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Leselupe.de > Humor und Satire
Bratapfel versus Heuschreckenfilet
Eingestellt am 16. 01. 2005 18:17


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Muffin
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Auch wenn ich ein bisschen spät dran bin...




Bratapfel versus Heuschreckenfilet


„Alle mal herhören!“ Mama versuchte sich bei unserem allmorgendlichen Frühstückstisch Gehör zu verschaffen. „Das Christkind hat sich dieses Jahr etwas überlegt.“
Bei dem Wort „Christkind“ wurde es am Tisch schlagartig still.
„Still“, machte Daniel. „Es geht um Geschenke.“
„Na ja, “ musste Mama zugeben. „Nur indirekt. Das Christkind hat sich überlegt, dieses Jahr die Bescherung mal anders zu machen.“
Sie hob den Zeigefinger, um zu verdeutlichen, wie wichtig dieser Beitrag war.
„Wir machen das bei der Bescherung diesmal anders. Dieses Jahr stürmen nicht alle gleichzeitig auf die Geschenke, sondern es wird nacheinander ausgepackt.“
Lautes Murmeln war das Ergebnis dieser Ankündigung. Mama hatte Schwierigkeiten es wieder still zu bekommen.
„Jeder packt immer ein Päckchen aus, dann ist der Nächste dran.“
Ich ahnte, was sie sagen wollte und verdrehte schon vorher die Augen.
„Wir beginnen mit dem Kleinsten...“ Niklas sprang auf und fing an zu tanzen. „...und der beginnt mit seinem kleinsten Geschenk.“ Niklas setzte sich wieder.
Simon machte seiner Empörung Luft.
„Mama“, sagte er. „Dieses Jahr müssen wir endlich mal nicht warten bis auch kleine Oma aufgegessen hat, weil sie bei Tante Karin ist und dann machst du solche Sachen.“
„Nicht ich“, sagte Mama. „Das Christkind.“
Nun ich will es mal so sagen, begeistert war davon eigentlich keiner, abgesehen von Mama vielleicht. Aber gegen Mama zu kämpfen, wenn sie von etwas überzeugt war, war ziemlich aussichtslos. Da konnte man eher eine Straßenlaterne davon überzeugen aus dem Weg zu hüpfen, wenn man mit dem Auto auf sie zu fuhr.
„Außerdem kommt kleine Oma doch.“ Daniel seufzte.
Es ist nicht so, dass wir kleine Oma nicht mögen, das tun wir schon, sie bring immer jede Menge Süßigkeiten mit, nur ist kleine Oma erklärte Genießerin. Das hat zur Folge, dass sie sehr langsam isst. Bescherung gibt es aber erst nach dem Essen. Wir warten nicht aufs Christkind, wir warten auf Oma.

„Wer möchte denn noch einen Bratapfel?“
„Oh ja, ich nähme einen.“ Kleine Omas hebt mit glänzenden Augen die zierliche Hand. Man fragt sich, wo der ganze Kram, den sie isst, bleibt.
Niklas betrachtet seinen Bratapfel eher skeptisch.
„Das außen ist ein Apfel, aber was ist da in der Mitte?“ sagt er und zieht die Nase kraus.
„Mandeln, Rosinen, alles was du magst.“
„Oh, gut“, sagt er. „Ich dachte schon es sei Heuschreckenfilet.“
Alle lachen, außer Kleine Oma, die schmatzt. Das ist gut so, wenn sie nichts erzählt ist sie schneller.
Aber das kann auf die Dauer nicht so bleiben, denn kleine Oma ist Stille unangenehm. Auch gefräßige Stille.
„Hört mal“, sagte sie in die Stille. So fängt sie immer an.
In meiner Familie hat jeder eigene „Gesprächs-Einstiegs-Worte“.
Die von Kleine Oma sind „hör mal...“ wahlweise auch im Plural „hört mal…“
Meine Mutter sagt immer „Wisst ihr was, …“. Sie sagt das sogar dann, wenn sie genau weiß, dass außer ihr niemand die Geschichte kennt.
Mein fünfzehnjähriger Bruder Daniel sagt immer nur „Eh,…“. Simon sagt „Hast du schon gehört…“ und Große Oma sagt „Also ich muss euch da mal was erzählen…“. Opa ist meisten schon eingeschlafen, wenn sie bei „…so“ ist.
Mein Vater fällt immer mit dem Anfang der Geschichte ins Haus. Keinerlei Vorwarnung.
Ich, meines Zeichens Germanistik Studentin, bemühe mich, um abwechslungsreiche Einstiegsworte. Meistens wähle ich allerdings die Alternative meines Vaters. Ganz einfach, weil meine Brüder leicht ungeduldig werden und ich so die Aussage möglichst schnell über die Lippen bringen muss.
Ich sage zum Beispiel nie „Könntet ihr mir dahinten mal bitte das Salz reichen.“
Ich sage „Salz bitte!“
Viele glauben, ich wäre dem SMS-Stil verfallen, dabei passe ich mir lediglich dem intellektuellen Fassungsvermögen meiner Brüder an.
Ach ja, Oma wollte ja was erzählen.
„Das ist ja so stürmisch zur Zeit“, flötet sie und erwartet rege Zustimmung. Als sie genügend bekommen hat, fährt sie fort.
„Da bin ich gestern aus den Forum gekommen“ Sie macht große Augen. Der Kenner begreift, dass es sich um eine ihrer berühmten Einkaufsreden handelt.
„da auf dem Kurt-Schumacher-Platz“ Oma hat immer Angst wir könnten nicht genau wissen, wo das passiert ist. „Das war so windig“ Sie macht eine so ausladende Bewegung, dass Opa erschrocken den Kopf zwischen die schultern zieht. „Da hab ich mir gedacht, Hilde, hab ich mir gedacht. Du bist so schlank und leicht, dass könnte gefährlich werden und ich bin ja klug, nee?“ Sie zwinkert freundlich mit beiden Augen. Die Feinmotorik lässt langsam nach. Sie kann seit zwei Jahren die Augen nicht mehr getrennt von einander zukneifen. Das Selbstlob ist übrigens typisch für sie. Für normal fragt sie noch dreimal nach, ob sie Recht hat, das sie schlank und klug ist und viel jünger aussieht als sie ist. Es ist ihre Methode Komplimente zu bekommen. In drei bis vierfacher Ausführung.
„Ja, ich bin ja klug, und dann…“ Der Rest des Satzes verschwindet in einem Lachen. Ich gucke ein bisschen irritiert, daraufhin stößt sie mich mit dem Ellenbogen an und sagt: „Hör mal zu, da bin ich zu Extra gegangen, da dieser Supermarkt, und da hab ich sechs große, dicke Orangen gekauft. Ja“, sagt sie ernst. „Damit ich schwerer bin.“
Mein Vater prustet los.
Meine Mutter lacht in sich hinein, dann hatte sie sich in der Gewalt und sagt ernst: „Mutti, die waren doch sicher viel zu schwer für dich.“
„Nein“, sagt Oma. Sie zieht das Wort besonders Lang und schüttelt dabei den Kopf. „Normal mach ich das ja nicht, aber das war ja ein Notfall!“
Wir versuchen ihr im Folgenden zu erklären, dass der Sturm sie sicher nicht weggeblasen hätte und auf ihre Anmerkung, dass sehr wohl Menschen beim Sturm sterben könnten, das hätte sie schließlich im Fernsehen gesehen, erklärt Daniel ihr, dass die meistens von fallenden Bäumen erschlagen wurden.
Ich stelle mir vor, wie Oma beim nächsten Mal nach Hause läuft. Letztes Mal noch mit sechs riesigen Orangen beschwert, wird sie jetzt wohl mit Sturzhelm auf die Straße gehen und jedes Mal die Straßenseite wechseln, wenn auch nur ein Baum zu sehen ist.
Meine Mutter lacht wieder ohne Grund. So was tut sie von Zeit zu Zeit. Grundlos loslachen kann zweierlei bedeuten, entweder sie erzählt jetzt eine Geschichte, oder sie animiert jemanden, der nicht ständig die Pointen durcheinander bringt, dazu.
„Simon erzähl doch mal die Geschichte von dem Satz unter der Arbeit.“ Sie wischt sich die Freudentränen aus den Augen.
Simon grinst.
„Ja, also…“ sagt er geheimnisvoll mit dem Augen zwinkernd. Simon kann richtig zwinkern. „Ihr kennt doch Frau Nötig, die Deutschlehrerin, oder?“
Tatsächlich kenne ich sie. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass Gott doch Humor hat. Sie ist blind wie ein Maulwurf, weiß das, gibt das auch zu, fährt aber trotzdem Auto. Und wie! Wenn sie kommt, bringen alle ihre Autos in Sicherheit.
Sie gilt als verpeilteste Lehrerin der Schule. Man kann nur schwer ruhig vor ihr stehen, weil sie gleichzeitig ständig mit den Augen zwinkert, abwechselnd mit rechts, links und beiden Augen (gute Feinmotorik), und mit dem Kopf wackelt, oben, unten, links und rechts (manche behaupten sie könne den Kopf um 180° drehen. Das ist allerdings nicht wissenschaftlich nachgewiesen) und zudem noch unkoordiniert durch den Raum tigert. Ja, die kennen wir.
„Die hat meiner Nachhilfeschülerin unter die Arbeit geschrieben, dass es leider nur eine Vier wäre, weil ihre Sätze zu „schwuchtelig“ sein.“
Daniel fiel der Unterkiefer auf die Tischplatte. Wortwörtlich, Daniel hängt immer mit dem Kopf direkt über seinem Essen. Damit er nicht kleckert.
„Schwuchtelig?“
„Ja. Ich schätze sie wollte „verschachtelt“ schreiben. Aber so hat das Mädel nur gesagt: Gut, ähem, hätte man mir jetzt auch etwas schonender beibringen können.“
Wenn meine Mutter lacht, also so richtig lacht, nicht nur dieses verschämte Kichern, dann bekommt sie einen feuerroten Kopf, zuckt heftig und bekommt kaum noch Luft. Ich bin mir nicht sicher, wann genau die Hirnfunktionen wegen Sauerstoffmangel den Geist aufgeben, aber sie war gewiss noch nie so nah am Hirntod wie jetzt.
Oma nimmt sich noch einen Knödel. Niklas verdreht die Augen.
„Vielleicht geht ihr kleinen zwischendurch noch mal nach oben. Ihr dürft aufstehen“, rettet meine Mutter die Situation. Niklas und Daniel stehen dankbar auf und verschwinden in die Kinderzimmer.
Während kleine Oma fröhlich vor sich hin schmatzt, glücklich mit sich und der Welt, diskutieren wir den zurückliegenden Gottesdienst. Erst als wir den Ablauf zerlegt, die Predigt kirchengeschichtlich eingeordnet und die Weihnachtsgeschichte mit Hilfe der Synoptiker aus allen Richtungen beleuchtet hatten, steckte sich Oma den letzten Bissen in den Mund und schob den Teller zurück.

Es wird nicht viel gesungen in unserer Familie, weder zu Weihnachten, noch zu anderen Zeiten. Unter der Dusche manchmal und Opa ist im Kirchenchor, sonst halten wir uns eher bedeckt. Nicht ohne Grund.
Aber am Heiligen Abend vorm geschmückten Weihnachtsbaum, mit der Unterstützung von Freddi Quinn muss ein einziges Lied gesungen werden. Im letzten Jahr war es „oh, Tannebaum“. Leider konnte niemand alle Strophen, abgesehen von Freddi Quinn, der war äußerst textsicher. Er konnte alle vierundzwanzig Strophen.
Dieses Jahr hatten wir uns auf „Oh, du Fröhliche“ geeinigt.
Ich stand direkt neben Opa. Generell war das sinnvoll. Opa singt so laut, dass niemand mich hätte hören können, wenn wir den gleichen Text gesungen hätten. Opa erwies sich im Umgang mit dem Text und zu meinem größten Erstaunen auch mit der Melodie als äußerst kreativ.
Dachten wir bei „oh, Du Fröhliche“ könnte nichts schief gehen, so irrten wir uns kolossal. Wir mussten nach der zweiten Strophe abbrechen und Freddi Quinn alleine weiter singen lassen, weil das totale Chaos ausgebrochen war. Opa sang so dominant, das die musikalischen unter uns (nicht viele, aber genug um durcheinander zu kommen), mit Opa mitsangen um die Harmonie nicht zu stören, die unmusikalischen aber beharrlich die Version sangen, die sich schon im Kindergarten gelernt hatten.
Ich bin gespannt, welches Lied wir nächstes Jahr singen.
Kleine Oma erwies sich als diejenige, die am aufgeregtesten war. Laut der neuen Regel, hätte sie als letztes mit dem Päckchen auspacken beginnen dürfen, doch Mama zog sie kurzerhand vor.
Aber das System hatte ohnehin seine Tücken. Weil Oma so lange beim Essen brauchte, war es schon halb zehn ehe wir bescheren konnten. Um zwölf Uhr müssen wir aber Weihnachten beiseite schieben, um Opas Geburtstag zu feiern. Wir waren zu neunt, als Simons Freundin kam zu zehnt. Jeder mindestens zehn Päckchen. Lange Rechnung, kurzer Sinn. Mutter musste ihren Plan aufgeben. Um halb zwölf gab sie die restlichen Geschenke frei.
Um zwölf hoben wir die Sektgläser. Um fünf nach zwölf freute Opa sich über sein Geschenk, eine Mega XXL Lötlampe. Um fünf vor eins hatten wir Daniels neuen Schreibtischstuhl montiert und Niklas Computerspiele installiert. Um halb zwei hatten Oma und Opa sich durchgerungen nach Hause zu gehen und zehn Minuten später hatten wir kleine Oma überzeugt, dass es ungefährlich sei mit Simon Auto zu fahren.
Um zwei hatten wir endlich die letzten Kerzen ausgepustet, lagen im Bett und träumten die seligsten Weihnachtsträume.





__________________
Denken ist allen erlaubt;
vielen bleibt es erspart.
(Curt Goetz)

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flammarion
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sehr

amüsant! hat aber noch n paar nücken und tücken. ich zieh s mir mal auf e platte. punkte gibts nach überarbeitung.
ganz lieb grüßt
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Old Icke

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