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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Bukarest Rumble
Eingestellt am 07. 05. 2017 18:39


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HorstK
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Registriert: Mar 2017

Werke: 4
Kommentare: 18
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Seit er denken konnte, war Flavi ein Querkopf gewesen. Das fing schon mit seinem Namen an. Sein Rechtsanwalts-Vater, der auch privat alles Lateinische verehrte, die Sprache, Geschichte, römisches Recht, war auf Flavius gekommen. Doch er selbst hatte schon frĂŒh auf der AbkĂŒrzung Flavi bestanden, um unter Kölner Jungs nicht damit aufgezogen zu werden. Seine Weigerung zu studieren war in den 70-ern auch kein Mitschwimmen in der allgemeinen Protestwelle gewesen, sondern Ausdruck seiner persönlichen Aversion gegen jede Fremdsteuerung.
Flavi beschloss, sein GlĂŒck woanders zu suchen, wobei ihm selbst noch nicht klar war, worin es bestehen oder wo genau er danach suchen sollte. Ein „Nein“ zu allen geregelten Bahnen musste zunĂ€chst genĂŒgen. Dazu zĂ€hlte auch sein Drang, in die Welt hinaus zu ziehen, und zwar endgĂŒltig. Kurze Hippie-Spritztouren im VW-Bus durch Italien, wie Freunde sie veranstalteten, waren fĂŒr Flavi eine viel zu schwache Herausforderung. Er wollte BrĂŒcken hinter sich abbrechen, Deutschland fĂŒr immer verlassen.
Seine Helden waren Henry Miller, Dostojewskij, Harold Robbins und Rimbaud ... und diese explosive Mischung verlangte nach einem Ventil. Das kam in Gestalt von „Demian“ bei Hermann Hesse, der die Meinung vertrat, dass etwas, das man sich nur intensiv genug wĂŒnschte, unweigerlich eintreten mĂŒsste. Bei Flavi schlug jedenfalls das Schicksal in kurzer Folge gleich zwei Mal zu:
Ein Deutsch-Amerikaner, den er beim MilitĂ€r kennengelernt hatte, war bereit fĂŒr ihn zu bĂŒrgen, falls er in die USA auswandern wollte. Flavi war sogar schon in New York gewesen, um das Terrain zu sondieren und die ersten FormalitĂ€ten zu erledigen ... als ihm wenig spĂ€ter, in einem Bett in Afrika, die Leiterin seiner Reisegruppe ins Ohr flĂŒsterte: „Wie wĂ€re es, wenn du dich fĂŒr den gleichen Job bewerben wĂŒrdest? Wir wĂ€ren Kollegen ...“
So fiel der Startschuss einer wilden Zeit, in der Flavi fĂŒr ein Touristikunternehmen in zwei Dutzend LĂ€ndern arbeitete. Exotische Orte, Krisen und Katastrophen markierten seinen Weg, ebenso wie GlĂŒck und Rausch in einem reißenden Strom der Ereignisse.
Im Laufe dieser Jahre beobachtete er bei sich ein PhĂ€nomen, das ihm lange nicht aufgefallen war: Flavi hatte sich in vielen gefĂ€hrlichen Situationen befunden, doch nie war ihm wirklich etwas zugestoßen! In Rio, Kairo und Bombay und anderswo hatte nicht viel gefehlt, dass man ĂŒber ihn hergefallen wĂ€re. Mit und ohne Waffen hatte es wiederholt nach einem Clinch gerochen, doch nie war etwas passiert. Er hatte nie kĂ€mpfen mĂŒssen, nie PrĂŒgel einstecken oder austeilen mĂŒssen. Wieso?
Flavi war kein friedlicher Mensch, so gut kannte er sich inzwischen selbst. In heiklen Momenten war er nicht Ă€ngstlich, auch nie weggelaufen. Wenn er seine vielen Konflikte Revue passieren ließ, entdeckte er einen anderen, gemeinsamen Nenner: Von sich aus hatte er grundsĂ€tzlich keinen Streit gesucht, weder mit den TotschlĂ€gern im Central Park noch mit Bodyguards jamaikanischer Hoteliers, mit denen er es zu tun gehabt hatte. Doch wenn es zum Fight gekommen wĂ€re, hĂ€tte er sich nicht geduckt, sondern wĂ€re als Erster nach vorn gesprungen. Etwas in seinen Augen oder in seiner Körpersprache schien dies zu verraten ... und mögliche Gegner abzuschrecken. Flavi bluffte nicht, das spĂŒrte jeder. Und gerade deshalb kam es Jahrzehnte lang erst gar nicht zum Kampf. Flavi war nie scharf darauf, aber jederzeit dazu bereit.

Er ist jetzt Mitte fĂŒnfzig und hat graue SchlĂ€fen, nach seinem Ausstieg aus frĂŒheren Exzessen ist Flavi allgemein gut in Form. In Bukarest blickt er von seinem Zimmer im 15. Stock des Interconti hinunter auf den Kreisverkehr vor der UniversitĂ€t. Es ist ein milder Sommerabend, hinter dem Cismigiu-Park und der Oper geht gerade die Sonne unter. Flavi ist mit einer RumĂ€nin verheiratet, gemeinsam sind sie oft in Bukarest, genießen Kultur und Besuche bei Freunden und den Rhythmus der Millionenstadt, die beide lieben. Er spricht fließend RumĂ€nisch, fĂŒhlt sich eng verbunden mit diesem Land voller Kontraste.
Seine Frau ist mit einer Freundin schon vorgegangen zum AthenĂ€um, wo sie heute Abend ein besonderes Konzert besuchen werden: Radu Lupu am FlĂŒgel wird Rachmaninow und Tschaikowski spielen. Flavi rĂŒckt den Knoten seiner Krawatte zurecht, nimmt noch einen Schluck Wein und zieht seine Anzugjacke an.
Vor dem Hotel wollen Portiers im Frack sogleich ein Taxi rufen, doch Flavi winkt dankend ab. In der noch warmen DĂ€mmerung möchte er die wenigen, vertrauten Straßen zum AthenĂ€um zu Fuß gehen. Er nimmt den breiten Boulevard Magheru und wird Teil eines Flusses von Passanten, die sich zielstrebig bewegen und jeden Entgegenkommenden aufmerksam checken. Elegante junge Paare, Bettler, Arbeiter, Zigeuner, Uniformierte und alle Facetten normaler Typen auf ihrem Weg von hier nach dort. Flavi ĂŒberquert den sechsspurigen Boulevard und biegt in die Straße C. A. Rosetti ab, wo er mit einem Mal fast allein auf dem Gehweg ist. Das beunruhigt ihn nicht, er registriert es nur.
Ein Auto fĂ€hrt vorbei, gegenĂŒber steht ein rauchender Wachmann vor einem BĂŒrokomplex, irgendwo bellen zwei Köter um die Wette. Und schrĂ€g vor ihm bewegen sich ein paar Figuren aus dem Halbschatten. Flavi erkennt, dass sie kleine PlastiktĂŒten in ihren FĂ€usten haben: Straßenkinder, Klebstoff-SchnĂŒffler. Vermutlich schon high, auf jeden Fall unberechenbar. In seinem Anzug stellt Flavi fĂŒr sie das ideale Ziel dar, wie er sofort begreift. FĂŒr Beleidigungen, Bettelei, was auch immer. Doch er wechselt nicht die Straßenseite, versucht nur schnell zu erfassen, mit wie vielen er es zu tun hat.
Als er bis auf zehn Meter heran gekommen ist, sind alle versammelt. FĂŒnf Burschen, zwei grĂ¶ĂŸere und drei kleine, alle zerlumpt und alle mit diesen kirren verdrehten Augen tollwĂŒtiger Hunde. Wahrscheinlich Zigeuner, vielleicht auch nicht. Der GrĂ¶ĂŸte von ihnen baut sich vor Flavi auf: „Geben Sie mir eine Zigarette!“
Flavi raucht nicht, und selbst wenn, kĂ€me er jetzt nicht auf die verrĂŒckte Idee, Zigaretten oder sonst etwas aus den Taschen zu holen. „Nein, aus dem Weg!“
„Willst du, dass wir sie uns nehmen?“ ruft der andere große Junge von weiter hinten.
Flavi merkt, wie sich die Bande gruppiert, ihn versucht einzukreisen. Aber er bleibt auf Distanz, konzentriert sich ganz auf den AnfĂŒhrer. „Ich habe keine Zigaretten, auch kein Geld bei mir. Also aus dem Weg, oder ihr kriegt Probleme!“
„AuslĂ€nder! Das ist ein AuslĂ€nder!“ kreischt einer der Knirpse, der in Flavis RĂŒcken gehuscht ist.
Der AnfĂŒhrer kommt nĂ€her, wirft seine PlastiktĂŒte weg. „Du kriegst gleich Probleme, Fotze nochmal! Her mit Geld, sonst springen wir dich an und schlagen dich tot!“
Flavi sieht aus seinen Augenwinkeln, dass der Wachmann auf der anderen Straßenseite die Szene beobachtet, aber keine Anstalten macht, einzugreifen oder Hilfe zu rufen. „Zum letzten Mal: Aus dem Weg!“ Er geht direkt auf den Halbstarken zu, aber nicht nĂ€her als bis auf MesserlĂ€nge.
Der fuchtelt jetzt mit den Armen (kein Messer zu sehen!) und treibt seine Meute an: „Springt auf ihn, los!“
Doch wĂ€hrend sich der Kerl noch kurz nach seinen Spießgesellen umsieht, schießt Flavi schon vor und tritt ihm mit voller Wucht in die Rippen. Der Getroffene fliegt förmlich einen Meter zur Seite und landet schreiend auf dem Pflaster. „Macht ihn fertig! Na los, springt ihn an!“
Die Kleinen bleiben in sicherem Abstand, doch der andere Große pirscht sich an ihn heran. Flavi versetzt dem am Boden Liegenden noch einen harten, mit voller Kraft ausgefĂŒhrten Tritt in den Arsch, und dessen Schmerzensschrei ĂŒberbrĂŒllt er: „Wer will der NĂ€chste sein? Kommt her, ich breche euch alle Knochen!“ Ruckartig wendet er sich dem zweiten großen Jungen zu, der in seiner Bewegung erstarrt und langsam zurĂŒckweicht.
Genug, Flavi spĂŒrt, dass jetzt genug ist. Ruhig bleibt er auf seinem Fleck und lĂ€sst den AnfĂŒhrer, der sich keuchend die Rippen hĂ€lt, auf die Beine kommen. Alle schauen nur zu, keiner sagt ein Wort. Die drei Knirpse stecken wie auf Kommando ihre Nasen in die PlastiktĂŒten und nehmen ein paar ZĂŒge. Bis die großen Jungs sie schließlich antreiben, sich alle wieder in ihre Toreinfahrt zu verziehen.
Flavi wartet ab, bevor er weiter geht. Erst als die Bande wirklich abgezogen ist, setzt er seinen Weg fort und sieht sich um. Außer dem Wachmann gegenĂŒber hat anscheinend niemand etwas mitgekriegt. Er ĂŒberquert die Straße.
Der Mann in seiner improvisierten Uniform, ungefĂ€hr in Flavis Alter, tritt seine Zigarette aus. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Jetzt nicht mehr, Arschloch!“ Und ohne sich umzusehen nimmt Flavi die nĂ€chste Seitenstraße, die ihn direkt zum Park vor dem AthenĂ€um fĂŒhrt. Farbige Scheinwerfer beleuchten die ZierstrĂ€ucher zu beiden Seiten, wĂ€hrend die SĂ€ulenfront in weißem Licht erstrahlt. Auf den Stufen erkennt Flavi seine Frau mit ihrer Freundin. Beide tragen lange Kleider, darĂŒber eine Stola, und winken ihm freudig zu, als sie ihn sehen.
Flavi winkt zurĂŒck und setzt noch einmal kurz einen Fuß auf eine Parkbank, um sich den Schuh zu binden. Ein Senkel muss sich beim Tritt gelöst haben. Dabei horcht er einen Moment lang in sich hinein, sieht in den schwarzen Kies unter der Parkbank. Sein Puls geht erstaunlich ruhig, er schwitzt nicht, atmet entspannt. Dann fĂŒhlt er die Taschen ab. Tickets, Handy, Bargeld und Kreditkarten, alles an seinem Platz. Bevor er sich aufrichtet, klopft er noch einmal imaginĂ€ren Staub von seinen Hosenbeinen.
Arm in Arm mit seinen Damen betritt er kurz darauf das imposante Rund des Konzertsaals mit roten PlĂŒschsesseln, Fresken und der Vorfreude auf einen unvergesslichen Abend.

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