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Leselupe.de > Humor und Satire
Brüllende Büchereien
Eingestellt am 31. 07. 2005 05:22


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Marius Speermann
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Brüllende Büchereien

Als nächsten Vortragenden möchten wir den ordentlichen Universitätsprofessor DDr. phil. Mag. Gottfried Flötelklöt willkommen heissen.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Fachpresse!

Ich danke ihnen für ihr augen- und ohrenscheinliches Interesse an einer vorläufigen Studie, die unter meiner Leitung am Institut für Komposition und Elektroakustik der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien durchgeführt wurde.

Wie sie sicherlich den Medien entnehmen konnten, häuften sich in letzter Zeit Beschwerden über den Lärmpegel in den der Universitätsbibliothek angrenzenden Gebäuden. Massenweise fanden sich lärmgeplagte Bürger mit Gehörschäden in den Krankenhäusern der Umgebung ein. Etliche Anwohner zogen es bereits auch vor, in ruhigere Stadtteile umzusiedeln, und Ruheinseln aufzusuchen, wie sie nahe des Internationalen Flughafens oder neben den glücklicherweise zahlreichen Stadtautobahnen und Kindergärten vorgefunden werden können.

Um diesen auch bereits international Schlagzeilen machenden und von den Medien als Skandal um brüllende Bücherei getauften Sachverhalt zu lösen, wurden wir vom Bürgermeister der Stadt Wien, dem österreichischen Bundeskanzler und dem Papst gleichermassen bedrängt, Lärmmessungen durchzuführen und den Ursachen der Beschallung der Nachbarschaft durch die Bibliothek auf den Grund zu gehen. Wie sie nicht anders erwarten können, scheuten wir keinerlei Aufwand und betraten mit Gehörschutz und Messgeräten versehen die Bücherei. Sorgfältig ausgesuchte und die statistische Verteilung der bibliotheksbenützenden Bevölkerung repräsentierende Testpersonen führten dabei Bibliotheksbesuchern typische Tätigkeiten durch.

Wie sich durch unsere Untersuchungen ergaben, setzt sich die Gesamtbeschallungsbelastung der Umgebung durch die Bücherei dabei aus folgenden, signifikanten Bestandteilen zusammen:


  • Schleckgeräusche am Finger, um Seiten besser umblättern zu können, wobei bei weiblichen Versuchspersonen eine geringere Lautstärke gemessen wurde, da die Finger zumeist eingecremt sind
  • Vereinzelte romantische Seufzer bei entsprechender Literatur, wobei Mädchen dabei wiederum in der Mehrzahl sind
  • Knickgeräusche, verursacht durch diejenigen, verzeihen sie bitte die Ausdrucksweise, Barbaren, Heiden und Gerade-erst-vom-Baum-gestiegen­en, die zur Seitenmarkierung diese umknicken, auch als die sogenannte "Eselsohrmafia" bekannt
  • Knacken der Halswirbeln bei Zustimmung oder Ablehnung des Gelesenen
  • Aufziehgeräusche der Nase beim Schnuppern in den Büchern, um sie zur Gänze auszukosten
  • Elektrisches Spannungsflackern durch die wohligen Schauer, die einem beim Streicheln über die Buchrücken die Nackenhaar gerade stehen lassen
  • Quietschgeräusche der Augäpfel, die bei Leseratten durch die hohe Anzahl der Augenbewegungen pro Minute zu trockenen Augenhöhlen führen
  • Luftbewegungen, hervorgerufen durch die plötzliche Richtungsänderungen der Gedanken, welches wiederum durch neue Erkenntnisse aus dem gelesenen Buch verursacht wurde. Ich möchte sie dazu auch auf die Studie eines Kollegen verweisen, die sich mit der Fragestellung Warum der Kopf rund ist, und wie sich das auf die Richtungsänderung der Gedanken auswirkt beschäftigt hat
  • Todesschreie von Mücken, die irrtümlich oder vorsätzlich zwischen Buchseiten zerquetscht werden
  • Durch Holzwürmer verursachtes, anhaltendes Knabbern und Abtupfen des Holzwurmmäulchens mit der Serviette in den Buchregalen
  • Poppgeräusche, verursacht durch das plötzliche Hervorschnalzen der Augen, wenn ein Jüngling zum ersten Mal versehentlich die Bücher aus der Erotikabteilung aufschlägt

Basierend auf diesen Untersuchungsergebnissen sind wir dabei, einen umfangreichen Massnahmenkatalog zu erarbeiten. Unter anderem laufen zur Zeit Verhandlungen mit einem bedeutenden Unternehmen aus der Kosmetikindustrie, das in Zusammenarbeit mit Verlagen handcremebeschichtete, geräuscharme Papiersorten entwickeln soll. Ebenso ist die Elektronikindustrie intensivst damit beschäftigt, ein elektronisches Papier auf organischen Folien zu erforschen, das kein Umblättern mehr erfordern würde. Der Text würde vor den Augen des Lesers scrollen, um die hässlichen Quietschgeräusche trockener Augäpfel zu unterbinden. Sensoren sollen dabei allfällige Unmutsäusserungen des Lesers, die durch kritische Texte hervorgerufen werden, erkennen und den Text allenfalls durch dynamisch-mathematische Textänderungsroutinen entschärfen.

Aus dem oben genannten lässt sich erkennen, dass durch den kombinierten Einsatz von einfachen Mitteln und High-Tech der Lärmpegel deutlich reduziert und von der Beschallungskategorie Ruhige Bücherei in der Ferne auf Totenstille gesenkt werden kann. Das würde uns zu den Forschungen zu Geräuschen der Vermoderung und Verrottung führen, deren Untersuchung und Aufarbeitung das Institut unter meiner Leitung gerade durchführt, und wird Gegenstand eines wissenschaftlichen Vortrags bei der nächsten Konferenz sein.

Ich danke ihnen für ihr Interesse und bitte sie nun heftig zu klatschen, damit mein Kollege Messungen für seine Doktorarbeit zur Applausstärke und Applausrhythmik, und dessen Einfluss auf den Grössenwahn durchführen kann.

Audio-Datei: Brüllende Büchereien (9 MB)

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flammarion
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prust,

kicher, lach! was ne köstlichkeit!
mach mal so weiter!
kennste üprinx den unterschied zwischen einem ordentlichen professor und einem außerordentlichen professor? der ordentliche leistet nischt außerordentliches und der außerordentliche nischt ordentliches.
lg
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Old Icke

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