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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Buchstabeninvasion
Eingestellt am 01. 05. 2011 11:03


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Haremsdame
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Buchstabeninvasion


Es geschah an einem sonnigen Tag. Draußen wehte ein leichter Wind und vertrieb die Wolken am Himmel. Die Wohnung war aufgeräumt, der Boden sauber, die Wäsche drehte sich in der Waschmaschine und ein Fachmann hatte Susannes Computer Leben eingehaucht.

Endlich! Endlich konnte sie sich dem widmen, wovon sie die meiste Zeit ihres Lebens nur träumte: dem Schreiben von Geschichten. Sie saß vor dem leeren Monitor und überlegte: „Was soll ich nur schreiben? Es ist ja nichts los um mich herum. Alles ist erledigt, Probleme stehen keine an.“ Also begann sie, über ihre Langeweile zu schreiben.

Da rollte ein kleines o über ihren Schreibtisch. Susanne feuchtete ihren Zeigefinger an, um dieses kleine runde Etwas aufzunehmen – genauso, wie sie es sonst mit Krümeln machte. Doch oh Schreck, als sie zudrückte – wirklich nicht fest, das schwöre ich! – schrie das o entsetzt: „tu mir nichts!“

Ein Krümel, der sprechen konnte? 'Ja, wo gibt’s denn so was?', dachte sie für sich. Noch während sie ihn verdutzt betrachtete, entdeckte sie ein h. Wie ein winziger Stuhl stand es da auf ihrem Schreibtisch. Jetzt setzte es sich in Bewegung und marschierte auf seinen dünnen Beinchen in Richtung des o. Das konnte sich inzwischen wieder frei bewegen, machte eine kleine Drehung und rollte zum h.
„Gott sei Dank“, hörte Susanne es sagen, „jetzt bin ich nicht mehr allein“.

Susanne stützte den Ellbogen auf den Rand des Tisches und legte ihr Kinn in die Hand. Verträumt sah sie dem Tanz von o und h auf ihrem Schreibtisch zu.
'Oh', dachte sie und ihre Gedanken wanderten weit fort. In eine Welt voller Märchengestalten. Und dann schrieb sie. Von Gnomen und Elfen, die miteinander tanzten. Sie war so vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Buchstaben, die sie in den Computer tippte, aus dem Bildschirm herausfielen.

Nach kurzer Zeit fand sich auf ihrem Schreibtisch ein regelrechter Buchstabensalat. Da hüpfte ein i über ein g. Ein großes B suchte das r. m, n und f stritten sich um die e’s. Je mehr Susanne schrieb, desto größer wurde das Durcheinander auf dem Tisch zwischen Monitor und Tastatur. Die Buchstaben kletterten schon auf den Wörterbüchern hoch, besetzten den Kopfhörer und spielten hinter der Maus Verstecken. Einige näherten sich der Tastatur. Ein ganz vorlautes z kitzelte Susanne an der Hand. Sie war so im Fluss, dass sie es kaum spürte. Als jedoch ein i zwischen die Tasten geriet, klemmten q und w und Susannes Ohr erreichte ein verzweifeltes Kreischen. Vergeblich bemühte sie sich, den schmalen Wicht mit dem Brieföffner aus dem Spalt zu befreien. Das Quieken wurde leiser und da sie die beiden Tasten sowieso kaum brauchte, schenkte sie dem keinerlei weitere Beachtung.

Auf ihrem Schreibtisch wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen. Den Blick auf die Tastatur gerichtet, tippte Susanne wie besessen. Durch ihren Kopf tanzten Phantasiegestalten und die Buchstaben tröpfelten immer weiter aus dem hell erleuchteten Monitor.

„Was ist denn hier los?“ Neugierig blickte Josi über Susannes Schulter. „Mami?“, fragte sie vorsichtig. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Mutter auf Störungen beim Schreiben ausgesprochen unwirsch reagierte. Susanne sah und hörte nichts, sondern tippte unverdrossen weiter. Vom Treiben auf Susannes Schreibtisch fasziniert, konnte sich Josi nicht mehr zurückhalten.
„Willst du nicht mal die Farbe der Buchstaben ändern? Ich finde dieses schwarze Gewimmel hier ziemlich eklig.“ Als Mädchen der Tat nahm sie die unbenützte Maus und veränderte die Farbeinstellung. Zuerst wählte sie rot. Da fielen die Buchstaben wie Blutstropfen auf den schwarzen Berg und sorgten für noch mehr Durcheinander. Josi war begeistert und Susanne tippte. Josi wechselte zu Gelb und in Susannes Geschichte begannen Glühwürmchen den Tanz des Lebens. Josi stellte auf Grün um, und es entstand ein dichter Wald. Braun wuchsen die Pilze, Blau gab dem Himmel die Farbe und Weiß formte die Wolken.

Die Buchstaben fanden auf dem Tisch schon lange nicht mehr genügend Platz. Immer mehr fielen auf den Boden und flohen rollend und springend vor Josis begeistert hüpfenden Füßen. Einige lagen schon zertrampelt und bewegungslos auf dem Boden, andere verließen gerade das Arbeitszimmer. Das waren die ganz Neugierigen, die sehen wollten, wie es außerhalb der Schreibwerkstatt aussah. Polonaisenartig folgten sie dem großen Z, dem nachhoppelnden u und dem g. Wären Susanne und Josi im Flur gewesen, hätten sie das „sch-sch-sch“ gehört. Aber die beiden waren noch vom Schreiben und dem Geschehen vor dem Monitor gefangen.

„Sch-sch-sch“. Die Buchstabenkette bewegte sich in Richtung Bad, auf ein unbekanntes Geräusch zu. Die s, c und h’s hatten das Klappern aus dem Arbeitszimmer satt und wollten etwas Neues erleben. „Yrrrr, yrrrr, yrrrr“ lockte die Waschmaschine, immer wieder in gleichmäßigen Abständen „yrrrr, yrrrr“. Sie waren schon fast vor der Badezimmertür angelangt, als sich plötzlich ein dunkler Schatten anschlich. Ein schwarzweißes Ding fauchte furchterregend und die Buchstaben ließen sich – wie eine umkippende Dominoreihe - auf den Boden fallen. Das Schreckgespenst kehrte mit weichem Fell aus der Reihe einen Haufen. Ängstlich klammerten sich k’s , l’s und m’s aneinander, während eine spitze Kralle a’s und e’s aufspießte und das Schreien der Buchstaben mit „Miau“ übertönte.

Die letzten in der Reihe wunderten sich, warum nichts mehr weiter ging. Sie wollten doch dem Chaos vor dem Computer entkommen. Und nun lag alles still. Mühsam rappelten sie sich wieder hoch und brachen aus der drängenden Enge aus. Sie bildeten einen neuen Zug und wanderten an den verängstigten Kameraden im Flur vorbei. „Yrrrr“, „Yrrrr“ lockte die Waschmaschine. Aus der Buchstabenperspektive sah sie riesig aus. Das Drehen der Trommel wirkte aus der Nähe ausgesprochen bedrohlich. Entsetzt blieben die Buchstaben stehen und sahen nach oben. X und z bekamen das dringende Bedürfnis, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Vorsichtig krabbelten sie unter das Ungetüm. Ängstlich zitternd hängten sie sich ein, stellten aber schnell fest, dass x keinen Halt bot. Also riefen die z nach allem mit Haken und Ösen. Da traten große und kleine B’s und G’s und S an. Sie bildeten eine Kette und hangelten sich an Ausbuchtungen und Drähten nach oben. Fast waren sie oben angekommen, um einen Ausgang aus der Maschine zu suchen, als diese zu Schleudern begann und durch die ruckartige Bewegung die Buchstabenkette zerriss. Die armen Geschöpfe fielen in Spalten und Ritzen und verklemmten die freie Bewegung der Waschmaschinentrommel so, dass sie aufhörte zu arbeiten. Es dauerte lange, bis sich die Buchstaben von ihrem Schreck erholten. Nachdem sie ihre zerrissenen Genossen ausgiebig beweint hatten, setzten sie ihren Erkundungszug durchs Bad fort. Sie landeten im Waschbecken, kämpften mit Wassertropfen und einige verschwanden auf nimmer Wiedersehen im Ausfluss. So gefährlich hatten sie sich das Leben nicht vorgestellt ...

Die Katze im Flur hatte inzwischen das Geschrei der kleinen Gesellen satt und trollte sich in ihr Körbchen. Nachdem sie sich von ihrer Todesangst erholt hatten, entknoteten sich die Buchstaben mühsam und wanderten weiter. Die Nachricht über das Massaker im Bad war schon bis zu ihnen vorgedrungen. Also suchten die Wanderer in der Küche ihr Glück. Sie krabbelten unter Schränke und bemühten sich, die Stuhlbeine zu erklimmen. Die waren jedoch glatt und sehr hoch. Nicht einmal die Unternehmungslustigsten schafften es, in die Flaschen zu schauen ...

Susanne schrieb und schrieb. Josi hatte sich, nachdem die Mutter nicht ansprechbar war, wieder in ihr Zimmer zurückgezogen. Während sie in „Eragon“ las, kitzelten sie die mitgekommenen Buchstaben wie Staub in der Nase und versuchten, ihre Artgenossen aus dem Buch zu locken. Doch die hielten sich am Papier fest, da war nichts zu machen. Josi las und las und blätterte in regelmäßigen Abständen um. Dass dabei ein paar einzelne Buchstaben zwischen den Seiten kleben blieben, sollte erst Wochen später die Freundin entdecken ...

Irgendwann drehte sich ein Schlüssel in der Eingangstür. Martin kam heim und wunderte sich, warum die Tür so schwer aufging. Die Buchstaben im Flur waren zu einem wogenden Meer angewachsen, gegen das er ankämpfen musste. Bei seinem ersten Schritt in die Wohnung knirschte es unter seinen Sohlen. Hilfeschreie umgaben ihn. So etwas hatte er noch nie erlebt. Bis er die Wohnungstür wieder geschlossen hatte, waren schon einige der kleinen Kreaturen ins Treppenhaus entfleucht.

Kopfschüttelnd sah er sich um. Da stand er nun bis zu den Knien im Buchstabenmeer und hörte aus dem Arbeitszimmer emsiges Tippen.
‚Aha’, dachte er, ‚Susanne ...’. Mühsam arbeitete er sich ins Arbeitszimmer vor, um ihr erst mal ein Begrüßungsküsschen zu geben. Wie aus einer Trance erwachend, nahm sie die Finger von der Tastatur, drehte sich zu Martin um, stand auf und sah ihn mit verklärtem Blick an. An ihren Augen erkannte Martin, dass sie noch weit fort war.

„Wie lange schreibst Du schon?“, fragte er besorgt und ließ den Blick über das Buchstabenchaos wandern.
„Keine Ahnung. Ich war so froh, endlich wieder einmal schreiben zu können, dass ich nicht auf die Uhr geachtet habe.“
„Das sehe ich!“
Susanne entdeckte erst jetzt den leeren Monitor. Erschreckt fasste sie nach der Maus und suchte die geschriebenen Worte.
„Der Monitor ist kaputt, ich kann nichts drauf lesen!“
„Dafür ist die ganze Wohnung voller Buchstaben. Wie du das geschafft hast, ist mir ein Rätsel.“ Der Unterton in Martins Stimme verhieß nichts Gutes. Nun hatte sie den Faden verloren. Da der Bildschirm leer war, konnte sie ihn auch nicht wieder aufnehmen. Wie es aussah, waren die letzten Stunden umsonst gewesen!

Widerwillig trennte sie sich von ihrem Arbeitsplatz. Statt weiter zu schreiben, sollte sie sich wohl erst – dem Familienfrieden zuliebe - um die gewohnte Ordnung kümmern. Das bedeutete, die Buchstaben zusammenzukehren. Doch die lebhaften Gesellen ließen sich mit Besen und Schaufel nicht bändigen. Während Susanne dem Verzweifeln nahe war, riss Martin die Fenster auf. Von draußen kam eine heftige Brise und nahm einen Teil der schwarzen Wesen mit sich hinaus. Dort verteilten sie sich überall. Einem g, einem k, einem s und einem W gelang es, sich auf einem fast weißen Blatt, das an einem Baum hing, festzuhalten. Sie begannen mit den Artgenossen auf diesem Blatt zu spielen, vertrieben die einen und ordneten die anderen um.

Derweil aktivierte Martin den Staubsauger und begann - trotz lautstarken Protestes - die Buchstaben einzusammeln. Um dem Jammern und Klagen zu entgehen, verbarrikadierte sich Susanne in der Küche. Liebevoll barg sie K’s und T’s, ö’s und ü’s, pustete den nicht vorhandenen Staub ab und legte sie in eine Schüssel. Die würden zu Mittag eine prima Suppeneinlage abgeben. Träumend beobachte sie, wie ein paar ganz Pfiffige aus der Schüssel sprangen und sich im Kochbuch versteckten. ‚Die haben recht’, dachte sie und ging ins Bad, um nach der Wäsche zu sehen.

Inzwischen hatte Martin fast alle Buchstaben aufgesaugt. Nur wenige konnten sich – so wie Tannennadeln nach Abräumen des Weihnachtsbaumes - in Ecken und Winkel flüchten. Bereitwillig übernahm Susanne den mit Buchstaben überfüllten Staubsaugerbeutel. Statt ihn zur Mülltonne zu bringen, leerte sie ihn im Keller in einen gelben Sack. Den versteckte sie hinter einem Karton. Sie kannte Martins Ordnungssinn und wusste, dass alles fort sein würde, falls er die Überreste ihrer Arbeit entdeckte. Das wollte sie nicht riskieren, sondern sich in einem geeigneten Moment dem Sortieren hingeben.

Auf dem Weg zurück in die Wohnung begegnete ihr die Nachbarin.
„Hallo, Susanne, wie geht`s?“
„Naja, mein Monitor ist ausgelaufen ...“
Monika hörte ihr gar nicht zu, sondern erzählte völlig überdreht:
„Stell dir vor, uns sind heute sprechende Buchstaben zugeflogen! Max hat sie gleich eingesammelt und puzzelt aus ihnen gerade seinen Hausaufsatz.“

 gst

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Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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