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Leselupe.de > Anonymus
Brief an Dich
Eingestellt am 10. 09. 2006 20:40


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Brief an Dich

Hallo mein Schatz,

Wie geht es dir? Ach ja, das sagst du mir ja nicht. Dass es mir gut geht, brauche ich dir dann auch nicht schreiben.
Heute wollte ich dir mal schreiben, was ich gestern gemacht habe, anstatt dir per drahtloser Verbindung auf den Geist zu gehen. So kannst du den Brief lesen, wenn du Zeit hast, ihn aber auch wieder hervorkramen, wenn ich mich nicht so schnell melde, wie du es dir w├╝nscht.
Gestern, hier war es ein sch├Âner, sonniger Tag, bin ich mit dem Auto durch die Gegend gefahren. Die Kreisstra├če war kurvenreich und lag inmitten eines Waldgebietes, und ich kam an einigen Bauernh├Âfen vorbei. Linker Hand lag die schmale Abfahrt zum Grillplatz, und ich fuhr weiter. Dann kam der Bahn├╝bergangÔÇŽ ich denke, ich langweile dich mit der Aufz├Ąhlung; du wei├čt sicher genau, welche Stra├če ich befuhr. Nun, als ich die Stra├če entlang fuhr, sah ich links dein Elternhaus, und da an der Seite neben dem schmalen Zufahrtsweg drei Autos parkten, bog ich kurz entschlossen in den Weg hinein. Ich muss dir sagen, dass sich schon allein im Garten viel ver├Ąndert hat! Die gro├čen B├Ąume rings herum sind fast alle gef├Ąllt worden, und vom Gartenzaun zeugen nur noch die hohen, schmalen Betonpfosten, die mitten aus dem Gr├╝n heraus ragen. Ich lief zur Eingangst├╝r ÔÇô sie ist unver├Ąndert ÔÇô und der Weg dorthin ist mit Pflastersteinen in grauer Farbe ausgelegt. Schlie├člich dr├╝ckte ich die Klingel, die sich ebenso nicht ver├Ąndert hat, und dann kam jemand zur T├╝r. Deine Schw├Ągerin ├Âffnete, und ich war leicht irritiert, denn der Windfang, also die zweite T├╝r zum Flur, existierte nicht mehr. Ich h├Ârte die Stimme deiner Mutter schon von oben an der Treppe,
die im jetzt terracotta- farbig tapezierten Flur noch immer an der linken Seite liegt, fragen, ob es Arthurs, dein Bruder w├Ąre. Deine Schw├Ągerin kl├Ąrte deine Mutter dann auf, ehe sie die Treppe hinunter, und zur T├╝r kam. Ihr Haar ist l├Ąnger als sonst, und ganz wei├č. Sie erkannte mich im ersten Moment nicht; sie sah mich mit ihren Augen hinter ihrer Brille fragend an, aber als ich erkl├Ąrte, dass ich mit ihr reden wollte, strahlten ihre Augen vor Freude, und sie bat mich hinein. Ich folgte ihr die Treppe herauf ÔÇô ja, du hast richtig gelesen, deine Mutter wohnt nun in der oberen Etage. Das Fenster oben im ersten Stock, am Fu├č der Treppe, hat noch immer die gleiche ├ťbergardine, und dann kam ich im Flur durch eine T├╝r. Die ist neu, w├╝rde ich sagen, und hinten, am Ende des Flures an der rechten Seite hatte deine Mutter ihr Wohn- und Esszimmer. Sie lie├č mich am Esstisch Platz nehmen und bot mir Kaffee an. So ging sie zur K├╝che, und ich sah mich etwas im Raum um. In dem gro├čen Eichenschrank an der rechten Wand stand ein Porzellanteller, auf dem in der Mitte ein Foto von dir war. H├╝bsch, dachte ich, au├čer der gebl├╝mte Tellerrand, aber ich hab gemeint, dich vom Teller sprechen zu h├ÂrenÔÇŽ
Nun, deine Mutter kam zur├╝ck, brachte Tassen, Zucker und Milch, sowie eine Glasschale mit Pl├Ątzchen. Sie setzte sich zu mir an den Tisch und ich fing an zu reden; ich w├╝sste nicht genau, ob es richtig w├ĄreÔÇŽ
Deine Mutter holte anschlie├čend die Kaffeekanne aus der K├╝che und goss ein, dann brachte sie sie zur├╝ck. Als deine Mutter ihren Kaffee s├╝├čte, wurde mir klar, warum du deinen Kaffee auch immer so gut ges├╝├čt hattest, und als ich es deiner Mutter gegen├╝ber erw├Ąhnte, mussten wir beide grinsen. Wir plauderten etwas ├╝ber fr├╝her, und ich erz├Ąhlte ihr sogar, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich denke, du hast es ihr bisher nicht erz├Ąhlt. Na ja, anders herum, als deine Mutter von deinen Freunden anfing, konnte ich nur sagen, dass ich die vom Sehen kenne, so wie deine erste Freundin, von der du mir auch nur in groben Z├╝gen erz├Ąhlt hattest. Witzig fand ich, als deine Mutter ein Fotoalbum hervor holte, und ich darin einige Fotos von dir und deiner Ersten sah: ich hatte sie mir genau so vorgestellt, selbst die Haarl├Ąnge und die Farbe der Haare, als h├Ątte ich sie schon gesehen. Die alten Kinderfotos waren echt sch├Ân: das Bild, wo du und deine Geschwister in einem riesigen Bollerwagen sa├čen, und eure Familie machte einen AusflugÔÇŽ Aber am Sch├Ânsten war ein Foto, auf dem du gelacht hast, ich sch├Ątze, da warst du um die zehn Jahre alt. Wenn ich dich damals schon gekannt h├Ątte: ich h├Ątte f├╝r nichts garantiert! Aber da waren auch Fotos aus j├╝ngerer Zeit: welche, die drau├čen gemacht wurden (es war an dem Tag sehr warm), aber auf denen warst du nicht zu sehen, und eines, es war etwas ├Ąlter, auf dem sah ich dich in der K├╝che auf der Sitzbank. Das Foto sah fast so aus, als h├Ąttest du gar nicht mitbekommen, dass du fotografiert wurdest, wie du da, nach vorn gebeugt mit dem Gesicht zu deinen F├╝├čen blicktest. Deine Mutter erz├Ąhlte, dass du oft so gesessen h├Ąttest. Man, bei der Sitzhaltung musst du doch tierische R├╝ckenschmerzen gehabt haben! Du hast aber nie dar├╝ber gest├Âhnt, im Gegensatz zu mir, wenn ich welche hatte! Aber das Foto machte mich etwas traurig, denn das, was ich von deinem Gesicht auf dem Foto sehen konnte, und die ganze K├Ârperhaltung lassen den Schluss zu, dass du da nicht gl├╝cklich, und in Gedanken versunken warst. Vielleicht waren es qu├Ąlende Gedanken, oder nur traurige, nein, ich vermute eher, es waren bedr├╝ckende Gedanken. Welche es jetzt genau waren, sah man dem Foto nun nicht an, aber ich wei├č, an wen du da gedacht hast: an deine gro├če Liebe.
Damals hattest du das immer geleugnet (nein, ich liebe sie nicht!) und dann hatte sie dich vorerst abgelehnt. Muss hart gewesen sein!
Vielleicht hast du daran gedacht, als das Foto gemacht wurde; ich wei├č es nicht.
Ich lamentiere zu viel! Entschuldige bitte! Ich m├Âchte dich nicht mit Geschichten volltexten, die du zur Gen├╝ge kennst.
Nun, nach eineinhalb Stunden (deine Mutter hatte noch einmal Kaffee nachgeschenkt), wurde es langsam Zeit f├╝r mich. Ich stand auf, und auch deine Mutter stand auf. Noch unschl├╝ssig standen wir im Zimmer, ehe sie mich nach unten zur Haust├╝r begleitete und ich mich von ihr verabschiedete: ÔÇ×Wir sehen uns bestimmt noch wieder.ÔÇť
Anschlie├čend lief ich zu meinem Wagen, drehte, und fuhr in die Stadt, wie ich es immer mache. Das lasse ich mir von keinem ausreden; nicht einmal von dir, meine gro├če Liebe! Ich wei├č, dass du nicht eifers├╝chtig bist, aber manchmal meine ich, dass du mir Verschwendung vorwirfst. Das ist doch nicht dein Ernst, oder? Ich verschwende nichts, sondern sehe es als Investition in die Zukunft. Du k├Ânntest mir deshalb vielleicht Eigennutz unterstellen, aber das w├╝rdest du nicht tun. Nicht einmal, wenn wir uns Morgen schon wieder sehen w├╝rden, und nur f├╝r eine Blume, alle zwei Wochen! Ich wei├č, wenn du an meiner Stelle w├Ąrest, w├╝rdest du das Gleiche machen.
Nun, der Rest des Tages war eher langweilig; ich hatte mich am PC gesetzt, bis ich vor lauter Kopfschmerzen kaum noch die Buchstaben auf dem Bildschirm erkennen konnte, und bin zu Bett gegangen, um von dir zu tr├Ąumen. Du wei├čt ja, ich tr├Ąume immer davon, dir endlich zu begegnen, und ich hoffe, dass ich nicht mehr so lange warten brauche, bis es soweit ist.
Aber hast du denn nicht bald mal Urlaub verdient??? Na, vielleicht l├Ąsst es die Auftragslage nicht zu, oder ihr seid personell etwas unterbesetzt, oder steht dir kein Urlaub zu? Ich will dir jetzt nicht irgendwelche Fl├Âhe ins Ohr setzen, und dich bitten, deinen Chef mal zu fragen; nachher bekommst du vom ihm die K├╝ndigung pr├Ąsentiert, oder du wirst versetzt! Das w├Ąre ├Ąu├čerst ├╝bel! Dein Beruf ist dir wichtig, aber meinetwegen h├Ąttest du ihn nicht annehmen sollen, auch wenn ich vermute, dass ich an deiner Stelle schon kl├Ąglich versagt h├Ątte ÔÇŽ
Du machst deinen Job wirklich gut, und ich wei├č, dass dein Job nicht einfach ist, weil ich ihn dir auch noch schwerer mache, als er ohnehin schon ist. Dein Beruf l├Ąsst es nicht zu, Verlangen nach mir zu haben (dann h├Ąttest du deinen Beruf verfehlt!), aber bei der Fernbeziehung, die wir f├╝hren, kommt in mir manchmal ganz sch├Ân Sehnsucht nach dir auf! Das Warten f├Ąllt mir an manchen Tagen extrem schwer, doch wem erz├Ąhle / schreibe ich das? Mein Begehren nach dir ist schon ein Problem, und nicht nur f├╝r mich, schlie├člich ist es dein Job, mir mein Begehren nach dir auszureden!
Zum Ende meines Briefes w├╝nsche ich dir, dass du die Kraft hast, deinen Job weiter so zu machen, wie bisher, und verzeih mir bitte, wenn ich mich mal st├Ąrker nach dir sehnen sollte!
Liebe Gr├╝├če von deiner gro├čen Liebe,
Bis demn├Ąchst. Wir sehen uns
in der Ewigkeit

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Ohrensch├╝tzer
???
Registriert: Oct 2002

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Klingt wie eine Beziehung zu einem Verstorbenen, dessen Job nun 'Engel' ist und dem alle zwei Wochen eine Blume aufs Grab gelegt wird.
Die Sprache ist gr├Â├čtenteils klar, zart und poetisch. F├╝r meinen Geschmack aber auch etwas zu ausformuliert, zu detailliert, manchmal etwas zu dick oder schw├╝lstig aufgetragen. Und der Aha-Effekt ("He, ein Engel!") bleibt gegen Ende aus, weil man aufgrund der starken Verklausulierung drei Mal nachdenken muss, ob es wirklich so gemeint ist.
Hat mir trotzdem gefallen. Sch├Ânen Gru├č,
__________________
Der Ohrensch├╝tzer

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