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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Breitners Bart
Eingestellt am 14. 04. 2014 21:42


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Vagant
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Breitners Bart

PROLOG

Ich bin dreizehn, na ja, fast vierzehn. Das Radio cherpycherpycheepcheept sich durch den Sommer und der Hoeneß jagt die Nulle in den Himmel über Belgrad. Offiziell heiß es; unser tschechoslowakisches Brudervolk ist Fußballeuropameister. Inoffiziell, also O-Ton Papa; so'n Scheiß aber auch! Mir ist's egal. Ich habe andere Sorgen. Seit Wochen liege ich Papa in den Ohren, dass ich so eine Rubettesmütze brauche, und jedes Mal wenn ich ihn frage, schaut er mich wie ein vertrockneter Teebeutel an und sagt, dass er nicht wüsste wo er so'n Tuntenkäppi auftreiben sollte.
„Ach kommen Sie, Herr Oswald“, ich werde förmlich, wenn ich etwas will, „ich hab' doch bald Geburtstag.“
„Nee, so'n Scheiß kriegste hier nirgendwo zu kaufen. 's gibt ja nicht mal anständiges Klopapier“, sagt er, zieht den Kopf zwischen die Schultern, hebt die Hände, wobei die Handflächen zur Decke zeigen, als wöge er die Luft über uns und schiebt die Augenbrauen hinauf bis zum Haaransatz. Und wie er so vor mir steht und seinen Augentrick abzieht, sieht er aus wie Deputy Festus der Marshal Dillon gerade bekräftigt, dass er nun wirklich nicht mit Sicherheit sagen kann in welche Richtung die Viehdiebe Dodge City verlassen haben.
Papa hat so gut wie alle Augentricks auf Lager. Er schafft es mir laut aus der Zeitung vorzulesen und abwechselnd, erst das rechte, dann das linke Auge zu zukneifen, so als müssen seine Augen das Gelesene für mich erst verständlich machen. Und wenn Mutti das Essen an den Tisch bringt, dreht er sich nach der zweiten Gabel zu mir, zieht mit dem Zeigefinger ein Lid Richtung Nasenspitze und sagt, ... mhm, iss doch mal wieder 'ne Wucht. Also die Sache mit den Augen, die hat er nun wirklich drauf, der Papa.


EINS

Ich schnappe mir meinen Ball, schlüpfe in die Sandalen und nehme meine abgewetzte Täve-Kappe. Die drei Treppenabsätze bis zur Straße nehme ich im Laufschritt, lass' die Tür knallen und stehe mitten in der Augusthitze. Den ganzen Juli über war es heiß und auf den Garagendächern wabert nun die Luft wie Sirup. Diese Feriensonne schmeckt so süß am Gaumen, so süß, dass ich's kaum fassen kann, und meine, das Ding sei aus Vanilleeis gemacht. Es ist nichts los auf der Straße. Meine Freunde sind entweder in ein Ferienlager gefahren, oder wurden zu ihren Großeltern verschickt.
Unschlüssig schaue ich nach links, ditsche den Ball ein paar Mal auf's Pflaster, dann nach rechts und denke, dass es gut wäre etwas Schatten aufzutreiben. Schatten Fehlanzeige. Ich schlendere zum Garagenhof und spiele eines der Blechtore hoch an. Die Nulle schlägt scheppernd gegen das Tor, kommt zurück, ditscht ein paar Meter vor mir auf dem Schotter auf, ich nehme sie volley und kicke sie an die selbe Stelle zurück. So geht es dreißig, vierzig Mal, bis mein Fuß grau vom Staub ist und die Schnalle der Sandale einen Abdruck in dem Spann gestempelt hat. Mit so 'ner Rubettesmütze auf dem Kopf würde es wenigstens noch cool aussehen, aber so ist es einfach nur ein blödes Ich-hämmer-den-Ball-gegen-die-Wand-und-schau-mal-was-passiert-Spiel.

Mitten in meiner zweiten Übung; ich spiele den Ball nun etwas höher, so etwa einen Meter über das Blechtor und lasse ihn zweimal auf dem Boden aufkommen, steht Kerstin neben mir. Kerstin ist die Schwester meines Schulfreundes Peter und ein Veteran in unserer Straße. Sie kommt in die Zehnte, ist sechzehn, macht aber auf achtzehn und ist die Art Mädchen, von der man meint, dass das Wort 'cool' eigens für sie erfunden wurde.
„Na Flöte“. Hier sagen alle Flöte zu mir.
„Na.“
„Was machsten so?“
„Langweilen.“
„Is' nichts los, sind alle über die Ferien weggefahren.“
„Wann kommten Peter wieder?“
„Am Sonntag.“
Ich überlege, was heute für ein Tag ist. Mittwoch. Noch fast vier verdammt ruhige Tage, denke ich.
„Und du, nicht mit bei der Oma?, frage ich.
„Hab' ab nächste Woche 'nen Ferienjob, wollte noch ein bisschen Zeit für mich haben.“
„... mhm ...“, ich kicke weiter die Nulle gegen das Blech.
„Du, Flöte.“
„Ja.“
„Hasten paar Kippen?“
„Nee, aber ich hab 'ne Mark. Ich könnte zum Kino, an den Automaten.“
„Für 'ne Mark kriegste nur scheiß Jubilar. Da klebt dir ständig der Tabak an der Zunge. Wie lange würd 's denn dauern?“
„Ich müsstes Rad aus 'm Keller holen, hin, gucken ob einer guckt, Kippen ziehen und zurück. 'ne viertel Stunde, vielleicht.“
„Und, machst du's?“ Sie schaut mich an, und aus ihren Augen strahlt dies Nastassia-Kinski-Ding, diese überrumpelnde Frische, wie sie nur Zehntklässlerinnen zu haben scheinen.
„Ja ja“, stammle ich, reiß' mir das blöde Käppchen vom Kopf und stopfe es in die Tasche.

Ich habe das Rauchen schon vor einem halben Jahr aufgegeben. Es schmeckt mir nicht. Die Wahrheit ist, dass mir dabei immer übel wird; hundeübel, ich dies aber nicht vor den Kumpels zugeben will. Um meinen Coolnessfaktor wieder ins Lot zu bringen, brauch' ich unbedingt diese Rubettesmütze. Unbedingt. Ich hole mein Rad aus dem Keller und strample mich durch unsere Straße, den Schulberg hinauf, einmal quer über den Schulhof, vorbei an der Kirchenruine und gurke auf einem Trampelpfad den ganzen Berg wieder hinunter.
Es läuft gut. Die Beine sind leicht, und der Kopf voller endloser Ferientage. Nach wenigen Ecken stehe ich am Kino. Ich stelle mein Rad an die Wand, achte darauf, dass die Fluchtrichtung stimmt, und gehe nun zwei, drei Mal am Automaten vorbei. Es ist kaum was los, kein Mensch ist auf der Straße, nur eine fast leere Straßenbahn quietscht sich träge an mir vorbei. Ich trete zum Automaten und lass' die Mark im Schlitz verschwinden. Hoffentlich ist das Scheißding nicht verstopft. Hoffentlich. Ich lege meine Handflächen zusammen, schaue in den erbarmungslos sengenden Himmel, und stoße ein kurzes Gebet zu den Hausheiligen meines Vaters nach oben: Lieber Thälmann, lieber Biermann, lieber Lindemann, mach dass ...ja, nur Papa schafft es diese drei Männer in einem Atemzug zu nennen. Thälmann wegen der Eier, die er hatte, um gegen Hindenburg und Hitler in den Wahlkampf zu ziehen, Biermann dafür, dass er die Eier hat, sich gegen Honecker und die PEN-Kasper in Stellung zu bringen, und Lindemann wegen irgend etwas, was ich aber nicht genau verstehe; vielleicht nur deshalb, weil er überhaupt Eier hat. Lutz Lindemann ist der Strümerstar von Rot-Weiß-Erfurt. Er spielte einige Jahre Liga für unsere BSG-Motor-West, dem Werksverein des Betriebes in dem Mama und Papa arbeiten, wurde dann in die Bezirksstadt zu Rot-Weiß delegiert, und steht nun, wenn's nach Papa ginge, kurz vor einer Karriere als Nationalspieler, was ihn in seinen Augen wohl zu einem Hausheiligen qualifiziert. Um keine Chance zu vertun nehme ich sie alle drei. Sicher ist sicher. ... mach, dass der Automat nicht verstopft ist, beende ich mein Flehen. Es hilft. Das Geld fällt, und das metallene Rasseln der Münze verursacht so einen Heidenlärm, dass ich Angst habe, man könne es in der ganzen Stadt hören. Ich ziehe am Aluminiumschub, greife nach der Schachtel, und bin weg.

Keine fünf Minuten später stehe ich wieder in unserer Straße. Im Sommer riecht es hier immer nach heißem Teer. Hier kocht der Asphalt, sagt Papa immer, kriegste aber nur mit Butter wieder von den Quanten, den Mist. Und Mutter ruft dann aus der Küche; nicht schon wieder die Gutebutter. Papa und ich schauen uns an, geben uns kurz Zeichen und beginnen laut; 'Guuutebutter', ein Wort mit einem sehr langen U, und Mutter wieder; ja, macht euch nur lustig über mich. Papa kneift ein Auge zusammen, streckt oldshatterhandesk den Daumen in die Höhe und nickt mir zu, worauf ich winnetouesk bedeutungsvoll den gestreckten Arm vor meiner Brust durch die Luft fahren lasse, und dieses Weiße-Squaw-ist-heut'-schlecht-drauf-Ding mache. Und dann müssen wir alle lachen. Fast alle. Mutti lacht nicht.

Kerstin steht im Eingang und winkt mir zu.
„Und, haste die Fluppen?“
„Ja.“
Ich steige vom Rad, fasse nach dem Saum meines Shirts und wische mir den Schweiß von der Stirn. Hier, so nah am Beton ist es wie vor einem Backofen, und ich sehe, dass auf ihrer olivfarbenen Bräune die Schweißperlen wie Tau am Klee hängen. Ich weiß nicht, wo ich hingucken soll. In ihre Augen traue ich mich nicht, und ihr Ausschnitt ist so voller Schweiß, dass es mir fast den Atem nimmt. Ich schaue auf ihre Riemchensandalen, in denen zwei sommerlich staubgraue Füße stecken, für die unsere Straße so berühmt ist. Nach einer Weile ist mir das zu tröge. Ich gucke ein bisschen in der Weltgeschichte umher und fummle verlegen an der Hosennaht.




„Wo wollen wir denn paffen?“, frage ich.
„Ihr habt doch hier so'n Kellerraum.“
Ja, haben wir. Aber woher weiß Kerstin von unserem Kellerraum? Ich muss mit Peter reden. Gleich am Sonntag; ich notiere das Ding noch vor der Rubettesmütze auf meiner Agenda. Direkt unter der Kellertreppe gibt's einen kleinen Abstellraum, in dem nur ein paar übrig gebliebene Ziegeln und Rohre herumliegen. Irgendein Spaßvogel hat ein altes Sofa, welches beim Einzug wohl keinen Platz mehr in der Wohnung gefunden hat, dazu gestellt. Die Tür lässt sich leicht mit einem Dietrich öffnen. Hier lassen wir die Friedenspfeife, in Form von geklauten Zigaretten, herumgehen, üben uns zum mittelwellig rauschenden Radio Luxemburg in Luftgitarre, oder warten einfach nur darauf, dass ein Regenguss vorüber gezogen ist. Einmal hat Peter erzählt, dass er manchmal dort wichst, worauf ich sage, dass der Schiri für'n Handspiel im Strafraum 'ne Rote gibt, und Kalle wissen will, wie die Partie ausgegangen ist. Ha ha ha, Gelächter, Wichser-Wichser-Rufe. Seit dem beteuert Peter, dass er das Wichsen nun aufgegeben habe. Trotzdem schauen wir uns jedes Mal vorsichtig im Raum um bevor wir uns irgendwo hinsetzen. Man weiß ja nie.


ZWEI

Die Kühle der Kellers tut gut. Ich dietriche die Tür, und kaum sind wir drin, lässt Kerstin sich auch schon in die Mitte des Sofas fallen. Weder rechts, noch links von ihr ist noch soviel Platz, dass ich dort sitzen könnte, ohne an ihrer schweißnassen Schulter zu kleben. Ich steige auf einen Stapel Ziegeln und mache die Langer-Arm-Nummer um an die Streichhölzer auf dem Heizungsrohr zu kommen. Danach stapele ich mir aus Ziegeln einen Hocker, den ich vor dem Sofa platziere. Kerstin teil jedem von uns eine Fluppe zu und reißt ein Holz an. Die kurze, filterlose 'Jubilar' ist nur in einer Pappschachtel und einer pergamentenen Einlage verpackt, und durch die Hitze im Automaten so trocken wie eine Russischstunde bei Frau Stanislowsky. Es knistert beim Paffen. Kerstin lehnt sich zurück und der Saum ihres Rocks rutsch ihr soweit unter den Hintern, dass man schon nicht mehr von Rock reden kann. Guck nicht hin, sag ich mir, und ich schaue an die Decke als suche ich dort nach irgendwelchen geheimen Zeichen.
„Na Flöte, ist doch besser, als sich draußen zu langweilen?“
„Ja“, sage ich, und schaue wieder zu ihr.
Kerstins Rock ist nun kein Rock mehr, und ein Höschen darunter kann ich nicht erkennen. Stattdessen schaue ich auf einen dunklen Busch. Ich will sofort wieder weggucken, kann es aber nicht. Schlagartig denke ich an Daniel Boon, den Supertrapper, wie er in einer der ersten Folgen ein kleines Bündel Fell, so 'n wildes Kaninchen, in seiner Falle sieht, und in seiner ruhigen Pionierart sagt, dass es sich keine Sorgen zu machen brauche, und es gleich wieder durch die Freiheit hüpfen könne, Trapperehrenwort. Haare, nichts als Haare, und rechts und links davon, sonnengebräunte Haut. Scheiß auf Daniel Boon, denke ich. Das ist 'ne Muschi Flöte, 'ne echte Muschi. Aus Angst davor, dass die Muschi gleich wieder weg ist, traue ich mich kaum zu blinzeln.
„Du Kerstin“, stammle ich, „ich glaub', du hast heute Morgen den Schlüpfer vergessen.“
Kerstin lehnt unbeeindruckt im Sofa, zieht die Schultern hoch und raucht.
„... und?“, fragt sie.
„Na ja, da ist 'ne Muschi.“
„Schon mal eine gesehen?“
„Ja“, lüge ich, „also, ... so von Weitem, ... an der Ostsee.“
„Und, gefällt sie dir?“
Ich sitze vor Kerstins Muschi und habe dabei völlig die Kippe vergessen, die wie eine Lunte ihrem Ende entgegen zischt. Das filterlose Ding verbrennt mir die Finger. Kerstin lehnt in Seelenruhe auf dem Sofa und zündet sich die Zweite an. Die ist so cool, ich glaub's kaum.
Sie zieht, es knistert, dann schnippt sie das Streichholz auf den Boden.
„Flöte.“
„Ja.“
„Wenn du versprichst, dass du keinem was erzählst, darfst du sie mal anfassen.“
„Wen? Die Muschi?“
„Wen den sonnst? Aber nichts erzählen, keinem. Wenn's raus kommt, dann schmeißen die mich von der Schule.“
„Ich kann schweigen wie ein Grab, Indianer ... äh ... Muschikennerehrenwort“, sage ich, und höre mich noch irgendwas reden. Unsinn, lauter Unsinn.

Jetzt nur nicht vornehm werden, Flöte, nur nicht vornehm werden. Warum? Warum nicht? Aber guck nicht dauernd auf den Busch! Doch, tu's, tu's einfach. Willste mal mein Hund streicheln? Beißt der? Neinneinnein, der will nur spielen, nur spielen, jajaja, streichelse ruhig; greifense zu! greifense zu! Muschi für 'ne Mark, nur heute.
Habe ich meine Hand schon auf ihrem Haar? Nicht dass ich wüsste, aber ich habe. Mein linker Handballen liegt ungelenk auf Kerstins Dreieck, während die Fingerspitzen verloren am Bauchnabel herumfummeln. Das geht so nicht. Ich mache die indischer-Ausdruckstanz-Nummer und drehe mein Handgelenk so weit entgegen seiner natürlichen Begabung bis es wehtut, ich aber mit den Fingern dort hin gelange wo ich das Wesentliche vermute. Kerstin zieht unbeeindruckt an ihrer Zigarette, so als wolle sie mir damit zeigen, dass ich wohl einer der größten Muschidilettanten bin, den dieser Sommer je gesehen hat. Aber diese Masche zieht bei mir nicht. Nein, nicht heute, nicht hier, nicht jetzt. Ich bin beeindruckt. Meine Finger kraulen ihr Haar, und schlagartig schießt mir eine Erinnerung an meinen dreizehnten Geburtstag durch den Kopf. Onkel Heiner aus Leipzig ist zu Besuch. Das Haar bis zu den Schultern, und im Gesicht ein Vollbart; trägt man heut' so, sagt er, und Papa zieht die Augenbrauen hoch und sagt, dass er nun ja aussehe wie der Breitner, der Gammler - denn seit die Sportschau berichtet hat, dass der Breitner die Mao-Bibel lese, ist er für Papa wahlweise der Gammler, oder der Kommunist. Nee, wie der Breitner, sagt Papa, geht ja gar nicht. Und ich nerve, frage ständig ob ich mal anfassen darf; darf ich? Und Onkel Heiner kann's nicht mehr hören; na los Großer, mach schon. Und ich lasse meine Hand durch seinen Bart fahren, und Papa schüttelt den Kopf, wie der Breitner, neenee, und ich sage, dass ich mir mit fünfzehn auch so'n Ding wachsen lasse, um Papa zu ärgern, versteht sich. Und Onkel Heiner sagt; mit fünfzehn?, natürlich, wann denn sonst?, und Mama, die mal wieder alles ernst nimmt, sagt, dass ich so aber nicht mehr in ihre Wohnung käme, und Papa verdreht die Augen und lacht, und Onkel Heiner lacht, und ich lache auch. Nur Mama lacht nicht.
„Und wie fühlt's sich an?“ Kerstins Stimme holt mich wieder zurück in die Kellerkaschemme.
„Wie beim Breitner“, platzt es aus mir heraus.
„Hä?“
„Nein nein, ... wie beim Onkel Heiner.“
„Und der hat auch 'ne Muschi?“
„Nein, wie der Bart vom Heiner.“
„Oh, Flöte!“, und Kerstin schüttelt den Kopf so wie die Stanislowsky ihn schüttelt, wenn sie mir in der Russischstunde klar machen will; Flöte Oswald, du in Moskau, du würdest verhungern.

Kerstin zündet sich die dritte 'Jubilar' an. Ich passe.
„Wenn du willst, kannste gern' deinen Finger auf 'n Kitzler legen“, sagt sie.
„Wohin? Auf wen?“
„Auf den kleinen Knubbel da.“
Ich sehe keinen kleinen Knubbel, und bin mir auch nicht sicher, ob ich ihn überhaupt sehen möchte. Nein, das will ich nicht. Nein. Oder? Will ich das? Wirklich? Neinneinnein, denke ich. Und Kertsin spreizt leicht die Beine, und das Dreieck ihrer Haare öffnet sich , und ... ja, jajaja, ich will, ichwillichwillichwill. Wirklich. Ich will. Und wenn ich im Leben noch irgendwas will, dann ist es dies, wirklich. Und wie im Reflex schnellt der Zeigefinger vor und legt sich auf den Knubbel.
„Du musst ihn langsam kreisen lassen.“
Ich lasse ihn langsam kreisen. Es sieht so aus, als würde es ihr gefallen, bin mir aber nicht ganz sicher. Sie schließt ihre Augen, und ihre Mundwinkel versuchen dieses Mona-Lisa-Ding, dieses irgendwie geheimnisvolle Lächeln. Es gelingt ihr gut. Das ist Rock'n Roll, Flöte, das ist das Schönste, das Aufregendste, das Wahnsinnigste was du in deinem Leben erlebt hast. Das ist Büffeljagd ... Abseitsfalle ... Straßenbahn noch gekriegt ... das isses ... das ist ES ... rock'n rollig ... rubettesesk; rubettesmäßig aber ohne Mütze ... Mütze fehlt ... scheiß auf die Mütze ... und wenn ich mir was wünschen könnte, dann würde ich mir wünschen, dass ich mir so was zum Geburtstag wünschen könnte; genau so was, nichts anderes, und Papa würde irgendwas mit den Augen machen und sagen: kriegste hier eh nicht zu kaufen, und Mama, die immer nur die Hälfte von allem mitbekommt, würde aus der Küche rufen: vielleicht zum Fünfzehnten. Mein Finger ist auf Exkursion. Ein Abenteurer der Finger, ein richtiger kleiner Abenteurer. Und ich denke, dass ich hier einem Geheimnis auf der Spur bin, dass ich dabei bin ein Mysterium zu entschlüsseln, dass ich das lang gesuchte El Dorado entdecke, dass ich hier etwas Zukünftiges wittere.
Kerstin scheint dieses Geheimnis längst entschlüsselt zu haben, denn mitten in meine rituelle Versunkenheit fragt sie: „Flöte, willste vielleicht mal lecken?“
Wie? Was jetzt? Nein, aber wirklich nein. Lecken? Ich sehe Papa vor mir; er kommt in mein Zimmer, legt seine Hand auf meine Schulter, die andere lupft das Lid, und er sagt: „Großer, da musste auf der Hut sein. Es kommen die Zeiten, da lassen sie keine Gelegenheit ungenutzt dir ihre Weiblichkeit unter die Nase zu reiben“, sagst und geht wieder aus dem Zimmer.
Nein und nochmals nein, ich möchte nicht lecken. Und in mir fragt es; Mama? Mama, du doch nicht auch? Nein. Und was sollte der Trick mit dem Auge? Ich kann's nicht glauben. Armer Papa.
„Und, was ist nun?“, fragt Kerstin noch mal.
Ich zucke leicht zusammen und schüttle abwehrend meine freie Hand.
„Nein, nein“, sage ich.
„Na ja, war ja nur 'ne Frage. 's ist auch so gut.“
Ich meine nun, eine kleine Verlegenheit in Kerstins Blick zu sehen, lasse es mir aber nicht anmerken. Wir paffen jeder noch einen Fluppe. Für mich ist es die Dritte, für Kerstin die Vierte, und wir beschließen, die drei restlichen für den morgigen Tag aufzusparen.


DREI

Am Abend frage ich Papa, ob er mir eine Mark für Eis und Cola gibt. Er fasst in sein Portemonnaie und lässt ein Aluminiumstück in meine Hand gleiten. Dann guckt er mich an; halt so, wie er immer guckt, wenn er sich auf eine seiner Augensachen vorbereitet, greift noch mal in die Tasche, legt eine zweites Stück dazu und sagt, dass es nun auch noch für Schnaps und Mädchen reichen würde, wobei er sein Lid fast bis zum Kinn hinunter zieht, laut lacht und mir seine Faust leicht in die Schulter stößt.
Mit meinen zwei Mark und einer von Kerstin, haben wir nun drei aluminiumdumpf klingende Markstücken. Das reicht für eine Schachtel 'Juwel'. Zwanzig Stück, mit Filter; und damit der Preis aufgeht liegt noch eine Tüte Saure-Drops mit im Automatenfach. Genug Rauchwerk bis zum Ende der Woche, und Kerstin, ein wandelnder Ernstfall, vergisst ständig ihr Höschen anzuziehen. Sie fragt nicht nochmal wegen der Sache mit dem Lecken; und ich bin froh, dass ich da mit 'nem blauen Auge davon gekommen bin.


EPILOG

Ich stehe in der Küche und telefoniere mit meiner Mutter. Von den Nachrichten im Radio bekomme ich nur ein paar Brocken mit; ... dreieinhalb Jahre wegen Steuerhinterziehung ... Hoeneß wird die Strafe in der JVA Landshut absitzen ... keine Meldungen von den Straßen ... Und 'nen schönen Start in den Nachmittag mit einem Hit aus den Siebzigern ... Cherpy Cherpy Cheep Cheep ...
Ich lege das Telefon wieder ans Ohr.
„Und wie geht 's Vater?“, frage ich.
„Kennsten doch. Kommt kaum noch vor die Tür. Die Augen. Der sitzt den ganzen Tag auf der Couch und frotzelt vor sich hin.“
„Ja ja, die Augen.“
„Hat ja schon ewig Probleme damit.“
„Und sonst?“
„Muss ja.“
„Ja, aber wenn mal was sein sollte; melde dich!“
„Was soll denn sein? Der überlebt uns noch alle. Stirbt aus lauter Boshaftigkeit nicht, glaub's mir.“
„... nu nu“, sage ich.
„... apropos sterben“, sagt meine Mutter, „die Kerstin ist gestorben.“
„Hä? Welche Kerstin?“
Ich überlege angestrengt, kann aber kein Gesicht mit diesem Namen verbinden.
„Na, die Schwester vom Peter. Die aus der Acht vorn.“
"Ach die, ... ja, die Kerstin.“
Kerstin hatte die Stadt nach der Zehnten nach Irgendwohin verlassen. Ich glaube, sie hat eine Lehre tief im Thüringer Wald begonnen. Ich ging später zu meinem Onkel nach Leipzig. Ich habe sie seit damals nie wieder gesehen. Ich halte kurz inne und versuche, mich an ihr Gesicht zu erinnern. Es gelingt mir nicht.
„Wie denn das?“, frage ich.
„Krebs.“
„War doch noch jung ...“
„... ja, fünfundfünfzig ...“
„... ja ja, ich weiß ...“
„... und immer so hübsch und so freundlich ...“
„... ja ja, das war sie“, sage ich.
„Ja, so isses manchmal.“
„Ja.“

Wir legen auf. Ich stehe in der Küche und schaue aus dem Fenster. Das Radio cherpycherpycheepcheept sich in den Nachmittag, und ich bin in meinen Gedanken in dem Sommer in dem der Hoeneß die Nulle in die Nacht über Belgrad gehämmert hat.

Version vom 14. 04. 2014 21:42
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Version vom 17. 04. 2014 21:51
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DocSchneider
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Hallo Vagant, hab die Geschichte jetzt mehrfach gelesen, sind noch ein paar kleine Fehler drin, ist aber nicht so wichtig - wichtiger ist die Tatsache, dass Du den Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Jugendlichen entführst, der jetzt so um die 50 sein dürfte - und sich trotz der einschneidenden Erfahrung von damals ums Verrecken nicht an Kerstin erinnert. War teilweise sehr zum Schmunzeln, spätenstens bei "Muschikennerehrenwort".

Die Geschichte passt in mehrere Kategorien, weil ja nur wenig Erotik vorkommt, täte es auch Humor (und Satire, ist natürlich keine) oder bei Kurzgeschichten. Ist aber auch egal, Du schaffst es, die Fußballer von damals plastisch wieder aufmarschieren zu lassen, auch die Helden des TV sind wieder präsent, und das Abhängen an langweiligen Sommertagen.

Gut gelungen ist auch die Handlung, denn hier geht es nicht nur um Innenkonflikte, ein Segen.

Wirklich gern gelesen und jetzt mal in Erinnerungen an Beckenbauer und Co schwärmend,

Doc
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Vagant
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Ich wollte mich noch einmal bei den Lesern und Kommentatoren bedanken. Danke.

Zu Doc) dir sag' ich's dann einfach mal mit einem Beckenbauerwort: Jo mei Jungs, gehts naus un schroabs a G'schichtn. --- so, oder so ähnlich hat er's wohl mal gesagt. Also was mich freut, ist die Tatsache, dass 'Der Bart' als Geschichte funktioniert. Das ist dieses simple 'Story telling' wo ich eigentlich mal hin möchte. Diese klassische Handwerk. Zu schauen wie die Leute reden, was es mit ihnen macht, wie sie untereinander agieren, diese kleinen Gesten; halt eine oder mehrere Figuren lebendig werden lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ich hin und wieder im Trivialen versinke. Da muss ich dann halt durch.
Für die großen Themen, das Relevante, das wo alle sagen: wow!, dafür fehlt mir wahrscheinlich so einiges: das schöne Wort, der geschliffene Stil, der scharfsinnige Intellekt. Na ja, und wenn ich mal eines dieser Themen habe, dann fehlt mir der Plot, oder ich schaffe es nicht, mir einen Protagonisten dazu zu basteln, der dem Thema auch gerecht wird.

Zu Ironbiber) einen schönen Gruß von der wandelnden Rechtschreibschwäche. Man weiß ja bei "Humor" nie so richtig wo man gerade steht. Und dann fragt man sich: ist das an dieser Stelle nun einfach nur noch albern, oder schlimmstenfalls unfreiwillig komisch, oder ist das etwas was zünden könnte? Also ich war mir da selbst nicht so sicher. Vieles hatte sich auch einfach aus dem flapsigen Erzählton des Prot. ergeben. Wenn es bei Dir, und bei einigen anderen Lesern funktioniert hat, freut mich das sehr.
Und dieses Schreiben-gegen-Duden, das sollte nicht meine Ignoranz gegen ein gutes Deutsch ausdrücken. Ich sage einfach mal: war der Form geschuldet. Einige Sachen (dieses Wortverbiegen, das Bilden von Endlosketten, usw) sind ja seit Stuckrad-Barre, Kinky Friedman, usw. schon fast im Mainstream angekommen. Du hast jedenfall recht mit dem Hinweis; kann man mal machen, sollte man aber nicht übertreiben. Danke für deinen lobenden Worte.
LG Vagant

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Mondnein
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zu Ironbibers "Kommentar"

quote:
Dieses Stück ist so "schlecht" geschrieben, dass es Kultstatus bekommen könnte. :-))

Versteh mich jetzt bitte nicht falsch: Es ist das erste Werk, bei dem ich eine Rechtschreibschwäche, bewusst oder unbewusst eingesetzt, als Markenzeichen anerkennen und keine Überarbeitung empfehlen würde.

Du hast Herrn Duden und seinen zeitgenössischen Jüngern die Zunge rausgestreckt und rufst erotische Jugendsündenerinnerungen ins Gedächtnis der Leser zurück.

Das verstand ich nicht, schaute also in die Erstversion. Gemäß Ironbibers Schrieb müßte es zumindest in der Erstversion von Rechtschreibfehlern nur so gewimmelt haben. Aber eine auffällige Häufung von Rechtschreibfehlern habe ich nicht gesehen, obwohl ich ein berüchtigter Spürhund für Fehler bin.
Es ist hervorragend geschrieben, ich weiß nicht, was Ironbiber hier meint. Und ein Lob, verpackt in solchen Scheintadel, will meistens als Vexierbild gelesen werden (oder kann zumindest so gelesen werden - Gefahr!): als hämisches Scheinlob: Verpackung mit süßer Schleife für eine gesalzene Beleidigung.
Nein zu Ironbibers ""schlecht" geschrieben".
Es ist in der Tat gut, sehr gut geschrieben.

__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

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Vagant
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Hallo Lomil, dir sage ich einfach mal; Danke fürs Lesen und für die wohlwollenden Worte zum Text.

Hallo Mondnein, ich habe Ironbibers Kommentar eigentlich nicht in dieser Form gelesen. Erstens; die "frühen Versionen" waren tatsächlich orthografisch grenzwertig (man sieht es ja daran, dass ich noch mehrmals den Text bearbeiten musste. "Jo Phantasie" war so nett, mir ein kleines Lektorat per Mail zukommen zu lassen. Es gab da schon einige Sachen, von denen ich entweder erstaunt war, dass sie so geschrieben werden, und welche, die ich einfach nicht gesehen hatte). Und Zweitens; ich denke, Ironbiber hat dies wohl eher auf irgendeinen Dreh in der Stilistik, in der Art, wie hier erzählt wird, bezogen. Halt nicht dem Versuch erlegen, die indirekte Rede (die ja in den Stellen in denen der Protagonist von der Familie erzählt eigentlich zum Einsatz hätte kommen müssen) schulbuchmäßig auszuformulieren, sondern mehr als ein atemloses: ich sag, dann sagt er, dann tu ich's, usw... wiederzugeben. Ich denke, dass er dies mit seinem Lob meint (bin jedenfalls nicht gewillt, mir dieses Lob madig machen zu lassen;-) ).
Ich habe halt in dem Text versucht, dem Erzählfluss eines Vierzehnjährigen gerecht zu werden. Freut mich, wenn dies hier mal gelungen ist und es dir gefallen hat.
LG Vagant

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so einen Text zu schreiben, so einen wie deinen - ist mehr als nur Handwerk. Dir gelingt es spielend, uns nochmal in die Zeit zuversetzen. Das erste Mal. Die verbotenen Dinge zu tun, die wir getan haben...

Klasse Text - und meinen ungeschminkten Respekt!

Grüße von wipfel

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Vagant
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Hallo Wipfel, vielen Dank fürs Ausgraben, Lesen und Bewerten dieser nun doch schon etwas älteren Story. Dass mir Deine Einschätzung runter geht wie Öl, brauche ich wahrscheinlich nicht extra zu erwähnen;-).
LG Vagant.

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