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Brudermord
Eingestellt am 03. 06. 2006 17:01


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memo
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Die drei Hofbauerbuben streunen durch die toten Donauarme. Sie spielen, schreien und schlagen blutige Wunden. Das Altwasser bildet die Kulisse dieses mystischen Bildes mit "Wasserjungfrauen" und " Fischk├Ânigen".
In der Sch├Ânheit, aber auch in der grausamen Unerbittlichkeit der Natur, erz├Ąhlt Georg Britting seine Geschichte. Er verwandelt die unber├╝hrte Donaulandschaft in ein morastiges, verwahrlostes und "gr├╝nschwarzes" Gebiet, voller tiefgr├╝ndiger Metapher. Was sind es f├╝r Kinderseelen die zu schlammigen, schwarzen T├╝mpeln ziehen, wo der Geruch von F├Ąulnis sie umf├Ąngt?
Ist es wirklich nur Spiel, wenn sie in der Wildnis mit Weidenst├Âcken k├Ąmpfen? Als das Gesicht des J├╝ngsten pl├Âtzlich wie eine "Menschenfressermaske" blutverschmiert aufleuchtet, verhei├čt dies eine bedrohliche Zukunft:
Die Totenmaske eines Kindes.
Noch ist nichts vom Schicksal der Kinder zu erkennen. Nur das Wort "Brudermord" thront ├╝ber der vorantreibenden Handlung. K├Ânnte es vielleicht doch ein sinnbildlicher, nicht w├Ârtlich gemeinter Titel sein?
Die Wunde am Kopf wird gewaschen, mit den Haaren bedeckt und schon sind die Knaben wieder vers├Âhnt, so wie Kinder es immer sind. "Zu Hause sagen wir aber nichts davon!" Dieser Satz ist wie ein Schwur, der sich durch die Geschichte zieht. Ein Schwur, der die Buben vereint. Die Geschwister dringen an diesem hei├čen Augusttag tief in die gr├╝ne Wildnis, "...tiefer als je zuvor." Sie gelangen zu einem Weiher, der gr├Â├čer ist als jeder den sie zuvor gesehen haben. An diesem Tag ist es anders als sonst. Der Pfahl, an dem das fremde Fischerboot angekettet ist, wird einfach aus dem schlammigen Boden gerissen und schon rudern sie Piraten spielend, bis in die Mitte des kleinen Sees, dort wo es am tiefsten ist und der schwarze Wasserspiegel sie umgibt. Pl├Âtzlich ist alles still. "...das Boot lag unbeweglich, unbeweglich stand das Schilf am jenseitigen Ufer..." Wie erstarrt ist pl├Âtzlich alles ringsum, kein Laut. War es Langeweile, die den Dreizehnj├Ąhrigen, den "Gro├čen", schlie├člich veranlasst, das Boot zu schaukeln, immer schneller, die Stille nicht ertragend? Oder war es ├ťbermut, von einer inneren Unruhe getrieben? Dieses Ergr├╝nden wollen, warum der gro├če Bruder den Befehl gab, den Kleinen w├Ąhrend dem Schaukelspiel pl├Âtzlich zu erschrecken, kann nur der Versuch sein, vielleicht eine Unschuld zu finden.
Das Wissen eines Teenagers, welche Gefahr darin besteht, das Boot heftig zu schaukeln, spricht gegen den Buben.
Das Wissen, dass der Kleine ins Wasser fallen kann, ja fallen muss, wenn die gr├Â├čeren Geschwister unvermittelt auf seine Seite springen, belasten den Buben. Ein Wort nur suche ich, welches den Bruder entlastet k├Ânnte, eine
einfache Handlung, doch stattdessen finde ich nur die grausame Tatsache, dass jegliche Hilfe unterlassen wird. Gerade tut der Kleine noch unbeschwert jauchzend seine Schaukelarbeit. Nichts ahnend was ihm widerf├Ąhrt. So ist der Umstand, dass die beiden Br├╝der "stumm und k├Ąsebleich" im Boot zur├╝ckbleiben, nicht als verzweifelter Schock zu verstehen, sondern es erscheint vielmehr wie eine Stille des Vollbrachten. Der lange, atemberaubende, durch die Wiederholungen ausdrucksstarke Satz, der das Ungl├╝ck (oder die Tat) beschreibt, wirkt als wolle der Autor Zeit geben.
Zeit f├╝r eine Rettung des ertrinkenden Kindes. Acht "und" f├╝llen den Satz und immer wieder dieses"...unter dem Boot nicht mehr hervor, nie mehr..."Diese Worte unterstreichen die Endg├╝ltigkeit. Sollten die Kinder wirklich Angst vor dem Wasser gehabt haben, die sie hinderte nach zu springen? Buben, die keine Dornen mehr sp├╝ren, keine Insektenstiche und sich mit Weidenruten blutig schlagen?! Es bleibt ihnen nichts als die Flucht. Kein, wenn auch vielleicht aussichtsloser, Versuch irgendeine Hilfe zu leisten.
Nichts sp├╝ren sie mehr, weder die Zweige und Weiden, noch die "Wurzelschlangen". Ein Davonlaufen vor sich selbst verbirgt sich darin. Vielleicht auch ein "Nicht - wahrhaben ÔÇô WollenÔÇť. Keine Tr├Ąne dar├╝ber, dass der kleine Bruder gestorben ist, hilflos ertrunken, durch ihre gewollte oder ungewollte Schuld, ist zu erkennen.
Kein Wort der Unschuld schenkt uns die Geschichte. Nein, nur noch einen letzten Beweis einer unbegreiflichen Tat, so scheint es, denn die Kinder werden "M├Ârder" genannt. "Zu Hause sagen wir aber nichts davon!" Das ist ihr Schwur. Das ist alles was ihr Denken bestimmt. Pl├Âtzlich wird die Welt wieder hell, als sie aus den toten Donauauen gelaufen kommen. Das "Altwasser" bleibt weit hinter ihnen. Aber das Dach des Vaterhauses und der Turm des Domes ragen ihnen wie Mahnmale entgegen.
Die Br├╝der, vor allem der Mittlere, sind von einer "wilden Hoffnung ├╝berwuchert". Auf eine Zukunft des Vergessens? Die Antwort auf die Fragen, die ich mir im Laufe der Auseinandersetzung mit der Geschichte gestellt habe, sowie die gestillte Sehnsucht, eine Unschuld zu finden, liegt letztendlich darin, dass die Kinder von einem Vaterhaus gepr├Ągt sind, das sie am Ende "...wie ein schwarzes Loch verschluckt..."



Georg Britting
1891 ÔÇô 1964
Brudermord im Altwasser
(1961)


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