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Leselupe.de > Kindergeschichten
Brillenschlange
Eingestellt am 29. 05. 2014 19:24


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Ilona B
Autorenanwärter
Registriert: May 2014

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Brillenschlange

Anja stand an ihrem Kinderzimmerfenster, die Stirn an die Scheibe gelehnt. Sie starrte den sinkenden Schneeflocken hinterher. Dick und weiß, segelten sie langsam bis zur Erde. Die Flocken bedeckten die Tannen in dem kleinen Hinterhof mit einer dünnen Puderzuckerschicht. Der Rasen und die kahle Hecke bekamen ebenfalls ihre Bestäubung ab. Im hellen Sonnenlicht glitzerte der Garten wundervoll und das kleine Mädchen hätte bei diesem Anblick strahlende Augen bekommen müssen. Doch Anja verspürte nur einen unangenehmen Druck im Bauch. Der verschneite Garten erinnerte sie an den letzten Winter. An den gefrorenen Teich hinter der Dorfschule, auf dem sie mit ihren Freunden Schlittschuh gelaufen war. Das war ein Spaß gewesen. Alle mochten sie dort in Meerfeld, dem kleinen Dorf in der Eifel, in dem sie geboren worden war. Niemand machte sich lustig über sie und rief ihr "Brillenschlange" hinterher. Niemand lachte sie aus. Anja seufzte tief. Vor drei Monaten war sie mit ihren Eltern aus dem kleinen Dorf nach Köln gezogen, da ihr Vater hier eine Arbeit gefunden hatte. Sie musste alle ihre Freunde zurücklassen und ohne Geschwister war sie in ihrem neuen Zuhause recht einsam. In ihrer Schulklasse, der Klasse 3b, die auch die Bärenklasse genannt wurde, gab es einige Kinder mit denen sie gerne gespielt hätte. Leider war Anja ein wenig schüchtern und trug eine altmodische Brille auf der Nase. In Meerfeld störte das Niemand, aber Knut der Klassenkasper, nahm sie deswegen direkt am ersten Schultag ins Visier und verpasste ihr den Spitznamen Brillenschlange. Bei jeder Gelegenheit ärgerte er sie. Einige der Mitschüler schienen Mitleid zu haben, lachten aber trotzdem jedes Mal mit, wenn Knut seine blöden Sprüche machte.
Anja gab sich einen Ruck und setzte sich an Ihren Schreibtisch. Sie musste noch ihre Hausaufgaben erledigen. Etwas was ihr Spaß machte, genauso wie der Unterricht ihr Spaß machte. Sie verzog den Mund. Das würde Knut auch spaßig finden wenn er es wüsste, eine Brillenschlange und dazu noch ein Streber.

Anjas Mutter fiel auf, dass ihre Tochter oft bedrückt war und eines Abends als die Kleine schon im Bett lag kam sie in ihr Zimmer und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
„Na, mein Spatz!“ Liebevoll strich sie Anja eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wie kommst Du mit Deinen Mitschülern klar? Hast Du schon ein nettes Mädchen kennengelernt?“
„Ach, Mami! So einfach ist das nicht“ klagte Anja. „Da ist nämlich ein Junge der mich ständig zankt.“
„Hmm, das ist ja nicht sehr schön. Hilft dir denn keiner?“
„Nein, ich glaube die trauen sich nicht. Knut ist beliebt und ziemlich stark.“ Hilfesuchend blickte Anja zu ihrer Mutter hoch. „Weißt du, vielleicht hat er bald keinen Spaß mehr daran.“ Das konnte das Kind sich nicht vorstellen.
Anjas Mutter fielen die Geschichten ihrer Großmutter ein. Als Kind hatte sie fest an die Erzählungen geglaubt und Anja würde so wenigstens ein Weilchen von ihrem Kummer abgelenkt. „Hör mal, mein Schätzchen, habe ich schon einmal erwähnt, dass es in unserer Familie ein großes Geheimnis gibt?“ Fragend schaute Anja sie an. „Du musst wissen, dass manche weiblichen Mitglieder unsere Familie eine besondere Begabung haben. Sie können sich in jedes Tier auf der Welt verwandeln, egal in welches.“
„Wirklich!? Kannst du das auch?“
„Nein, leider nicht. Aber meine Oma, deine Urgroßmutter, die konnte es. Manchmal hat sie mir von ihren Abenteuern erzählt, wie sie als Giraffe vor einem Löwen davon gelaufen ist oder als Schwalbe ihren Jungen das Fliegen beigebracht hat.“ Ungläubig schüttelte das Kind den Kopf. „ Das gibt es doch gar nicht.“
„Wer weiß, wer weiß!“ Anjas Mutter zog die Augenbrauen nach oben. „Ich habe auf jeden Fall daran geglaubt. Oma erzählte, dass sie vor dem Schlafengehen nur ganz fest an ein Tier denken musste und irgendwann in der Nacht hat sie sich verwandelt.“
Anja staunte. „Das wäre vielleicht toll. Aber wieso kann das nicht jeder?“
„Weil es etwas ganz Besonderes ist. Nur die Frauen, die in einer Freitagnacht gegen 24.00 Uhr geboren sind, besitzen diese Gabe.“ Aufgeregt richtete das kleine Mädchen sich auf. „Aber Mami, ich bin auch Freitags geboren und du hast gesagt es war Geisterstunde als ich auf die Welt kam.“
„Richtig! Du hast Recht. Ich hatte es ganz vergessen.“ Anjas Mutter lächelte. Sie gab ihrer Tochter einen Gute-Nacht-Kuss und deckte sie zu. Das Mädchen war so in Gedanken versunken, dass sie nicht einmal bemerkte wie ihre Mutter das Zimmer verließ. Welches Tier würde ich gerne sein? überlegte Anja. Vielleicht ein Pferd? Pferde waren ihre absoluten Lieblingstiere. Oder vielleicht ein gefährliches Tier, so was wie ein Bär. Sie ging schließlich in die Bärenklasse und Knut würde richtig Angst bekommen und davon laufen. Oder eine Fliege, dann konnte sie Knut die Nase kitzeln und er würde sie nicht erwischen, weil sie so schnell weg fliegen konnte. Es gab so viele Möglichkeiten. Plötzlich, kurz vor dem Einschlafen, wusste Anja welches Tier sie sein wollte. Keine Frage, wenn man schon so genannt wird, will man doch mal mehr über das Tier erfahren. Anja kniff die Augen zusammen, dachte fest an eine Brillenschlange und war kurz darauf eingeschlafen.
Stunden später wurde sie wach. Sie wusste nicht was sie geweckt hatte. Es war dunkel und warm. Rings herum stieß sie auf Wände, die sich anfühlten wie der Wäschebehälter aus dem Badezimmer. Anja hörte irgendwelche Leute reden, konnte jedoch nichts verstehen. Die Stimmen wurden lauter und von oben fiel ein Lichtstrahl auf sie herab. Sie hörte eine süße, einschmeichelnde Melodie. Das Mädchen konnte nicht anders und fing an sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Dabei richtete sie sich immer mehr auf und näherte sich neugierig der hellen Öffnung. Ihr Kopf stieß ins Freie und sie sah, dass sie in einem großen Weidenkorb gelegen hatte. Sie zischte leise und blickte in viele Gesichter, die sie neugierig und zugleich ängstlich anstarrten. Ich bin tatsächlich eine Schlange dachte Anja und zischte erneut. Mit Befriedigung sah sie wie die Zuschauer zurückzuckten. Sie haben Angst vor mir. Bedrohlich schwang die riesige Flöte vor ihr hin und her, aber der Mann mit dem Tuch um den Kopf sah eigentlich nicht gefährlich aus. Vorsichtshalber ließ sie ihn nicht aus den Augen und wiegte sich zufrieden im Takt der Musik. Die Sonne brannte heiß auf sie hernieder. Wo bin ich hier wohl? Auf jeden Fall haben die Leute komische Sachen an, sogar die Männer tragen Kleider und ich verstehe kein einziges Wort. Der Flötenspieler hörte mit der Musik auf und näherte sich dem Korb. Schnell zog Anja sich zurück und ringelte sich im Dunkel ein. Was war, wenn sie nun für immer eine Schlange blieb? Wenn sie sich nicht zurück verwandeln konnte. Traurig dachte sie an ihre Eltern und irgendwann fielen ihr zum Glück die Augen zu.
Am nächsten Tag in der Schule konnte Anja sich nicht konzentrieren. Sie musste immer wieder an die Nacht denken. War das alles ein Traum oder war sie wirklich eine Schlange gewesen. In der großen Pause flitzte sie rüber in die Bücherei. Sie wollte unbedingt mehr über das Land und die Sprache wissen, die die Menschen gesprochen hatten. In einem dicken Buch über Reptilien fand sie heraus, dass sie in Indien gewesen war, dass dort außer Englisch Hindi gesprochen wurde und dass das Tuch um den Kopf Turban genannt wurde. Gerade als sie das Buch zurück ins Regal stellte, lief ihr Knut mit seinen Freunden über den Weg. „Na, Brillenschlange, willst Du jetzt lieber ein Bücherwurm sein?“ Die Jungens lachten.
„Sei lieber froh, dass ich nicht wirklich eine Brillenschlange bin?“
„Was?“ meinte Knut. Erstaunt glotzte er Anja an.
Diese nahm all ihren Mut zusammen. „Na, so eine Königskobra wird schließlich fast drei Meter lang, ihr Biss ist tödlich und am liebsten frisst sie so kleine, dicke Mäuse wie dich.“ Knut fiel die Kinnlade nach unten, ihm verschlug es regelrecht die Sprache. Anja marschierte an den Jungs vorbei, die ein Grinsen nicht unterdrücken konnten. Es war selten, das Knut einen Denkzettel bekam und dazu noch von einem Mädchen. Einige der anderen Schüler hatten das Schauspiel ebenfalls gesehen und nach der letzten Stunde wusste die ganze Schule Bescheid.
Auf dem Heimweg hörte Anja wie jemand hinter ihr herlief und drehte sich um. „Hallo, Anja! Sollen wir zusammen nach Hause gehen?“ Es war die rothaarige Trixi, die zwei Bänke hinter ihr saß und in der gleichen Straße wohnte. „Gern!“ erwiderte Anja. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis Trixi losprustete. „Schade, das ich nicht dabei war, als du Knut die Meinung gesagt hast. Ich hätte zu gern sein dummes Gesicht gesehen.“ Anja lachte jetzt ebenfalls. „Stimmt, besonders intelligent sah er wirklich nicht aus. Allerdings hatte ich ziemlichen Schiss.“
„Das glaub ich dir. – Aber sag mal, wieso weist Du so viel über Schlangen?“ Trixi schaute Anja fragend an.
„Zufall. Ich liebe Tiere. Jetzt nicht gerade Schlangen, aber die finde dafür ich total interessant“
„Toll! Vielleicht hast du Lust dir mal meine Haustiere anzusehen. Ich hab eine Katze, zwei Kaninchen, drei Meerschweinchen und einen Wellensittich.“
Der Heimweg verging wie im Flug. Als die beiden Mädchen sich trennten, waren sie für den Nachmittag verabredet.
Im Laufe der Zeit wurden sie die dicksten Freundinnen und Knut fand jemand Anderen den er ärgern konnte.
Manchmal versuchte Anja sich noch in ein Tier zu verwandeln, aber es klappte nicht. Vielleicht hatte sie doch nur geträumt, was jedoch nicht schlimm war, denn nun erlebte sie ja die tollsten Sachen mit ihren neuen Freunden.

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