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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Brief an einen alten Mann
Eingestellt am 14. 07. 2002 20:48


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The Girl Who...
Routinierter Autor
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Im Sommer ┬┤94 lebtest du in New Hampshire in dem Apartment unter dem von Frank und mir. Ich muss zugeben, Dein Name wurde von anderen Dingen in meinem Ged├Ąchtnis begraben, wenn ich ihn ├╝berhaupt je irgendwo aufgeschnappt habe. Das st├Ârt mich. Es kommt mir so vor, als m├╝sse ich Dein Lied als ganzes singen, und dass das Vergessen eines Verses einer S├╝nde gleichk├Ąme.

Du und Deine Katze sind in dem Lied miteinander verbunden. Vor dem Dunkelwerden hast Du sie auf dem ungeteerten Pfad, der unser Geb├Ąude umrandete, immer spazieren gef├╝hrt; eine d├╝nne, schwarze Lederleine lag um ihren Hals. In der anderen Hand hieltest Du diesen kleinen Baseballschl├Ąger, einen von der Sorte, die man bei Homegames immer als Souvenir bekommt. Du hieltest die Katzenleine in der linken Hand und die Schl├Ąger in der rechten, bereit, als m├╝sstest Du jeden Moment jemandem oder etwas eine damit eine verpassen. Was hast Du denn erwartet? Dass die Katze auf einmal durchginge? Einen Hund, der hinter ihr her w├Ąre? Irgendeinen pubert├Ąren Kleinstadtpunk mit Baggypants, Irokesenschnitt und nichts Besserem zu tun, als einen alten Mann zu bel├Ąstigen, der seine Katze spazieren f├╝hrte? W├Ąhrend all der Zeit, in der ich Dich von meinem K├╝chenfenster aus beobachtete, konnte ich nie rausfinden, was es mit diesem winzigen Baseballschl├Ąger auf sich hatte.

Deine Katze war so ein d├╝nner Steg, der uns verband. Sie begann, mich zu m├Âgen und schlich sich oft nach oben, um sich auf meinem Schoss einzurollen und einzuschlafen. Die wenigen Male, als Frank und ich dich aus der N├Ąhe sahen, waren, wenn Du hochgekrochen kamst, um sie zur├╝ckzuholen. Du hast immer geklopft aber unsere Antwort nie abgewartet, sondern hast einfach die T├╝r einen Spalt breit aufgemacht, deinen mit sch├╝tterem Haar und Leberflecken bedeckten Kopf hereingesteckt und mit einem starken Lispeln gerufen: ÔÇ×Komm her, Thylvethter... komm hierher, Baby!ÔÇť

Sylvester. Welch ein Name f├╝r eine Katze, deren Besitzer lispelte?

Sie kam immer gleich zu Dir r├╝ber und hinter Dir her, aber da war immer diese Spur von Furcht in Deiner Stimme, wenn Du nach ihr riefest. Als bef├╝rchtetest Du, dass dies der Tag sei, an dem sie Dich f├╝r einen Augenblick mit kalten, kaiserlichen Augen ansah, kurz mit dem Schwanz ausschlug und dann wieder wegsah, um ganz bei uns zu bleiben; als w├╝rde Dich von nun an nur noch ein Schl├Ąger auf Deiner Sonnenuntergangsrunde begleiten.

Dann war da noch Dein Auto: Ein verrosteter, zweifarbiger 64er Mustang mit drei fehlenden Radkappen und einer gesprungenen R├╝ckscheibe. Die Karre sah beschissen aus, aber an den wenigen Tagen, an denen Du den Wagen fuhrest, grollte der Motor wie ein D├Ąmon aus dem achten Kreis der H├Âlle. Und dann das Nummernschild: ELIMIN8R. Ich w├╝nschte, ich w├╝sste, wie in Gottes Namen Du, ein alter, lispelnder Mann, der seine Katze an einer Leine um den Block f├╝hrte, an so ein Auto und vor allem auf so ein Nummernschild gekommen war.

Ich war jung und der ├ťberzeugung, dass Selbstmorde stattfanden, nachdem die Sonne unterging. Du zerst├Ârtest diese Illusion, und so erging es uns, Deinen Nachbarn ├╝ber Dir. Es war ein hei├čer, tr├Ąger Sonntagnachmittag. Frank und ich waren kurz davor, miteinander zu schlafen, auf diese leichte, direkte Art und Weise, mit der junge, unbek├╝mmerte Paare mit Sex umgehen, als zwei Polizeibeamte und ein Notarzt durch unsere Eingangst├╝r gest├╝rmt kamen. Sie warteten nicht, damit wir uns ankleiden konnten, sondern kamen ungehalten in unser Schlafzimmer. Fragten, ob einer von uns beiden verletzt w├Ąre. Wir waren beide verwirrt und ver├Ąngstigt.

W├Ąhrend ich ins Bad lief, um mir einen Bademantel ├╝berzuziehen, kniete sich einer der beiden Polizisten auf den Boden und rieb mit der Hand ├╝ber den Schlafzimmerteppich. Frank fragte ihn, was er da t├Ąte. Sein Partner, der fast so alt aussah wie Du, erkl├Ąrte, dass Du Dich erschossen h├Ąttest, und die Kugel durch Dich und in die Decke gedrungen sei. Es t├Ąte ihnen leid, so hereingest├╝rmt zu sein, doch mussten sie doch davon ausgehen, dass die Kugel die Holzdecke durchdrungen und hier oben jemanden ernsthaft verletzt haben k├Ânne. Ich kam aus dem Bad und fragte die drei, warum der Krankenwagen so seelenruhig auf dem Parkplatz stand, auf den ich vom Badfenster aus heruntersehen konnte, und der Beamte wiederholte seinen Bericht. Ich sch├╝ttelte den Kopf. Warum beeilte man sich dann nicht, Dich ins Krankenhaus zu bringen? Und wie konnte eine Kugel ├╝berhaupt in Richtung der Decke geschossen werden?

Der Beamte wich meinem Blick aus. Wenige Minuten zuvor hatte er mich nackt gesehen ÔÇô ein M├Ądchen, dass jung genug war, um seine Tochter sein zu k├Ânnen ÔÇô und das hatte ihm irgendwie den Mut genommen, mir die Ballistik von selbstausgel├Âsten Pistolensch├╝ssen zu erkl├Ąren. Mein Blick glitt von ihm zu Frank, der erst Luft holte, dann aber aus Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand eine Pistole formte und diese auf seinen ge├Âffneten Mund richtete. Er wusste, ich hatte verstanden, als meine Unterlippe erzitterte und ich ohne ein weiteres Wort zur├╝ck ins Bad ging und die T├╝r hinter mir verschloss.

Ich kam f├╝r eine ganze Weile nicht wieder raus, auch nachdem die M├Ąnner gegangen waren, und so ging Frank nach unten, um in Deinem Apartment nachzusehen. Deine T├╝r stand offen, und M├Ąnner mit Latexhandschuhen gingen in Deinem Wohnzimmer auf und ab. Frank erz├Ąhlte mir sp├Ąter, dass er zwar Deinen K├Ârper nicht sehen konnte, ihm die Decke aber alles sagte, was er wissen musste. Die roten Schlieren und Gerinnsel h├Ątten ihn an ein abstraktes, minimalistisches Experiment eines Kunststudenten erinnert. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er bei diesem Gedanken kurz aufgelacht hat, und wie sich jeder der Beamten nach ihm umdrehte und ihn anstarrte. Frank verlie├č deshalb den Raum, bevor ihn jemand dazu aufforderte.

Da bemerkte er Deine Katze als felliges B├╝ndel auf der Fensterbank am Ende des Flurs. Mit zuckendem Schwanz schaute sie zu, wie Fremde die T├╝rschwelle ├╝bertraten, die vermutlich jahrelang von keinerlei Besuchern ├╝berquert worden war. Jemand w├╝rde sich um sie k├╝mmern m├╝ssen, und Frank nahm an, dass ich sie bei uns aufnehmen wollen w├╝rde. Er und die Katze hatten sich nie besonders gut verstanden, aber als er auf sie zutrat, um sie aufzuheben, schmiegte sie sich gleich in seine Arme, wie ein verlorenes und ver├Ąngstigtes Kind, das die Hand jeder freundlichen Person ergreifen w├╝rde.

Sylvester verbrachte jene Nacht in unserem Schlafzimmer, zusammengerollt am Fu├č des Bettes. Sie sah zu, wie Frank und ich uns in langsamen, gleichm├Ą├čigen Bewegungen liebten.


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He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

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