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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Büchereibesuch
Eingestellt am 09. 11. 2004 09:37


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nofrank
???
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(Kurzkrimi #4)

Auftritt Herr Hirntod. Schwungvoll zieht er das schwere doppelschwingige Eingangsportal der Städtischen Bücherei auf und steht mit wehendem, langsam austrudelndem Trenchcoat in der Vorhalle. Hinter ihm pendelt das Portal schwerfällig schwappend aus. Der Weg geradeaus in die Lesesäle ist durch eine Glastür verschlossen, welche von einer Lichtschranke gesichert wird, deren moderne Schlichtheit nicht zu dem alten Gebäude passt. Rechts ist nur Wand, also links herum in den Eingangs- bez. Ausgangsbereich, mit dem Tresen für Anmeldung und Verbuchung. Forschen Schrittes bauscht sich der Mantel wieder auf, und im Gehen zieht Herr Hirntod den Hut, grüßt die Damen hinter dem Tresen knapp nickend und begibt sich schnurstracks zum Lageplan der Bücherei, um sich zu orientieren. Im Zweiten Stock wird er fündig und begibt sich direkt dorthin, nimmt energisch zwei Treppenstufen auf einmal und zieht sich zeitgleich mit starker Hand am Geländer hoch. Gäbe es einen Fahrstuhl, hätte er ihn trotzdem nicht benutzt; zu langsam, zu passiv für sein aufgewühltes Ich. So ist er schneller. Und ab um die Ecke, rein in den Lesesaal. Nervös fuchtelnd suchen seine Augen mit Zeigefingerunterstützung die Regalbeschreibungen durch, bis er sich durch die erste Alphabethälfte gekämpft hat und schließlich das Zielregal im Visier hat. Den Hut legt er achtlos auf einer historischen Abhandlung über den Westfälischen Frieden ab, seine Finger zucken hektisch über Buchrücken, als könne er sie tastend ebenso schnell sichten wie mit dem Blick. Aber er wird nicht fündig. Dort im Zielregal klafft eine Lücke. Das gesuchte Buch ist nicht an seinem Platz. Herr Hirntod flucht wortlos und seine Hände verspannen sich zu Fäusten, Knöchel treten sehnig hervor und zu lange Fingernägel graben sich in das weiche, furchige Fleisch der Handflächen. Er beginnt zu schnaufen und Hitze wellt durch seinen Körper, steigt in seinen Kopf und verfärbt das bärtige Gesicht tiefrot, mit einem erstickten Hauch von Violett. Seine Augen treten druckbedingt aus den Höhlen, und seine schwere Hornbrille rutscht auf dem glatten Nasenrücken ein merkliches Stück tiefer. Was nun? Herr Hirntod dreht sich melodramatisch um die eigene Achse und sucht den Raum nach Leben ab, findet aber auf den ersten Blick keins. Energisch schreitet er den Mittelgang hinunter und schmeißt mit seinen Blicken jedesmal auch seinen Oberkörper schwungvoll in die Regalgänge. Die Besucherstühle in den Regalreihen sind alle leer. Vielleicht ist er schon abgehauen! Wer? Wohin? Als verfolge er einen inflagranti ertappten Dieb trampelt Herr Hirntod auf den Flur. Aber der altehrwürdige Gang liegt verlassen und stumm da; kein Mensch, kein Geräusch, nicht einmal das Echo verhallender Schritte. Er hat keine Wahl. Mit der Getriebenheit des Zuspätkommenden hastet Herr Hirntod die Stufen hinab, torkelt durch die Flure bis er wieder vor dem Verbuchungstresen steht. Außer Atem und entsprechend verschnaufend steht er vor der Bibliotheksangestellten, die ihn mit großen, bebrillten, fragenden, verstörten, ungehaltenen Augen wortlos mustert. Wer so gucken kann, braucht keine Zunge. Der Stift in ihrer Hand klopft ungeduldig auf die Tischplatte, während Herr Hirntod zwar wieder zu Atem kommt, aber unfähig ist die Frage zu formulieren. Buch weg! Wo ist er? Wo, wo, wo? Ist das einzige was er zu denken in der Lage ist, aber er vermutet, dass dies für die Dame am Tresen keine hinreichende Information ist, sich zu einer möglicherweise kompetenten Antwort herabzulassen. Es bleibt also unausgesprochen. Ein hilfesuchender Blick torkelt durch seine Brillengläser zu denen der Bibliotheksangestellten, zu ihren Kolleginnen, durch den Raum zu den anderen Besuchern. Alle glotzen. Ihn an. Unverständnis und Widerwillen in allen Gesichtern. Er geht einfach, zu aufgeregt um beschämt zu sein, zu aufgewühlt um das Fehlen seines Hutes zu bemerken. Draußen vor der Tür bleibt er, inzwischen wieder ruhiger aber dennoch beunruhigt, zwischen den massiven dorischen Säulen stehen und versucht zu denken, logisch zu sein. Tatsächlich. Buch weg. Er hat es also wahr gemacht. Hat seine Drohung erfüllt und keine Zeit verstreichen lassen. Die Rettungsaktion kommt zu spät, das Buch ist weg. Wahrscheinlich unwiederbringlich verschwunden; und dieser impertinente Mensch wird damit auch noch durchkommen! Der Bücherklau, der selbsternannte Zensor, der Faschist, diese Ausgeburt des Bösen. Herr Hirntod ist fassungslos und erschöpft. Er lässt sich auf die nächste Bank fallen und sitzt einfach nur da. Wie lange weiß er nicht, aber sein Kopf wird ungewohnt kühl. Dann fallen die krakelenden Horden ein, wimmeln über den Kirchplatz laut grölend wie eine Horde Barbaren. Die Schule scheint aus zu sein. Einer der johlenden Pennäler wirft im Vorbeigehen eine Plastikflasche in den Mülleimer neben der Bank. Herr Hirntod schaut auf, traurig, müde, entrüstet über soviel Achtlosigkeit, und sein Blick streift die Flasche im Müll. Da ist doch jetzt Pfand drauf. Kinder! Haben einfach keinen Respekt. Geht denen viel zu gut. Und während er sich schon wieder in Sündenbock suchende Rage denkt, sieht er die bedruckten Papierfetzen im Müll und alles Denken setzt unbarmherzig aus. Alles setzt aus. Herr Hirntod stürzt sich auf den Mülleimer und fördert wühlend Schnipsel, Fetzen, Knüllblätter, Kokelreste und zerstochene Einbandteile zutage. Unrettbar zerstört hält er die Leichenteile dieses Meilensteins der Kulturgeschichte in der Hand. Der Einband geschändet, besudelt, zerrissen. Herr Hirntod ist zu betäubt, zu stumpf, fühlt sich zu leer, zu ausgelaugt um Wut zu fühlen und Rache zu schwören. Nur tiefe trostlose Trauer. Er selbst ist gestorben, zumindest partiell. In seinen Händen, in seinem Schoß die gefledderten Reste der „Illustrierten Geschichte des Steuerberatenden Berufes“.

nofrank

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flammarion
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hallo,

etwas gliederung täte diesem werk recht gut. so eine bleiwüste ist schwer verdaulich.
lg
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nofrank
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Re: hallo,

quote:
Ursprünglich veröffentlicht von flammarion
etwas gliederung täte diesem werk recht gut. so eine bleiwüste ist schwer verdaulich.
lg


hallo,

danke für die anregung und entschuldigung für die späte reaktion, aber mein lieblingscomputer hat mich gnadenlos hängen lassen und ich war mehrere tage mit diversen neuinstallationen beschäftigt.

anyway: eigentlich war es absicht, den text in einem rutsch zu lassen, da die szene ohne unterbrechung abläuft - atemlos und ohne pause - andererseits ist das naturlich auch leserunfreundlich und die handlung wahrscheinlich ob der kürze nicht spannend genug. vielleicht ist der 2. versuch ja besser lesbar. den namen habe ich bei der gelegenheit auch geändert, war doch zu platt.

nofrank

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nofrank
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Büchereibesuch

Auftritt Heinz Hagemann; Mittfünfziger, hochgewachsen, beleibt, hohe Stirn, glattrasiert, zerbeulter, schlecht sizender Anzug, hellgraues Hemd, gelbe Krawatte, Hutträger, leitender städtischer Angesteller, Statistische Abteilung des Meldeamtes.

Schwungvoll zieht er das schwere doppelschwingige Eingangsportal der Städtischen Bücherei auf und steht mit wehendem, langsam austrudelndem Trenchcoat in der Vorhalle. Hinter ihm pendelt das Portal schwerfällig schwappend aus. Der Weg geradeaus in die Lesesäle ist durch eine Glastür verschlossen, welche von einer Lichtschranke gesichert wird, deren moderne Schlichtheit nicht zu dem alten Gebäude passt. Rechts ist nur Wand, also links herum in den Eingangs- bez. Ausgangsbereich, mit dem Tresen für Anmeldung und Verbuchung. Forschen Schrittes bauscht sich der Mantel wieder auf, und im Gehen zieht Herr Hagemann den Hut, grüßt die Damen hinter dem Tresen knapp nickend und begibt sich schnurstracks zum Lageplan der Bücherei, um sich zu orientieren. Im Zweiten Stock wird er fündig und begibt sich direkt dorthin, nimmt energisch zwei Treppenstufen auf einmal und zieht sich zeitgleich mit starker Hand am Geländer hoch.

Gäbe es einen Fahrstuhl, hätte er ihn trotzdem nicht benutzt; zu langsam, zu passiv für sein aufgewühltes Ich. So ist er schneller. Und ab um die Ecke, rein in den Lesesaal. Nervös fuchtelnd suchen seine Augen mit Zeigefingerunterstützung die Regalbeschreibungen durch, bis er sich durch die erste Alphabethälfte gekämpft hat und schließlich das Zielregal im Visier hat. Den Hut legt er achtlos auf einer historischen Abhandlung über den Westfälischen Frieden ab, seine Finger zucken hektisch über Buchrücken, als könne er sie tastend ebenso schnell sichten wie mit dem Blick. Aber er wird nicht fündig. Dort im Zielregal klafft eine Lücke. Das gesuchte Buch ist nicht an seinem Platz. Heinz Hagemann flucht wortlos und seine Hände verspannen sich zu Fäusten, Knöchel treten sehnig hervor und zu lange Fingernägel graben sich in das weiche, furchige Fleisch der Handflächen. Er beginnt zu schnaufen und Hitze wellt durch seinen Körper, steigt in seinen Kopf und verfärbt das bärtige Gesicht tiefrot, mit einem erstickten Hauch von Violett. Seine Augen treten druckbedingt aus den Höhlen, und seine schwere Hornbrille rutscht auf dem glatten Nasenrücken ein merkliches Stück tiefer. Was nun? Heinz Hagemann dreht sich melodramatisch um die eigene Achse und sucht den Raum nach Leben ab, findet aber auf den ersten Blick keins. Energisch schreitet er den Mittelgang hinunter und schmeißt mit seinen Blicken jedesmal auch seinen Oberkörper schwungvoll in die Regalgänge. Die Besucherstühle in den Regalreihen sind alle leer.

Vielleicht ist er schon abgehauen! Wer? Wohin? Als verfolge er einen inflagranti ertappten Dieb trampelt Herr Hagemann auf den Flur. Aber der altehrwürdige Gang liegt verlassen und stumm da; kein Mensch, kein Geräusch, nicht einmal das Echo verhallender Schritte. Er hat keine Wahl. Mit der Getriebenheit des Zuspätkommenden hastet Herr Hagemann die Stufen hinab, torkelt durch die Flure bis er wieder vor dem Verbuchungstresen steht. Außer Atem und entsprechend verschnaufend steht er vor der Bibliotheksangestellten, die ihn mit großen, bebrillten, fragenden, verstörten, ungehaltenen Augen wortlos mustert. Wer so gucken kann, braucht keine Zunge. Der Stift in ihrer Hand klopft ungeduldig auf die Tischplatte, während Herr Hagemann zwar wieder zu Atem kommt, aber unfähig ist die Frage zu formulieren. Buch weg! Wo ist er? Wo, wo, wo? Ist das einzige was er zu denken in der Lage ist, aber er vermutet, dass dies für die Dame am Tresen keine hinreichende Information ist, sich zu einer möglicherweise kompetenten Antwort herabzulassen. Es bleibt also unausgesprochen. Ein hilfesuchender Blick torkelt durch seine Brillengläser zu denen der Bibliotheksangestellten, zu ihren Kolleginnen, durch den Raum zu den anderen Besuchern. Alle glotzen. Ihn an. Unverständnis und Widerwillen in allen Gesichtern. Er geht einfach, zu aufgeregt um beschämt zu sein, zu aufgewühlt um das Fehlen seines Hutes zu bemerken.

Draußen vor der Tür bleibt er, inzwischen wieder ruhiger aber dennoch beunruhigt, zwischen den massiven dorischen Säulen stehen und versucht zu denken, logisch zu sein. Tatsächlich. Buch weg. Er hat es also wahr gemacht. Hat seine Drohung erfüllt und keine Zeit verstreichen lassen. Die Rettungsaktion kommt zu spät, das Buch ist weg. Wahrscheinlich unwiederbringlich verschwunden; und dieser impertinente Mensch wird damit auch noch durchkommen! Der Bücherklau, der selbsternannte Zensor, der Faschist, diese Ausgeburt des Bösen. Heinz Hagemann ist fassungslos und erschöpft. Er lässt sich auf die nächste Bank fallen und sitzt einfach nur da. Wie lange weiß er nicht, aber sein Kopf wird ungewohnt kühl. Dann fallen die krakeelenden Horden ein, wimmeln über den Kirchplatz laut grölend wie eine Horde Barbaren. Die Schule scheint aus zu sein. Einer der johlenden Pennäler wirft im Vorbeigehen eine Plastikflasche in den Mülleimer neben der Bank. Herr Hagemann schaut auf, traurig, müde, entrüstet über soviel Achtlosigkeit, und sein Blick streift die Flasche im Müll. Da ist doch jetzt Pfand drauf. Kinder! Haben einfach keinen Respekt. Geht denen viel zu gut.

Und während er sich schon wieder in Sündenbock suchende Rage denkt, sieht er die bedruckten Papierfetzen im Müll und alles Denken setzt unbarmherzig aus. Alles setzt aus. Herr Hagemann stürzt sich auf den Mülleimer und fördert wühlend Schnipsel, Fetzen, Knüllblätter, Kokelreste und zerstochene Einbandteile zutage. Unrettbar zerstört hält er die Leichenteile dieses Meilensteins der Kulturgeschichte in der Hand. Der Einband geschändet, besudelt, zerrissen. Heinz Hagemann ist zu betäubt, zu stumpf, fühlt sich zu leer, zu ausgelaugt um Wut zu fühlen und Rache zu schwören. Nur tiefe trostlose Trauer. Er selbst ist gestorben, zumindest partiell. In seinen Händen, in seinem Schoß die gefledderten Reste der „Illustrierten Geschichte des Steuerberatenden Berufes“.


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