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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Born to fight
Eingestellt am 21. 07. 2006 09:30


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jon
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Text zur Sammlung Ăśberraschungspremiere

Born to fight
Gesehen am 20. 7. 2006

Zu Hause hätte ich in dem Moment, als ich den Titel las und dazu die asiatischen Schriftzeichen sah, umgeschaltet. Ich kann mit Martial Arts nicht viel anfangen. Ich kann auch der fernöstlichen Spielweise und der nach europäischen Sehgewohnheiten eher maskenhaften Mimik der Darsteller nicht viel abgewinnen. Ich bin wenig tolerant, was Plausibilitätsmängel angeht. Und ich finde rosarot präsentierten Nationalstolz einfach nur peinlich.

Hätte ich nicht vier Euro bezahlt gehabt, wäre ich tatsächlich aufgestanden und gegangen. Ich hätte nichts verpasst.

Die Handlung ist schnell erzählt: Junger thailändischer Polizist begleitet seine Schwester in ein Dorf, wo diese und weitere Vertreter diverser Sportvereine Spenden verteilen und etwas „Kultur zu machen“ gedenken. Gerade als die süßlichen Szenen allgemeiner Glückseeligkeit kaum noch ertragbar sind, stürmen Milizen das Dorf, metzeln Dutzende Leute nieder und nisten sich ein. Per Internet geben sie dem Premierminister zu verstehen, dass „der General“ der – Überraschung! – am Anfang des Filmes von unserem jungen Polizisten festgenommen worden war, freigelassen werden soll, sonst gäbe es ein Blutbad. Die Uniform und die roten Halstücher ließen mich vermuten, dass hier von einer in Thailand bekannten Paramilitärischen Gruppierung die Rede war, was wohl aber für Handlung nur von untergeordnter Bedeutung ist. Von Bedeutung ist, dass diese Oberschurken nach der Freilassung des Generals natürlich nicht einfach so abzuziehen gedenken: Sie haben eine Kernwaffe dabei, die sie nach getaner Arbeit hier auf Bangkok abschießen wollen. Nach etwa 20 Minuten ist das erzählt, dann ertönt im Radio – gut hörbar für die Geiseln – die Nationalhymne und ein paar Worte der Marke „wir sind ein Volk von Kämpfern für ein unabhängiges Thailand“. Das erinnerte mich an tiefstrote Sowjetproganda, wichtiger für den Film: Es rührt die Geiseln nicht nur zu Tränen, nein, sie nehmen mit nichts als sich selbst den Kampf gegen die mit Maschinengewehren und Ähnlichem bewaffneten Paramilitärs auf.

Von 90 Minuten Film waren schätzungsweise 60, 70 eine einzige, nur unwesentlich unterbrochene Kampfszene, untermalt mit einem Sound, der mich – obwohl ich den Film nie sah – an „Lola rennt“ erinnerte. Ich gebe zu, ich habe nicht einmal gegähnt dabei, es war ein durchaus gut choreografierter Tanz. Aber ab und an musste ich kichern oder versank vor Scham über so viel Unsinn und vorhersehbare „plötzliche Wendungen“ tief in den Sesselpolstern. Barren- und Schwebebalken-Turnen als Kampfstil? Mit einem Fußball einen 200 Meter entfernten Schurken von einem Turm runterschießen (, nicht etwa, dass der Knabe nach hinten fällt, nein, er kippt, vom Ball frontal getroffen, vornüber und schmettert mit Schmackes auf den Boden)? Und dann der Typ, der mit der Thailändischen Flagge durchs Getümmel wetzt – bei allem Verständnis für Nationalstolz: Nicht nur, dass der Knabe jetzt keine Hand mehr frei hat, um zu kämpfen, dieses Handicap stört auch gar nicht, denn abgeschossen werden nur die anderen, nicht mal die Fahne kriegt was ab. Ständig sterben Leute – 70 Minuten lang Leichen im Sekunden- und Zehntelsekundentakt und gelegentlich auch durchaus ungeschönt – auf allen Seiten. So hätte man ganz Bangkok ausrotten können, auch ohne Rakete. Aber entweder die Leichen standen nach einem kurzen Schläfchen wieder auf oder irgendwer im Filmteam hat sich mächtig verzählt, denn am Ende waren nach dem Gemetzel zwar die Reihen der Sportler deutlich gelichtet und es fehlte manches Gesicht aus den „süßen“ Passagen“ vor der Dauerkampfszene, aber zur Verabschiedung der Helden hatten sich dann doch noch eine ganze Menge Dorfbewohner eingefunden. Dann noch mal etwas Herzschmerz – der Sinn dieser Szene erschließt wahrscheinlich nur einem, der die fernöstlichen Gegebenheiten und Mentalitäten kennt – und dann Schluss. Endlich.

Ach so! Die Rakete! Ja, die feuert der von unserem jungen Helden mehrfach geschlagene aber irgendwie wohl unkaputtbare Vize-Oberschurke noch ab. Sie trifft nur nicht sondern düst – ohne ein Hochhaus zu streifen, Kompliment! – im Tiefflug über Bangkok hinweg und detoniert eindrucksvoll im Meer. Gerettet! Wenn man mal davon absieht, dass eine Kernexplosion so nah der Stadt auch nicht ohne ist. Aber Thailänder sind wohl hart im Nehmen. Würden sie sonst solche Filme machen?



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petrasmiles
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Schöne Idee!

Hallo Jon,

jetzt freue ich mich schon auf die Rezension eines Filmes, der Dir richtig gut gefallen hat ;-)

Ich mag diese 'Filmerzählungen' sehr und das liegt an meinem 'großen Bruder', der so wunderbar Filme erzählen kann, dass die 'Realität' manchmal gar nicht mehr mitkommt. Hier wird offenbar, dass jeder anders sieht, und was er gesehen hat, deckt sich nicht mit meiner Beobachtungsgabe.
Es ist immer ein Gewinn und hier wird die Möglichkeit der Bereicherung durch andere Wahrnehmung der Realität augenscheinlich.

Bis demnächst!
Liebe GrĂĽĂźe
Petra
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jon
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Danke Petra,

ich hoffe, es kommt mal so ein Film nach meinem Geschmack. Das mit der Ăśberraschungspremiere ist ja ein Experiment, aber ich glaube, ein recht spannendes.
Im Übrigen bin ich im Nachhinein durchaus erstaunt darüber, dass man 70 Minuten lang (oder so) ohne echte Handlung auskommt und trotzdem nicht langweilig wird … Doch, ja es war wie ein gut komponiertes Orchesterwerk mit "Zuckerwatte".
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