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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Brutalo
Eingestellt am 17. 07. 2002 16:11


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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Brutalo

Die M├╝tter holten ihre Kinder ins Haus. Brutalo w├╝rde heute entlassen und das bedeutete nichts Gutes, denn seine Heimat war hier, hier in dieser Plattenbausiedlung. Er hatte seine 40 Jahre abgesessen; 40 Jahre, das war eine lange Zeit, nicht nur f├╝r ihn und wer wei├č, wie er so mit der Freiheit zurecht kam. Immerhin ging das Ger├╝cht, dass er vor 40 Jahren seiner Frau und den Kindern kurzerhand den Hals umgedreht hatte, einfach so, wie bei einem H├Ąhnchen. Ja, sie waren auf der Hut, die Mitbewohner, denn sie wussten es: Seine Wohnung war nach wie vor hier. Wie mochte sie nach all den Jahren noch aussehen? Ob der Staat die Miete zahlte f├╝r ihn? „Aber wer wollte auch dort einziehen, in eine Wohnung, in der Leute ermordet wurden! Ich bitte Sie!“ Sie tuschelten eine Menge, die Bewohner, doch sobald Brutalo auftauchte, verstummte das Gespr├Ąch.

Man h├Ârte nur noch die Stimmen, die riefen: „Mario, Britta, reinkommen!“
Brutalo hingegen schaute sich neugierig alles an. Er stand vor dem Kinderspielplatz und besah sich die Spielger├Ąte, doch es war wie bei den V├Âgeln: Sobald er auf der Bildfl├Ąche erschien, flatterte alles davon.
„Habt ihr schon geh├Ârt, der M├Ârder ist wieder da?“ Wer es bis jetzt noch nicht wusste, erfuhr es nun durch Frau Suhl, die als Tratschweib in der ganzen Siedlung bekannt war. Immer stand sie an irgendeiner Ecke, um die Leute ├╝ber die Neuigkeiten aus der Umgebung zu informieren.
„Was sie nicht sagen?!“ kam es aus vielen Kehlen und hinterher folgte oft die Frage: „und wen hatte er ermordet und warum?“ „Man sagt, er habe sich dar├╝ber so aufgeregt, dass diese Kinder nicht von ihm seien und er wusste nicht mehr was er tat.“

Er war kr├Ąftig gebaut, ein wahres Muskelpaket von einem Mann, wenn er auch schon 66 Jahre alt war, er erweckte den Eindruck, selbst heute, als k├Ânnte er noch immer B├Ąume ausrei├čen.

Nachdem er sich die Spielger├Ąte lange genug betrachtet hatte, machte er sich auf, um in seine Wohnung zu gehen, immer verfolgt von den Blicken der Menschen des Hauses. Brutalo ├Âffnete die T├╝r zu seiner Wohnung, setzte sich an den verstaubten Esstisch und nach 40 Jahren, endlich, weinte Brutalo bitterlich ├╝ber seine Tat.

Er weinte lange; es sch├╝ttelte ihn f├Ârmlich und sein Schluchzen vernahm man bis ins Treppenhaus. Brutalo verga├č es, seinen K├╝hlschrank zu f├╝llen und erst recht, daf├╝r zu sorgen, dass Strom in seine Wohnung kam. So lag er die halbe Nacht, den Kopf auf den Tisch zwischen seinen Armen und er versp├╝rte keinen Hunger. Er suchte im Besteckkasten nach einem Messer und spielte mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen, als es pl├Âtzlich an der Haust├╝r klopfte. Langsam erhob Brutalo sich und lief mit schlurfenden Schritten auf den Hausflur zu: Zwei Gr├╝nuniformierte standen im Treppenhaus und erwarteten von ihm, hereingelassen zu werden. Das K├╝chenmesser hielt Brutalo nicht l├Ąnger in seiner Hand. Es wurde ihm sogleich abgenommen. Er blinzelte, als er in den grellen Hausflur blickte und h├Ârte wie in weiter Ferne die Stimme des Beamten, der etwas redete von „verst├Ąndigt worden“ und „gef├Ąhrdet“ und „Nachbarn“.
Den Blick auf das K├╝chenmesser gerichtet hielten die Beamten es f├╝r angebracht, Brutalo nicht l├Ąnger sich selbst zu ├╝berlassen und sie nahmen ihn mit und steckten ihn vorsichtshalber in die Ausn├╝chterungszelle des Polizeigeb├Ąudes. „Haben Sie etwas gegessen?“ wollte einer von ihnen wissen doch die einzige Antwort, die er erhielt war: Ich will ein Bier trinken!“ „Na, na, WILL!“ klang darauf entr├╝stet die Stimme des Beamten, doch schon bald darauf stand eine Dose B├╝chsenbier vor ihm und aus der einen Dose wurden vier oder f├╝nf im Laufe der Nacht und als der Tag anbrach, h├Ârte der diensthabende Beamte sein Schnarchen.

Nach ├ťberpr├╝fung seiner Angaben wurde Brutalo am n├Ąchsten Morgen entlassen, jedoch nicht eher, ohne vorher den sozialen Dienst ├╝ber ihn zu informieren, der versprach, sich um ihn zu k├╝mmern.
Brutalo indessen wollte nicht sogleich zur├╝ck in seine triste Wohnung. Ihn interessierte das Leben, das ihm so lange vorenthalten worden war. Es zog ihn in die Stadt, in die Kirchen, in die Gesch├Ąfte. Der Tag wurde ihm nicht langweilig. Er f├╝hlte sich wohler dort zwischen vielen Menschen, die ihn nicht mit Argusaugen betrachteten und jeden seiner Schritte verfolgten. Von seinem Startkapital konnte er sich eine Weile ├╝ber Wasser halten und er genoss es, sich an einem Stand einen Backfisch zu kaufen, ihn auf einer Parkbank zu verspeisen und sich mit den Pennern im Stadtgarten zu unterhalten. Schon bald f├╝hlte er sich weniger einsam und er beschloss f├╝r sich, seine Wohnung schnellstens zu vergessen. Er wollte sich den Pennern anschlie├čen, die keinen Ansto├č an ihm nahmen und die es nicht interessierte woher er kam und wohin er ging. Es interessierte sie nur – was er nicht wissen konnte – :„Dieser Typ hat sich einen Fisch gekauft, er muss noch Knete haben und es w├Ąre doch gelacht, wenn dabei f├╝r uns nichts abspringen sollte.“ Frieda holte in seinem Auftrag f├╝r jeden ein Bier und schon war Brutalo in die Gemeinschaft der Penner aufgenommen.

Ab jetzt hie├č er Bruno; er streifte seine Vergangenheit ab, soff sich das Gehirn zu und versuchte den ganzen Schlamassel zu vergessen, der hinter ihm lag. Frieda gefiel ihm und sie hatte es schnell herausbekommen, dass es da eine Wohnung gab, in die er nicht hineinwollte.
Der Gedanke an eine Wohnung lie├č Frieda nicht mehr los, schon lange sehnte sie sich nach einem hei├čen Bad und einem weichen Bett, doch sie konnt Bruno lediglich die Wohnungsschl├╝ssel entlocken und also zog einige Stunden sp├Ąter ein ganzer Trupp Penner in Richtung Plattenbausiedlung. Die Stimmung unter ihnen war gro├čartig, freuten sie sich doch alle auf die Annehmlichkeiten, auf die sie so lange verzichten mussten.

Die Plattenbaubewohner sahen diesen Fu├čtrupp mit den Flaschen in der Hand schon von weitem kommen. „Was will das Gesocks hier? Wir m├╝ssen es vertreiben!“ Die gute Laune der Penner ├Ąnderte sich mit einem Schlag: Sie wagten es nicht, sich weiterhin miteinander zu unterhalten. Sie kannten diese Art der Begr├╝├čung schon aus Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht h├Ątten und ├╝berh├Ârten die Anfangsrufe der Menschen dieser Art wie: „Hey, Penner!“
Und „Ab mit euch, was wollt ihr hier!“ und „Geht zur├╝ck dorthin, wo ihr herkommt!“
Ruhig und gelassen wedelten sie nur mit dem Wohnungsschl├╝ssel und die Hausbewohner r├╝ckten missmutig zur Seite. Wie ├╝blich wurde nat├╝rlich getuschelt, aber so etwas ├╝berh├Ârten die Neulinge geflissentlich. Frieda riss gleich alle Fenster auf, denn sie waren an Frischluft gew├Âhnt und nicht an so eine stickige Wohnung. Wie die Kinder freuten sie sich, als das kalte Wasser aus der Leitung pl├Ątscherte und sie bespritzten sich gegenseitig mit dem kalten Nass. Es gab sogar eine Flasche Shampoo im Bad – h├Ątten sie auf das Datum geschaut – aber lassen wir das! Friedas Haare sahen schon lange nicht mehr so sch├Ân aus und Fredi und Manni meinten: „Hey Frieda, alte Schlampe, wussten gar nicht, dass du so gut aussiehst! Und bald schon sprangen sie in den Betten herum, denn die kalte Dusche hatte sie zum Beleben gebracht. Das war dann auch der Grund, das Klopfen zu ├╝berh├Âren und die Leute von der Seelsorge zogen wieder von dannen, ohne mit Brutalo auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Daf├╝r redeten aber die Hausbewohner mit ihnen. „Stellen sie sich vor, Penner sind jetzt dort! Unversch├Ąmtheit! Und das bezahlt wohlm├Âglich auch noch der Staat!“

Bruno indes interessierte sich nicht mehr daf├╝r, was mit oder in seiner Wohnung passierte: - Sollten sie doch treiben, was sie wollten, sie w├╝rden schon sehen, was sie davon haben. –
F├╝r ihn war die Sache abgehakt, er hielt sich an der Flasche fest und fand Gefallen daran, im Freien zu schlafen. Welch ein Unterschied, als in einer Zelle zu liegen oder dort zu wohnen, wo einen alles an seine widerliche Vergangenheit erinnerte. Des nachts die V├Âgel singen und rascheln h├Âren, M├Ąuse flitzen sehen und dabei sein, wenn die Stadt aus dem Schlaf erwachte: Es war f├╝r ihn das Sch├Ânste und Gr├Â├čte, was er sich im Moment vorstellen konnte, dazu noch diesen Freund an der Seite, den sie Alfredo nannten und der es verstand Musik zu machen, wo immer er sich befand auf dieser alten Geige, die sie beim Sperrm├╝ll entdeckten und immer wenn Bruno die Erinnerungen kamen und er hatte noch Geld in der Tasche, warf er Alfredo eine M├╝nze zu und bat ihn zu spielen. Alfredo spielte wundersch├Ân. Bevor er bei den Pennern auskam war er Stra├čenmusikant gewesen. „Lady in red“ wurde zu Brunos Lieblingslied und immer, wenn Alfredo spielen sollte, begann er mit diesem Lied.

„Warum ist ausgerechnet dieses Lied dein Lieblingslied?“ wollte eines Tages Alfredo wissen.
„Wann hast du eigentlich zum letzten mal eine Frau gehabt?“ Diese Frage war nicht so schnell zu beantworten f├╝r ihn und er gestand Alfredo, dass er schon Bock auf Frieda gehabt h├Ątte, wenn sie nur nicht unbedingt in seine Wohnung gewollt h├Ątte. Dass es sein Lieblingslied war, weil ihm immer wieder die W├╝rgestreifen am Hals seiner Frau vor Augen standen, sagte er nicht. Sie waren sein st├Ąndiger Begleiter am Tage und in der Nacht. Von ihnen tr├Ąumte er w├Ąhrend der Zeit, die er in der Gef├Ąngniszelle verbrachte und er hatte sie vor Augen sobald er allein war. Pl├Âtzlich schlug Alfredo vor: „Lass uns zu Frieda gehen!“ Alles in Bruno str├Ąubte sich dagegen. „Sie wird schon wiederkommen und dann......!“ Bruno machte eine gewisse Handbewegung, doch Alfredo ging ohne noch ein Wort zu sagen durch den Park in die Richtung auf die Plattenbauwohnungen zu. Bruno weigerte sich ihm nachzugehen, jedoch vom Endes des Parks winkte und gr├Âhlte Alfredo her├╝ber. Schlie├člich kannte er den Weg nicht so genau und die Hausnummer wusste er ebenfalls nicht. Er gr├Âhlte so lange, bis Bruno sich erhob.

Bruno und Alfredo h├Ârten durch die offenen Fenster die Stimmen ihrer Freunde schon von weitem. Es h├Ârte sich ganz so an, als s├Ą├čen sie nicht auf dem Trockenen, was sich best├Ątigte, sobald sie ├╝ber die T├╝rschwelle in die Wohnung traten. Es stand eine gro├če Flasche Cognac vor ihnen, die sie noch nicht bis zu H├Ąlfte geleert hatten. Die Flasche wurde reihum gereicht und Alfredo stubste Bruno in die Seite, der allerdings nicht darauf reagierte. „Frieda, bedank dich mal bei Bruno!“ Alfredo ergriff f├╝r ihn das Wort: „Ich werde euch auch was feines spielen!“ und schon klemmte er sich die Geige unter sein Kinn. Nun kam Frieda in Stimmung und zog Bruno hinter sich her, sie mochte ihn, allein schon wegen der Wohnung, aus der sie so gerne nicht mehr hinaus wollte.
Bruno hatte Nachholbedarf, Frieda konnte es kaum glauben, er musste ja v├Âllig ausgehungert sein! Zun├Ąchst machte es ihr noch Spa├č, aber jetzt, wo Alfredo die Melodie von „Lady in red“ auf seiner Geige anstimmte und das Lied unter dem Gegr├Âhle ihrer Kumpel durch die T├╝rritze drang, wurde seine Liebe doch sehr heftig. Die altbekannte Melodie lie├č Bruno in einen wahren Rauschzustand versetzen und w├Ąhrend er sonst Tag und Nacht die W├╝rgeringe seiner H├Ąnde vor Augen sah, waren sie jetzt verschwunden. Bruno sah den nackten kahlen Hals vor sich, dem etwas Wesentliches fehlte. Und im Rausch dieses Liedes biss er zu, bis das Blut an Frieda herunterlief. Frieda, diese Dame von 50 Jahren, den Umgang mit rauhen Burschen gewohnt, fackelte nicht lange, sie setzte ihm links und rechts ein paar Backpfeifen und versuchte ihm zu entkommen. Pl├Âtzlich sprang Bruno auf, die Ohrfeigen hatten ihn wieder zur Besinnung gebracht. Er riss die T├╝r auf und br├╝llte in den Raum: „AUFH├ľREN!“ so laut, dass es in der ganzen Siedlung zu h├Âren war. Sofort legte Alfredo die Fiedel zur Seite und alle starrten abwechselnd mal auf Friedas Hals und mal auf Bruno, der am ganzen K├Ârper bebend seinen Kopf zwischen die Arme legte und ihn schluchzend auf die Tischplatte fallen lie├č.

Es wurde still in der Wohnung. Frieda erhob sich und schlurfenden Schrittes, benommen von seinen heftigen St├Â├čen, besah sich ihre Bisswunde in dem halbblinden Badezimmerspiegel und kam zur├╝ck mit der Bemerkung: „Das kostet dich aber mindestens eine Flasche Schnaps, mein Bruno!“ und damit war f├╝r sie die Sache erledigt. Sie l├╝mmelte sich in die Sofaecke und machte keine Anstalten, die T├╝r zu ├Âffnen, als es dann wenige Minuten sp├Ąter an der T├╝r klopfte. Die Gr├╝nuniformierten standen wieder davor, um die Gesellschaft wegen ruhest├Ârenden L├Ąrms zu verwarnen, jedoch gab es keinen Grund mehr daf├╝r. Es war so leise, dass man eine Stecknadel h├Ątte fallen h├Âren k├Ânnen. Unverrichteter Dinge zogen die Beamten wieder ab. „Keine besonderen Vorkommnisse!“ gaben sie hinterher durch die Sprechanlage ihres Einsatzfahrzeuges in die Zentrale zur├╝ck.

Bruno setzte sich neben Frieda auf das Sofa und weinte in ihren Scho├č.

"Darauf lasst uns eine heben!" hob einer der Saufbolde
die Stille auf und die Flasche machte wieder ihre Runde.

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
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Zwischendurch hie├č der gute Bruno mal Benno, aber dies nur am Rande.
Die Geschichte wirkt gegen Ende wie abgew├╝rgt, als h├Ątte dich die Lust oder Geduld verlassen. Ich w├╝rde es daraifhin nochmal ├╝berarbeiten.

Gru├č,
Michael

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
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Danke Michael,

will es versuchen.

liebe Gr├╝├če
anemone

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