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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Burn the bridges (Quemar las naves), Film von Francisco Franco
Eingestellt am 02. 09. 2011 09:34


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Warum ist es schwierig, über diesen mexikanischen Film von 2007 zu schreiben? Vielleicht weil seine Kraft und seine Schönheit mehr in den Bildern als in der Handlung liegen. Auf jeden Fall ist es das beeindruckende Werk eines zeitgenössischen poetischen Realismus. Das hat unter anderem mit dem Schauplatz und Drehort, der Provinzstadt Zacatecas, zu tun. Sie ist in einem spät- und postkolonialen Barockstil erbaut, der sie für kunstinteressierte Touristen seit langem anziehend macht. Wie das Leben im Film dort dahinfließt, es hat noch etwas von Südeuropa um 1950. Das wohlhabende Bürgertum schickt seine Kinder auf eine katholische Privatschule, in der die Zeit angehalten zu sein scheint – es scheint nur so, denn wenn einer der Schüler aus reichem Haus jeden Tag von Leibwächtern begleitet wird, sind wir wieder im Mexiko von heute, mit seiner Drogen- und Gewaltkriminalität.

In Zacatecas lebt noch in ihrem großen alten Stadthaus eine frühere Diva (Claudette Maillé). Sie ist todkrank und wird von ihrer Tochter Helena (Irene Azuela) gepflegt. Helena ist alles zugleich: verantwortungsbewusst, energisch, leicht hysterisch – und sehr attraktiv. Sie lernt Englisch und träumt davon, ganz fortzugehen, nach Kanada oder in eine andere Weltecke mit richtigem Winter. Helenas Zwillingsbruder Sebastián (Ángel Onésimo Nevares) besucht die schon erwähnte Klosterschule. Er ist noch unselbständig, von der Fürsorge der Schwester abhängig. Er malt und freundet sich in der Schule ausgerechnet mit dem Außenseiter Juan (Bernardo Benítez) an, dem Sohn eines Gastwirts und einer früh verstorbenen Mutter, von der es an der Schule heißt, sie sei eine Prostituierte gewesen.

Das ist die weitere Handlung: Die Diva stirbt. Sebastián macht seine ersten sexuellen Erfahrungen mit Juan, der nach einer Messerattacke aus der Stadt flüchtet. Sebastián will mit ihm fortgehen, es fehlt ihm jedoch im entscheidenden Moment die Kraft dazu. Die Geschwister wollen den Haushalt weiterführen und nehmen eine Mitbewohnerin auf. Helena kann die Homosexualität des Bruders nur schwer akzeptieren. Es kommt zum Streit, der Bruder kommt nur noch selten heim. Das Haus verfällt. Helena sieht ein, dass ein Schlussstrich gezogen werden muss. Sie wird das Haus verkaufen und schickt den Bruder hinaus in die Welt, sie entlässt ihn in die Selbständigkeit.

Wie bereits gesagt: Der Reiz des Filmes geht primär von der suggestiven Kraft der Bilder, der Einzelszenen aus. Wenn Juan und Sebastián verbotenerweise die Klosterkirche durchstreifen, dann aufs Dach flüchten und Juan den Schulkameraden in die Tiefe stößt … Wenn die beiden auf einem Berg hoch über der Stadt für sich sind und Juan dem Freund das ferne Meer suggeriert … Dann die wahrhaft volkstümliche Atmosphäre im Café von Juans Vater, oder wenn Sebastián das Meer malt … Oder die Nonne, die sich als Lehrerin in den jungen Hausmeister verliebt und schließlich ein neues Leben mit ihm beginnt …

Der Originaltitel des Filmes lautet: „Quemar las naves“, also: die Schiffe verbrennen. Darum geht es hinter den Bildern: mit der überlebten Vergangenheit brechen, sich auf abenteuerlich Neues einlassen. Den Film ansehen, heißt auch: Entwicklungssprünge zu verfolgen. Ein wichtiges Kunstmittel ist die Filmmusik – mal zeitgenössisch, mal von Tschaikowsky -, die auf zart ironische Weise eingesetzt wird, um das Suggestive der Bilder, der Einzelsequenzen zu unterstreichen.

Der Film bewerkstelligt etwas Ungewöhnliches: Er stellt das schlechthin Unbeschreibliche von natürlichen Abläufen ins Zentrum eines seiner Mittel sehr bewussten, sehr sicheren Kunstfilms.

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