbarten Pachtpreis zu drücken. Ich wollte hier unbedingt weiter jagen. Mein Herz hing an dat Revier!
Vier Wochen hörte ich nix vom Jagdvorstand. Dat war entschieden zu lange. Ich wurde kribbelig und spürte, dat da wat im Busch war.
Ein Treffen mit dem Jagdhüter sollte mein ungutet Gefühl bestätigen.
Er schien schlecht gelaunt zu sein.
„Uli, alter Junge, wat iss mit dir? Bisse stinkig? Wat iss mit die Brüder vom Jagdvorstand, sach et schon!“
Uli druckste zuerst rum, wurde dann aber deutlich: „Willi, ich schäme mich für die Jagdgenossenschaft. Die Aasgeier wollen dreitausend Euro mehr Pacht. Ja, wo sind wir denn? Die spinnen doch! Gegen den Willen der meisten Jagdgenossen haben sich zwei Bauern und drei Öko-Spinner gegen Dein Angebot durchgesetzt.
Diese Kerle haben im Moment das Sagen. Dein Freund, der Schweinejupp, hat vor versammelter Mannschaft lauthals getönt: ‚Wer ‚Grün’ trägt und jagt, hat Geld, die Kerle kann man melken.’ Und die grünen Heinis sind sowieso gegen die Jagd und möchten am liebsten dat Revier in einen Windpark verwandeln und mittendrin ne riesige Biogasanlage errichten. Vonne Finanzierung haben die Armleuchter nix erzählt. Dat iss typisch für diese Vögel: Den Hals aufreißen und fordern, aber nich wissen, wer ihren ideologischen Öko-Quatsch bezahlt.“

Dat war en ganz gemeinen Tritt inne Brunftkugeln.
Ich nahm dat Unfassbare wie in Trance auf. Die Jagd hatte sich in Luft aufgelöst. Puff! Ich fühlte mich seelisch weidwund. Ich weiß nich, ob Sie schon ma son fiesen inneren Zustand erlebt haben. Ich gönn dat keinem. „Uli, wenn die Herren glauben, mich melken zu müssen, dann soll’n se sehn, wo se en bekloppten Bieter herkriegen. Soll zahlen, wer will, ich steige aus. Sonne Halsabschneiderei läuft nich mit Willi Püttmann. Ich bin doch nich der Hampelmann vonne Puppenkiste! Bescheuerte Jäger sterben ja nie aus. Irgendein Idiot bietet immer zu hoch und kann dann oft die Pacht schon nach einem Jahr nich mehr berappen.
Den Giersäcken wird noch Hörn und Sehn vergehn, so leicht machen wir dat den Jagdgenosssen nich. Die müssen erst ma jemanden finden, der die Kohle für die Kanzeln und die Hütte aufbringen kann.
Wir rechnen jetz aus, wie hoch die Abfindung für die jagdlichen Einrichtungen sein könnte.“
„Willi, das ist eine gute Idee.“
Wenn auf die Gesamtsumme noch dreißig Prozent Nachlass als taktische Verhandlungsmasse eingeräumt würden, waren dat immerhin noch etwa 40000,00 Euro, die von son fremden Nachpächter zu zahlen wärn.
Mit dieser Berechnung fuhren wir zur Else und begründeten Punkt für Punkt.
Sie war froh, dat wir uns schon Gedanken über die Zukunft der Jagd gemacht hatten.
„Else“, sachte ich, „wenn irgendein Bewerber nich bereit iss, diese Summe zu löhnen, annoncieren wir die Hochsitze und die Hütte inne Jagdpresse. Sollten dann noch Kanzeln übrig sein, werden die bei den Nachbarpächtern preisgünstig verkloppt oder et wird Kleinholz daraus gemacht.“
Sie war mit den Vorschlägen einverstanden. „Willi, wie schade für Dich, Du Guter hättest von mir alles für ein paar Euro bekommen. Ach, was sage ich, ich habe soviel vom Engelbert geerbt, ich hätte Dir alles geschenkt. Was bedeutet schon Geld und Gut? Was gehört uns schon auf Erden? Nichts! Es ist doch alles nur geliehen auf dieser Welt. Viel wichtiger ist es, glücklich zu sein.“ Sie strich mir über mein restlichet Haar und flüsterte ein wenig entrückt: „Bei Dir, mein Williken, wäre das Revier und ich in besten Händen gewesen.“
Oh, wat waren dat denn für Sirenen-Gesänge? Uli griente verlegen und glaubte hundertprozentig, dat zwischen uns beiden wat im Gange war.

Irgendwie wirkte Else nach Engelberts Tod anders. Sie blühte richtig auf. Neuerdings trug se die Haare offen, kleidete sich moderner und viel flotter. Nur der abscheuliche Hut, den se ständig auffem Kopp trug, den sollte se besser auffen Müll schmeißen. Die bisher zugeknöppte Dekoltheke gewährte freien und sehr ansehnlichen Anblick. Offensichtlich hatte se plötzlich Hummeln im Hintern und Schmetterlinge im Pansen.
Ja, dat Else war auch figürlich ne attraktive Frau. Ich hatte sie schon vor dieser Feststellung son bissken in mein Herz geschlossen, aber mehr wegen ihrer tollen Kochkünste.
Dat war ja allet schön und gut mit die weiblichen Anziehungskräfte, aber für Gefühlsduseleien hatte ich im Moment wirklich keinen Sinn.
Beim Abschied hab ich ihr lediglich en barmherzigen Kuss auffe Wange gedrückt. Wat machte dat Fraumensch? Sie schloss die Augen und hielt mir auch noch die Schnute hin. Wat sollte ich denn machen? Richtig peinlich war mir dat vor dem Uli. Ich ging darauf ein und drückte ihr en harmlosen Kuss drauf. Sie saugte sich sofort wie son Krakensaugnapf an meinem Mund fest und kam dabei völlig auße Puste, sie zitterte und seufzte.
Der Uli verdrehte die Augen und räusperte sich. Die Szene war ihm sehr unangenehm. Mir auch.
Nach dieser hoch erotischen Begebenheit fuhr ich äußerst verdattert nach Hause – zu meinem lieben Bertaken.
Berta glaubte, allet sei mit die Jagd in Butter und setzte sich zufrieden auffe Couch.
„Willi, sach, hasse die Jagd im Rucksack? Iss allet gut gelaufen?“
„Berta, et gibt Tage, da verliert man, und et gibt Tage, da gewinnen die anderen. Dat sachte mein Oppa aus Wanne-Eickel in so Situationen.“
„Wat für Situationen, Willi?“
„Berta, mit die Jagd im Westerwald iss Feierabend! Die Knallbirnen vom Jagdvorstand wollen dreitausend Euro mehr Pacht, zweitausend Euro Wildverbisspauschale und auch noch den Dachswildschaden ersetzt haben.“
Berta fiel die Kinnlade runter. „Dat gibt et doch nich, sind die denn total verrückt?“
„Nee, Berta, nur schrappig. Und der schlimmste von allen iss der Schweinejupp, der beim letzten Fest noch wie blöd mit Dir gebalzt hat.“
Ich sah Tränen in ihren Augen. Sie nahm en Zettel vom Schreibtisch und rechnete. Wir waren uns ausnahmsweise ma einig:
„Willi, dat kommt überhaupt nich inne Tüte, wir lassen uns nich über’n Tisch ziehn, außerdem sprengt dat unsere Preisvorstellungen.
Moral gibt et heute nich mehr. Da meinze, du hättest in den Jahren Freundschaften aufgebaut und son kleinen Pächterbonus gehabt, weile anständig gejagt hass, dann kommt so wat. Wenn et um Kohle geht, vergessen die Geier, dat se zivilisierte Menschen sind. Die haben keinen Anstand. Denen iss dat wurscht, ob ein oder sechs Pächter mit Anhang jagen, oder ob die Bieter Firmen oder Ausländer sind, Hauptsache die kriegen viel Geld inne Kasse! Ich versteh dat einfach nich, die Pachtpreise fallen doch überall. Hoffentlich holt sich der Vorstand ne blutige Nase.“
Zwei Tage später hielt ich den neuen Pachtvertrag inne Hand. Der war so abgefasst wie mir der Uli dat gesteckt hatte.
Er landete direkt im Papierkorb. Ich hab noch ma schriftlich auf mein bestehendet Angebot hingewiesen. Leider zog dat nich bei die geldgierigen Brüder.

Von November bis März wurde die Jagd halbseitig in vier großen Jagdzeitungen angeboten. Von dreiundvierzig Interessenten kamen nur acht Bewerber zur Besichtigung. Am 1. April, also zu Beginn des neuen Jagdjahres, war immer noch kein Jagdpachtvertrag unterschrieben. Natürlich rieben wir uns vergnügt die Hände.
„Berta, et scheint, als wären die Jäger langsam schlau geworden. Die können neuerdings rechnen. Die Herren Jagdgenossen lecken sich bestimmt noch ma die Finger nach meinem Angebot. Herrlich, Bertaken, komm gib Papa Küsschen, ich bin selig.“
„Willi, da kennze aber die Bauern schlecht. Wie Du weißt, hab ich auch Bauernblut inne Adern drin. Die sind stur, die können doch nich ihr Gesicht verliern. Die bewegen sich keinen Millimeter.“
„Liebe Frau Püttmann, ich komm aussem Ruhrpott, meinze ich hätte nich auch meinen Stolz. Ich kriech den Herrschaften nich in den Hintern. Die können mich ma! Hör genau zu. Heute Abend läuft Plan ‚A’ an. Alarmstufe ‚Dunkelgrün’: Such ausse Jagdzeitungen alle Pachtangebote vonne letzten Monate raus. Die werden mit dem Grün-Marker unterstrichen. Fahrradius bis 150 Kilometer. Zirkel und Karte zur Überprüfung bitte parat legen, genügend Bier besorgen, um Punkt zwanzig Uhr geht et zur Sache.
Et wird en neuet Revier gesucht, basta!






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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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