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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Buddha im Gänselieselweg
Eingestellt am 28. 01. 2015 20:58


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sajo
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Buddha im Gänselieselweg

Mal angenommen, mein Opa würde wiederauferstehen - nur mal angenommen! Sie müssen schon ein bisschen mitarbeiten! Und er käme mit seinen festen Schritten, gegürteter grauer Mantel, Hut, Aktenmappe in der Hand, heute von der Bushaltestelle an der Ecke her die Straße herunter. Unsere Straße meine ich natürlich. Gänselieselweg. Oder wie mein Opa noch 40 Jahre nach dem Grundstückserwerb sagte:

„Dritter Seitenweg“. So war die Bezeichnung Anfang der Dreißiger, als hinter dem Kanal neues Siedlungsgebiet erschlossen wurde. Erster Seitenweg hinter dem Kanal, zweiter Seitenweg hinter dem Kanal, dritter…na Sie werden es verstanden haben. Mein Opa Hans und seine Frau Johanna bauten sich also im dritten Seitenweg ein hart erspartes Haus. Fast ganz allein, an den Wochenenden halfen auch manchmal die Verwandten. Geld war knapp, vielleicht kennen Sie das. Meine Oma arbeitete bei Bahlsen am Keks-Band und ging putzen. Mein Opa war Dreher bei der Bahn. Ein Kind gab es auch noch zu versorgen: Ingelein.

Einziehen konnte die Familie dann 1933. Wobei diese Jahreszahl Sie jetzt bestimmt auf eine falsche Fährte geführt hat. Dieses Bauprojekt war kein von den Nazis gefördertes. Da wäre mein Opa niemals hingezogen! Er war Arbeiterkind und Sozialdemokrat durch und durch. Arbeiterturnverein - jeden Tag zwanzig Liegestütze und dreißig Klimmzüge an der Teppichstange, und mit seiner Frau jeden Monat einmal zum Tanzvergnügen im Vereinshaus der „Freien Schwimmer“. Konsum-Genossenschafter. Auch Genossenschaftler im „Spar- und Bauverein“. Lernte die nach sozialdemokratischer Auffassung weltverbindende Kunstsprache Esperanto im „Arbeiterbildungsverein“. Und bekam jeden Monat eine Zeitschrift in Esperanto zugeschickt, die er mit Hilfe eines kleinen Wörterbuchs durchlas. Viele bunte Bilder zeigten den großen Vorsitzenden Mao, rote Fahnen und fröhliche Menschen. Mir gefielen diese Fotos und auch, dass die Kinder in China nicht mehr hungern mussten. So erklärte es mir mein Opa.

Also, er käme die Straße herunter. Den Gänselieselweg, ehemals dritter Seitenweg. Meine Straße gehörte nämlich zum „Märchenviertel“, deshalb kann ich sagen:
„Ich bin im Märchenland groß geworden“. Froschkönigweg, Königskinderweg, Elfenweg, Gänselieselweg, Rotkäppchenweg. Und weitere Straßen, die allerdings außerhalb des mir als Kind erlaubten Bereichs lagen und mir wohl deshalb nicht so in Erinnerung geblieben sind. Außer Rumpelstilzchenweg – da wohnte ein Junge aus meiner Klasse, der seltsamerweise keinen Vater hatte. Und Däumlingsweg, da war der Kaufmannsladen von Herrn Krause, zu dem ich fast täglich mit der Milchkanne geschickt wurde. Fünfzig Pfennig lagen darin, die mußte ich herausnehmen, bevor durch zweimaliges Hebeln an einem silberfarbenen Drücker Herr Krause einen Liter Milch einfüllte und mich mit:

„Sonst noch was, kleines Fräulein?“ verabschiedete. Ich habe gern Milch geholt, nur einmal gab es dabei eine mittlere Katastrophe, als mir ein älterer Junge das Milchgeld abgenommen hatte und ich weinend nach Haus kam. Meine Mutter, das frühere „Ingelein“, aber das werden Sie sich schon gedacht haben, hatte eine Ahnung, dass dieser Junge im Dornröschenweg wohnte, nahm mich bei der Hand und stapfte mit mir zu diesem Haus. Sie klingelte, die Mutter des Jungen öffnete, rief dann ihren Sohn, er wurde rot, gab es zu, kriegte eine Ohrfeige. Und Wonderwoman alias meine Mutter und ich kehrten siegreich nach Haus zurück.

Opa kommt also den Gänselieselweg herunter. Warum alle es immer so ausdrückten habe ich nie verstanden. Unsere Straße war kein bisschen abschüssig - das hätte ich beim Rollschuhlaufen gemerkt. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass am anderen Ende unserer Straße der Wietzegraben entlanglief. „Tintengraben“ genannt, weil er von der Pelikanfabrik unter dem Kanal hindurch bis irgendwohin führte, wo er angeblich in ein Flüsschen mündete. Vielleicht, weil ein Graben etwas Tiefes ist, ging man die Straße in Richtung Graben runter und nicht rauf. Der Tintengraben selber war nicht tief, aber er stank, eine braune Brühe. Und fror sogar im Winter nie zu. Sodass wir Kinder auch dann unsere Mutproben machen konnten.

„Kannst du an dieser Stelle rüberspringen?“ Manchmal schafften wir es auf die gegenüberliegende Böschung, manchmal stand ein Kind aber auch bis zu den Knien in der Stinkebrühe oder war ausgerutscht und richtig klitschnass geworden. Dann konnte es sich zu Haus auf was gefasst machen.
Sogar mein Opa kriegte einmal Ärger mit meiner Oma, als er hineingefallen war, an einem Weihnachtstag. Mein Vater, mein Opa und ich machten einen kleinen Spaziergang, während Oma und Mutter die Gans beträufelten. Plötzlich wurde am Tintengraben Opas Hut von einem Windstoß auf die andere Grabenseite geweht. Dort hing er in den Heckenrosen. Für meinen arbeiterturnvereingestählten Opa eigentlich kein Problem, dieser kleine Sprung hinüber. Aber: Schlamm, ausrutschen, hinfallen, Mantel dreckig, Hut gerettet.

„Wie soll ich deinen Mantel jetzt wieder sauberkriegen, den guten Mantel? Und was ziehst du jetzt Weihnachten an?“ Meine Oma nahm das persönlich. So war sie. Auch wenn ich mich erkältet hatte war das nur deshalb geschehen, weil ich nicht auf sie gehört hatte und keine Mütze aufgesetzt hatte. Diese Dinge hatten auf merkwürdige Weise alle mit ihr zu tun. Sonst beschränkte sich ihr erzieherisches Tun darauf, mir täglich eine nach Kakao schmeckende Kalktablette und im Winter zusätzlich ein Glas Rotbäckchen zu verabreichen. Dagegen hatte ich nichts.

Nun, wir hatten uns darauf geeinigt, dass Opa die Straße herunterkommt. Obwohl vom Bus in Richtung Tintengraben die Hausnummern ansteigen…aber gut, wir hatten das abgehakt. Auf der linken Straßenseite die ungeraden Hausnummern, auf der rechten Seite die geraden. Wir wohnten ziemlich weit hinten Richtung Tintengraben. Unsere Hausnummer verrate ich ihnen jetzt aber nicht, sonst fahren Sie da hin und gehen vielleicht den neuen Besitzern auf die Nerven. Sie würden bestimmt solche Fragen stellen wie:

„Warum haben Sie die Fensterläden denn am Haus drangelassen, wenn Sie doch alles andere umgebaut haben?“ Und das möchte ich nicht. Sie müssen mir schon glauben, wenn ich Ihnen erzähle, dass früher alle Häuser in der Siedlung sehr ähnlich aussahen. Erstmal schon, weil alle nach dem genau gleichen Modell gebaut waren – das sparte die Kosten für den Architekten. In jeder Straße dreißigmal das gleiche Haus. Und in allen Straßen, Däumlingsweg, Elfenweg - ach, Sie können das oben nachlesen, wenn es Sie interessiert, auch wieder die exakt gleichen Häuser. Gleiche Form, genau gleiche Stelle auf dem Grundstück, gleicher Abstand zum gleichen Zaun, gleicher seitlicher Anbau für den Eingang.

Unterschiedlich vielleicht der Farbanstrich der Bretter an der Verkleidung des Anbaus. Und die Obstbäume im Vorgarten, bei uns ein Walnussbaum, gegenüber helle Süßkirsche, dann Birne, bei Schröders dunkle Süßkirsche. Und die Familien in den Häusern waren unterschiedlich. Wir waren: Vater, Mutter, Kind, Oma und Opa. Hebrechts nebenan hatten nur eine Oma. Neumanns gegenüber hatten nach meiner Freundin Brigitte noch ein zweites Kind bekommen, was das Spielen im ohnehin schon winzigen Kinderzimmer unmöglich machte. Zanders Familie, weiter oben, bestand sogar aus einem Opa, einer Mutter, einem Vater, einem Kind aus erster Ehe und zwei Kindern aus zweiter Ehe – was sich für mich nach „zweiter Wahl“ anhörte. Oder solche Nachbarn wir Döhrings, wo nur noch die alten Leute im Haus lebten. Dafür hatten Döhrings aber Hühner. Ich weiß nicht, wie Sie zu Hühnern stehen und möchte Ihnen auch nicht zu nahe treten, aber ich mag das Hühnergeschrei nicht.

Wenn mein wiederauferstandener Opa jetzt also die Straße herunterkäme würde er alle diese Nachbarn nicht mehr begrüßen können und sehr unterschiedlich aus ihrer alten Siedlungshaus-Form geratene Behausungen sehen. Den wenigsten von ihnen hatte ihre Umgestaltung gutgetan. Anbauten, Ausbauten an Anbauten, diverse Spielarten hässlicher Außenverkleidungen. In den Vorgärten statt der Obstbäume Rasen oder immergrünes, dickblattiges Gesträuch. Zur Straßenseite hin überall veränderte Fassaden, größere Fenster und nirgendwo mehr die Gemütlichkeit ausstrahlenden, klappbaren Fensterläden mit Sprossen.

Nur an unserem Haus noch. Nachdem mein Opa, meine Oma, mein Vater und meine Mutter gestorben waren habe ich das Haus verkauft. Es gab einige Interessenten. Ich habe mich schließlich für ein Paar entschieden, das das Haus: „ unser Lieschen“ nannte und die Fensterläden an der Vorderseite unbedingt behalten wollte.

Wenn mein Opa heutzutage nun die Straße herunterkäme – Sie wissen ja jetzt Bescheid, mehr muss ich dazu wohl nicht sagen - dann würde er sein Haus sofort an den Fensterläden erkennen. Sonst hat es sich sehr verändert. Auch der Vorgarten ist nicht wiederzuerkennen. Aber schön. Heller Kies, geharkt. Und mitten drin ein großer, lächelnder Buddha –als ein Zeichen der weltverbindenden Kraft des Esperanto würde dies meinem Opa bestimmt gefallen.


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RainerK
Hobbydichter
Registriert: Mar 2015

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Hallo sajo,

dein Schreibstil in dieser Geschichte gefällt mir gut; witzig, wie du deinen Erzähler mit dem Leser reden lässt. Die allerletzte Ansage an den Leser "...– Sie wissen ja jetzt Bescheid, mehr muss ich dazu wohl nicht sagen -..." ist mir persönlich eine zuviel; aber es ist dein Text, wenn du es so stehenlässt, habe ich damit auch kein Problem .
Was mir noch auffiel: auf mich wirkt die Verbindung von Esperanto und Buddha im letzten Absatz etwas konstruiert; weiter oben bist du doch schon so schön in Asien (China, Mao), das ich viel mehr mit Buddha verbinde...
...ich würde die "Weltenbrücke" zur Buddhastatue irgendwo dorthin schlagen.

VG
RainerK
__________________
Es ist schon fast alles gesagt worden, nur noch nicht von Jedem.

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