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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Boot im Sturm
Eingestellt am 01. 02. 2010 09:07


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Karinina
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Boot im Sturm
Auszug

Der Wind war stark und dr√ľckte seew√§rts und er nahm zu, je weiter der Knabe √ľber die Boje hinaus war und auf dem blauen Wasser schaukelte.

So, wie die Himmel sind am Wasser, wenn der Wind langsam an St√§rke gewinnt, so zogen die geborstenen Wolkenw√§nde wei√üstreifig √ľber das tiefe Blau, auch ein Pfeifen zog dahin, die M√∂wen nicht, die M√∂wen fielen irgendwie √ľber den Himmel, und sp√§ter kamen die G√§nse, auch sie zogen nicht, sie schienen herabzust√ľrzen und wieder hinauf zu schn√ľren, in weiten und ziellosen B√∂gen.

Eine gewisse K√§lte kam mit dem Wind, aber es schien, als hauche das ungeheure Wasser unter dem Boot einen stetigen lauwarmen Atem aus, der sich nicht sofort und nicht gleichm√§√üig mit der dahinjagenden Luftmasse vermischte, und so in lauen Str√∂mungen eine zeitlang fort bestand und wie ziehender Nebel mal hier hin und mal da hin waberte und immer wieder dabei den Knaben ber√ľhrte und umstrich.

Träume drangen in ihn. Er sah Wikinger und Karavellen vorbeiziehen und zwischen ihnen tauchte manchmal eine Dau auf, dreieckskrummseglig wie die Schwerter der Sarazenen, unzählige Prisen hinter sich herziehend, an deren Rahen die gebleichten Knochen der Kapitäne wie Segel in der Sonne blitzten.

Manchmal weckte ihn ein schrilleres Pfeifen aus der Luft, dann sah er eine zeitlang den G√§nsen nach, er kannte ihre Bewegungen an stillen Abendhimmeln, aber erst allm√§hlich wurde ihm bewusst, dass es jetzt merkw√ľrdig anders war, unnat√ľrlich, angsteinfl√∂√üend, nein, so genau nicht, so genau empfand er es erst sp√§ter, viel sp√§ter, in Erinnerungen , in anderen Tr√§umen, einmal in einer Nacht neben der Frau, die nichts besonderes ist, weder bedeutend noch unbedeutend, jener Frau also, die zu einer Zeit, als sie noch gar nichts wusste, jenen verh√§ngnisvollen Koffer ge√∂ffnet aus dem Fenster warf, sechster Stock, einmal also wird diese Bewegung der G√§nse am nun schon sturmgetriebenen Himmel ihn heimsuchen, ihn aufstacheln, in √Ąngste treiben, die deshalb unvermutet sind, weil nichtwissend wovor, auf dem Wasser aber war es nur die Ver√§nderung, die ihn allm√§hlich erweckte, aus jedem Traum j√§her heraus stie√ü, bis kein Traum mehr m√∂glich, der Himmel l√§ngst grau, das Wasser l√§ngst schwarz geworden und in irgendeiner sehr unfassbaren Weise Strand und Welt verschwunden waren.

In jener Nacht also, Toccata von Bach im Recorder, Mondlicht von irgendwo, wird diese Angst ihm kommen, obwohl doch l√§ngst alles hinunter, sehr vergangen, der Knabe geborgen im Bett seiner Mutter war, und mit der Angst aber auch ein Anderes, eine Vision, ein verlockendes Spiel mit ungeheuren Vergangenheiten, ein hartes, verzweifeltes Spiel, ein Kind wird geboren werden auf dem Fischmarkt, dessen Fassadenfenster mit gekreuztem Holz vernagelt waren, dieses Kind wird in einem Haufen aus Lumpen und Abfall geboren werden, zuf√§llig, und die Lumpen wird man, hernach, verbrennen, wie alles verbrannt werden wird in jener Stadt auf jenem Markt, auch die Menschen...aber was sage ich da, oder wie sage ich es, ich kenne es nicht, auch er kennt es nicht, er wei√ü nichts davon, nur, dass das Kind Johanne hie√ü, laut Kirchenregister, und blond war, rotblond wie die Mutter, gefallen unterm Hexenhammer, denn Pest stand als gl√ľhende Furie im Land.

Und in der Nacht, neben jener Frau, die danach anfing an ihn zu denken, oder besser nachzudenken √ľber ihn, und pl√∂tzlich feststellte, obwohl sie eigentlich gar nicht geneigt war, an diesen da mehr als ihre festen H√§nde und Schenkel zu verwenden, die also trotz allem feststellte, dass seine Eigenarten anfingen, ihr aufzufallen, sie wusste anfangs nicht, in welcher Form, ich meine, sie wusste nicht, ob es ihr unangenehm war oder das Gegenteil, zum Beispiel als sie merkte, dass sein Zusp√§tkommen ins Kino, oder ins Theater, oder auch sonst wohin, nicht Zufall war, sondern Methode, in jener Nacht also , wobei ich nicht wei√ü, wieso es uns m√∂glich ist, immer wieder dahin zu gelangen, wohin wir eigentlich erst zu einer ganz anderen Zeit gelangen wollen, sp√§ter n√§mlich, wenn wir mit all den Vergangenheiten zurande gekommen sind und Zeit haben werden, zu verweilen, uns dieser Frau zu widmen, obwohl wir eigentlich jetzt schon wissen, dass sich das nicht lohnen wird, warum auch, bei soviel Nichtsbesonderssein, aber vielleicht irren wir uns?

Ja also, in jener Nacht bei dieser Musik, Toccata von Bach, geschah es eigentlich, dass w√§hrend ihm das Bild einer pestgew√ľrgten Stadt erschien und jenes Kind, das , kaum geboren, schon ohne Mutter war, es anfing, ihn zu dem Gef√ľhl zu bringen, alle Schicksale seien von Krieg und Pest und Wasser und Feuer durchdrungen und so lohne eigentlich alle M√ľhe wenig, es liefe doch wieder auf Feuer und Wasser hinaus, und auf Erde nat√ľrlich, wenn Sie wollen, oder besser gesagt : ASCHE-

Während das ihn also heimsuchte, Johanne, Johannes, Johannes, Johannes, Johanne, Johanna- und das war seine Urgroßmutter, deren Bild auf Porzellan gemalt zwischen lavendelduftender Bettwäsche lag, geschah es, dass die Frau an der Wand das Schattenspiel gegen den Mond gedrängter schwebender Gardinen sah, und davor das Auf- und Ab eines flach liegenden Brustkorbes, Gesichtspartie mit offenem Mund, alles Profil, und sie erschrak.
‚ÄěDen da,‚Äú dachte sie emp√∂rt, ‚Äě werd ich aufp√§ppeln m√ľssen. Das fehlt noch, so‚Äôn Schei√ükerl passt nicht in mein Bett...‚Äú
Entschlossen drosch sie auf den Recorder, Stille setzte ein, der Mann richtete sich j√§h auf, verlangte Wasser, kalt, nur kalt, alles kalt, ‚Äěalles ist kalt‚Äú dachte er, er dachte es nicht in Worten, es kam auf andere Art in ihn, es kam mit dem vergangenen Blau zur√ľck, mit den G√§nsen am Himmel, mit ihrem abgerissenen, fetzenartigen Schrei, diesem schrillen Diskant, der auch Sturm sein konnte, oder Reiben der herrenlosen Riemen in den Dollen, ein Schrei, der √ľberging in ein Aufbrechen aller Gewalt zwischen Himmel und Wasser und Boot und Knabe und vielleicht jetzt l√§ngst schon vom Knaben selbst ausging, obwohl es wahrscheinlicher ist, dass er schwieg, dass er still war, von jener furchtbaren Stille, die wei√ü: ich bin da und au√üer mir ist nichts...

Wie immer er es sp√§ter sah, jetzt erst, neben der Frau, das Glas mit dem kalten Wasser zwischen seinen H√§nden balancierend, sieht er sich am Grunde des Bootes angelangt, das Gesicht in einen Haufen teerigen Wergs gepresst, Wasser spr√ľht um ihn, er sieht sich und... ANGST...

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suzah
Guest
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hallo karinina,

zum teil sehr sch√∂n, obwohl ich sturm auf dem meer etwas anders kenne als von dir beschrieben, aber ab: "In jener Nacht also..." blicke ich nicht mehr durch, und das liegt nicht nur an den sehr langen zum bersten gef√ľllten s√§tzen.
erst ein knabe, später ein mann?
was ist mit dem koffer, den die frau aus dem fenster wirft, die geburt auf dem fischmarkt erinnert an "das parfum".
es erscheint mir etwas verworren, ein traum, eine erinnerung des schiffbr√ľchigen?

liebe gr√ľ√üe suzah




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Karinina
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f√ľr Suzah

Ja ich weiß, ich hab mir das schon gedacht, die Verwirrung ist der Tatsache geschuldet, dass es ein Auszug aus einer Geschichte ist, die nur in meinem Kopf existiert, eine lange Beziehungsgeschichte, das Phänomen Angst hat mich gereizt, von Dir angeregt. Und die Möglichkeit, sich in solchen geschachtelten Sätzen mal auszulassen, ohne die Übersicht zu verlieren...
Die Bootsgeschichte spielt nicht auf dem Meer, es ist auf dem Kummerower See passiert.
L.G. Karinina

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Karinina
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F√ľr Flammarion

Oh Gott, das macht Mut. Ich dachte schon, Ihr haltet mich vielleicht f√ľr eine Spinnerin. Die ganze Geschichte allerdings braucht noch Zeit. Aber Spa√ü hat's gemacht...
Großen Gruß von Karin

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Karinina
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F√ľr Herbstlaub

Danke, f√ľr die Verwirrungen hab ich Verst√§ndnis. Und da es sogar in Dresden M√∂wen gibt...
L.G. Karinina

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Gernot Jennerwein
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hallo liebe Karinina

Dein Text hinterl√§sst ein sehr beklemmendes Gef√ľhl bei mir. Der J√ľngling wird von seinen Tr√§umen gehetzt, wie ein Beutetier auf der Flucht, und es scheint mir, er fliegt von einem D√©j√†-vu in das n√§chste. Er kann seiner Angst nicht entkommen, dass wei√ü er. Zu tief, viel zu tief sitzen diese √Ąngste.

Einen Rat möchte ich dir geben:
Mit pers√∂nlichen Texten, liebe Karinina, sollte man immer a√ľ√üerst vorsichtig sein. Es k√∂nnte verletzen. √úberleg dir immer ganz genau, was du mitteilen m√∂chtest. Denn eigentlich sind hier die meisten deiner Leser nur Fremde, die keine R√ľcksicht auf irgendwelche Gef√ľhle nehmen. Eine M√∂glichkeit besteht darin, dass du solche Texte in der Rubrik Tagebuch einstellst. Dort wird R√ľcksicht genommen, da man ja schon im Voraus wei√ü, dass es sich um etwas Pers√∂nliches des Autoren/in handeln k√∂nnte.

liebe Gr√ľ√üe

Gernot

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