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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Burn out
Eingestellt am 14. 10. 2009 17:10


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heini
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2009

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Die WohnungstĂŒr fiel ins Schloss. Wie jeden Tag fĂŒhrte ihr erster Weg ins Badezimmer. Ihre HĂ€nde zitterten, als sie die Tabletten aus der Verpackung drĂŒckte. Drei, vier. Sie zĂ€hlte sie nicht, so als ob ihr Körper wĂŒsste, wie viele sie braucht, um sich zu befreien. Sie fĂŒhlte den Widerstand, als die Tabletten die Kehle passierten. Noch einen Schluck.
Langsam ging sie ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. Sie schloss die Augen und hoffte, die Bilder und Gedanken wĂŒrden verschwinden und mit ihnen die Welt, aus der sie jeden Tag flĂŒchtete. Wieder ein Tag geschafft. War das nicht etwas, das man in seinem Leben abhaken konnte? Sie wusste, in einer Stunde wĂŒrde sie wieder funktionieren. Musste sie funktionieren. Das Abendessen fĂŒr die Kinder, die aus der Schule nach Hause kommen, spĂ€ter vielleicht ein LĂ€cheln oder ein Wort fĂŒr den Mann, der sich erschöpft von der Arbeit vor den Fernsehapparat setzen wird. Alles wĂŒrde wie jeden Tag sein. Keine Frage danach, ob ihre Beine noch lange mitmachen, das schmerzende Knie, das sie untersuchen lassen sollte. Nach den Tabletten tat das Knie auch nicht mehr so weh vom Stehen hinter der Theke in der Wurstabteilung. Sie solle freundlicher sein, hatte heute der GeschĂ€ftsfĂŒhrer gesagt. LĂ€chelndes Nachfragen fördere den Umsatz und dadurch indirekt ihren Lohn. Er habe beobachtet, dass sie mehrmals darauf vergessen habe. Sie solle sich einen Zettel an die Waage kleben, damit sie nicht darauf vergesse. Es gĂ€be genug Frauen, die froh wĂ€ren, ihren Job zu haben. Hatte er nicht „jĂŒngere Frauen“ gesagt?
Die Unruhe verschwand aus dem Schmerz. Er wurde dumpfer und regelmĂ€ĂŸiger. Damit man sich an ihn gewöhnen kann. NĂ€chste Woche wĂŒrde sie zum Arzt gehen. Heimlich in der Mittagspause. Wer zum Arzt geht, muss krank sein. Und wer krank ist, funktioniert nicht richtig, hatte ihr Arbeitskollege gesagt, der an der Frischfleischtheke arbeitete. Er hatte sie einmal im Lager von hinten gegen ein Regal gedrĂ€ngt. Zum GlĂŒck kam die BackwarenverkĂ€uferin, um nach der Menge an GebĂ€ck fĂŒr die Wurstsemmeln zu fragen. Am nĂ€chsten Tag hatte er wie unabsichtlich das sorgfĂ€ltig vorbereitete Tablett mit Aufschnitt vom Tisch gestoßen, sodass sie alles neu schneiden und arrangieren musste. Sie hatte vergeblich versucht, die Schicht mit ihrer Kollegin zu tauschen, mit der sie sich an der Wursttheke abwechselte.
Sie sollte das Radio aufdrehen, dachte sie, denn in der Stille, die ihr in der ersten Viertelstunde zu Hause so erlösend erschienen war, begann sie ihr Atmen zu hören und ihren Pulsschlag zu fĂŒhlen. Die Tabletten wirkten. Sie bliebt liegen, denn jede VerĂ€nderung brĂ€chte eine Ungewissheit, stellte neue Fragen.
Zum Betriebsrat zu gehen war nicht erwĂŒnscht. Das Arbeitsklima sei mustergĂŒltig, hatte der Betriebsrat bei der letzten Versammlung gesagt. Er habe fĂŒr die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen immer ein offenes Ohr. Er sei mit dem GeschĂ€ftsfĂŒhrer befreundet. Als Zeichen des guten Betriebsklimas, wie er es nannte. Weil er mehr fĂŒr sie alle erreichen könnte. Die Arbeitsbedingungen seien daher ideal. Bei uns gibt es kein 
 Was war das fĂŒr ein Wort, das er gebrauchte?
Wie viele Jahre noch? Solange die Kinder in die Schule gehen und uns auf der Tasche liegen, brauchen wir das Geld, hatte ihr Mann entschieden. Sie war schon frĂŒh nach der Geburt des zweiten Sohnes arbeiten gegangen, obwohl sie in Karenz hĂ€tte bleiben können. Sonst mĂŒssen wir eben den Urlaub streichen, und du weißt, wie sehr sich die Kinder jedes Jahr darauf freuen.
Die KĂ€lte, die aus dem KĂŒhlregal jeden Tag um ihre Beine floss, spĂŒrte sie schon lange nicht mehr. Vielleicht dĂ€mpfte die KĂ€lte den Schmerz im Knie. Oder war sie neben dem stundenlangen Stehen dafĂŒr mit verantwortlich? Die Hygienehandschuhe aus Plastik ließen ihre Finger immer hĂ€ufiger anschwellen und sie versuchte, diese so oft wie möglich auszuziehen. Aber sie fĂŒrchtete den Blick des Leiters der Lebensmittelabteilung, der sie mit seiner Kopfhaltung allein zu fragen schien, ob sie nicht etwas vergessen hĂ€tte. Jetzt auf der Couch fĂŒhlten sich ihre HĂ€nde noch immer kalt an, auch wenn das Rot der Schwellung allmĂ€hlich verschwand. In der letzten Nacht war sie aufgewacht, als sie auf ihrem rechten Arm gelegen war, und der sich kalt und fremd anfĂŒhlte. Es war ein seltsames GefĂŒhl, den eigenen Arm zu berĂŒhren wie den eines Anderen. Sie fĂŒhlte die BerĂŒhrung nur in den Fingerspitzen, die den Ellbogen der tauben Hand umfassten. Das war in der letzten Zeit schon einige Male passiert. Das kann schon vorkommen, hatte ihr Mann gesagt. Musst dich halt richtig hinlegen. Mit der linken massierte sie den Arm, bis sie ihn wieder spĂŒrte. Sie war dabei leise, um ihren Mann nicht zu stören, der am nĂ€chsten Morgen frĂŒh aufstehen musste. Sie wĂŒrde sich vor dem Schlafengehen mit einer Massagecreme einreiben, um die Durchblutung zu fördern. In ihrem Alter wĂ€re das nichts Ungewöhnliches, hatte der Apotheker gesagt. Durchaus nichts Ungewöhnliches.
Morgen gehe ich zum Arzt, dachte sie, und wusste gleichzeitig, dass sie doch wieder einen guten Grund finden wĂŒrde, es nicht zu tun. Sie war zu mĂŒde geworden, um neben ihrer Arbeit fĂŒr die Familie auch noch dafĂŒr Zeit zu investieren. Sie funktioniert doch. Dank der Tabletten. Und der Kinder. Bei diesem Gedanken lĂ€chelte sie. Die Kinder. Der Kleinere hatte heute eine Schularbeit gehabt, fĂŒr die sie mit ihm gelernt hatte. Der Ältere machte ihr mehr Sorgen, denn er war in einem Alter, in dem alles andere als die Schule wichtig war. Sie versuchte sich an diesen Zeitabschnitt in ihrem Leben zu erinnern. Als sie eine Lehre beginnen wollte. Sie wollte Golfschmiedin werden. Der Lehrer hatte ihr wegen der zeichnerischen Begabung dazu geraten. Aber die Fachschule war zu weit weg gewesen, und ihre Eltern konnten neben dem Geld fĂŒr das Studium ihres Bruders nicht auch noch fĂŒr das notwendige Internat aufkommen. Sie hatte - wie die meisten MĂ€dchen ihrer Klasse - als Hilfsarbeiterin in der nahen Fabrik begonnen und dort ihren Mann kennengelernt. Sie hatten frĂŒh geheiratet, denn das Kind war unterwegs. In der Kleinstadt, in der sie lebten, musste alles seine Ordnung haben.
Sie wĂ€re beinahe eingeschlafen bei diesen vertrauten Erinnerungen, die sie jeden Tag nach dem Nachhausekommen einholten. Ihr kleines Leben – ihr Bruder, der in der Hauptstadt lebte, hatte bei ihrem letzten Geburtstag gesagt, dass er sie um dieses „kleine Leben“ beneide - tanzte episodenhaft an ihr vorbei. Sie hatte es doch gut. Es gab andere, denen es doch viel schlechter ging. Sie konnten jedes Jahr auf Urlaub fahren und auch der Schikurs fĂŒr die Kinder ging sich aus. Ich muss noch das Wohnzimmer aufrĂ€umen, schoss es ihr durch den Kopf, als sie die leere Chip-Packung neben sich auf dem Tisch liegen sah. Sie wollte sich aufrichten. Du bist doch ohnehin schon zwei Stunden vor mir zu Hause, hatte ihr Mann einmal gesagt. Was tust du denn die ganze Zeit? Das bisschen Putzen. Die Erinnerung an seine Worte drĂŒckten sie auf die Couch zurĂŒck. Auf einmal waren alle Gedanken weg. Ihr Gehirn arbeitete zwar auf Hochtouren, aber sie konnte keinen der herumschwirrenden Gedanken fassen. Der Strom der Bilder, Worte, Erinnerungsfetzen und GefĂŒhle riss sie mit sich und schien sie weiter und hinunter zu ziehen. Sie kĂ€mpfte nicht dagegen an.
Auf einmal Stille in ihr. Was wĂ€re, wenn alles vorbei wĂ€re? Wenn sie weit fortgehen könnte. Noch einmal das Leben von vorne anfangen. Ihr Leben. Ein klein wenig grĂ¶ĂŸeres vielleicht. Wenigstens einige ihrer TrĂ€ume verwirklichen. Die Lehre. Die Reise nach 

Es klingelte. Das werden die Kinder sein.
__________________
heini

Version vom 14. 10. 2009 17:10
Version vom 28. 10. 2009 09:58
Version vom 01. 11. 2009 18:56

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

jaja, @heini, so isses in der welt der großsortimenter - jedenfalls dann, wenn man rĂŒhrung im leser erzeugen will und dabei bequemer weise auf den altbekannten klischee-knöpferln herumdrĂŒckt.

willkommen in der leselupe! ich bin zwar kein hai, sondern nur ein walfisch, gleichwohl aber einer von denen, die sich mit den texten anderer kritisch auseinandersetzen und dabei nicht immer nur freunde gewinnen.

dein trockener stil gefÀllt mir gut, deine feinen austrizismen, die du nicht verbergen kannst, auch.

nicht so sehr prickelnd find ich, wie schon gesagt, die klischees, die hier wieder mal zusammengerĂŒhrt wurden, um wirkung beim leser zu erzeugen. das setzt dich ein wenig herab - könnte man betroffenheit nicht auch anders herstellen als nur immer mit labelleetlabĂȘte-nummern? hinzu kommt, dass die meisten von uns doch in ebendiesen geschĂ€ften unterwegs sind und ziemlich genau wissen, was fĂŒr ein furchtbarer fehler es wĂ€re, wenn ein leitender angestellter eine verheiratete frau an die titten fasste - im grunde genommen kann der sich schon mal seinen sarg bestellen, heutzutage, ob er sich mit dem geschĂ€ftsfĂŒhrer duzt oder nicht. wer die modernen spielregeln kennt, gewinnt deiner geschichte nicht allzuviel rĂŒhrung ab - sie ist ein bisschen zu dick angemacht.

ich glaub nicht, dass man unbedingt ein geschwollenes knie braucht und einen geilen metzgermeister im rĂŒcken, um das dasein einer wurstverkĂ€uferin als trostlos zu empfinden und darzustellen. ich bin sicher, du könntest bei deinen sprachlichen fĂ€higkeiten auch ohne diese krĂŒcken unterwegs sein.

nichts fĂŒr ungut und liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin


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heini
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2009

Werke: 1
Kommentare: 29
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Klischees

Das mit den Klischees war mir beim Schreiben und auch bei der Überarbeitung bewusst, aber Mobbing und Isolation am Arbeitsplatz sind leider RealitĂ€t und zentrale Ursachen von Burn out. Dass ich "RĂŒhrung" in der Leserin, im Leser erzeugen will ist IMHO durchaus eine Intention meines Schreibens. Ich will den Leser anrĂŒhren und nicht kalt lassen. Ich gebrauche dass "Gewöhnliche" und "AlltĂ€gliche" um persönliche Betroffenheit auszulösen - wenngleich ich wesentlich weniger spekulativ schreibe als spontan.
Das Ausgebranntsein meiner Protagonistin kommt ja nicht allein aus der beruflichen Ecke, sondern auch aus dem familialen Umfeld und letztlich aus der Erkenntnis, nicht das Leben fĂŒhren zu können, das sie sich ertrĂ€umt hat.
Da ich den Text ohnehin um etwa ein Drittel kĂŒrzen muss, werde ich deine RatschlĂ€ge beherzigen und vermutlich den Fleischer in den Fleischwolf der Korrektur stecken.
heini
__________________
heini

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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auch von mir ein herzliches willkommen
in der ll
lieber heini!
die geschichte ist handwerklich gut gemacht.
Das thema zeitlos aktuell.
insofern gibst von meiner Seite nichts zu meckern.

Ein zwei dinge:

Ich fÀnde es spannnender, wenn du mit direkter
rede abeiten wĂŒrdest.
Die Situationen mit dem aufdringlichen Kollegen
hÀtten mehr Wucht,
und zögen den leser mehr in die geschichte.
also mein vorschlag:
Lass die Frau hinter der theke stehen, lass sie jezt
fĂŒhlen denken und handeln.
So ist es halt ein wenig fatalistisch.
(was du sicher beabsichtigt hattest)
lg
ralf
__________________
RL

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

gut so, @heini!

dennoch rate ich dir zu eigenem, statt zur billigen auslegware. ĂŒber die stolpert man doch allĂŒberall, und ein trumm ist so langweilig wie das andere. aber auch bei rĂŒhrstĂŒcken sollte die logik aufrechterhalten bleiben, sonst fließt die zĂ€hre nicht wirkich - einer verheirateten mutter langt man nun mal nicht ungestraft unter den rock. das ist heutzutage sĂŒnd-, sĂŒndteuer: der prozess und das schmerzensgeld gehen in die zigtausende und der metzgermeister in den hefen, wie ihr so schön sagt.

ich fĂ€nde das ganz genau hinsehen viel spannender. wegen sechs lumpiger maultaschen wurde eine angestellte antlassen und behielt vor dem arbeitsgericht unrecht? skandal!! armes hascherl!! wie? es gab eine hausinterne regelung, die ihr den legalen, verbilligten erwerb ermöglicht hĂ€tte, aber sie hat's trotzdem geklaut? ach so. ein anderer fall: wegen zwei fĂŒr sich selbst eingelöster pfandbons dritter rausgeschmissen worden und trotz prozess nicht wieder reingekommen? hieß sie nicht "emmely" und wurde von der gewerkschaft auf den schild gehoben? noch grĂ¶ĂŸerer skandal, noch Ă€rmeres hascherl!! was? die hat auf vorhalt beharrlich gelogen und den verdacht auf eine andere kollegin zu lenken versucht? ja dann...

lieber @ralf, das immergleiche sortiment wĂŒrste, das einer einzelhandelsverkĂ€uferin lebenslĂ€nglich vor der nase herumhĂ€ngt, lĂ€sst sich nur durch fatalismus ertragen, welch letzterer nach meinung des walfisches nicht unbedingt die allerschlechteste filosofie ist, der man anhĂ€ngen kann...

...*bubbles*...

bluefin

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heini
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2009

Werke: 1
Kommentare: 29
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Ich finde es von Berufs wegen interessant, dass gerade diese Episode der Geschichte -15 Zeilen von 120 im Text in meinem Umbruch - so zur Kritik herausfordern. Ist ja ein heikles Thema und kaum objektiv zu diskutieren.
@ Ralf Langer: Ich hatte ursprĂŒnglich mehrmals direkte Rede im Text, hab den aber aus der Stimmigkeit des inneren Monologs heraus, was es trotz meiner ErzĂ€hlperspektive ist, wieder gestrichen. Diese dadurch erreichte Distanz kann wohl mehr berĂŒhren als ein "echter" innerer Monolog.
Wie gesagt, ich werde die Geschichte demnĂ€chst kĂŒrzen und diese Episode wohl streichen.
__________________
heini

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