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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Burnt Money (Plata Quemada), Film von Marcelo Pineyro
Eingestellt am 12. 12. 2010 17:45


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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FĂŒr mich ist dieses argentinische Zweistundenepos aus dem Jahr 2000 eines der eindrucksvollsten Werke jĂŒngerer Filmproduktion. Zugrunde liegt ihm der Roman „Plata Quemada“ von Ricardo Piglia (1997). Buch wie Film wandeln auf den Pfaden spektakulĂ€rer Gewaltverbrechen, die 1965 Buenos Aires und Montevideo erschĂŒtterten. Damals planten HintermĂ€nner einen RaubĂŒberfall auf einen großen Geldtransport und engagierten dafĂŒr vier erprobte RĂ€uber und Mörder.

Im Film heißen Malito, Mereles, Brignone und Dorda jetzt Fontana (Ricardo Bartis), Cuervo (Pablo Echarri), Nene (Leonardo Sbaraglia) und Angel (Eduardo Noriega). Fontana ist das Gehirn und lĂ€sst die drei blutjungen MĂ€nner den Transporter ĂŒberfallen. Cuervo, ihr Fahrer, ist vital-aggressiv, amoralisch und von Beruhigungsmitteln abhĂ€ngig. Im Kontrast zu diesem Womanizer sind Nene und Angel ein schwules Paar, genannt „die Zwillinge“. Hier ist Nene der wendig-sensible Kopf und Angel sein schweigsamer, aberglĂ€ubischer und psychisch gestörter Bruder. Angel hört seit langem permanent Stimmen. Die beiden konsumieren Kokain und Amphetamine.

Der Überfall gelingt, doch unter den WachmĂ€nnern und Polizisten gibt es mehrere Tote. Der Verfolgungsdruck lĂ€sst das TĂ€terquartett mit der Millionenbeute ĂŒber den La Plata nach Uruguay flĂŒchten. Die Polizei wie die um ihren Anteil geprellten HintermĂ€nner versuchen ihr Versteck aufzuspĂŒren. Abrupter Wechsel der Tempi charakterisiert den Rhythmus des Films, Szenen kontemplativer Isolation, oft mit Todesfurcht, wechseln mit anderen, in denen die Lebenslust der jungen MĂ€nner durchbricht. Sie ahnen, dass sie schon in der Falle sitzen und unternehmen AusflĂŒge in die Welt draußen, so lange es noch möglich ist. Die SchauplĂ€tze sind dann: ein VergnĂŒgungspark, ein Badestrand, wo Twist getanzt wird, ein Sexkino, ein Kirchenschiff. Die Zwillinge lernen Englisch, sie wollen nach New York.

Die Beziehungen der Gangster untereinander wandeln sich. Der Hetero Cuervo entwickelt solidarische GefĂŒhle, wird zum Kumpel. Angel, besessen von der Vorstellung, Sperma sei heilig, hĂ€lt sich von Nene fern – und der freundet sich mit einer Prostituierten an. Der Film wird zu einem Exkurs ĂŒber BisexualitĂ€t. Giselle (Leticia Bretrice) identifiziert Nene bald als Schwulen und will ihn dennoch an sich binden. Vergeblich versucht sie, sich fĂŒr ihn in einen Ersatz-Mann zu verwandeln. Nenes Einstellung und Handlungen nehmen schizoide ZĂŒge an. Untrennbar mit Angel verbunden, strebt er zugleich ĂŒber dieses Schicksal hinaus.

Fontana trennt sich von den Übrigen. Das Trio fĂ€llt in Montevideo der Polizei auf, als es an einem gestohlenen Wagen die Nummernschilder austauscht. Beim Schusswechsel gibt es die nĂ€chsten Opfer. Die Argentinier flĂŒchten mit großen Mengen an Waffen und Drogen in Giselles Wohnung. Die junge Frau will mit Nene allein nach Brasilien entkommen. Nene entscheidet sich fĂŒr Angel und den Untergang. Von Giselle informiert, umstellen bald die ersten Hundertschaften das Haus. Die Wohnung ist eine schwer einnehmbare Festung, TrĂ€nengas bleibt ohne Wirkung. Der Kampf wird ĂŒber viele Stunden im Fernsehen live ĂŒbertragen. Die toten Polizisten werden noch nicht gezĂ€hlt, die Mörder im Drogenrausch triumphieren zunĂ€chst.

Dann werden WĂ€nde und Decken aufgestemmt, Brandbomben geworfen. Cuervo fĂ€llt als Erster. Nene und Angel verbrennen alle geraubten Banknoten. Geld war das Einzige, das sie mit der Gesellschaft verbunden hatte. Angesichts des Todes ist es nur noch „MĂŒll“. Hier wird der Subtext des Werkes deutlich, die filmische Umsetzung von Wertezerfall. Das hat viele Aspekte. KriminalitĂ€t und Staatsgewalt vermischen sich. Verwaltungsbeamte und Polizisten sind korrupt, Foltern ist selbstverstĂ€ndlich. Unter den Kriminellen sind viele Peronisten. Ihr emanzipatorischer Anspruch ist jedoch lĂ€ngst zu bluttriefender Selbstbereicherung verkommen. Die Raubmörder und die Gesellschaft, sie sind einander wert. In Piglias Roman erreicht gerade infolge der Geldverbrennung die Wut unter Polizisten und Gaffern ihren höchsten Grad. Die, die das Geld vernichten, das alle Werte ersetzt hat, sind fĂŒr sie „Nihilisten“. Vorher galten sie eine Zeitlang als terroristische Untergrundarmee. DarĂŒber haben die TĂ€ter gelacht. Geschmeichelt hat ihnen, was eine Zeitung in fetten Lettern druckte: CHAOS – ZERSTÖRUNG - TOD.

Es lohnt sich, diesen Motivstrang noch etwas zu verfolgen. Bei Angel sind RestbestĂ€nde von religiösen Überzeugungen mit Aberglauben eine krude Verbindung eingegangen. Nene, aus gut bĂŒrgerlichem Haus, gebildet, projiziert seinen Selbsthass auf einen Fremden, der sich ihm in einer BedĂŒrfnisanstalt nĂ€hert. Er schmĂ€ht und verwĂŒnscht ihn, versetzt ihn in Todesfurcht, kreuzigt ihn so symbolisch, um ihn dann kniend oral zu befriedigen. Passend zu dieser Profanation der Passion Christi werden Angel bei einem Kirchenbesuch und ein großes Kruzifix eingeblendet.

Das Filmende wird zum melodramatischen Stakkato, in dem noch weitere Inhalte abendlĂ€ndischer Hochkultur in Rauch aufgehen. Das Paar wird wieder eines, glĂŒcklich vereint wie nie. Nene wird angeschossen und liegt im Sterben. Angel hĂ€lt ihn, er, der bisher Sprachlose, hört keine Stimmen mehr, sagt ein Ave Maria auf und wird zum hymnischen Tröster, verhilft zu einem guten Tod, es ist ein Liebesfeuertod Ă  la Tristan und Isolde. Als die Staatsgewalt den Mauerdurchbruch geschafft hat, findet sie eine sonderbare PietĂ  vor. Oder Achill ĂŒber der Leiche des Patroklos, ein Bild absoluter Verzweiflung. Nur dass hier Troja bereits in TrĂŒmmern liegt.



Version vom 12. 12. 2010 17:45

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