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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bufo bufo
Eingestellt am 26. 05. 2018 19:02


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Plejadus
???
Registriert: Jan 2018

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Irgendwo huscht ein Reh.
Es ist dunkel, und ich muss auf die andere Seite. Meine Stirnlampe - ein Chinaprodukt, gefĂŒllt mit 3 AAA-Batterien aus Bangladesch. Ich befunzele das Unterholz, dahinter steigt die Böschung auf bis zur Leitplanke, jenseits der Standstreifen, dann: drei Fahrspuren je Richtung - dazwischen ein schmaler GrĂŒnsteifen, auch umplankt – und noch eine Standspur. Leitplanke.
Keine ÜbergĂ€nge weit und breit, der Verkehr schießt hochfrequent dahin und mein Rucksack wiegt knapp elf Kilo, obwohl ich sogar die Waschanleitungsfahnen aus den Klamotten geschnitten habe.

Ich muss rĂŒber.

Am Fuße der Böschung verschluckt ein dunkler Fleck, der aussieht wie ein liegendes Ei, mein fernöstliches Lichtspiel.
Was mag das sein?
Ich taste mich durchs GestrĂŒpp dem Schatten zu und staune. Ein Tunnel. Ganz offensichtlich eine Röhre ans andere Ufer. Ein Plasikschild neben dem Loch gibt bekannt:

Gestiftet von den Kirchheimer Krötenfreunden e.V. zur Erleichterung der Wanderung von Bufo bufo zu seinen TeichgrĂŒnden.
Herzlichst
Kirchheimer Krötenfreunde


Mein GlĂŒck scheint hier darin zu bestehen, dass die Kirchheimer Krötenfreunde einen relativ großzĂŒgigen Lösungsweg gestiftet haben, vielleicht mussten hier Spendengelder regelrecht verbrannt werden, da deren Aufkommen die Projektkosten unangemessen ĂŒberstiegen? Schwalle von Wanderkröten vermochten hier bequem und nebeneinander in erstaunlich breiter Reihung die Autobahn zu unterqueren. Möglich auch, dass man seitens der Krötenfreunde in evolutionĂ€rer Weitsicht bereits umfĂ€nglichere Mutationen eingeplant hatte.
In robbendem Bewegungsmodus scheint mir der gebotene Durchmesser ausreichend zu sein, den Versuch zu wagen. Ich nehme mir den Rucksack von den Schultern und schiebe ihn voraus in die rundlich-ovale Öffnung, das liegende Ei. Der Plan: ihn jeweils ein StĂŒck nach vorn bugsieren und hinterher zu robben.
Ehe ich nachschlĂŒpfe, muss ich mich fĂŒr die Position meine Arme entscheiden. Voraus oder seitlich?
Meiner EinschÀtzung nach kann die einmal getroffene Entscheidung im Tunnel nicht mehr revidiert werden, mangels Spielraums.
Meine Wahl verwirft die Kopfstoß-Methode zum Vortrieb des Rucksacks, und so dringe ich gestreckter Arme voraus in das Bauwerk amphibiophiler Naturtiefbauer.
Da eine Winkelstellung der Beine nur in geringen Maße in Betracht kommt, erscheint die DurchfĂŒhrung klassischer Bundeswehr-Grundausbildungsfortbewegung wirklichkeitsfremd.
Ich erlange dennoch einen gewissen Vortrieb, der sich hauptsĂ€chlich auf seitlich wechselnde, insgesamt rhythmische, ruckende Bewegungen stĂŒtzt. Hinzu kommt das Schieben mit den FĂŒĂŸen sowie der Versuch, mich am Rucksack, sofern dieser (auch ob seines sonst gern gesehenen, abgespeckten Eigengewichtes) stabil und ortsfest in der Röhre klemmt, vornwĂ€rts zu ziehen, was meist scheitert, da dem Sack diese Zugrichtung fremd ist.

Ich lege eine Pause ein.

Eine Erkenntnis reift heran, wie in einem Ei, die Erkenntnis, dass aus verschiedenen, vermutlich vor allem physikalischen GrĂŒnden nicht daran zu denken ist, den Vorgang abzubrechen und umzukehren. Genauso wenig, wie die unterdessen eher Dunkelheit spendenden Energiespeicher aus Bangladesch auszutauschen, da sich die Ersatzbatterien auf der mir abgewandten Seite des Rucksacks befinden.
Eine halbe Stunde spĂ€ter. Ich wĂ€hne mich unter dem GrĂŒnstreifen. Es besteht eigentlich kein objektiver Grund, der diese Spekulation mit Sinn unterfĂŒtterte; es ist – ein GefĂŒhl, welches, wie ich mir vorstelle, meinem Wesen nach nah an der pessimistischen Seite des Vermutungsrahmens verortet ist.
Das Wenige, was gesichert scheint, ist, dass der Rucksack dem Ziel um einige Dezimeter nÀher ist, als die neurobiologische Illusion, die ihn bugsiert. Und jenes Bugsieren gerÀt mir nach jedem Male schwerer.
ZunÀchst schiebe ich diesen Umstand auf mÀhlich erlöschende KrÀfte, doch nun eine Bekanntgabe:


Die Stiftung Kirchheimer Krötenfreunde e.V. bedauert es, versĂ€umt zu haben, bekanntzugeben, dass die UnterfĂŒhrung fĂŒr unsere teichahnenden Freunde aufgrund der im Verlaufe nachlassenden Spendenbereitschaft sich dazu veranlasst sehen musste, den westlichen Teil des Durchlasses um einige unbedeutende Zentimeter geringer zu gestalten, wodurch sich in der Summe ein kaum messbarer, konischer Charakter der GesamtfĂŒhrung ergibt.
Herzlichst
Kirchheimer Krötenfreunde


Ich erreiche meinen Rucksack nicht mehr. Er ist ein StĂŒckchen weiter, sehen kann ich ihn nicht. Ich weiß aber, dass er da ist, samt Wasserflasche, Batterien, MobilfunkgerĂ€t, Nussfruchtmischung.
Seitliche Ruckbewegungen sind fast nur noch gedanklich möglich, es sind vielleicht noch Zuckungen, die allerdings keine Verlagerung mehr ermöglichen. Ebenso wenig das schiebende Pressen der Fußspitzen: Ich stecke fest. Wie ein Korken.
Es ist möglich, dass ich infolge von Dehydratation oder Muskel- und Fettabbau wieder ein wenig Spielraum dazugewinnen werde. Irgendwann. Aber es ist nicht wahrscheinlich, dass ich mich noch diesseits der Bewusstlosigkeit daran werde erfreuen können.
Vielleicht kommen Kröten...freunde. Sie werden mir aber nicht helfen, sondern mich hassen, da sie gezwungen sind, ihren Weg ĂŒber eine sechsspurige Autobahn zu nehmen. Wenige werden es auf den GrĂŒnstreifen schaffen.
Nur die Mutationen.
__________________
Und hier nun mögen Erwartungen erblĂŒhn, die zu erfĂŒllen mich heut die Lust nicht umfing.

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