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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Brüder
Eingestellt am 22. 05. 2006 08:47


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chinaski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

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Brüder

„Verschlossen, auf dem Speicher der Erinnerung hinter tonnenweise Gerümpel, unter dem Spinnennetz der Zeit, da liegt wohl der Hund begraben.“, denke ich und öffne meine von Tränen verklebten Augen.

Sehe die Küche meiner Eltern in verschwommenen Umrissen. Dort die weißen Hängeschränke. Einer einen Spalt geöffnet. Das einfache weiße Geschirr starrt mich an – aufgereiht in Stapeln. Ein Bild vertraut aus vergangenen Tagen.Darunter auf der Ablage noch immer die alte Kaffeemaschine. Sie ist gealtert, so wie wir.

Mein Blick schweift hinüber auf die andere Seite. Dort steht noch der alte Bauernschrank mit den verglasten Schranktüren.

Zwei faustgroße Löcher erinnern mich daran, was passiert ist – wo ich bin. Von den Löchern aus zieren hauchdünne Risse das Glas. Es erinnert mich an etwas. Ein Bild schießt mir durch den Kopf. Im Fernsehen hatte ich letztens so ein Gebilde gesehen: Ein Neuron. Ja – Die zwei dunklen Löcher und das umliegende Netz aus angebrochenem Glas sehen aus wie zwei Neuronen. Verbunden durch die Fäden der Zeit. "Auch das Glas hat ein Gedächtnis...", denke ich noch, als ein tiefes Atmen meinen Blick vom Muster der Glastüren löst.

Ich sehe nach unten auf den Linoleumboden. Mein Bruder kniet dort mit blutig zerfetzten Händen. Er sieht zu mir auf. Sein Atmen und sein Blick dringen nicht vollends zu mir durch. Nur ein Geräusch und ein Flackern.

Ich höre und sehe ihn, aber will durchkommen. Ich kann nicht denken, nicht fühlen. Alles um mich herum scheint nicht wirklich zu sein. Meine Gedanken und Gefühle wurde aus mir herausgerissen. Sie schweben hier frei im Raum. Genau wie bei ihm. Keiner von uns spricht ein Wort.

Verzweifelung zeichnet sich auf unseren Gesichtern wider. Mir rollen noch immer Tränen über die Wangen und meinem Bruder läuft das Blut die Finger entlang. Am Ende der Kuppen bildet es dicke Tropfen. Langsam löst sich einer nach dem anderen, um langsam und unaufhaltsam auf dem Linoleum zu zerschmettern.

Er schaut auf den roten Fleck am Boden. Ballt die verletzte Hand. Blut quetscht sich durch die geballte Faust. „Keine Ahnung, was mit mir los ist. Zum Teufel, ich kann nicht mehr.“

Die Glassplitter haben sich mit dem Blut am Boden vereint. Die kleinen Glasstücke, rot getränkt, funkeln und glitzern im Licht des Neonlichts der Küchenlampe. Rubine der Verzweifelung.

„Ja, ich weiß!“, hauche ich. Und meine Seele zerspringt zum X-ten Mal. Ich habe nie gezählt. Vielleicht in der Hoffnung, dass es nie mehr geschieht. Als wenn das Stummsein einen bewahren könnte! Nein – Wie oft stand ich schon mit meinem Bruder vor Zerbrochenem. Egal was zerbrach, ob Stühle, Geschirr, Türen oder Glas – immer zerbrachen auch unserer beider Seelen.

Und ich habe mir oft geschworen, dass es genug wäre. Dass es Zeit wäre, ihn zurückzulassen. Doch ich habe nach all den Jahren erkannt: Ein Entkommen ist nicht möglich. Selbst wenn ich wollte, ich kann ihn nicht zurücklassen. Er ist mein Bruder! Soll das etwa Liebe sein?

„Karl, ich brauch Hilfe! Was soll ich nur tun?! Schau mich an, was mach ich hier nur?!“ Die Angst und das Unbegreifliche verzerren sein Gesicht zu einer Grimasse. Abscheu steigt in mir auf.

„Oh Gott! Ich weiß nicht, was ich tun soll?! Warum bin ich so?“, entfuhr es ihm immer wieder. Gerade so, als würde ihm jemand die Antwort geben, wenn er es nur oft genug herausschreit. Aber der Raum bleibt stumm.

Nur die Vergangenheit hämmert unaufhörlich auf uns ein. „Erinnert Euch! Erinnert Euch!“, ruft sie. Und das zerbrochene Glas klingt mit ohrenbetäubender Frequenz in diese Melodie vergangener Tage mit ein. „Schau, ich bin Zerbrochen durch Eure Hände. Warum habt ihr das getan?“ - "Wieso WIR?!", frag ich mich.

„Ich trage keine Schuld!“, red ich mir zu. „Nein! Was soll ich tun?!“

Doch die Rubine am Boden schreien mir zu „ Elender Feigling! Heulst rum und wir liegen im Blut deines Bruders.“ Mein Kopf dröhnt und in meiner Brust schlägt mein Herz so schnell, dass mir schwindelig wird. „Hilf mir!“, sagen die Augen meines Bruders.

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Ersparen wir uns doch den transzendentalen Quatsch, wenn das Ganze so eindeutig wie ein Kinnhaken ist. (Ludwig Wittgenstein)

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chinaski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

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Es wäre nett, wenn ich ein kleines Feedback zum Text bekommen könnte. Und ne ehrliche Bewertung... Danke...
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jimmydean
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2005

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hi chinaski,

ich finde den text oft sehr bemüht und eckig. kaum nimmt er etwas Fahrt auf, schrammt man schon wieder gegen eine wand und muss sich neu reinfinden. Ich glaube, das ist immer, wenn du etwas besonders ausgefallenes oder tiefsinniges loswerden möchtest.
Gleich der erste Gedanke zum Beispiel. wer denkt denn so komisch.
der text hat ja auch gute stellen, vor allem die, mit dem bruder und wo er mit seinem gewissen ringt. Aber um die zu verstehen, musss ich im text drin sein und das geht nicht, wenn ich immer wieder rausfalle.
Der Text ist also eher mühsam zu lesen, als ein vergnügen. Ich würde mich nochmal dahinterklemmen und die ecken abtragen.

aber wie gesagt, wenn sich's leichter lesen würde, würde schon bisschen action drinstecken.

jimmydean

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Blutige Marie
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

Werke: 3
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hallo chinaski,

in meiner Kritik gehe ich Deinen Text von oben nach unten durch und spreche erst alles an, wo ich beim Lesen stockte, wo ich Dinge anders machen würde.
Danach sag ich Dir was zum Gesamteindruck und anschließend kommt die Gesamtbewertung.


Hier stockte ich zum ersten Mal:

quote:
Darunter auf der Ablage noch immer die alte Kaffeemaschine. Sie ist gealtert, so wie wir.

Das sind zwei gute Sätze, der zweite wiederum der beste von den beiden. Irritiert hat mich die Wiederholung der "Alterung". Hier nur ein Wort streichen, und das ganze wird harmonisch. Also so:

quote:
Darunter auf der Ablage noch immer die alte Kaffeemaschine. Sie ist gealtert, so wie wir.

Wenn Du sagst, die Maschine ist mit uns gealtert, dann verstehe ich als Leser, dass das eine alte Maschine sein muss.


quote:
Ich höre und sehe ihn, aber will durchkommen.
Diesen Satz habe ich nicht sofort verstanden, und das hat mich unnötig aufgehalten. Ich habe das "aber" nicht verstanden.
Letztendlich habe ich mich entschieden, ihn so zu verstehen:
quote:
Ich höre und sehe ihn, will durchkommen.

oder eine andere Lesart:
quote:
Ich höre und sehe ihn, aber will auch durchkommen.
Wenn Du eine dieser Varianten verwenden würdest, dann läse man es glatt, ohne, dass man unnötig ins Grübeln käme.


quote:
Meine Gedanken und Gefühle wurde aus mir herausgerissen.
"wurden" müsste es heißen.


quote:
Verzweifelung zeichnet sich auf unseren Gesichtern wider
Hier müsste es "Verzweiflung" heißen. Und normalerweise zeichnet sich eine Verzweiflung ab, nicht wider. Aber das kann man auch so lassen, weil nichts dagegen spricht, dass sich etwas auch widerzeichnet, das andere ist nur gewohnter.


quote:
Sie schweben hier frei im Raum.
Hier würde ich das hier streichen. Da der Ort/das Setting bereits klar sind, ist es einfach ein Wort zu viel. Es ist stilistisch schöner, wenn Du sagst: Sie schweben frei im Raum.


quote:
Langsam löst sich einer nach dem anderen, um langsam und unaufhaltsam auf dem Linoleum zu zerschmettern.
Das zweite langsam würde ich streichen. Wahrscheinlich auch das "unaufhaltsam ".

quote:
Die kleinen Glasstücke, rot getränkt…
Ich glaube, wenn etwas getränkt ist, dann ist es vollgesogen. Da Glas jedoch impermeabel ist, blutundurchlässig, triffst Du hier eine falsche Aussage, die der Leser nicht gerne hat. Denn er weiß, dass Glas beschmiert sein kann aber nicht getränkt.


Soweit die Fehlerchen, kommen wir jetzt zum schöneren Teil - zu den Stellen, die ich besonders gut fand.

Du arbeitest in der Story viel mit Symbolik, das geht bei vielen schief, weil sie ohne Gespür sind für das richtige Symbol zur rechten Zeit. Bei Dir geht es nicht schief, Du hast das Gefühl für schöne Bilder, die die passende Stimmung erzeugen. Bei dem einen fließen die Tränen, bei dem anderen das Blut. Das fand ich eine schöne Gegenüberstellung.
Dazu passt sehr gut das "Wieso WIR?!".
Als Leser antwortet man automatisch auf diese Frage mit: "weil Blut dicker ist als Wasser."

Besonders gut fand ich den ersten Satz:
quote:
„Verschlossen, auf dem Speicher der Erinnerung hinter tonnenweise Gerümpel, unter dem Spinnennetz der Zeit, da liegt wohl der Hund begraben.“, denke ich und öffne meine von Tränen verklebten Augen.
Sorry, aber das ist ein hohes Niveau. In meinen Augen ist das Literatur, und in den Ohren Musik. Schöne, pointierte Sprache, gut gearbeitet.
Leider schwankt das Niveau jedoch, es geht rauf und runter. Wenn Du nur diese Konzentration durchgehalten hättest, dann wäre es eine sehr gute Story geworden.

Durch die Stocker und die Niveau-Wellen läuft die Lesemaschinerie nicht richtig rund, eine Tempoerhöhung bleibt aus. Es ist spannend und doch nicht spannend, wenn Du verstehst, was ich meine. Nach den ersten zwei Absätzen möchte man weiter lesen, aber dann wiederum kommen Stellen (u.a. die oben zitierten), die signalisieren: man kann, muss aber nicht weiter lesen.

Am Ende bleibt der Leser unschlüssig zurück: war die Geschichte jetzt gut, oder nicht so gut? Habe ich sie verstanden, oder habe ich es nicht?
So erkläre ich mir zumindest die 3er-Bewertung. Sie kann ein Ausdruck der Ratlosigkeit sein.

Gerechtfertigt finde ich diese Bewertung trotzdem nicht.
Mein Gesamteindruck ist: die Geschichte hat Potential. Du müsstest nur die Kanten glätten. Das Thema, Hassliebe zwischen Brüdern halte ich für gut gewählt, das ist etwas, was viele berühren kann. Schleifen, schleifen, nicht verzweifeln! Von mir gibt’s ne 7.


Viele Grüße,

Blutige Marie

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Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo chinaski,
ich hab nur noch eine Stelle gefunden, die Blutige Marie (Marie, Marie! pass halt ein bisschen besser auf nächstes Mal!) wohl übersehen hat: im Absatz unter der alten Kaffeemaschine wiederholt sich 'alt'. Für mich steht aber nach dem vorangegangenen Text fest: es ist eine 'alte' Küche, also auch ein 'alter' Bauernschrank. Noch was: warum schreibst Du, dass er da 'noch' steht?
Ansonsten hat Blutige Marie alles gesagt, was mir auch aufgefallen ist.
Ich habe Dir 6 Punkte gegeben, weil ich auch der Ansicht bin: mit etwas Mühe (und der Überlegung, Marie's Vorschläge einzuarbeiten?) könnte was draus werden!
Liebe Grüße! Burana

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chinaski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

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Hallo Marie, hallo Burana!

Danke für die ausführliche Auseinandersetzung mit meiner Geschichte.

Ich werde sie daraufhin, besonders natürlich bezüglich des sprachlichen Niveaus, überarbeiten.

Ich danke Euch vor allem für die aufmunternden Worte... ;-)

chinaski
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