Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
60 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Brennender Hagel
Eingestellt am 26. 01. 2004 21:11


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
mye
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 37
Kommentare: 128
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um mye eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Brennender Hagel


Es hagelt. Ja, es hagelt. Denn so nennt man das doch, wenn immer wieder etwas hartes vom Himmel fĂ€llt, gnadenlos herabstĂŒrmend, als wĂ€re alles am Boden liegende nutzlos und bereit zu sterben.


Das kleine MĂ€dchen mit den zwei vorzĂŒglich geflochtenen Zöpfen schlendert ĂŒber den Gehweg. Zuversichtlich hĂ€lt sie die Hand ihrer Mutter, spĂŒrt die WĂ€rme, nimmt die Liebe ihrer Mutter wahr. Sie bewegen sich auf ein GeschĂ€ft zu, lĂ€cheln, der helle Funke des schönen Lebens strahlt in ihren Augen. „Das da Mama, das ist es, das hab ich gestern mit Papa gesehen“, strömt es ĂŒber ihre Lippen, als sie mit großen runden Augen das Schaufenster bestaunt. Ihre Worte werden nicht gesagt, es macht eher den Anschein, als wĂŒrden sie gesungen werden, nicht lautstark, nicht melodisch, sondern einfach glĂŒcklich.

Das kleine MĂ€dchen –sie trĂ€gt ihr Haar offen, fettig hĂ€ngt es ihr vor den getrĂŒbten Augen- schlendert nicht. Es ist viel mehr ein Kriechen, ein verzweifeltes Fliehen vor dem anhaltenden feurigen Hagel, der sich ĂŒber ihr ergießt, obwohl sie nicht einmal weiß, warum. Ihre Augenlieder sind schwer, bereit, sich zu schließen. Entsetzen spricht ihr aus der Seele, als sie das zerstörte GebĂ€ude erreicht. Rauch steigt zum Himmel auf wie verlorene Seelen und verliert sich in der Dunkelheit, fließt ĂŒber in den Ruß des Krieges. „Wo ist mein Papa?“, flĂŒstert sie mehr, als dass sie spricht.

„Oh, schau mal, es schneit“, bewundert das MĂ€dchen den Himmel, der trotz der dichten Wolkendecke hell und hoffnungsvoll erscheint. „Nein, mein Schatz, das ist kein Schnee, das ist Hagel, weißt du. Das ist sozusagen gefrorener Schnee“. Nach dieser ErklĂ€rung „flĂŒchten“ sich die beiden in das GeschĂ€ft und die Kleine rennt sogleich, lebhaft mit den Armen um sich schlagend, zu dem auserwĂ€hlten Spielzeug. Die Mutter hingegen betrachtet mit einem Auge ihre Tochter und schielt mit dem anderen nach draußen durch das Fenster, blickt aus der WĂ€rme heraus in die bittere KĂ€lte und sucht nach ihrem Portemonnaie.

Das kleine MÀdchen drÀngt sich zitternd in eine Ecke. Ein Beobachter könnte nicht erkennen, ob das Zittern der eindringlichen KÀlte oder der hÀmmernden Angst entspringt, die sich seit geraumer Zeit im Innern des MÀdchens entfaltet wie ein bösartiger Virus.

„Nein, wir warten noch einen kurzen Moment bis es aufhört zu hageln, ja!? Wir wollen doch nicht, dass du dir einen Virus einfĂ€ngst“, kĂŒmmert sich die Mutter um ihre kleine Tochter, die mit dem Spielzeug in der Hand neben ihr steht, bereits leicht gelangweilt nach draußen schaut und das Spielzeug schon fast wieder vergessen hat.

Sie lĂ€uft wieder los, auch wenn sie eigentlich nicht weiß wohin. Wo sind ĂŒberhaupt alle Menschen aus ihrem Dorf, spielen sie verstecken? Um mich herum ist so viel los, denkt sie, wieso bin ich trotzdem allein? An einem weiteren „Haus“ angelangt stĂ¶ĂŸt plötzlich eine riesige Stichflamme direkt vor ihr aus dem Nichts, als wolle sie das Feuer abhalten, weiter in diese Richtung zu gehen. Dort, weiter in der Richtung, wĂ€re sie zu einer Art Bunker gekommen, in dem einige Menschen ihres Dorfes verharren wie eingesperrte Insekten, die sich vor der riesigen Lupe eines gehĂ€ssig dreinschauenden Jungen retten, der sich mĂ€chtig ĂŒber ihnen hinwegbewegt, herrschend und blind. Nach einem heftigen Schrecken macht sie kehrt und stolpert ĂŒber den Arm einer in der Asche liegenden alten Frau. Schreiend von bloßem Entsetzen ĂŒber das blutverschmierte Gesicht, das starr zu ihr hinauf blickt wendet sie sich erneut ab und schlĂ€gt nun eine dritte Richtung ein, wie ein aufgebrachter Hase, der hin- und herspringend vor Gefahren flieht. Das wahre Gesicht der alten Frau blieb ihr erspart, durch das verschmierte Rot waren die bekannten ZĂŒge nicht erkennbar. In dem Augenblick denkt das MĂ€dchen an ihre Familie... an die Eltern, den Bruder und an ihre Großmutter.

Beim Abendessen erzĂ€hlt das MĂ€dchen ihrem Vater von ihrem ersten Zusammentreffen mit Hagel. Sie erzĂ€hlt, wie sie ihn fĂ€lschlicherweise mit Schnee verwechselt hat und gemeinsam mĂŒssen sie ĂŒber den kindlichen Irrtum lachen. Dann erklĂ€rt der Vater ihr noch einmal ausfĂŒhrlich wie das alles zustande kommt, wann es schneit, wann es regnet und wann es hagelt. „Oh, schau mal Papa, jetzt schneit es aber wirklich, oder!?“, sagt sie aufgeregt, als sie sich dem Fenster nĂ€hert. „Ja, das stimmt, da hast du recht“. Wenige Minuten spĂ€ter stehen die beiden vor der TĂŒr, sehen von der Veranda aus zum Himmel, öffnen ihre MĂŒnder, um vereinzelte Flocken einzufangen. „Ich liebe Schnee, Papa“, verrĂ€t sie, „aber jetzt ist mir kalt“. „Na dann mal wieder schnell ins Warme, meine SĂŒĂŸe“, erwidert er leicht besorgt.


Am nĂ€chsten Abend sitzt das kleine MĂ€dchen mit ihren Eltern vor dem Fernseher, sie malt, wĂ€hrend die Nachrichten laufen. „Unter den vielen Opfern des Dorfes befindet sich auch wieder ein kleines Kind. Das MĂ€dchen wurde heute vormittag erfroren aufgefunden, nachdem in der Nacht starke Schnee- und Hagelschauer einsetzten“, verkĂŒndet der Nachrichtensprecher mit angeschlagener Stimme. Das MĂ€dchen blickt von ihrem Malblock auf, schaut dann zu ihrem Vater und zu ihrer Mutter. Sie denkt an das tote MĂ€dchen und verspĂŒrt eine Traurigkeit, die zum Teil dadurch verschleiert wird, dass es ihr selbst so gut geht.

__________________
man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Enza ost
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber mye!

Da ist Dir wieder eine schöne Geschichte gelungen, traurig wie "An anderen Stellen dieser Erde" und mit Ă€hnlicher Thematik. Doch diese gefĂ€llt mir noch besser, denn sie ist super formuliert und durch das tatsĂ€chliche Schicksal des MĂ€dchens nachfĂŒhlbarer.
Der Anfang ist super gelungen, der Hagel als Symbol fĂŒr etwas Böses, das vom Himmel fĂ€llt...klasse!!!

Liebe GrĂŒĂŸe von Enza ost

Bearbeiten/Löschen    


gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 783
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gareth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo mye,

ich schließe mich der positiven Bewertung von Enza ost an. Die GegenĂŒberstellung der beiden MĂ€dchen, von denen eines sich kindgerecht mit den kleinen Erkenntnissen des Lebens beschĂ€ftigen darf und das andere keine Chance hat zu leben, scheint mir gelungen. Auf zwei Dinge möchte ich nur hinweisen. Ich glaube, dass in der zweiten Zeile der Text eindringlicher wĂ€re, ohne die dreifache Nennung des Wortes Mutter, obwohl es erkennbar von Dir so gewollt ist. ...hĂ€lt sie die Hand ihrere Mutter. Sie spĂŒrt ihre WĂ€rme und nimmt ihre Liebe wahr..." und es ist ein nicht stimmiges Bild, wenn der Junge mit der Lupe blind ist.

Liebe GrĂŒĂŸe
gareth

Bearbeiten/Löschen    


mye
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 37
Kommentare: 128
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um mye eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
danke

hallo sandra,

mensch wie schnell das immer geht, dass du meine texte bewertest das freut mich natĂŒrlich sehr... und erst recht, wenn sie dir dann auch noch gefĂ€llt! war irgendwie ne ganz spontane idee gestern und befand sich dann in weniger als ner stunde auf dem papier! na gut, dann also vielen dank und auf bald... die lange geschichte kommt noch !

hallo gareth,

auch dir vielen lieben dank fĂŒr die positive bewertung und den beiden anmerkungen... bei der dreifachen wiederholung des wortes "mutter" war ich mir selbst nicht unbedingt sicher und werde es jetzt erst recht noch einmal ĂŒberdenken. tja, das mit dem "blind" sollte nicht wörtlich gemeint sein, sondern symbolisch und war demnach auf die macht und das herrschen einiger "menschen" bezogen.

lieben gruß

andré
__________________
man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

Bearbeiten/Löschen    


Gandl

AutorenanwÀrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
Kommentare: 166
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Respekt!

Hi mye
In EINER Stunde geschrieben? Respekt!
Eine sehr schöne Geschichte.
Liebe (neidvolle) GrĂŒĂŸe
Gandl

Bearbeiten/Löschen    


mye
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2003

Werke: 37
Kommentare: 128
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um mye eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo gandl,

na respekt kann ich an dich und deine texte ja nur zurĂŒckgeben... freut mich aber sehr, dass es dir gefĂ€llt, vielen dank!

lieben gruß

andré
__________________
man findet keine freunde mit sala-at, man findet keine freunde mit sala-at... (die simpsons)

www.moviereporter.net

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!