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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bruderliebe
Eingestellt am 27. 08. 2006 13:51


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Mondfrau
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Bruderliebe

„Siehst du nicht, dass ich weine? Du sollst mich allein lassen! Alles hast du kaputt gemacht! „Schluchzend drehte sich mein Bruder zur Seite, ließ die FĂŒĂŸe an der Seite der Parkbank herunter. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, versuchte nur, ihn zu umarmen. Er stieß mich weg. Lange Zeit saßen wir im Nieselregen im Garten der Anstalt. Sein Schluchzen schwoll auf und ab, ich fĂŒhlte mich unbehaglich, achtete darauf, ob uns jemand hören konnte. Die Parkbank befand sich ziemlich weit vom Haus entfernt, am Ufer des Sees. Wir saßen unter Trauerweiden verborgen, trotzdem hob ich ab und zu die Zweige, um zu sehen, ob schon nach uns gesucht wurde. Durch den Regen hindurch war das Haus kaum noch auszumachen.

Plötzlich meinte ich, eine Bewegung an der HaupttĂŒr wahrzunehmen. TatsĂ€chlich, die TĂŒr öffnete sich langsam, mĂŒde, fast schwerfĂ€llig, kam eine kleine Gestalt die Freitreppe herunter. Unsicher bewegte sie sich durch den Park, den Kopf suchend nach links und rechts wendend. Ich verharrte reglos, wie erstarrt. „Was sollen wir ihm nur sagen?“ schoss es mir durch den Kopf. Ich blickte schuldbewusst auf meinen Bruder, dessen Weinen langsam abebbte. Er bemerkte meinen Blick, guckte unter langen Wimpern zu mir auf. TrĂ€nen hingen darin. Es rĂŒhrte mich unbeschreiblich. „GĂŒnther, nimm es dir doch nicht so zu Herzen,“ stammelte ich hilflos. „Was weißt denn du schon,“ rief er laut. „Ich liebe sie schon so viele Jahre und du kommst einfach daher, schnappst sie dir, obwohl du weißt, dass ich sie liebe!“ Aufschluchzend warf er sich ĂŒber die Lehne der Bank. Ich stĂŒtzte meinen Kopf in die HĂ€nde und nun liefen auch mir die TrĂ€nen ĂŒber das Gesicht. Ich fĂŒhlte, wie sie meine Handgelenke hinabrollten.

„Ach, hier seid ihr!“ sagte eine kleine, leise Stimme und da stand sie, knapp 1,50 m groß, die schweren, nassen Zweige der Trauerweide hoch ĂŒber den Kopf erhoben. Was mussten wir fĂŒr einen Anblick bieten. Zwei MĂ€nner im mittleren Alter, heulend vor Elend, klitschnass auf einer Parkbank im Garten des staatlichen Pflegeheims sitzend.

Mit großen, feuchten Augen schaute mein Bruder sie an. „Ich liebte dich ja nur, weil du so klein bist, nur ein paar Zentimeter grĂ¶ĂŸer als ich. Alle anderen Frauen sind so groß, unerreichbar fĂŒr mich, aber du, du warst mir immer die Liebste von allen Pflegerinnen“, sagte er mit vorwurfsvollem Unterton zu ihr. „Ach GĂŒnther“, rief sie aus und versuchte ihn zu umarmen, er aber stieß sie ebenso von sich, wie zuvor mich. „Es wird Zeit, dass du die Wahrheit erfĂ€hrst. Wir haben sie dir die ganzen Jahre verschwiegen, um dich zu schonen. Nun ist es passiert, du hast uns bei einem heimlichen Kuss ĂŒberrascht.“

„Nein,“ schrie ich panisch dazwischen, „hast du dir das gut ĂŒberlegt? Was ist, wenn er es nicht verkraftet?“ „Schluss jetzt,“ sagte sie mit erhobener Stimme, „es reicht! Der Schaden ist sowieso schon angerichtet, jetzt können wir auch ebenso gut die ganze Wahrheit sagen. GĂŒnther, ich weiß, das ist jetzt hart fĂŒr dich, aber dein Bruder und ich sind seit 24 Jahren verheiratet. Wir haben zwei Kinder, 22 und 20 Jahre alt. Es sind die beiden Jungs, von denen du dachtest, es sind Zivildienstleistende. In Wirklichkeit sind es deine Neffen.“ Fast erschrocken hielt sie inne. Meine Frau und ich starrten wie das Kaninchen auf die Schlange. Mein Bruder runzelte die Stirn, man konnte bei ihm immer sehen, wenn er nachdachte. Es dauerte ca. fĂŒnf Minuten, dann stand er wĂŒrdevoll auf und ging gemessenen Schrittes auf das Haupthaus zu. Ich sprang auf, um ihm nachzurennen. „Lass ihn“ sagte meine Frau und sie ist schließlich die Spezialistin, „ er braucht jetzt Zeit.“

__________________
Mondfrau

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Kultakivi
Guest
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Hallo Mondfrau,

eine interessante Geschichte mit einer durchaus ĂŒberraschenden Wendung. Etwas unklar ist mir allerdings die Auflösung geblieben. (verheiratet, Kinder etc.) Aber vielleicht hast du an dieser Stelle ja ganz gezielt die Phantasie des Lesers ansprechen wollen. Ansonsten gut zu lesen. Recht routin iert geschrieben.

Gruss

Kultakivi

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Mondfrau
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Hallo Kultakivi,

vielen Dank fĂŒr deine netten Worte. Was genau ist dir unklar geblieben? Ich war eigentlich der Ansicht,ziemlich genau erklĂ€rt zu haben, wenn auch in verschiedenen AbsĂ€tzen. Warte auf deine Anregungen.

Antje
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Mondfrau

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Elora
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Hi,
ich finde die Geschichte wirklich gelungen. Zu Anfang wirkt sie fast kitschig und am Ende diese etwas außergewöhnliche Wendung reißt das Ruder herum.
Das macht irgendwie den Reiz deiner Geschichte aus, ist aber auch gleichzeitig das Problem daran, ich schÀtze viele lassen sich abschrecken und lesen dann nicht weiter, dabei lohnt es sich absolut.

Glg, Elora.
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Skeptiker sind jene Menschen, die einfach nicht an die friedliche Nutzung der Atombombe glauben wollen. (Werner Mitsch)

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Mondfrau
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Hallo Elora,

ich liebe WidersprĂŒche, Unerwartetes. Das macht das Leben m. E. spannend. Vielen Dank fĂŒr das Lob.

Antje
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Mondfrau

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flammarion
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eine

ganz ausgezeichnete geschichte, verblĂŒffend und bewegend zugleich. bitte mehr davon.
lg
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Old Icke

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Mondfrau
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Hallo Flammarion,

vielen Dank fĂŒr deine motivierenden Worte. Ich werde mich bemĂŒhen, mehr in diese Richtung zu schreiben.

Antje
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Mondfrau

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