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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Borimir denkt
Eingestellt am 20. 07. 2002 22:04


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Pennywise
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Registriert: Mar 2002

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Borimir denkt


Borimir liegt im Bett und blickt verschlafen auf den Wecker. 05.30 steht da auf der rot leuchtenden Anzeige und dazu pl├Ąrrt irgendein Schlagerfuzzi ein Lied, das Borimir nicht mag.
Borimir denkt, dass er lieber nicht aufstehen w├╝rde und statt dessen im Bett bleiben will. Er ist m├╝de und hat ├╝berhaupt keine Lust zur Arbeit zu gehen.
Ihm kommt die Idee den Wecker einfach aufzuessen. Das w├╝rde viele Probleme auf einmal l├Âsen:
Er br├Ąuchte nicht aufstehen, weil er keinen Wecker mehr h├Ątte, der ihn weckt. Desweiteren bek├Ąme er bestimmt Magenschmerzen von dem Wecker, welche ihm ein Attest und dieses wiederum mehrere Tage zu Hause bescheren w├╝rde. Au├čerdem m├╝sste er nicht mehr dieses d├Ąmliche Lied h├Âren.
Aber dann denkt Borimir dar├╝ber nach, dass der Wecker irgendwann einmal wieder herauskommen muss. Das hat die Natur nunmal so eingerichtet und bei verdauten Speiseresten mag das ja auch ganz n├╝tzlich sein. Ob dies auch bei einem Wecker der Fall ist, dar├╝ber ist Borimir sich nicht ganz so sicher.
Darum vergisst er die Idee und dr├╝ckt stattdesssen auf den Ausschalter. Wenigstens h├Ârt er nun den Schlagerfuzzi nicht mehr.

Bleibt noch das Aufstehen. Allein der Gedanke daran verursacht Kopfschmerzen bei ihm.
Er denkt dar├╝ber nach, ob er vielleicht hierf├╝r ein Attest bekommen k├Ânnte. Aber dann stellt er sich vor, wie wohl Dr. Mankatz dar├╝ber denken w├╝rde und schiebt auch diese Idee beiseite.
Dr. Mankatz ist sowieso nicht gut auf ihn zu sprechen. "Sie sind zu fett!" sagte er in letzter Zeit immer ├Âfter.
Borimir findet das ganz und gar nicht gerechtfertigt. Er mag wohl etwas pummelig sein, aber fett bestimmt nicht.
Dann aber denkt er, dass fett sein gar nicht so schlecht sein k├Ânnte. Fette haben ├Âfter Kreislaufprobleme und damit k├Ânnten sie bestimmt nicht arbeiten.
Doch das alles hilft ihm im Moment nicht weiter. Da er ja nuneinmal nicht fett ist, hat er auch keine Kreislaufprobleme und somit keinen Grund liegen zu bleiben.
Daher rappelt er sich hoch und schlurft ins Badezimmer. Sein Blick f├Ąllt auf die Waage, die unter dem Waschbecken geparkt ist. Er ber├╝hrt sie leicht mit dem gro├čen Zeh und zieht sie schlie├člich mit dem Fu├č hervor.

163 Kilogramm.
Borimir denkt, dass er wohl doch fett ist und ├╝berlegt einen ganz fl├╝chtigen Augenblick lang, wie so eine Waage wohl schmecken k├Ânnte.
Ich bin fett, und wie. denkt er. Borimir fragt sich, warum er eigentlich aufgestanden ist, obwohl er doch fett ist und somit auch Kreislaufprobleme haben konnte, die ein Liegenbleiben gerechtfertigt h├Ątten. Aber jetzt war es eh zu sp├Ąt, weil er bereits hellwach ist. Aus Trotz beschlie├čt er sich heute nicht zu waschen und sich nicht die Z├Ąhne zu putzen. Das ist die Strafe, weil er sich nicht eingestehen wollte, dass er fett ist.
Er zieht sich widerwillig an, denn mit einem Mal erkennt Borimir, dass seine s├Ąmtlichen Sachen sehr unvorteilhaft f├╝r seine Figur sind. Wieder schleicht sich ein Gedanke in seinen Kopf.
Ob sein Chef wohl die M├Âglichkeit akzeptierte, dass er heute nicht zur Arbeit kommen kann, weil seine unvorteilhafte Kleidung die Kunden verprellen k├Ânnte? Immerhin steht er den ganzen Tag hinter dem Tresen und verkauft Hamburger und Pommes. Die Kunden ahnen sicher, dass er dabei nicht wenig davon in sich hineinstopft und das Ergebnis dieses Konsums ist nicht zu ├╝bersehen.
Borimir denkt, dass die Kunden bestimmt weniger kaufen, aus Angst genauso fett zu werden, wie er. Also braucht er zun├Ąchst Kleidung, die ihn schlanker aussehen l├Ąsst.
Die Aussicht ein wenig in der Stadt herum zu bummeln, anstatt zur Arbeit zu gehen hebt seine Stimmung ein wenig. Doch dann f├Ąllt ihm ein, dass es egal ist was er anzieht, denn im Gesch├Ąft muss er sowieso die Arbeitskleidung anlegen. Somit braucht er seinen Chef gar nicht erst anrufen.
Aus Wut dar├╝ber schmiert er sich das vierte Brot und packt extra dick Butter und Marmelade drauf.

Borimir blickt auf die Uhr, 06.12. Der Bus geht um 06.43 - also noch eine halbe Stunde Zeit um sich etwas zu ├╝berlegen damit er nicht aus dem Haus mu├č.
Ihm f├Ąllt ├ťbelkeit ein. Es s├Ąhe doch sehr bl├Âd aus, wenn ein fetter Mann, dem auch noch anzusehen ist, dass ihm schlecht ist Hamburger und Pommes verkauft. Borimir denkt, dass das ja schon fast gesch├Ąftssch├Ądigend ist.
├ťbelkeit ist gut. Blo├č wie erreicht man das?
Borimir beschlie├čt zun├Ąchst sich noch ein weiteres Brot zu schmieren. W├Ąhrend er es in sich hineinstopft ├╝berlegt er, wie ihm wohl schlecht werden k├Ânnte.
Etwas ganz ekliges essen. Ein K├Ąsebrot mit Schlagsahne und Salz obendrauf. Oder ein weiteres Marmeladenbrot, aber diesmal mit Senf garniert und dazu Jogurt mit Sardellenfilets. Da ihm aber, w├Ąhrend er ├╝ber diese Dinge nachdenkt das Wasser im Mund zusammenl├Ąuft, anstatt dass ihm schlecht wird, muss er wohl drastischere Massnahmen ergreifen.

Er geht zum K├╝hlschrank und sucht die Milcht├╝te, die er gestern gesehen hat. Die war doch schon seit Tagen abgelaufen. Bei saurer Milch wird sogar ihm schlecht.
Borimir denkt, dass er das Zeug in einem gro├čen Schluck trinken wird, danach ist ihm bestimmt ├╝bel.
Er nimmt die T├╝te in die Hand und riecht daran. Angewidert verzieht er das Gesicht. Allein von dem Geruch k├Ânnte einem schlecht werden. Doch das reicht ihm noch nicht. Wenn er die Milch trinkt, dann bekommt er vielleicht eine richtige Magenverstimmung, die ihn f├╝r mehrere Tage ans Bett fesselt.
Erleichtert dar├╝ber, dass er endlich eine L├Âsung gefunden hat und dazu noch eine, die sicherlich wesentlich besser ist, als einen Wecker zu verspeisen, setzt er die T├╝te an und trinkt sie in einem Zug aus.

Die Uhr auf der Toilette, Borimir hat in jedem Raum eine Uhr h├Ąngen, weiss aber selber nicht so recht wozu, zeigt 06.27. Borimir ├╝bergibt sich gerade das dritte Mal und bemerkt dabei, dass er sich schon wieder besser f├╝hlt. Die saure Milch hat zwar bewirkt, dass ihm schlecht geworden ist, aber dazu auch noch, dass sein gesamtes Fr├╝hst├╝ck nun in der Klosch├╝ssel schwimmt. Auch das Gef├╝hl der ├ťbelkeit scheint mit seinem Mageninhalt verschwunden zu sein. Statt dessen versp├╝rt er schon wieder Hunger.
Borimir denkt, dass die Idee mit der Milch wohl doch nicht so gut gewesen ist.
Er geht zur├╝ck in die K├╝che und sucht nach einer weiteren Scheibe Brot. Da es so aussieht, dass er wohl doch zur Arbeit muss, will er wenigstens nicht mit leerem Magen gehen. Das geht nun wirklich nicht.
Doch er stellt fest, dass er weder Brot, noch irgend etwas anderes zum Fr├╝hst├╝ck in der Wohnung hat.
Er findet einige Mikrowellenmahlzeiten, doch ein weiterer Blick zur Uhr zeigt ihm, dass daf├╝r jetzt keine Zeit mehr ist. Der Bus geht in sieben Minuten und er muss zusehen, dass er endlich zur Haltestelle kommt.
Und mit einem Mal findet er es auch gar nicht mehr so schlimm zur Arbeit zu gehen.
Hamburger und Pommes verkaufen ist bestimmt nicht das Schlechteste. Zumal man sich davon soviel nehmen kann, wie man m├Âchte. Die Aussicht auf einen heissen Hamburger l├Ąsst ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen und fr├Âhlich pfeifend bindet sich Borimir die Schuhe.
Bevor er das Haus verl├Ąsst, f├Ąllt sein Blick auf die Uhr im Flur. Die h├Ąngt neben einem Kalender, den ihm sein Chef geschenkt hat. Auf den Kalenderbl├Ąttern sind Fastfoodspeisen abgebildet. F├╝r jeden Monat eine andere.
Diesen Monat ist ein Doppelhamburger abgebildet und Borimir schaut ihn hungrig an. Als sein Blick auf die Datumsanzeige f├Ąllt, nimmt er den Kalender von der Wand, setzt sich auf den Boden und beginnt ihn aufzuessen. Mit jedem Bissen kullert eine Tr├Ąne ├╝ber seine Wangen und ein leichtes Zittern sch├╝ttelt ihn.
Das St├╝ck mit dem heutigen Datum, hebt er sich als Nachspeise auf.
Es ist das St├╝ck, auf dem Sonntag, 21.Juli 2002 steht.

ENDE

┬ę by Matthias Laske 2002


__________________
Phantasie ist der Motor der Emotionen.

http://www.free.pages.at/matthias-laske

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