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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Brief an einen Engel
Eingestellt am 01. 08. 2002 13:24


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Calistra
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Registriert: Aug 2002

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Meine Liebste,

heute ist es f√ľnf Tage her, seit Du fortgegangen bist. Und ich vermisse Dich... Ich vermisse Dich unendlich. Ich sehe Dich vor mir, wie Du mich ansiehst, mein Gesicht studierst und l√§chelst. Ich h√∂re den Klang Deiner Stimme, neckend und fr√∂hlich, h√∂re Dich - wie so oft - fragen, was es denn sei, das ich an Dir vermisse.

Aber Du bist nicht mehr hier, bist nicht bei mir um eine Deiner unvergleichlichen Fragen zu stellen, um mich dazu zu bringen, Dir meine Gedanken zu erläutern, als wären Sie wichtiger als alles andere.

Nun, Du sollst Deine Antwort trotzdem haben:

Ich vermisse den Klang Deiner viel zu hohen Pumps, wenn Du morgens die Wohnung verlässt (seien wir mal ehrlich, Du kannst auf den Dingern nicht wirklich "laufen"!

Ich vermisse aber auch das schlurfen dieser bl√∂den Tigerkrallen, die Du Pantoffeln nennst. Ich verzehre mich nach dem Hauch Deines Atems, wenn Du vor mir eingeschlafen bist und w√ľrde alles daf√ľr geben, Dir zuzusehen, wie Du mit einer Deiner Haarstr√§hnen spielst.

Ich bin ruhelos. Aber ich brauche auch keine Ruhe, ich will keine Ruhe, ich scheiße darauf, dass man nachts schlafen sollte - ich will nur Dich.

Du machst es mir wirklich nicht einfach. Wohin ich auch wandere in den R√§umen, die Du mit mir geteilt hast, √ľberall treffe ich Dich. Im Badezimmer eine Tube Zahnpasta, die ich l√§ngst weggeworfen h√§tte. Aber nein, Du mit Deinem Ordnungssinn hast sie zusammengerollt, um auch das letzte bisschen aus ihr rauszuholen. Ordentlich steht sie da und starrt mich an, auf irrwitzige Art ein skurriles Kunstwerk, von Deiner kleinen wei√üen Hand geformt mit einer besorgniserregenden Perfektion, die eines K√ľnstlers w√ľrdig w√§re. Du h√§ttest sie signieren sollen, ich bin sicher, ich h√§tte eine Galerie gefunden, die sie ausgestellt h√§tte.

Siehst Du nun, was Du aus mir gemacht hast? Ein Trottel bin ich, der nachts eine Zahnpastatube anbetet, statt zu schlafen. Ein Idiot, der sich nicht abfinden kann mit der Tatsache, von Dir getrennt zu sein. Ich bin ein nichts, ein niemand, solange Du nicht bei mir bist. Ich w√ľrde zu Dir kommen, wenn ich k√∂nnte, darauf kannst Du wetten. Und ich w√ľrde einen Weg finden, Dich mit mir zu nehmen, egal wie. Ich knie vor Dir, ich bete Dich an. Tu was immer Du willst, aber rede mit mir!!!

Ich kann mir denken, dass das nicht leicht f√ľr Dich ist. Aber Du hast doch immer einen Weg gefunden - finde jetzt auch einen!

Ich setzte meine Wanderung fort, nur um noch mehr Erinnerungen an Dich zu finden. In der K√ľche, sauber nebeneinander aufgereiht, die Teedosen, die wir zusammen ausgesucht haben. Ich sehe mir sie an und denke an die vielen Augenblicke, in denen ich bei Dir gestanden habe und Dir unbemerkt zugesehen habe, wie Du, mit einer der Teedosen in der Hand, versonnen aus dem Fenster schautest. Wie gern h√§tte ich Dich damals gefragt, woran Du denkst, aber ich wollte diesen wundersch√∂nen Augenblick nicht kaputtmachen. Als h√§ttest Du meine Gedanken gelesen, sahst Du mich an, scheinbar erstaunt √ľber meine Anwesenheit und schmiegtest Dich an mich. Wie gern w√ľsste ich jetzt, was Du damals dachtest!

In den ersten drei Tagen, nachdem Du mich verlassen hattest, riefen sie alle an. Freunde, Bekannte, Verwandte, die, die es gerne w√§ren. Von allen die gleichen Floskeln, die gleichen mitleidigen Worte, durch das Telefonkabel geschickt wie kleine Happen Brot, die man einem gefangenen Vogel in den K√§fig wirft... Sowas ertrag ich nicht. Also habe ich mich abgekapselt, die Nabelschnur zwischen mir und der restlichen, mitleidigen Welt zerschnitten, die T√ľrklingel abgestellt. Ich kann es nicht ertragen, von all diesen Menschen zu h√∂ren, wie gut sie meine Trauer verstehen k√∂nnen. Keiner von ihnen wei√ü, wie wundersch√∂n Deine Seele ist, keiner kennt den s√ľ√üen Geschmack Deiner Tr√§nen und niemand von ihnen ahnt auch nur, was es bedeutet, von Dir geliebt zu werden.

Ich versuche, das zu tun, von dem ich wei√ü, dass Du sie von mir erwartet h√§ttest: Ich lebe weiter. Ich schlucke die Tr√§nen hinunter, - meistens zumindest - und versuche, nicht dar√ľber nachzudenken, warum Du fortgingst.

Nat√ľrlich gelingt mir das nicht, aber das wei√üt Du sicherlich. Ich entwerfe die unterschiedlichsten Theorien, in der Hoffnung, dass ich eines Tages das, was passiert ist, begreifen kann...

"Wen die G√∂tter lieben, den lassen sie jung sterben" - trifft das auch auf Dich zu? Nein, das will ich nicht glauben, w√ľrde es doch bedeuten, dass Dir all das, wof√ľr ICH Dich liebte, zum Verh√§ngnis geworden ist. Besser gef√§llt mir folgende Version:

SIE WAREN NEIDISCH! Jawohl, neidisch waren sie, in dem Glauben, solches Gl√ľck, wie Du mir schenkst, st√ľnde nur einem Gott zu. Darum haben sie Dich mir weggenommen, allein deswegen.

Mein Engel, ich warte auf ein Zeichen von Dir, irgendetwas. Lass mich f√ľhlen, dass Du noch bei mir bist, dass es etwas gibt, worauf ich mich freuen kann: Meinen Tod, damit ich Dich endlich wiedersehe.

In ewiger Liebe,

N.

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eni
???
Registriert: Nov 2001

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mmmh...

Hallo Calistra,

ich bin sprachlos;
wunderschön verfasst und doch so unendlich traurig...
ich bin sprachlos....

eni

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Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Calistra,

ich konnte nicht aufh√∂ren, Deinen wirklich emotionsgeschw√§ngerten Text bis zum Schluss zu lesen. Ich mag Geschichten in Briefform. Ich k√∂nnte mir vorstellen, dass √ľber jede Deiner Lettern eine Tr√§ne geflossen ist, oder?!?
Viel zu oft erscheinen mir Geschichten zu sachlich, Deine sprengt vereiste Herzen. Deine Story sollte von vielen Leuten gelesen werden, finde ich.

SUPER!!!

LG,
GUIDO

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herb
???
Registriert: Jul 2002

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Kommentare: 261
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Hallo Calistra,

ein wunderschöner Brief. Ich hoffe nicht Wirklichkeit, das wäre dann sehr traurig. Ein Wort nur stört mich, "scheiße",
passt nicht in den Schreibstil. Wenn du nur geschrieben h√§ttest sch... , mit diesen drei Punkten, w√§re der Text in meinem Gef√ľhl besser. Aber vielleicht ist das Ansichtssache.
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hallo,

calistra, ich bin v√∂llig hin und weg. stolze leistung, deine geschichte. kommt in meine sammlung, rubrik "Lupengold". ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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Calistra
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Registriert: Aug 2002

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Danke

an euch alle f√ľr euer Lob. Es freut mich sehr, zu lesen, dass ich vielleicht nicht umsonst hoffe, etwas, das ich geschrieben habe, ver√∂ffentlicht zu sehen!

Vielen Dank auch f√ľr die konstruktive Kritik, denn nur so kann ich mich verbessern! Sonnige Gr√ľ√üe, Calistra

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